Schwangerschaft und Geburt
Vier Korrespondentinnen berichten

Ein Kind zu bekommen ist das Natürlichste der Welt. Sagt man. In Wirklichkeit ist es eine Grenzerfahrung, die schwer in Worte zu fassen ist. Gleichzeitig geht die Gesellschaft um einen herum ganz unterschiedlich mit Schwangeren und frisch gebackenen Müttern um. Unsere Korrespondentinnen aus Chile, Uganda, Russland und Israel liefern interessante Einblicke.

 

Von Sophia Boddenberg, Santiago de Chile

Schwangere Frauen und Mütter werden in Chile verehrt. Jeder Fremde bietet ihnen sofort einen Sitzplatz im Bus oder in der Metro an, hilft ihnen beim Tragen, hält ihnen die Türen auf. Die Chilenen lieben Babys. Wer mit Baby unterwegs ist, der wird von allen Seiten angelächelt und hört ständig „que lindooo“, was in etwa heißt „wie süüüß“. Wenn das Baby besonders süß ist, wollen viele Frauen es auch gleich auf den Arm nehmen.

Der Muttertag wird in Chile fast so groß gefeiert wie Weihnachten. Diese Mütterverehrung hat auch mit der Macho-Kultur in Chile zu tun. Von einer Frau wird traditionell erwartet, dass sie Mutter sein will. Und zur Mutterschaft gehört, wie selbstverständlich, der Haushalt und die Kinderbetreuung. Da das sonst an keinem anderen Tag im Jahr wertgeschätzt wird, wird der Muttertag eben besonders groß gefeiert.

Zum Straßenbild in Santiago de Chile gehören Teenie-Mütter. Die Väter trifft man dann am Wochenende im Club, denn wenn sich beide trennen, bleibt das Kind fast immer bei der Mutter. Mehr als jedes zehnte chilenische Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren ist schwanger oder bereits Mutter. Das klingt nach viel, ist aber im Vergleich zu anderen Länder in Lateinamerika wenig: In Nicaragua ist jedes fünfte Mädchen schwanger oder bereits Mutter. Diese hohen Zahlen haben damit zu tun, dass es kaum sexuelle Aufklärung gibt und Verhütungsmittel teuer sind. Da es in den Schulen so gut wie keinen Sexualkundeunterricht gibt, klären die Jugendlichen sich selbst auf, und zwar mit Porno-Filmen. Das führt wiederrum zur Macho-Kultur. Viele Männer wollen keine Kondome benutzen, weil sie das unmännlich finden.

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Meistens sind es Mädchen aus armen Familien mit geringer Bildung, die jung schwanger werden. Hinzu kommt der starke Einfluss des katholischen Glaubens und die damit verbundene Ablehnung von Verhütungsmitteln und Abtreibung. Außerdem wird Abtreibung in Chile mit Gefängnis bestraft. Vor einigen Monaten sorgte die Schwangerschaft einer 11-Jährigen für Diskussionen, die von ihrem Stiefvater vergewaltigt wurde. Mittlerweise ist sie Mutter.

Lateinamerika war lange bekannt für seine hohen Geburtenraten und die damit einhergehende junge Bevölkerung. Aber: Die höhere Lebenserwartung der Bevölkerung und die rückläufigen Geburtenraten lassen auch das scheinbar ewig junge Lateinamerika altern. Das merkt man in Chile besonders. Mit durchschnittlich 1,8 Kindern pro Frau hat Chile die niedrigste Geburtenrate in Lateinamerika. In Guatemala beispielsweise liegt sie bei 3,2 pro Frau. Trotz der vielen Teenie-Schwangerschaften geht der Trend in Chile dahin, dass die Frauen – wie in Europa – immer später Babys bekommen. Ein Viertel der Schwangeren sind älter als 35, so eine Studie der Universidad de Chile.

Wenn es um die Geburt geht, so sind Kaiserschnitte selbstverständlich. Natürliche Geburten und Hausgeburten haben ein Hippie-Image. Chile ist unter den OECD-Ländern, nach der Türkei, das Land mit den meisten Kaiserschnitten. Fast die Hälfte der chilenischen Babys kommen per Kaiserschnitt zur Welt. Gleichzeitig gehören Medikamente zur Geburt dazu. Die chilenische Soziologin Alejandra Ramm schreibt in einem ihrer Bücher, dass bei der Geburt ihrer Tochter nicht sie die Hauptperson im Kreissaal war, sondern der Arzt. So geht es vielen Frauen.

