Taktwechsel
Warum das Dirigieren keine „Frage der Biologie“ ist

Yura Yang möchte eine Dirigentin sein, die sich die Musikerinnen und Musiker wünschen. Fotos: privat

Yura Yang ist 26 Jahre alt und arbeitet am „Musiktheater im Revier“ in Gelsenkirchen. Die Südkoreanerin gehört zu einer neuen Generation von Dirigentinnen, die sich nicht länger von den männlichen „Pulttigern“ in die zweite Reihe drängen lassen wollen. Doch der Kampf ist hart.

Von Katja Fischborn, Gelsenkirchen

Die langen Haare sind zum Zopf gebunden, die Bluse ist festlich schwarz. Alle Augen im Saal sind auf Yura Yang gerichtet – die der Orchestermusiker vor ihr und die des Publikums hinter ihr. Alle warten, dass sie den Taktstock hebt, die untrügliche Insigne des Dirigenten. Die zierliche 26-Jährige lässt sich von den Blicken nicht beirren. Mit klaren, energischen Armbewegungen führt sie Musiker und Zuhörer in und durch die Musik des „Zauberers von Oz“. Sie wirkt selbstbewusst und kraftvoll, aber nicht arrogant oder gar von Allmachtsfantasien besessen. „Ich habe großen Respekt vor dem Dirigieren“, sagt sie. „Aber Angst zu haben ist nicht gut.“

Noch immer sind Besucher in Theatern, Opernhäusern oder Konzertsälen erstaunt, wenn eine Frau den Platz hinter dem Pult einnimmt. Manches Raunen ist auf Bewunderung zurückzuführen, mancher denkt sich: Soll die erst mal zeigen, ob sie was kann! Frauen als Dirigentinnen sind vor allem in höheren Positionen eine Seltenheit – von rund 130 Orchestern in Deutschland werden lediglich zwei von einer Frau geleitet: Am Theater Erfurt ist die erst 1988 geborene Joana Mallwitz als Generalmusikdirektorin seit der Spielzeit 2014/15 im Amt, an der Staatsoper Hannover noch bis zum Ende der Spielzeit 2015/16 die Amerikanerin Karen Kamensek.  An der Komischen Oper Berlin besetzt Kristiina Poska den Posten der Kapellmeisterin. Sie bekam 2013 auch als erste Frau den mit 35.000 Euro dotierten Deutschen Dirigentenpreis verliehen. Vielen bekannt ist die Australierin Simone Young, die allerdings nach zehn Jahren als Intendantin und Musikdirektorin der Hamburger Staatsoper 2015 aufhörte. Sie wolle nicht mehr die ganze Verantwortung tragen, sagte sie in einem Interview mit der österreichischen Nachrichtenagentur APA.

Der Mythos vom Maestro

 Nach solchen Posten schielt Yura Yang (noch) nicht. „Ich möchte nicht unbedingt Chef sein. Ich möchte eine Dirigentin sein, die die Musiker gerne haben wollen. Das ist doch das größte Kompliment“, sagt sie. Dennoch lastet auf der Position immer enormer Druck, von der ersten Sekunde an. Steht er beziehungsweise sie doch an vorderster Front, herausgehoben aus der Masse, will seine Interpretation und Gestaltung der Musik zusammen mit den Musikern einstudieren und zu Gehör bringen. Auf ihm ruhen die Blicke und Erwartungen, ohne ihn beginnt kein Konzert. Dafür gilt ihm auch am Ende ein besonderer Applaus. So wurde und wird der Mythos vom Maestro, vom Meister, Führer, Lehrer, immer wieder befeuert. Doch was ist mit der Maestra? (Mal davon abgesehen, dass es diesen Titel nicht gibt und die Übersetzung aus dem Italienischen lediglich ‚Lehrerin’ bedeutet und nicht etwa ‚Meisterin’ oder ‚Führerin’.) Ist sie nur eine Randerscheinung, eine Nischenbesetzung oder ist eine neue Generation Dirigentinnen auf dem Vormarsch? Und wie will sie den Ehrfurcht gebietenden Titel ausfüllen?

„Es gibt nicht mehr so eine Distanz zu den Musikern. Es ist kollegialer geworden “, beschreibt Yura Yang die Zusammenarbeit mit den Musikern des „MiR“ in Gelsenkirchen, an dem sie als Korrepetitorin mit Dirigierverpflichtung angestellt ist. Ein Orchester sei sehr sensibel – die gute oder schlechte Laune des Dirigenten übertrage sich. „Wenn ich Orchestermusiker bin, möchte ich auch einen netten Dirigenten, der vielleicht einmal lächelt.“ Arbeiten auf Augenhöhe statt Autorität? „Autorität hat man oder hat man nicht. Man kann nicht versuchen, Autorität zu haben“, sagt sie. „Ich bemühe mich, langsam, laut und deutlich zu sprechen“, beschreibt sie ihre Arbeitsweise. Ansonsten halte sie es mit der Devise: Nicht so viel reden, lieber zeigen. „Ich mag Dirigieren so sehr, weil ich möchte, dass die Musiker mitmachen. Ich kann das nicht alleine. Am Ende zählt das Orchester.“ An das Publikum denke sie bei einer Aufführung kaum – ihre Welt befindet sich vor ihr, die Menschen, mit denen sie musiziert.

