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Sexismus taugt nicht zum Witz
Irische Comediennes wehren sich

13. Januar 2021 | Von Mareike Graepel
Kate Feeney (l.) und Emily O’Callaghan wollen, dass sich was ändert in der Comedy-Szene Irlands. Foto: Mareike Graepel

Auch irische Komikerinnen machen Witze über Sex. Schlüpfrig kommt an, das findet das Publikum lustig. Aber es gibt eine unsichtbare Grenze zwischen Gags und Sexismus, die von Männern – Managern und Moderatoren – oft drastisch überschritten wird. Die Frauen auf den Comedy-Bühnen in Irland sagen: Die Szene hat ein Problem.

Von Mareike Graepel, Dublin  

Als „schmutzigste Schlampe“, die „mit ihren Titten Ukulele spielt“ und an die man seine K.o.-Tropfen nicht vergeuden möchte, auf der Bühne präsentiert zu werden, finden irische Komikerinnen unhaltbar: Es reicht! Drei Jahre nach Beginn der #MeToo-Bewegung erreicht Irlands Comedy-Szene ihren eigenen Höhepunkt. Fast zeitgleich werden im Sommer 2020 mehrere Vorwürfe gegen David Reilly, einen Dubliner Comedy-Club-Moderator, laut.

Die Frauen sagen, er habe sie vergewaltigt, emotional missbraucht, heimlich beim Sex gefilmt. Seine Reaktion: Die letzten beiden Behauptungen „enthalten eine große Menge Wahrheit“. Deshalb begebe er sich nun in Therapie. Die Folgen: Er wird von einigen Auftraggeber*innen entlassen und in der Branche beginnt ein Umdenken. Innerhalb von wenigen Stunden nach den Tweets geht es nicht mehr nur um diesen einen Mann.

Es geht um ein System von toxischer Machtausübung hinter, neben und auf der Bühne. Einige von „Ireland’s top female comedians“ wie Emma Doran, Kate Feeney und Therese Cahill machen den Mund auf. Auch andere Frauen äußern sich. Doch sie üben nicht nur Kritik, sie haben auch Lösungsansätze. Irland hat eine lebendige Comedy-Szene, lustige Abende in Bars und Clubs gehören (außerhalb der Pandemie) zum Freizeitprogramm genauso dazu wie Folk-Musik und Clubbing. Lang etablierte Etablissements und Pop-up-Locations ergänzen sich gegenseitig. Aber: Dominiert wird die Szene seit jeher von Männern.  

Warum wenige lustige Frauen berühmt werden

„Reilly ist alles andere als ein Einzelfall“, sagt Therese Cahill. „Ich habe meine Dissertation über Bertolt Brecht und den Verfremdungseffekt geschrieben – wenn eine Frau nach einer Vergewaltigung die Bühne betritt und von einem Clown ausgelacht wird, bleibt dem Publikum das Lachen im Halse stecken.“ Ein Stilmittel der Literatur und des epischen Theaters, das im wahren Leben laut Cahill „nicht auszuhalten“ ist.

Dass es in der irischen Comedy-Szene als immer akzeptabler galt, Stand-up-Comediennes in sexistischen Ansagen und Zwischenrufen zu erniedrigen und hinter der Bühne auch körperlich anzugehen, findet die Komikerin unerträglich. Therese Cahill trägt bei ihren Auftritten Einhorn-Haarreifen, ist schlagfertig, hat eine scharfe Zunge und eine laute Stimme. Ihre Waffe: musikalische Konfrontation, klare Worte. Eines ihrer Lieder heißt „Why are there so few women in standup?“. Die Antwort darauf ist vielschichtig.

Therese Cahill hat Lieder über die sexistischen Sprüche der Moderatoren geschrieben.

Sie sagt: „Es ist verrückt, denn ich kenne so viele Comediennes, und sie sind so talentiert, wirklich gut in dem, was sie tun.“ Aber, so die Dublinerin, die Frage müsse eigentlich lauten: Warum erreichen so wenig Frauen das gleiche Level an Berühmtheit und Erfolg wie ihre männlichen Kollegen? Eine Theorie sei, dass von Frauen mehr erwartet werden würde. Und dann sei da das Thema Sicherheit, denn die meisten reisten allein von Gig zu Gig, seien oft die einzigen Frauen im Programm und unter den Organisatoren, Moderatoren und Managern gebe es nur selten Frauen.

