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Namibias illegale Königinnen
Emanzipation in den Bars der Townships

25. November 2020 | Von Helen Hecker
Wie fast alle der Frauen haben Vistolina (links) und Veronica (rechts) mehrere Kinder, die sie allein versorgen müssen. Fotos: Julia Runge

Die Portraits der deutschen Fotografin Julia Runge erzählen die Geschichten der „Shebeen Queens“ – selbstbestimmte Unternehmerinnen, die den Lebensunterhalt ihrer Familie mit dem illegalen Ausschank von Alkohol in den Bars der namibischen Townships verdienen. In einem Fotoband veröffentlichte die Berlinerin nun ihre Begegnungen.

Von Helen Hecker, Berlin

Es dauert eine Weile, bis sich die Augen an das schummrige Kerzenlicht im Inneren der Wellblechhütte gewöhnen. In der provisorischen Schänke, im Herzen des Townships, gibt es keinen Strom. Inmitten der bunt bemalten Fassaden wirkt der Eingang von außen wie ein schwarzes Loch. Hier hat das gleißende Licht der afrikanischen Sonne keine Chance. Die Einheimischen nennen eine solche Bar „Shebeen“ – ein Begriff, der sich vom irischen Wort sibín herleitet und der meist illegale Wohnzimmerkneipen meint, in denen alkoholische Getränke ohne gültige Lizenz angeboten werden.

Die meisten Shebeens sind spartanisch eingerichtet und haben nur wenig mit der westlichen Vorstellung einer Bar gemein.

Dass eine „Shebeen“ nichts mit einer Kneipe nach westlichen Vorstellungen zu tun hat, erfuhr die deutsche Fotografin bereits bei ihrem ersten Besuch. Julia Runge war damals Anfang 20 und lebte seit zwei Jahren in Namibias Hauptstadt Windhoek. Kurz nach ihrem Abitur überrumpelte sie Familie und Freunde und flog in das südafrikanische Land, um sich selbst zu finden. „Ich hatte ein sehr gutes Abitur und der äußere Druck, etwas ‘Richtiges’ zu studieren, war groß”, erinnert sie sich.

In Namibia fand sie den Mut, eine Karriere als Fotografin anzustreben. Das ist inzwischen elf Jahre her. In der Zwischenzeit absolvierte die heute 30-Jährige erfolgreich ein Studium an der Ostkreuzschule für Fotografie in Berlin und wurde mit mehreren Preisen für ihre Arbeiten ausgezeichnet. Dieses Jahr veröffentlichte sie schließlich einen Fotoband über die „Shebeen Queens“, für den sie die Bronzemedaille des Deutschen Fotobuchpreises erhielt.

Illegale Barkultur in den Townships

Bevor sie das erste Mal eine „Shebeen“ betrat, war Runge skeptisch. Durch einheimische Freund*innen hatte sie bereits von den illegalen Bars gehört. Nicht immer war das positiv. „Als weiße westliche Frau – oder als weiße Frau generell – ist es nicht üblich, sich alleine in den Townships aufzuhalten. An jenem Abend war ich jedoch mit einheimischen Freunden unterwegs“, erzählt die gebürtige Berlinerin. Da in den offiziellen Bars und Tankstellen in ganz Namibia nach 19 Uhr kein Alkohol mehr verkauft werden darf, fuhr Runge mit ihren Bekannten zu einer der illegalen „Shebeens“ im Windhoeker Stadtteil Katutura, in denen erst um zwei Uhr Zapfenstreich herrscht. Dort war alles ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte.

