Müll sammeln zwischen Sonnenschirmen
Freiwillige befreien Strand von Plastik und Kippen

Freiwillige haben in einer Stunde 25 Kilogramm Müll am Strand von Sitges, in der Nähe von Barcelona, gesammelt. Foto: Pure Clean Earth

Zwischen Sonnenschirmen und Liegen sind an Spaniens Stränden immer mehr Müllsammler*innen unterwegs. Sie finden an den Küsten kiloweise Abfälle von Plastikmüll bis zum defekten Wasserkocher.

Von Christine Memminger, Barcelona

Handschuhe, Müllzange und eine große Tüte. Mehr braucht Andrea Torres nicht für ihren Strandspaziergang. Vom Sand pickt sie sofort ein paar Kippen auf, ein Stück Karton, eine Plastikflasche. Das Etikett der Fanta ist von der Sonne ausgebleicht. Sie liegt demnach vermutlich schon länger hier. Die Dame daneben auch. Leicht gerötetes Dekolleté, sie blinzelt durch eine große Sonnenbrille. Lächelt und versinkt wieder in ihrer Sommerlektüre.

Überall Zigarettenstummel (Foto: Christine Memminger).

Andrea Torres lächelt auch. Die verbeulte Fanta-Flasche war nicht von der Dame. Auch die Kippen sehen schon mehrfach aufgeweicht und eingetreten aus. „Die Leute lassen das einfach liegen. Oder sie werfen es von der Strandpromenade runter, wenn sie abends unterwegs sind. Oder es wird vom Meer angespült“, erklärt Torres. Das Problem: Wenn der Müll erst einmal da ist, geht er nicht mehr weg. Ein Zigarettenstummel braucht laut Umweltverband LIBERA bis zu 15 Jahre, um zu verrotten, und vergiftet dabei bis zu 50 Liter Wasser. Ein Plastikstrohhalm braucht über 100 Jahre. Welche Mengen davon heute auf den 500 Metern Strandabschnitt liegen, wird Torres in exakt 60 Minuten auswerten.

Seit einem Jahr organisiert die 32-Jährige nun Events zum Sammeln von Plastikmüll an den Stränden in und um Barcelona. Sie ist Mitbegründerin der Nichtregierungsorganisation (NGO) „Pure Clean Earth“, die die Freiwilligen mit Handschuhen, Müllzangen und Informationen versorgt. Heute findet das wöchentliche „Beach Clean Up“ in Andrea Torres Wohnort Sitges statt, eine halbe Stunde südlich von Barcelona. 15 Leute sind gekommen – darunter zwei Kinder und zwei Männer. Die meisten sind wie Torres zwischen 25 und 35 Jahre alt, weiblich und umweltbewusst.

Der harte Kern trägt die blauen T-Shirts von „Pure Clean Earth“. Sie begrüßen die neu Hinzugekommenen und plaudern locker drauflos. „Ich habe im Fernsehen die Bilder vom Plastik im Bauch der Fische gesehen,“ erklärt eine Teilnehmerin, „dagegen wollte ich etwas unternehmen.“ Eine andere meint: „Wiederverwendbare Trinkflasche, Jutebeutel, Mülltrennung, das habe ich schon immer gemacht. Aber ich will noch mehr für die Umwelt tun.“

„Ich kann nicht wegschauen, wenn irgendwo Plastikmüll liegt“

Bei Andrea Torres war ein Urlaub in Bali der Auslöser. Dort sah die gebürtige Kolumbianerin Berge von altem Plastik am Strand und half beim Aufräumen. „Seitdem kann ich nicht mehr wegschauen, wenn irgendwo Plastikmüll liegt, ich sehe ihn überall.“ Als sie dann in die Nähe von Barcelona zog, machte sie sich auf die Suche nach lokalen Initiativen und lernte über Instagram Daniel Reynolds kennen, der gerade eine NGO aufbaute. Kurzerhand schloss sie sich ihm an und widmet sich inzwischen ganztags dem freiwilligen Engagement. Insgesamt sind sie aktuell 14 Mitglieder in Spanien und Großbritannien, die die Veranstaltungen leiten.

Mandala aus Plastikmüll (Foto: Christine Memminger).

Sie haben eine öffentliche Genehmigung für ihre Events und eine Versicherung für die Teilnehmer*innen. Die Organisation läuft komplett über Social Media, zu finden über #TrashTribe. Außer den wöchentlichen Treffen am Strand besuchen sie auch Firmen und Schulen, klären dort über die Auswirkungen von Plastik auf die Umwelt und über Müllvermeidung auf. Dann sammeln sie auch mal eine Stunde Kippen vor der Kantine oder legen mit Kindern ein riesiges Mandala aus Plastikmüll auf dem Boden. Über Spenden finanzieren sie ihre Ausgaben, doch ein Gehalt können sie sich bisher nicht zahlen. Derzeit lebt Torres’ Familie zum Beispiel von Ersparnissen aus ihrer früheren Tätigkeit als Fotografin und dem Gehalt ihres Mannes als Architekt.

Kein Pfand auf Plastikflaschen in Spanien

Spanien liegt mit einem Jahreswert von insgesamt 443 Kilogramm Müll pro Kopf im europäischen Mittelfeld. Deutschland belegt mit 626 Kilo einen der obersten Plätze. Doch die Recyclingquote dreht das Bild um: Während in Deutschland 66 Prozent der Abfälle recycelt werden, sind es in Spanien nur 30 Prozent. Auf Plastikflaschen und Dosen gibt es in Spanien beispielsweise kein Pfand. Dementsprechend lässt sich Müllsammeln auch nicht zu Geld machen. Und was über das Mittelmeer angeschwemmt wird, ist in den Statistiken nicht erfasst. Doch das Bewusstsein ändert sich langsam.

