Kein Ende in Sicht
Frauen und Corona

Pia Schindelhauer hat das vergangene Jahr, so wie viele andere Frauen, viel Kraft gekostet. Foto: privat

Wie gehen Frauen in unterschiedlichen Ländern mit der Pandemie um? Welche Auswirkungen hat das Corona-Virus auf ihr Leben und ihre Arbeit? Unsere Korrespondentinnen haben in Deutschland, den Niederlanden und Irland interessante Beispiele gefunden, die exemplarisch für die Situation vor Ort sind.

Von Anne Klesse, Hamburg

Als am 27. Januar 2020 der erste COVID-19-Fall in Deutschland gemeldet wurde, war Pia Schindelhauer gerade mitten im Praktikum. Die Friseurmeisterin hatte nach ihrem Bachelorabschluss in Kommunikations- und Multimediamanagement eine Stelle bei einem großen Kosmetikunternehmen in Düsseldorf ergattert. Ende Februar endete das Praktikum, Anfang April wollte die 30-Jährige ihren neuen Job bei einem Startup in Berlin antreten – doch dazu kam es nicht.

Im März 2020 beschlossen Bund und Länder den ersten Lockdown, viele Geschäfte mussten geschlossen bleiben. „Meine neuen Arbeitgeber aus Singapur konnten nicht einreisen, plötzlich lag alles auf Eis“, erinnert sich Schindelhauer. Also verharrte sie in ihrer Heimatstadt Castrop-Rauxel. „Im September konnte es dann endlich losgehen – innerhalb von zwei Wochen musste ich mir ein WG-Zimmer suchen. Das war alles ganz schön aufregend.“

Die erste Zeit in Berlin sei schlimm gewesen. „Man konnte nichts unternehmen, die Freizeitmöglichkeiten waren extrem eingeschränkt.“ Zum Glück verstand sie sich gut mit ihrer neuen Mitbewohnerin. Doch die optimistische Aufbruchstimmung hielt nur kurz. Schindelhauers Vater, der kurz zuvor die Diagnose Parkinson erhalten hatte, infizierte sich mit dem Corona-Virus und musste im November ins Krankenhaus. Schindelhauer fuhr sofort nach Hause, um bei ihm und ihren Geschwistern zu sein. Ihr Vater, gerade mal 67 Jahre alt, starb zweieinhalb Wochen später.

Er ist einer von mehr als 73.000 Menschen, die laut Robert-Koch-Institut in Deutschland in Zusammenhang mit COVID-19 gestorben sind. Mehr als 2,5 Millionen Menschen sind bislang erkrankt, Frauen infizierten sich häufiger (53 Prozent) als Männer (47 Prozent), unter den Toten sind allerdings etwas mehr Männer. Zum Ende ihrer Probezeit im Februar 2021 erhielt Pia Schindelhauer zu allem Übel die Kündigung. Seither ist sie auf Jobsuche – die sich in Pandemiezeiten ebenfalls schwierig gestaltet.

„Aktuell sind nicht viele Stellen im Beautymarketing oder Produktmanagement ausgeschrieben, wenn überhaupt finden Bewerbungsgespräche über Video statt – alles nicht optimal.“ Das vergangene Jahr hat sie viel Kraft gekostet. „Es war eine sehr schwierige Zeit, sehr nervenaufreibend und traurig. Jetzt will ich einfach nur noch ankommen.“ Und dabei könnte ein Job helfen. Obwohl sie Berlin noch gar nicht richtig habe kennenlernen können, möchte sie bleiben. „Ich habe so viel aufgegeben, um herkommen zu können. Das muss für etwas gut sein“, sagt sie.

Felicitas Ernst beim Spaziergang mit ihrem Baby.

Felicitas Ernst lebt schon länger in Berlin. Die 41-Jährige und ihr Mann haben eine siebenjährige Tochter und erwarteten im vergangenen Jahr ihr zweites Kind. Geburt und Elternzeit gestalteten sich durch die Pandemiemaßnahmen einigermaßen ungewöhnlich. „Als wir uns im September 2020 zur Entbindung im Krankenhaus angemeldet haben, hieß es noch, dass Väter mit Mund-Nasen-Schutz im Kreißsaal dabei sein dürfen“, so Ernst. Sie habe gezittert und gehofft, dass diese Regel auch zum Zeitpunkt der Geburt noch gilt.