Trotzdem gibt es Frauenorganisationen, die die Geburtspraktiken in Chile kritisieren und sich für mehr natürliche Geburten einsetzen. Außerdem gibt es neues Gesprächsthema unter den chilenischen Femistinnen: „Parto con placer“. Das meint „die Geburt mit Orgasmus“. Dahinter steckt die Theorie, dass die Gebärmutter aufgrund der jahrhundertelangen Unterdrückung der weiblichen Lust als Muskel verkommen ist und die Geburt deshalb Schmerzen verursacht. Wenn frau diesen Muskel jedoch durch bestimmte Tanzarten und sexuelle Praxis trainiert, könnte die Geburt anstatt Schmerzen Orgasmen verursachen. So die Theorie.

 

Von Simone Schlindwein, Kampala

44 Kinder hat sie durch ihren Geburtskanal gepresst. Die Uganderin Mariam Nabatanzi wurde jüngst zu einer der fruchtbarsten Frauen der Welt erklärt. Ihre Geschichte spukt seitdem durch die internationalen Medien. Selbst erst 37 Jahre alt toben im Hof ihres kleinen ärmlichen Hauses im Dorf Kabimbiri nahe der Hauptstadt Kampala 38 Kinder herum. Sechs Babys hat sie nach der Geburt verloren.

Es klingt schier unglaublich: drei Mal gebar sie Vierlinge, vier Mal Drillinge und drei Mal Zwillinge: 18 Schwangerschaften hat sie insgesamt hinter sich, fast alles natürliche Geburten, nur die letzte war ein Kaiserschnitt. Der älteste Sohn ist mittlerweile 23 Jahre, das jüngste Baby gerade einmal fünf Monate alt. Nabatanzi wurde bereits mit 13 Jahren verheiratet, ihr Mann hat mehrere Frauen und hat somit also noch viel mehr Kinder.

Offenbar zeigt sich bei Nabantanzi eine besondere genetische Veranlagung, so ihr ugandischer Gynäkologe Charles Kiggundu aus Kampala. An ihn hatte sich die Mutter gewandt, als sie nach 18 Kindern von den ständigen Schwangerschaften genug hatte. Es sei wahrscheinlich, dass in ihrer Gebärmutter während eines Zyklus gleich mehrere Eizellen heranreifen und dadurch Mehrlinge entstehen. Als sie es mit einer Spirale als Geburtenkontrolle versuchte, musste sie sich ständig übergeben und fiel sie ins Koma. Deshalb lag sie lange im Krankenhaus. Die Ärzte rieten ihr, einfach immer weiter schwanger zu werden. Erst beim jüngsten Kaiserschnitt hat ihr der Arzt auf Wunsch die Gebärmutter entfernt.

Eine ganze Schar von Kindern zu haben, ist in Uganda nichts Ungewöhnliches. Das kleine Land in Ostafrika hat die dritthöchste Geburtenrate weltweit, nach Niger und Mali. Sechs Kinder bekommt eine Frau im Schnitt – lebend wohlgemerkt. Die Zahl der Todgeburten ist aufgrund des miserablen Gesundheitssystems enorm. 16 Frauen sterben in Uganda täglich in den Wehen. Der Grund: Wer sich die Hebamme oder den Arzt nicht leisten kann, der wird nicht versorgt. Selbst die Rasierklinge zum Durschneiden der Nabelschnur muss eine Schwangere selbst mitbringen.

Für viele arme Frauen auf dem Land ist die Schwangerschaft eine anstrengende Zeit. Mutterschutz, Auszeit oder Ausruhen – Fehlanzeige! Um das Geld für eine Entbindung aufzutreiben, müssen sich die meisten Frauen zusätzlich anstrengen: Feldarbeit, Gemüse und Obst auf dem Markt verkaufen, Kinder versorgen. Hinzu kommen die erhöhten Risiken: Eine Infektion mit Malaria, Typhus oder Gelbfieber kann in der Schwangerschaft tödlich enden. Dennoch gelten viele Kinder für die meisten Ugander auf dem Land als Lebens- und Altersversicherung.

Kinderreichtum ist in der polygamen Gesellschaft noch dazu ein Statussymbol, vor allem unter Männern. Als vor kurzem Tagen Professor Lawrence Mukiibi starb, Gründervater zahlreicher renommierter Privatschulen im Land, standen bei seiner Beerdigung 44 Kinder an seinem Grab Spalier. Davon hatte er etliche mit seinen Schülerinnen gezeugt.