„Außerdem wird so viel Frauenfeindlichkeit über den Comediennes ausgeschüttet. Der leichteste Part meines Jobs ist es, mit dem Publikum umzugehen. Viel schwieriger ist es, mit dem Moderator klarzukommen“, erklärt Cahill. In dem Lied singt sie, dass ein Moderator sie als „schmutzige Schlampe“ ankündigt. Ein anderer behauptete, sie spiele eine irische Trommel und die Ukulele mit ihren Titten. Der Spruch bekommt nur wenige Lacher.

„Leider bin ich nicht im Geringsten überrascht“

Ihre Kollegin Emma Doran weiß Ähnliches zu berichten. Als Frau Auftritte zu ergattern sei „ein psychologisches Minenfeld.“ „Manche Organisatoren flirten ohne Ende, schicken ungebeten unangebrachte Nachrichten, bis sie einen schließlich buchen“, sagt sie. In den sozialen Netzwerken verbreiteten sich die Hashtags #IrishComedyAbusers und #Ibelieveher schnell, nachdem Emma Doran ihre Erfahrungen ins Netz stellte und das Live-Event-Magazin „HotPress“ das Thema aufgriff.

Eine Twitter-Nutzerin reagierte darauf mit dem Kommentar: „Ein Comedian missbrauchte mich, nachdem ich Alkohol getrunken hatte, machte mir später bei meinem ersten Job als Autorin das Leben zur Hölle.“ Ein männlicher Nutzer darauf: „Es tut mir so leid, das zu hören. Aber leider bin ich nicht im Geringsten überrascht.“ Überrascht ist auch Emily O’Callaghan nicht.

Sie ist seit Jahrzehnten in der Comedy-Szene in Dublin verwurzelt, managt den Comedy-Club „Gold“. Ein Weg, um dem Sexismus in der Branche die Stirn zu bieten, ist für sie: „Keine Arschlöcher buchen. Das ist meine Strategie: Wenn du kein Idiot bist und wirklich professionell und lustig, ist es mir total egal, was du bist, dann buche ich dich.“ Für das größte irische Festival, das „Electric Picnic“, hat sie schon vor zwei Jahren ein „all-female“ Line-up zusammengestellt.

Emma Doran ist eine von „Ireland’s top female comedians“ und sagt, Auftritte zu ergattern sei „ein psychologisches Minenfeld“ (Foto: privat).

Das Thema Sexismus im Kolleg*innen-Kreis habe sie schon mehrfach angesprochen, aber – auch aus Angst, sonst nicht gebucht zu werden – sei das Verhalten vieler Comediennes generell lange zögerlich gewesen. „Die Frustration musste erst einen kritischen Punkt erreichen“, stimmt Comedienne Kate Feeney ihr zu. „Aber endlich sprechen wir drüber!“ Dabei sei es wichtig, nichts zu zerreden. „Ich will nicht nur eine verbale Bewegung. Es gibt immer einen besseren Weg, etwas zu verändern.“

Also hat sie vorgeschlagen, einen Verhaltenskodex zu entwerfen. Während des ersten Pandemie-Lockdowns im März 2020 sprachen die Comediennes mit den Managern der Clubs und Theater, diesen „Code of Conduct“ aufzuhängen, bevor sie wieder öffnen. „Dieser Kodex sollte gut sichtbar sein, direkt neben den Covid-19-Richtlinien. Das muss eine Selbstverständlichkeit werden. Ich möchte, dass die Moderatoren und Clubs sich ihrer Verantwortung bewusst sind.“

Toxische Atmosphäre in der Szene

Ruth Hunter hat ihren Job als Stand-up-Künstlerin aufgegeben, wegen der „toxischen Atmosphäre in der Szene“, wie sie sagt. Die Irin lebt jetzt im schottischen Glasgow. Dem Magazin „Hot Press“ sagte sie im Interview: „Ich wurde von einigen Widerlingen in der Comedy-Branche sexuell belästigt als ich jünger und noch neu in der Szene war.“ Einige Booker und Promoter gingen davon aus, dass ihnen bestimmte Sex-Gags in den Shows grünes Licht für perverse Avancen gäben. Auch Ruth Hunter hat ein Moderator einmal „eine dreckige Schlampe” genannt, bevor er ihr mehrere Male einen Drink anbot und immer aufdringlicher wurde. „Die anderen Comedians fanden das lustig. Ich bin dann gegangen und habe in einem Fast-Food-Restaurant allein auf meinen Bus gewartet.“