Anfang November folgten in Deutschland Maßnahmen, die als „Lockdown light“ bezeichnet wurden, Mitte Dezember dann der zweite Lockdown. „Als unsere Tochter im Dezember zur Welt kam, war mein Mann dabei. Aber er durfte mich und die Kleine anschließend nur eine Stunde am Tag besuchen. Da ich in einem Zweibettzimmer mit einer anderen Frau lag, ging auch das nur mit Maske.“

Während sie in der ersten Elternzeit viele Spaziergänge mit Kinderwagen unternahm, sich mit Freundinnen in Cafés traf und die erste Zeit mit ihrem Baby oft in Gesellschaft genoss, ist Ernst in ihrer zweiten Elternzeit isoliert.

„Meine ersten Spaziergänge mit ihr habe ich in einem engen Radius um unsere Wohnung herum gemacht, weil ich nirgendwo hätte stillen können – im Freien war es viel zu kalt. Cafés und Restaurants waren alle geschlossen. Wickeln im Kinderwagen wäre ebenfalls ein Problem gewesen.“ Dabei hatte sie sich vorgestellt, einen Baby-Schwimmkurs zu machen und in der Rückbildung andere Mütter kennenzulernen. „Rückbildung habe ich dann über einen Onlinekurs gemacht, der Schwimmkurs fiel ganz aus.“

Trotz aller Entbehrungen und den Belastungen – etwa durch Homeschooling – sei ihr bewusst, dass ihre Familie es gut habe: „Wir haben beide sichere Jobs. Durch Corona muss mein Mann nicht so viel reisen wie vorher, als er meist drei Tage in der Woche unterwegs war. Das ist natürlich schön, denn so können wir uns als Familie in der neuen Konstellation in Ruhe kennenlernen und er hat von unserer zweiten Tochter viel mehr mitbekommen.“ Es sei also alles irgendwie anders als erwartet, aber die vierköpfige Familie macht das Beste daraus.


Von Sarah Tekath, Amsterdam

Im März 2020 bricht in Tirol Corona aus. Suzanne Meier Mattern macht zu der Zeit Skiurlaub in St. Anton – und infiziert sich: „Dabei haben wir vorher noch im Hotel angerufen, ob es dort sicher ist.“ Ihr sei gesagt worden, dass es im Ort noch keine Fälle gebe. Doch es kam anders. „Ich hatte enorme Kopfschmerzen, Schwindel, Druck auf der Brust und Fieber“, erinnert sie sich an ihren letzten Tag im Skiort. „Aber ich dachte, es wäre nur eine Grippe.“ Zurück in Amsterdam geht sie entsprechend der Regierungsempfehlungen trotzdem in Quarantäne.

Nach drei Tagen mit konstantem Fieber von mehr als 40 Grad wird sie ins Krankenhaus eingewiesen. Ab März 2020 steigt die tägliche landesweite Aufnahme von Patient*innen mit Corona-Symptomen in Krankenhäusern kontinuierlich an. Bis Ende des Monats werden knapp 12.600 Personen in den Niederlanden positiv getestet. Viele von ihnen überleben nicht. In der letzten Märzwoche 2020 kommt es zum bisherigen Höchststand mit mehr als 5.000 Sterbefällen innerhalb einer Woche. Ein Jahr später wird die Zahl der Infizierten auf mehr als eine Million angestiegen sein, knapp 17.000 Menschen sind an dem Virus verstorben. 

Suzanne Meier Mattern steckte sich beim Skifahren in Tirol an (Foto: privat).

Auch Suzanne Meier Mattern steht damals zwischen Leben und Tod. Sie kann nicht mehr selbständig atmen und braucht Sauerstoff. „Ich musste Formulare ausfüllen, ob ich reanimiert werden möchte. Das war heftig, ganz allein, umgeben von Personal mit Schutzanzügen.“ Sie habe sich dafür entschieden.