Einen Tresen, auf den die Gäste normalerweise intuitiv zusteuern, gäbe es in den wenigsten Wohnzimmerschänken, berichtet sie. Stattdessen stehen in der Regel ein paar Plastikstühle spärlich im Raum verteilt und die Kund*innen sitzen auf Bänken an der Wand. „In großen Messbechern wird dann der selbstgebraute Alkohol herumgereicht. Eine Art kollektiver Vertrauensbeweis“, erzählt sie. Das Erste, was der Deutschen jedoch beim Betreten der Bar auffiel, war eine Frau, die als Einzige in einer Gruppe von Männern in der Ecke saß. „Ich hatte damals noch nie etwas von den ‚Shebeen Queens’ gehört, aber diese Frau umgab eine Aura, bei der man spürte, dass sie etwas zu sagen hatte“, so Runge.

Die Unternehmerin Rauna Angala hinter dem Tresen.

In der patriarchalisch geprägten Gesellschaft Namibias ist es ein Tabu, dass eine Frau vor einem Mann das Wort erhebt. Umso überraschter war Runge, als plötzlich jene majestätisch dreinblickende Frau ihren Freund*innen antwortete und einen Platz in der Bar anbot. „Für mich war das absolut neu. Gerade in den Townships war ich es gewöhnt, dass der Mann das Sagen hat. Dass die Männer nun alle schwiegen, während sie sprach, beeindruckte mich zutiefst.“

Die Würde und gleichzeitig mütterliche Herzlichkeit, die von der Hausherrin ausging, fiel Julia Runge auch später bei den über 60 anderen Barbesitzerinnen auf, die sie für ihre Reihe in sechs verschiedenen Städten Namibias portraitierte. Ein Grund, den Fokus ihrer Arbeit nicht etwa auf die faszinierende nächtliche Barkultur zu richten, sondern auf die Frauen selbst.

Runge recherchierte neun Monate lang, bevor sie das erste Portrait schoss. Anfangs vermutete sie, dass die meisten Frauen ein schwieriges Standing im katholisch geprägten Namibia haben und innerhalb der Townships ausgegrenzt würden: „Fast alle von ihnen sind alleinstehend und haben zumeist uneheliche Kinder. Zudem sind sie mit dem Verkauf von Alkohol in einem Business tätig, das negativ behaftet ist“, erklärt die Fotografin.

Wahre Stützen der Gemeinschaft

In ihren Bildern entortet Julia Runge die illaglen Bars und lädt den Betrachter dazu ein hinter die Fassaden zu blicken.

„Ehrlich gesagt hatte ich zunächst Angst, niemanden für mein Projekt gewinnen zu können.“ Doch zu ihrer Überraschung waren die selbstbestimmten Entrepreneurinnen ausnahmslos bereit, sich fotografieren zu lassen und standen trotz der illegalen Rahmenbedingungen selbstbewusst zu ihrem Leben. Schnell entdeckte die Fotografin, dass die „Shebeen Queens“, wie sie liebevoll seit Jahrzehnten von den Einheimischen genannt werden, insbesondere in den Townships als feste Stützen der Gemeinschaft gelten.

Viele Menschen kämen dorthin, um sich den Frauen anzuvertrauen. Dort könnten sie über Probleme reden etwas Warmes essen, erklärt Runge den besonderen sozialen Status. Auch andere Frauen aus den Townships würden auf die Unterstützung der Gastwirtinnen zurückgreifen, um sich zum Beispiel Zucker zu leihen, der oft zu teuer ist, aber zum Bierbrauen genutzt wird. Die Idee, ihr Fotoprojekt eng an die individuellen Schicksale der Frauen zu knüpfen, war kein Zufall.

