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„Stärke braucht keine Muskeln“
Interview mit Anastasia Umrik

1. Februar 2023 | Von Eva Tempelmann
„Wahre Inklusion stellt das Menschsein in den Vordergrund, nicht die Behinderung.“ Foto: Julia Santoso

Anastasia Umrik ist Autorin, Rednerin, Podcasterin und Coach. Ihre Randgruppenthemen – Frau, Ausländerin, mit Behinderung – habe sie abgearbeitet, sagt sie. Jetzt beschäftigt sich die 35-Jährige mit Fragen jenseits von gesellschaftlicher Benachteiligung: Wie können wir Krisen für uns nutzen? Wie ein gutes Leben führen? Eva Tempelmann hat mit ihr gesprochen.

Anastasia Umrik, Sie sind Coach, Rednerin, Autorin und Podcasterin. Wenn Sie sich selbst vorstellen: Was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

Ich beschreibe mich vor allem als Suchende. Meine Arbeit ist ein Versuch, Antworten zu finden auf die Frage: Worum geht es im Leben? Mit meinem Buch, den Gesprächen, den Auftritten gehe ich dieser Frage öffentlich nach und lasse andere Menschen an meinen Erfahrungen teilhaben. Die verschiedenen Formate ergänzen sich dabei. Auf meinem neuen YouTube-Kanal spreche ich zum Beispiel über Wandel und Neubeginn und knüpfe damit an die Themen meines Podcasts an, in dem ich mit Menschen über ihre persönlichen Lebenswege spreche.

Sie mögen die Farbe Rot, schreiben Sie auf Ihrer Webseite. Fallen Sie gerne auf?

Eine spannende Frage. Mein erster, vielleicht typisch weiblich sozialisierter Impuls war: Oh, wie unangenehm! Im Mittelpunkt stehen wollen wird Frauen ja gern abgesprochen. Die Sache ist: Ich falle immer auf. Man kommt an mir mit meinem Rollstuhl nicht vorbei (Anastasia Umrik hat eine Spinale Muskelatrophie und ist seit ihrer Kindheit mit dem Rollstuhl unterwegs, Anmerkung der Redaktion).


 

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Die Leute müssen zur Seite gehen, mir die Tür öffnen und so weiter. Gleichzeitig habe ich eine starke Präsenz. Lange Zeit habe ich mich dagegen gewehrt. Ich wollte nicht auffallen und machte mich kleiner, als ich bin. Das war meine Krise. Dann kam der Moment, in dem ich mir sagte: Wenn ich schon auffalle, dann richtig. Dann mache ich Tamtam, mit roten Lippen und Sätzen auf der Bühne, die hängenbleiben.

Wie war das für Sie?

Ich fand diesen Prozess anfangs beängstigend. Ich fiel nun nicht nur durch den Rollstuhl auf, sondern durch meine Persönlichkeit. Der Vorhang ist weg – aber auch die Diskrepanz, dass ich auffalle, aber nicht auffallen möchte. Ich kann jetzt damit sein, wie ich bin.

Anastasia Umrik bei ihrer Buchvorstellung im Gespräch mit Mareice Kaiser am Theater Kampnagel in Hamburg 2021. | Foto: Julia Santoso

Sie haben ein Buch geschrieben: „Du hast eine Krise. Herzlichen Glückwunsch. Jetzt wird alles gut!“ Sind Krisen immer eine Chance? 

Ich sehe Krisen als Knoten im Leben, die man lösen kann. Ich benutze dafür auch gern das Bild von einem Schlüssel, den wir in einer großen Handtasche suchen, während wir vor der noch verschlossenen Tür stehen. Mit dem Schlüssel könnten wir die Tür öffnen oder – um es mit Harry Potter zu sagen – durch das Portal ins nächste Level gehen. Jede Krise ist also eine Gelegenheit, neue Erkenntnisse zu gewinnen. Sich darauf einzulassen ist aber immer eine Entscheidung. Persönliches Wachstum ist keine Pflicht. Um bei Bildern zu bleiben: Wenn ich einen Haufen Mist vor mir habe, kann ich diesen als Dünger nutzen oder einen Bogen darum machen, weil der Mist so stinkt. Beides ist okay.

Und wie finde ich heraus, ob es sich lohnt, mir den Mist genauer anzuschauen?

Eine Frage, die in diesen Situationen helfen kann und die ich auch in meinem Buch stelle: Wie und wer möchte ich am Ende meines Lebens gewesen sein? Ich wäre im Alter zum Beispiel gern eine coole Oma. Aber die werde ich nicht einfach so – das ist eine Entscheidung, die ich bewusst treffe und für die ich etwas tun muss. Wenn ich diese Entscheidung nicht treffen kann oder will, ist das auch in Ordnung.

Waren Sie auf Ihrem eigenen Weg immer so klar?

Ich habe in meinem Leben bereits einige Krisen durchleben müssen. Oft war ich neidisch auf Freundinnen, bei denen ich den Eindruck hatte: Die können sich aussuchen, ob sie sich bestimmten Fragen stellen. Ich hatte diese Wahl nicht. Allein wegen meiner Behinderung musste ich mich früh der Tatsache stellen: Niemand wird es mir abnehmen, ein gutes Leben zu haben. Darum muss ich mich selbst kümmern.

Anastasia Umrik – Autorin, Rednerin, Podcasterin und Coach. | Foto: Xenia Bluhm

Welche Krisen haben Sie geprägt?

