Langer Atem
Ägypten im Wandel

Menschenrechtsaktivistin Dalia Abdel Hameed beweist einen langen Atem bei ihrer Arbeit in Ägypten. Foto: Ali Abd El-Hameed

Genitalverstümmelung, Razzien gegen Homosexuelle: Oft erreichen Dalia Abd El-Hameed die Notrufe nach Feierabend. Wie viele andere Menschenrechtsaktivisten in Ägypten bekommt auch sie den zunehmenden Druck der Regierung zu spüren. Doch Wandel sei auch jetzt noch möglich, sagt sie – und findet einen Weg.

Von Sabine Rossi, Kairo

Neulich im Supermarkt fühlte sich Dalia Abd El-Hameed noch einmal in ihr altes Leben zurückversetzt. Vor ihr an der Kasse unterhielten sich zwei Ägypterinnen über geregelte Arbeitszeiten.

Dalia Abd El-Hameed: „Sie sagten: ‘Ich bin um halb zehn gekommen, also gehe ich um halb fünf nach Hause’ und ‘Ich war eine halbe Stunde eher da, dann gehe ich auch eine halbe Stunde eher.’”

Früher hat Dalia Abd El-Hameed selbst einmal so gedacht. In ihrem anderen Leben, als sie noch Apothekerin war. Jetzt lacht die 35-Jährige darüber. Ihre großen dunklen Augen, die durch die Brillengläser noch größer wirken, strahlen dabei.

Dalia Abd El-Hameed: „Ich denke nicht mehr so. Wir arbeiten zu Hause und schließen Freundschaften auf der Arbeit. Manchmal gibt es Notfälle auch noch nach Feierabend. Dann muss ich nach einem Anwalt suchen.”

Dalia Abd El-Hameed hat sich auf die Rechte von Frauen, Homosexuellen und Transgender in Ägypten spezialisiert. Offiziell ist Homosexualität in Ägypten nicht strafbar. Gesellschaftlich ist es jedoch geächtet. Richter ordnen Gefängnisstrafen an wegen „Ausschweifung“ und „Anstachlung zu unsittlichem Verhalten“. In den vergangenen vier Jahren hat der Druck auf Homosexuelle zugenommen. Polizisten sollen sich in Ägypten mit Decknamen in Online-Portalen und Dating-Apps angemeldet haben, hätten sich mit Männern getroffen und diese dann vor Ort verhaftet. Immer wieder hört Dalia Abd El-Hameed von derartigen Fällen und von Razzien der Polizei. Sie sammelt und dokumentiert all dies, berät Betroffene und ihre Familien, vermittelt einen Anwalt. Und sie glaubt fest an einen Wandel in Ägypten. So wie 2011. Nach dem Sturz des Langzeitmachthabers Hosni Mubarak habe es eine kurze Zeit gegeben, in der alles diskutiert werden konnte und auch wurde.

Dalia Abd El-Hameed: „Die sozialen Medien haben uns den Raum gegeben, uns zu organisieren und zu diskutieren – über Homosexualität, sexuelle Orientierung, Gender und Geschlecht, Kleidervorschriften, Kopftuch oder kein Kopftuch, über Freiheiten für Frauen. Ich hatte das Glück, all das mitzuerleben. Eine Erfahrung, die mich gelehrt hat, demütig zu sein und bescheiden, wenn es darum geht, wie Menschen dazulernen und ihre Werte neu definieren.“

Als Dalia Abd El-Hameed vor zehn Jahren begann für die Menschenrechtsorganisation EIPR zu arbeiten, habe sie über Frauenrechte nicht einmal öffentlich reden können. Belästigungen und die Anmache, die Frauen täglich in Ägypten ertragen, waren ein Tabu. Seitdem habe sich viel geändert.

Dalia Abd El-Hameed: „Wir haben einen grundlegenden Wandel hinter uns, vor allem wenn es um Gewalt an Frauen geht. Vor 2011 gab es nur einen einzigen Fall von sexueller Belästigung, der vor Gericht gelandet ist. 2015 wurde das Gesetz geändert. Seitdem dort das Wort ‚Belästigung‘ steht, haben wir Dutzende von Verfahren. Ich halte das nicht für einen kleinen Sieg. Das ist wirklich groß.“

Vom Nil aus gesehen versteckt sich der Tahrir-Platz hinter einem großen Hotel (Foto: Sabine Rossi).

Wenn Dalia Abd El-Hameed über die Revolution, wie sie die Demonstrationen und den Umbruch von 2011 nennt, spricht, klingt auch das nach einem anderen Leben. Heute sind viele Errungenschaften von damals Erinnerungen. Nicht nur Homosexuelle sind im Visier, seit der frühere Armeechef Abdel Fattah al-Sisi 2013 das Ruder übernahm. Die junge Generation, die auf dem Tahrir-Platz in Kairo und überall in Ägypten demonstrierte, hat das Land verlassen oder versucht, den Alltag zu überstehen. Das gilt auch für Dalia Abd El-Hameed und ihre Kollegen. Ende Mai unterzeichnete Präsident al-Sisi ein Gesetz, das Nichtregierungsorganisationen stärker kontrolliert. Feldforschung und Studien muss die Regierung nun erst einmal genehmigen und sie darf mitreden, wenn Posten innerhalb der Organisationen vergeben werden oder Geld eingeht. Und dennoch: Dalia und ihre Kollegen arbeiten weiter.