Studiert hat sie das Fach Dirigieren bei Professor Joachim Harder in Detmold. „Er hat mich total unterstützt, war auch immer für mich als Person da. Ohne ihn hätte ich das nicht geschafft“, ist sie heute noch beeindruckt. „Er hat mich als Dirigentin großgezogen.“ Ressentiments gegen sie als Frau habe sie da keine gespürt. Ohnehin seien in der Ausbildung mittlerweile viele Frauen anzutreffen, die den Beruf der Dirigentin anstreben. Doch nach dem Studium  sieht das ganz anders aus.

Gezielte Förderung von Dirigentinnen

 „Insgesamt sind wir noch nicht da, wo wir hinwollen“, sagt auch Tilla Clüsserath, Geschäftsführerin der Orchesterakademie der Bergischen Symphoniker. Finanziert vom Land NRW wird hier jährlich ein Stipendium ausdrücklich für Dirigentinnen ausgelobt. Denn die Möglichkeiten, während des Studiums in der Praxis zu dirigieren, sind sehr begrenzt. Auch Yura Yang hat die Förderung der Orchesterakademie elf Monate genossen. Eine ihrer Vorgängerinnen ist die Litauerin Mirga Gražinytė-Tyla, die ab September das international bekannte CBSO (City of Birmingham Symphony Orchestra) als Musikdirektorin leiten wird. Damit ist sie eine Nachfolgerin Sir Simon Rattles, heute Chef der Berliner Philharmoniker. Das freut Tilla Clüsserath ungemein: „Die Zeit der Pulttiger ist vorbei.“ Selbstbewusstsein und Kampfgeist bringe schon jede Frau mit, die diesen Beruf für sich auswähle. Dass diese aber im Beruf des Dirigenten wie in vielen anderen Leitungspositionen noch immer unterrepräsentiert sind, ist für sie eine Folge der traditionellen Diskriminierung in einer Männerdomäne, die ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert darstellt. Ein Beweis dafür gefällig? So behauptete der sehr renommierte finnische Professor und Dirigent Jorma Panula (übrigens Jahrgang 1930) 2014 im finnischen Fernsehen, Frauen könnten keine „männliche Musik“ wie Bruckner und Strawinsky dirigieren, sondern nur „weibliche“ wie Debussy. Das sei eine „Frage der Biologie.“

Yura Yang_4 (1)Dass ihre Weiblichkeit ein Nachteil sei, habe sie erst im Berufsleben zu spüren bekommen, sagt Yura Yang. Ihre noch jungen Jahre will sie dafür nicht vor sich hertragen, sondern eher verbergen. „Es soll keiner sagen ‚Für das Alter ist sie ganz gut’.“ Wo sie aber noch mehr Vorbehalte feststelle, sei ihre fremde Nationalität: „Wenn ich genauso gut bin wie ein Deutscher, dann nehmen sie den Deutschen“, ist sie überzeugt. Doch davon lässt sich die quirlige Südkoreanerin nicht beeindrucken. Dabei entstammt sie keinem ehrgeizigen musikalischen Elternhaus. Zwar begann sie mit zarten vier Jahren das Klavier spielen, doch auch als sie mit zwölf zum traditionellen koreanischen Tanz wechselte, um später doch wieder an die Tasten zurückzukehren, ließen ihre Eltern sie gewähren. Der Wunsch, Dirigentin zu werden, entsprang einem Schlüsselerlebnis: Als sie ein Teenager war, starb ihr geliebter Opa. „Ich war so traurig. Ich habe meinen iPod genommen, um Musik zu hören. Darauf war ein Klavierkonzert einer Klassik-CD meiner Eltern. Ich fand die Musik so schön und ich wollte wissen, was das ist. Also bin ich ins Musikgeschäft gegangen, dann ins Notengeschäft. Ich weiß nicht wie, aber irgendwie konnte ich da schon ein bisschen Partituren lesen. Es war Tschaikowskij. Diese Musik hat mich so berührt. Da habe ich nicht gedacht, das möchte ich spielen können. Ich habe gedacht, das möchte ich dirigieren können! “

Mit 18 Jahren fasste sie dann den Entschluss, in Deutschland zu studieren – ohne jemals dort gewesen zu sein, ohne jemanden zu kennen. Denn Deutschland genießt noch immer international den besten Ruf in der Ausbildung und viele der berühmtesten klassischen Komponisten wie Bach oder Beethoven waren schließlich Deutsche. „Meine Eltern haben gesagt, du hast doch gar kein Talent“, erinnert sie sich. Doch sie handelte einen Deal mit ihnen aus: Für ein Jahr würden sie sie finanziell unterstützen. Hätte sie dann keinen Studienplatz, würde sie wieder nach Korea zurückkehren. Doch Yura Yang arbeitete hart, lernte Deutsch, bestand die Aufnahmeprüfung an der Hochschule. Von 2009 bis 2013 dauerte das Studium – im Hauptfach Orchesterdirigieren, als Hauptinstrument Klavier, als zweites Instrument Bratsche und im Nebenfach Gesang ­–, das sie mit Auszeichnung abschloss.