Nach dem Tod ihrer Mutter vor zwei Jahren kehrte Runge nach Namibia zurück, um intensiv an einem neuen Thema zu arbeiten: „Mein Leben war noch immer von der starken Frau geprägt, um die ich mich bis zuletzt kümmerte hatte und die nun nicht mehr da war. Andere starke Frauen zu treffen, die sich auch in schwierigen Situationen nicht unterkriegen lassen, hat mir geholfen.“ Umso wichtiger sei es ihr gewesen, die Frauen nicht auf eine klischeehafte Elendsrolle zu reduzieren, sondern ihren Mut und Unternehmerinnengeist zu zeigen – „Sie auf Augenhöhe zu treffen und ein gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, war für mich Basis von allem.“

Das Erbe der Apartheid                         

Allein im Stadtteil Katutura in Windhoek gibt es rund 3.200 „Shebeens“. Davon haben nur etwa 200 eine Ausschankgenehmigung. Die Ursprünge der improvisierten Schankwirtschaft reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Damals verkauften europäische Händler in der deutschen Kolonie den von ihnen importierten Alkohol an die ansässigen Volksgruppen. In Folge dessen erließen erst die deutsche Kolonialmacht und später die südafrikanische Verwaltung Gesetze, die die Einheimischen zwangen, sich in häusliche Schlupflöcher zurückzuziehen.

Dort waren es vor allem die Frauen, die begannen, Alkohol selbst herzustellen. So wurden die „Shebeens“ im Zuge des Apartheidregimes zu den einzigen Orten, an denen sich die Menschen frei austauschen konnten, politische Widerstandsbewegungen formierten und sich eine eigene Subkultur entwickelte. Bis heute ist die Ambivalenz der Wohnzimmerschänken eng mit der Benachteiligung der einheimischen Bevölkerung verbunden. Dank der Begegnungen mit den „Shebeen Queens“ entdeckte Runge, dass sich hinter Negativberichten oftmals Unwissenheit und Vorurteile verbergen.

Das selbstgebraute Bier wird reihum aus Messbechern getrunken. Beweis für Vertrauen und kollektives Selbstverständnis.

So spiele zum Beispiel Alkoholmissbrauch, der aufgrund der Armut ein großes Thema in Namibia ist, keine signifikante Rolle in den illegalen Bars. „In den ‚Shebeens’ darf kein Flaschenbier verkauft werden, sondern nur das tägliche Selbstgebraute, das mit gerade einmal 1,6 Prozent eher vergorenem Saft ähnelt”, weiß die Fotografin. „Grundsätzlich geht es also nicht um Besäufnisse, sondern um das gesellige Beisammensein.“ Die oft zitierte Gewalt und die Messerstechereien seien dagegen ein Phänomen legaler Bars, in denen auch Hochprozentiges angeboten wird, das sich die Menschen der Townships meist nicht leisten können.

Keine der Frauen, die Julia Runge traf, betreibt eine „Shebeen“ aus purer Freude: Sie seien alle durch eine Notsituation dazu gekommen. Viele hätten ihren Lebensunterhalt vorher anders verdient. Darüber hinaus traf sie auch junge Frauen wie Rauna Angala, die ihr Studium mit einem Darlehen finanziert und dafür Bier von zu Hause aus verkaufen hat. Die smarte Ingenieurin absolvierte ihren Master in der Hoffnung auf eine Karriere in einer der ertragreichen Uranminen des Landes. Nachdem jedoch die letzten Minen ihres Heimatortes von ausländischen Investor*innen aufgekauft und nur noch Fachkräfte aus China oder Schweden eingestellt wurden, fand sie nach dem Studium keinen Job.

Andere Frauen wiederum erlebten Gewalt und Ausbeutung in früheren Jobs. Vistolina Simion zum Beispiel arbeitete als Hausangestellte bei einer afrikanischen Familie, um sich mit dem festen Gehalt ihren Traum von einem Leben als Designerin zu verwirklichen. Allerdings wurde das schnell zum Alptraum. Beinahe täglich peitschte man sie mit einem Gürtel aus, sobald sie etwas falsch machte. Dies schädigte sie physisch so sehr, dass sie nicht mehr in der Lage war, sich um ihre Kinder zu kümmern und sie weggeben musste. Frauen im Rentenalter versuchen dagegen mithilfe einer „Shebeen“ ihre Familie zu ernähren, da es keine Unterstützung durch den Staat gibt.