Die erste große Krise war für mich die Migration aus Kasachstan nach Deutschland. Ich war damals sieben Jahre alt und verstand die Welt nicht mehr, musste geliebte Menschen und mein vertrautes Umfeld zurücklassen. Erst mit Anfang 30 habe ich verstanden, dass die dumpfe Melancholie in mir von diesem Abschiedsschmerz kommt. Sicherlich ist meine körperliche Behinderung eine fortwährende persönliche Krise. Es war nicht einfach zu akzeptieren, dass dies meine Geschichte ist. Die Kunst war, einen Weg zu finden, elegant mit dieser Beeinträchtigung umzugehen.

Und wie haben Sie das geschafft?

Ein großes Thema war für mich lange Zeit die Diskrepanz zwischen meinem Körper und meinem Charakter. Ich bin innerlich sehr wild und frei und schnell. In der chinesischen Astrologie bin ich das Element Feuer und aus dem Tierkreiszeichen Hase. Ich bin also ein Feuerhase, der in einem Körper lebt, der nichts kann. Das ist ein echtes Problem. Aber was geht denn trotzdem? Welche Menschen kenne ich, die gut zu mir sind? Welche Orte sind für mich zugänglich? Was habe ich mitzuteilen? Diese Fragen öffneten eine Tür nach der anderen. Das war mein Befreiungsschlag.

Sie haben Fotoprojekte initiiert wie „anderStark“, bei denen Sie Frauen mit Muskelerkrankung in den Mittelpunkt stellten, und mit „inkluWAS“ ein Mode- und Designlabel gegründet. Wenn Sie auf diesen Weg zurückblicken: Wo sind Sie jetzt?

Ich habe fast täglich das Gefühl, dass das Leben gerade erst begonnen hat. Die Vergangenheit – der Weg, den ich schon gegangen bin – ist wie eine Vorbereitung gewesen für das, was jetzt ist. Ich erkenne, warum ich manche Dinge durchleben musste, um hier zu sein. Lange Jahre habe ich vor allem Unglück und Ratlosigkeit gespürt. Ich wusste nicht, wo mein Platz in der Gesellschaft ist, fühlte mich immer alleine, immer anders.

Vor sechs Jahren habe ich abrupt dem Tod ins Auge geblickt. Das war die Erkenntnis: Ich habe nur dieses eine Leben. Was mache ich daraus? Jetzt ist meine Zeit. Und so fühle ich mich nun, wo die Gesellschaft in einer tiefen Krise steckt, ungemein stark. Ich habe etwas zu sagen und sehe die Menschen, die mich darin begleiten. Ich habe einen festen Halt in mir kreiert und es ist okay, dass das so lange gedauert hat.

Foto: Julia Santoso

Stärke braucht keine Muskeln – so haben Sie ein früheres Fotoprojekt betitelt. Was bedeutet für Sie Stärke?

Stärke ist für mich Willenskraft, um auch durch schwierige Zeiten zu gehen. Stärke ist auch Übung. Man wird nicht stark geboren. Selbstbewusst oder eloquent sein – das muss man auch trainieren und ausprobieren. Wenn du also gehört werden willst, musst du sprechen. Wenn du gesehen werden willst, musst du raus in die Welt.

Ich finde allerdings auch: Stärke ist mehr als laut und sichtbar und eloquent sein. Es gibt viele leise Menschen, die stark sind, weil sie unerschrocken oder genügsam durch ihr Leben gehen. Und wir sollten nicht vergessen: Auf die Welt zu kommen ist wohl das Stärkste überhaupt. Insofern gibt es meiner Meinung nach keine schwachen Menschen. Die Attribute stark und schwach sind reine Zuschreibungen.

Ist der Rollstuhl noch ein Thema für sie?

Den Rollstuhl nutze ich als Wettbewerbsvorteil. Mit meiner Behinderung bleibe ich im Gedächtnis. Ich bin Deutschland die Einzige, die im Rollstuhl sitzt und über Lebenswege, Krisen und Wachstum spricht. Nur über Inklusion und gesellschaftliche Benachteiligung zu sprechen ist mir zu wenig, so kommen wir nicht weiter. Echte Inklusion beginnt für mich auf der nächsten Stufe, wenn wir durch das anfangs erwähnte Portal gehen: Wenn wir nicht die Behinderung oder unser Frau- oder Mannsein in den Mittelpunkt stellen, sondern unser Menschsein. Wenn wir darüber sprechen, wer wir sind, wie wir unsere Leben gestalten, egal ob mit oder ohne Behinderung, als Frau oder als Mann.

Wenn Sie eine große Plakatwand an einem öffentlichen Platz mit einer Botschaft gestalten könnten – sagen wir am Rathausplatz in Hamburg, der Stadt, in der Sie wohnen: Was würde darauf stehen?

Es wäre eine Frage: Wer bist du, wenn dir keiner zuschaut? Wenn du nicht so tust, als ob? Wenn du dich nicht klüger oder kleiner machst, als du bist? Wenn du das weißt und lebst, dann bist du frei. Am Ende des Tages wollen die Menschen in ihrem Wesen gesehen und erkannt werden. Diese Frage treibt mich wirklich um: Wie kann man Menschen ermutigen, ihre Essenz zu zeigen? Das ist für mich wahre Schönheit.  

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Von Eva Tempelmann, Münster / Lima

Eva Tempelmann hat 2014 bis 2020 mit ihrer Familie in Peru gelebt und dort als freie Journalistin, Übersetzerin und Lektorin gearbeitet. In ihren Reportagen, Interviews und Analysen berichtet sie über Umweltkonflikte in Peru, Menschenrechte und soziale Bewegungen. Sie ist Co-Autorin des Reiseführers Peru & Westbolivien (Stefan Loose, 2018) und Peru & Bolivien (Marco Polo, 2020). Mehr unter: http://www.evatempelmann.com.

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