Dass sie danach sofort eine der begehrten Festanstellungen bekam, zumal an einem so renommierten Haus wie dem „MiR“, hat Vorteile, aber auch Nachteile. Zwar kann sie hier auch als Korrepetitorin das ein oder andere Dirigat übernehmen, doch öfter sitzt sie am Klavier oder studiert mit den Sängern die Stücke ein. Das reicht Yura Yang längst nicht. Doch die Stellen für Dirigenten und Kapellmeister sind rar, der Kampf darum knallhart. Immerhin kann sie so Kontakte knüpfen, ohne die es in dieser Welt nicht geht: Als die erfahrene britische Dirigentin Julia Jones 2015 als Gastdirigentin in Gelsenkirchen engagiert wurde, wurde sie auf Yura Yang aufmerksam, fragte nach Arbeitsproben und schlug sie für eine Assistentenstelle bei „Don Giovanni“ an der Nederlandse Reiseopera in Amsterdam vor. Ob sie gefragt hat, weil sie auch eine Frau ist? Davon will Yura Yang nichts wissen. Auch ihr großes Vorbild ist keine Frau, sondern Carlos Kleiber, ein genialer und vergötterter Dirigent, allerdings kein mächtiger Herrscher am Pult, sondern stets an sich selbst zweifelnd. Er starb 2004. Was sie an ihm begeistert, seien seine verrückten Tempi, sein eigener Stil, seine Lebendigkeit, erklärt Yura Yang. Ihre musikalische Vorliebe gilt der Oper, doch da mag sie es am liebsten weniger dramatisch: Der romantische, walzerselige „Rosenkavalier“ von Strauss gefalle ihr am besten, denn dort gehe es „um normale Menschen, nicht um Könige“.

Wenig Privates in der „Musikblase“

Normal sind auch ihr Wünsche – etwa nach einer Familie. Nach Korea möchte sie nicht zurück, zumal ihre Eltern heute in den USA leben. Deutschland sei für sie ein Zuhause geworden und habe ihr so viel gegeben, erklärt sie. In Korea hätte sie wohl keine so gute Ausbildung bekommen, weil sie zu spät angefangen habe. Ein Studium sei dort zudem sehr teuer. Und wie sieht es mit der Zukunft aus? Lässt sich dieser Job mit Kindern vereinbaren? „Da bräuchte ich einen Hausmann“, grinst sie. „Es gibt Phasen, in denen man nur für die Arbeit leben muss.“ Aber einen Partner zu finden, der diese Welt versteht, ist nicht leicht. Fast jedes Wochenende, an Feiertagen und abends ruft der Job. „Deshalb heiraten vermutlich viele Musiker untereinander.“ Überhaupt ist ein Privatleben außerhalb der Musikszene fast nicht existent: „Ich kenne in Gelsenkirchen keinen Menschen außerhalb des Theaters.“ Platz für Hobbys gebe es schon, wenn man sich Mühe gebe. So spiele sie etwa sehr gerne Pool. Doch Gleichgesinnte hat sie noch nicht gefunden.

Auch wenn es vielleicht ein Klischee ist, dass Frauen gern über Mode reden, stellt sich zum Schluss die Frage nach der Kleidung. Die ist durchaus berechtigt! Für Männer gelten klare Regeln: Schwarzer Anzug oder als förmlichste und eleganteste Variante der Frack. Und Frauen? Dirigentinnen im Abendkleid sind absolute Ausnahmen. Bloß keine Prinzessin am Pult! Einige Frauen tragen gar einen Frack, unterwerfen sich also dem männlichen Kleidungsdiktat. Auch Yura Yang hat eine lange schwarze Anzugjacke mit weißer Bluse als „Dirigieroutfit“ bei Vorstellungen. „Anfangs habe ich gedacht, ich müsste möglichst männlich erscheinen“, berichtet sie. „Aber jetzt denke ich, ich möchte einfach schön aussehen, aber dafür muss ich nicht wie ein Mann aussehen.“ Eine Hose muss es für sie zwar schon sein. Heute trägt sie aber eine weite Bluse mit engen Ärmeln. „Ein Freund von mir hat sie mal als Duschvorhang bezeichnet“, lächelt sie. Doch sie trägt sie mit Stolz.

Katja Fischborn
Von Katja Fischborn , Köln

Katja Fischborn lebt und arbeitet nicht in der Ferne, sondern in Köln. Hier ist sie seit 2011 als Redakteurin bei der Heimwerker- und DIY-Zeitschrift „selbst ist der Mann“ angestellt. Für „Deine Korrespondentin“ ist sie hauptsächlich als Lektorin im Einsatz, bevor die Texte aus aller Welt online zu lesen sind. Doch wenn es die Zeit erlaubt, sucht sie auch selbst nach interessanten Geschichten von, mit und über Frauen in Deutschland und schreibt sie auf.