Viele der älteren “Shebeen Queens” versorgen mit der Bar ihre Familie da sie vom Staat keine Unterstützung erhalten.

Der Mindestlohn einer Hausangestellten liege in Namibia bei umgerechnet 150 Euro – eine Familie könne frau damit nicht ernähren, so Runge. Mit einer einfachen „Shebeen“ würden die Frauen dagegen das Doppelte erwirtschaften und selbständig über das Geld verfügen. Finanziell flexibel autonom zu sein, sei der ausschlaggebende Faktor. Vor allem für die medizinische Vorsorge und Bildung ihrer Kinder bräuchten sie oftmals unvorhergesehen Geld.

Bierbrauen als Rettungsanker

„Egal, welchen Schicksalsschlag sie erlitten haben: Allen Frauen ist der Wille und das Selbstverständnis gemein, sich ihre Unabhängigkeit trotz Armut tagtäglich neu zu erkämpfen“, erklärt die Fotoreporterin. Bei einer Arbeitslosenquote von 49 Prozent sei das nicht immer einfach. Anstatt sich jedoch in der männerdominierten Welt schlecht behandeln zu lassen, nähmen sie lieber die Unsicherheit eines selbstständigen Business in Kauf.

Die wenigsten „Shebeen Queens“ haben einen Partner an ihrer Seite. „Sobald ein Mann ins Leben kommt, egal ob verheiratet oder nicht, ist er das Oberhaupt der Familie“, weiß Runge. Er habe das Sagen, selbst wenn die Frau sich um das Business kümmert und die wahre Chefin ist. Viele bevorzugten daher, sich allein mit ihren Kindern durchzuschlagen und das verdiente Geld in Babybrei anstatt zum Beispiel in Alkohol zu investieren. Die Unternehmerinnen legen dabei einen besonderen Arbeitsethos an den Tag: Um vier Uhr morgens aufstehen, Holz sammeln, Bar putzen, Kinder versorgen und bis spät in die Nacht arbeiten.

Aktuell belasten jedoch vor allem die neuen Präventionsgesetze, die im Zuge der Corona-Krise erlassen wurden, das Leben der „Shebeen Queens“. Denn ein von der Regierung verhängtes Alkoholverbot und die strengen Kontrollen während der Lockdowns haben die Situation in den Townships verschlimmert: „Fast täglich wurden Militärrazzien und Hausdurchsuchungen gemacht und mitunter alles konfisziert. Zudem sitzen ganze Familie auf engstem Raum in den kleinen Häusern und Wellblechhütten fest. Da gibt es kein Netflix oder Supermärkte im Umkreis von 100 Metern, die sie mit Passierschein erreichen können”, so Runge.

Die einzige Hoffnung sei der überwältigende Überlebenswillen der Frauen: „Keine von ihnen lässt sich entmutigen oder beklagt sich, sondern kämpft weiter. Dafür verdienen sie ohne Zweifel eine Krone.“

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Von Helen Hecker, Palermo

Helen Hecker berichtet als freie Redakteurin und Fotografin für Online, Print und TV. Sie ist unsere Community Managerin und kümmert sich darüber hinaus um unseren Instagram-Kanal. Nach ihrem Studium zur Sprach- und Politikwissenschaftlerin in Bamberg zog es sie 2008 nach Sizilien. Dort war sie lange Zeit für die nationale Dokumentarfilm-Akademie tätig und spezialisiert sich in ihrer Auslandkorrespondenz auf Italien. Mehr: www.helenhecker.de.

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Eva TempelmannMünster / Lima
Das medizinische Handwerk war lange Zeit Männersache. Heute machen Frauen zwei Drittel der Medizinstudierenden in Deutschland aus. In Führungspositionen sind sie mit zehn Prozent aber immer noch stark unterrepräsentiert. Auch in der Chirurgie stehen meist Männer am OP-Tisch. Der Verein „Chirurginnen e.V.“ will das ändern.

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