 

Von Inna Hartwich, Moskau

Die Gynäkologin schaut streng. „Sie haben also keine Kinder?“ Ihr Blick wandert von oben nach unten. „Nein“, sagt die Patientin. „Eine Fehlgeburt hatten Sie auch nicht?“ Ihr Gegenüber schüttelt mit dem Kopf. „Nicht einmal eine Abtreibung? Meine Liebe, Sie sind über 30!“

Der Ton der Moskauer Frauenärztin ist rau, die Ansprache direkt. In russischen Krankenhäusern (niedergelassene Ärzte gibt es nicht) ist es nicht außergewöhnlich, wenn übel gelaunte Ärzte ihre Patienten einfach anschnauzen, ihnen bei schweren Diagnosen aber kaum etwas mitteilen. Die Gynäkologin sagt hier lediglich unverblümt das, was in der russischen Gesellschaft als vorherrschende Meinung gilt: Eine Frau ist nur dann „vollständig“, wenn sie Mutter ist. Und Mutter hat sie, bitte schön, noch vor ihrem 30. Geburtstag zu sein.

Ist eine Frau in Russland schwanger, macht es ihr das unübersichtliche Gesundheitssystem nicht leicht. Lässt man sich auf staatliche Schwangeren-Praxen ein, die einen erst einmal eine lange Liste an unterschiedlichen Untersuchungen (vom Endokrinologen bis zum Urologen) abarbeiten lassen – oder wendet man sich gleich an teure Privat-Krankenhäuser? Immerhin kann in privaten Einrichtungen auch der Vater des Kindes bei der Geburt dabei sein. In staatlichen Krankenhäusern gelten alle Nichtgebährenden als „Keimschleudern“ und sehen das Baby erst bei der Entlassung von Mutter und Kind.

Da staatliche Kliniken oft technisch schlecht ausgerüstet sind, müssen werdende Eltern nicht selten gewisse Utensilien (Spritzen, Papierdecken, Katheter etc.) selbst besorgen. Die Listen dafür teilen die Geburtsärzte aus. Über Babys ist die Freude in Russland riesig. Schwangerschaft aber gilt größtenteils als eine Form von Krankheit. Viele verstecken gar den Bauch, bis er sich nicht mehr verstecken lässt.

 

Von Mareike Enghusen, Tel Aviv 

Wer einmal in Israel den Bus nehmen musste, weiß: Beim Ein- und Aussteigen sind Nahkampfkenntnisse von Vorteil, wer allzu zögerlich beim Einsatz seiner Ellenbogen ist, riskiert, dass sich die Bustür vor seiner Nase schließt. „Immer der Reihe nach“, „die Leute erst aussteigen lassen“ oder auch „Ladys first“ – so etwas gilt in Israel wenig. Es sei denn, die Lady hat einen Babybauch: Schwangeren Frauen wird in Israel mit größerer Selbstverständlichkeit ein Sitzplatz angeboten als es etwa in Deutschland der Fall ist. Mütter mit Neugeborenen auf dem Arm werden standardmäßig angesprochen, beglückwünscht und ausgefragt: „So ein Süßer!“, „Wie alt ist sie denn?“

Israel hat die höchste Geburtenrate aller Industrieländer: 3,1 Kinder bringt eine Frau im Durchschnitt hier zur Welt. Sozialwissenschaftler erklären die Kinderfreundlichkeit mit der berühmten Anweisung aus dem Alten Testament –„Seid fruchtbar und mehret euch“ – die auch unter säkular lebenden Israelis einen Nachhall findet. Nicht selten wird auch argumentiert, dass jüdische Israelis die Geburtenrate hochhalten müssten, um im demografischen Wettstreit mit den arabischen Nachbarn nicht zurückzufallen.

Tatsache ist: Die israelische Gesellschaft ist, so rau sie ansonsten oft erscheinen mag, ausgesprochen kinderfreundlich. Und der Staat fördert die Kinderwünsche seiner Bürger nach Kräften: In-Vitro-Fertilisation etwa wird staatlich subventioniert, ebenso wie die künstliche Befruchtung alleinstehender Frauen. Vorsorgeuntersuchungen und Geburtenkurse während der Schwangerschaft zahlen die Krankenversicherungen. Viele Familien entscheiden sich, außerdem eine „Dulah“ anzuheuern: eine Frau, die die werdende Mutter während der Schwangerschaft begleitet, berät und meist auch während der Geburt unterstützt.

Die Geburt findet in der Regel im Krankenhaus statt; Hausgeburten sind möglich, aber unüblich. Anders als in Deutschland ist bei einer normal verlaufenden Geburt in Israel kein Arzt zugegen, stattdessen eine erfahrene Hebamme. Erst bei Komplikationen wird ein Arzt oder eine Ärztin hinzugerufen. Weil Schwangerschaft und Geburt als selbstverständlicher Teil des Lebens gelten, ist der Umgang damit im Allgemeinen entspannter und routinierter als in Deutschland. Umso größer dagegen ist der Druck, dessen kinderlose Frauen sich erwehren müssen: „Und, wann ist es bei dir endlich soweit?“

Von Deine Korrespondentin