In den vergangenen Jahren wurden entlang der spanischen Küsten vermehrt Organisationen gegründet, die sich dem Strandmüll widmen. Auch an Barcelonas Stränden treffen sich deshalb mehrmals die Woche verschiedene Gruppen. Es gibt unter anderem die Meeresbiolog*innen, verschiedene Surfer*innen und die Initiative einer Brauerei, die damit wohl ihr Image aufbessern möchte. Einmal im Jahr findet spanienweit ein Aktionstag unter dem Motto „1m2 für die Natur“ vom großen Umweltverband LIBERA statt, an dem diesmal 13.000 Menschen insgesamt 83 Tonnen Müll gesammelt haben. Sogar Königin Sophia hat sich an diesem Tag am Strand von Menorca mit Müllsack und Arbeitshandschuhen fotografieren lassen.

Andrea Torres am Strand (Foto: Christine Memminger).

Andrea Torres macht gerade einen komplett plastikfreien Monat, ihr Konsumverhalten hat sie sowieso schon umgekrempelt. Sie und ihr Mann erziehen auch ihren vierjährigen Sohn Matías zu einem „verantwortungsvollen Umgang mit der Natur“, wie sie es beschreibt. Der braune Lockenkopf trägt ein viel zu großes blaues „Pure Clean Earth“-T-Shirt und läuft lachend mit seiner Müllzange auf und ab. „Der Strand ist heute sehr dreckig“, erklärt er.

Besonders stolz ist Torres auf kleine Änderungen, die sie in ihrem Wohnort bewirken konnte. So sind hier inzwischen offiziell Plastikstrohhalme verboten und ein paar Strandbuden haben gerade ein Pfandsystem für Becher eingeführt. Trotzdem findet Torres heute bereits nach wenigen Metern einige Strohhalme aus Plastik im Sand. Im Zick-Zack-Kurs schlängeln sich die Müllsammler*innen durch die Badegäste. Sie müssen öfter stehenbleiben als erwartet. Kippen, Dosen, Taschentücher und wieder Kippen. Und das, obwohl der Strand auf den ersten Blick recht sauber aussieht und es einen offiziellen Reinigungsdienst der Stadt gibt. Vor allem in den Randbereichen und zwischen den Felsen haben sich auch größere Teile verfangen, wie ein defekter Wasserkocher, diverse Unterhosen und Kleiderbügel.

In einer Stunde 25 Kilo Müll

Die meisten Touristen tun währenddessen so, als seien die Aktivist*innen gar nicht da. Einige aber bedanken sich, beteuern, dass es nicht ihr Müll sei, der da herumliegt. Nur wenige fragen gezielt bei Andrea Torres nach. Dann erklärt sie ihnen, dass es laut einer Studie 2050 mehr Plastikteilchen als Fische im Meer geben wird. Dass sie im vergangenen Jahr 9.000 Plastikstrohhalme in Barcelona gesammelt haben.

Der gesammelte Müll wird sortiert bevor er entsorgt wird (Foto: Christine Memminger).

Und vor allem, dass jede*r mitmachen kann. „Wir wollen diese Aufmerksamkeit erzeugen,“ sagt sie. „samit die Leute beim nächsten Mal darauf achten, ihren Müll ordentlich in die Tonne zu werfen oder – noch besser – gar nicht erst mitbringen.“

Nach einer Stunde haben sich die 15 Freiwilligen wieder versammelt, Torres wiegt die prall gefüllten Tüten. Sie reißt die Augen auf, als sie das Ergebnis sieht: 25 Kilo sind auf dem kurzen Strandabschnitt zusammengekommen. „Und das, obwohl Plastik fast nichts wiegt. Und das meiste hier ist Plastik!“ Sie schreibt das Ergebnis auf eine Tafel. Am Tag zuvor haben sie mit mehr Helfer*innen in der gleichen Zeit an Barcelonas Stadtstrand 67 Kilo gesammelt.

Zum Schluss wird der ganze Abfall auf einen Haufen geworfen, in dessen Mitte der vierjährige Matías steht: „Wir leben in einer Welt voller Müll!“ Er strahlt über das ganze Gesicht. Gruppenfoto. Ein Mädchen, das heute zum ersten Mal dabei ist, fragt: „Sollen wir auch lächeln? Der Haufen ist doch entsetzlich!“ Aber Torres meint: „Wir lächeln extra deswegen. Die Leute sollen merken, dass es gut tut, Müll auch wieder aufzuräumen.“ Viele Passant*innen bleiben tatsächlich stehen und staunen. In die Spardose für Spenden wirft aber nur eine Frau etwas hinein.

Christine Memminger
Von Christine Memminger , Barcelona

Christine Memminger (28) bezeichnet sich selbst als Münchner Kindl mit spanischen Gewohnheiten. Derzeit lebt sie in Barcelona und arbeitet dort als freie Journalistin für Radio, Online und Print. Sie hat in Eichstätt Journalistik und in Barcelona Europäische Integration studiert, beim Bayerischen Rundfunk volontiert und stets großes Interesse an gesellschaftspolitischen Themen. Mehr unter: www.fraubarcelona.wordpress.com.

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