Dalia Abd El-Hameed: „Ich versuche keine Panik zu haben, denn Angst lähmt. Du kannst nicht mehr arbeiten, nicht mehr denken, keine neuen Ideen entwickeln, um weiter mit der Gesellschaft oder dem Staat im Austausch zu bleiben. Wenn Du Angst hast, denkst Du nur noch: ‚Darf ich das sagen oder besser nicht?‘ Du zensierst Dich selbst. Das ist gefährlich, vor allem wenn Du Dich für Menschenrechte einsetzt.“

Lange Zeit hat Dalia Abd El-Hameed selbst darüber nachgedacht, ins Ausland zu gehen. Doch damit sei Ägypten nicht geholfen, sagt sie. Gerade jetzt sei es wichtig, Wege zu finden. Ist einer verbaut, gelte es einen anderen zu probieren. Dalia Abd El-Hameed: „Während der Revolution ging der Wandel von den Straßen und Plätzen aus. Diese Freiheit gibt es heute nicht mehr. Unsere einzige Chance ist ein rechtlicher Wandel.“

Konkret denkt Dalia Abd El-Hameed an eines ihrer aktuellen Projekte: dem Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung. In Ägypten sind 87 Prozent der Frauen und Mädchen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten. Zu diesem Ergebnis kommt das Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen, Unicef, das 2015 verschiedene Datensätze ausgewertet hat. Die Eltern lassen ihre Töchter heimlich und oft ohne Narkose beschneiden, denn eigentlich ist die Beschneidung von Frauen in Ägypten verboten. Nur wird das Gesetz höchst selten angewendet.

Dalia Abd El-Hameed: „Das Mädchen hat keinen, der sie vertritt. Es gibt also keinen Kläger. Und der Staat sagt: ‚Wir haben es verboten, also haben wir unsere Arbeit getan.‘ Das ist die faulste Ausrede, die ein Staat anführen kann. Sie ändert nämlich gar nichts, zumal die Gesellschaft das Problem nicht erkennt.“

Deshalb sucht Dalia Abd El-Hameed nach betroffenen Frauen, die bereit sind, den Staat zu verklagen. Mit der Sammelklage wollen sie und ihre Kollegen auf die Genitalverstümmelung aufmerksam machen und darauf, dass der Staat versagt hat, seine Bürgerinnen zu schützen.

Dalia Abd El-Hameed: „Das würde tatsächlich etwas ändern und den Staat unter Druck setzen. Es erinnert die Leute daran, wer wirklich verantwortlich ist, und es nimmt den Opfern ihr Stigma. Viele Frauen schämen sich offen zu sagen, dass sie beschnitten sind. Aber wenn sie den Staat zur Verantwortung ziehen, können sie ihre Rechte einfordern.“

Den Staat sieht Dalia Abd El-Hameed dabei nicht als Gegner. Vielmehr geht es ihr darum, legale Wege zu beschreiten, eine Debatte auszulösen und damit ein Umdenken anzustoßen. Bis in Ägypten kein Mädchen und keine Frau mehr beschnitten werden, ist es noch ein langer Weg. Und dabei sei sie eigentlich sehr ungeduldig, lacht Dalia Abd El-Hameed.

Dalia Abd El-Hameed (lacht): „I’m a extremely impatient person in my normal life.”

Im Einsatz für Frauen- und Menschenrechte beweist sie jedoch einen langen Atem. Wenn es in diesem Leben nichts mehr wird, dann vielleicht in einem nächsten, sagt sie und denkt dabei an die Vorlage für ein Gesetz, an dem sie mit ihren Kollegen zurzeit arbeitet. Es soll Frauen in Ägypten erlauben, in bestimmten Fällen abtreiben zu dürfen.

Dalia Abd El-Hameed: „Ich habe nicht die leiseste Hoffnung, dass dieses Gesetz schnell umgesetzt wird. Wohl eher in zehn oder zwanzig Jahren. Vielleicht werde ich es erleben, vielleicht auch nicht. Manchmal musst Du die Samen sähen und jemand anders erntet die Früchte.“

 

Sabine Rossi
Von Sabine Rossi , Köln

Sabine Rossi (36) ist Redakteurin bei dem Radiosender COSMO (WDR). Spezialisiert ist sie auf den Nahen Osten, vor allem auf Syrien, wo sie nach ihrem Studium ein Jahr gelebt hat. Regelmäßig verstärkt sie das Hörfunkteam im ARD-Studio Kairo. Für „Deine Korrespondentin“ sucht sie nach starken Frauen im Nahen Osten – und die sind gar nicht so selten.