Genau wie Kate Feeney und Emily O’Callaghan findet sie, dass Lösungen her müssen. „Es ist wichtig, dass die Opfer das Gefühl haben, dass sie einen sicheren Rechtsweg haben, wenn sie eine Beschwerde einreichen müssen”, meint Ruth Hunter. Im Zweifel anonym. „Und ich biete Clubs Ratschläge und Möglichkeiten an, um ihre Sicherheitsstandards und ihr Beschwerde-Prozedere zu aktualisieren“, sagte sie. Unter der Email-Adresse complaints@comedysafetystandards.com können sich Betroffene melden – Künstler*innen genauso wie Spielstätten-Manager.

Aber auch im Alltag sei Aufmerksamkeit und Zusammenhalt gefragt, findet Emma Doran. „Wenn ich auf der Bühnentreppe erniedrigende Gespräche über Frauen mitkriege, werde ich nicht mit den Augen rollen, sondern reagieren. Wenn ich Mobbing durch Schweigen bemerke, werde ich reagieren. Auftritte für solche Idioten müssen aufhören. Ich möchte, dass alle das unterstützen!“

Schlimmer kann es nicht mehr werden

„Die Situation wird sich nicht über Nacht ändern“, das weiß auch Kate Feeney. „Ich will dem Ganzen nicht zu viel negative Aufmerksamkeit widmen, wir haben natürlich auch einige tolle Kollegen und Manage.“ Aber die Selbstverständlichkeit, mit der manch’ anderer glaube, übergriffig sein zu können, ohne dass jemand reagiere und das unterbinde, die müsse enden.

Eine der prominentesten Stimmen der irischen Comedy-Szene ist Maeve Higgins. Sie ist Schriftstellerin, Comedienne und Co-Moderatorin des Podcasts „Mothers Of Invention“, den sie mit Irlands Ex-Präsidentin Mary Robinson macht. Als Reaktion auf die Sexismus-Debatte hat sie einen Ratgeber für die Frauen in der Szene geschrieben. „Es gibt potentielle Täter sowohl auf der geschäftlichen als auch auf der künstlerischen Seite. Also müssen wir uns unsere Spielorte sorgfältig aussuchen und sollten besser nie mit männlichen Kollegen ausgehen oder schlafen, auch wenn sie cool wirken – es wird schief gehen.“

Sie empfiehlt unkonventionelle Wege nach oben: Als Autorin für Bühne und Theater anzufangen oder in den sozialen Medien Video-Sketche zu veröffentlichen, statt live zu performen. „Wir müssen unseren Wert und den der anderen Frauen und nicht-binären Menschen schätzen.“ Dann werde alles besser. Denn schlimmer, so fügt sie hinzu, könne es schließlich nicht werden.

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Von Mareike Graepel, Haltern

Mareike Graepel lebt in Haltern und Irland. Sie ist unser Head of Partnerships und kümmert sich um Kooperationen mit (Medien-)Partner*innen. Sie schreibt seit ihrer Jugend für lokale, regionale und überregionale Tageszeitungen und Magazine – zunächst als freie Mitarbeiterin, dann als Redakteurin und seit 2017 selbstständig als Journalistin und Übersetzerin. Ihre Themen drehen sich meist um Gesellschaft, Umwelt, Familie, Gesundheit und Kultur.

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Eva TempelmannMünster / Lima
Das medizinische Handwerk war lange Zeit Männersache. Heute machen Frauen zwei Drittel der Medizinstudierenden in Deutschland aus. In Führungspositionen sind sie mit zehn Prozent aber immer noch stark unterrepräsentiert. Auch in der Chirurgie stehen meist Männer am OP-Tisch. Der Verein „Chirurginnen e.V.“ will das ändern.

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