Nach drei Tagen wird sie entlassen, ist aber noch lange nicht genesen. „Ich war ständig müde und sehr schwach. Die ersten zwei Wochen danach konnte ich gar nicht laufen. Es fühlte sich an, als wäre ich zehn Marathons gelaufen.“ Eine Treppe sei ein schier unüberwindbares Hindernis gewesen, nach wenigen Stufen habe sie Pause machen müssen. Außerdem seien ihr alle Haare ausgefallen, weil der Sauerstoffmangel zum Absterben der Haarwurzeln geführt habe.

Erst im September sei ihr Zustand besser geworden, sieben Monate nach der Erkrankung arbeitet sie wieder. Trotzdem zeigen sich schon heute Langzeiteffekte. „Selbst ein Jahr danach fällt es mir manchmal noch schwer, einen Wasserhahn aufzudrehen, den jemand zu fest zugemacht hat“, sagt sie. Sie geht deswegen einmal wöchentlich zur Physiotherapie. Und sie hat sich mit 300 anderen Niederländer*innen einer Sammelklage gegen die Tiroler Landes­regierung angeschlossen, mit der die Kläger*innen Schmerzensgeld und den Ersatz von Verdienstausfällen erreichen wollen.

Im März 2020, als Suzanne Meier Mattern in Österreich ist, bereitet sich Marianne van der Wildt in Amsterdam darauf vor, ihre Bar nach einem großen Umbau wiederzueröffnen. Die 40-Jährige hat Anfang 2019 die „Bar Buka“ eröffnet, mit dem Slogan: „Where Girls Meet“. Der Großteil der Gäste sei lesbisch. Eigentlich sei es nie ihr Traum gewesen, selbst einmal eine eigene Bar zu besitzen. Doch sie habe festgestellt, dass es in Amsterdam, trotz zahlreicher Schwulenbars und Clubs kaum etwas für lesbische Frauen gäbe.

Marianne van der Wildt in ihrer derzeit noch geschlossenen Bar (Foto: Sarah Tekath).

„Buka bedeutet offen auf Indonesisch. Hier soll ein Ort sein, an dem alle willkommen sind“, sagt sie. Ende 2019 investiert sie in einen Umbau – doch genau zur Fertigstellung beginnt der Lockdown. Ihr Lokal bleibt geschlossen, von Juni bis Oktober darf sie draußen mit einer Spezialgenehmigung einige Tische mit Abstand aufstellen. „Das war meine Rettung“, sagt sie.

Trotzdem ist die Lage schwierig. „Ich bekomme alle drei Monate 4.400 Euro vom Staat als Corona-Hilfe“, erklärt sie. Die Summe wird auf Basis des Umsatzes von 2019 gerechnet, wo „Bar Buka“ aber erst anlief und dann umgebaut wurde. „Das Geld ist eine Hilfe, deckt aber nicht meine monatlichen Kosten von 6.000 Euro, denn ich muss die Lokalmiete bezahlen, Versicherungen, Wasser, Strom und den Kredit für den Umbau.“ Zudem erhält sie als Selbständige monatlich gut 1.000 Euro, um ihre private Miete und Lebenshaltungskosten zu bezahlen.

Ab Mitte März bis Anfang April 2020 sterben in den Niederlanden wöchentlich die meisten Menschen (Screenshot: RIVM).

Dass „Bar Buka“ die Krise überleben wird, davon ist van der Wildt überzeugt. „Hier steckt viel von meinem Ersparten drin. Auch Freunde und Familie haben angeboten, im Ernstfall finanziell auszuhelfen.“ Sie hatkreative Ideen, um Geld einzunehmen. Sie verkauft Merchandise-Produkte und Wertmarken, die später eingelöst werden können. „Viele spenden aber auch“, sagt sie. „Das sind sowohl Stammgäste als auch Frauen, die nur ein paar Mal hier waren. Das hat mich sehr gerührt, denn hier zeigen sich die Kraft und der Zusammenhalt unserer Community.“ Die Pandemie hat gezeigt: „Bar Buka“ ist eine Bar von Frauen für Frauen – und die unterstützen sich jetzt gegenseitig.  


Von Mareike Graepel, Dublin

Eine Untersuchung des Nationalen Wirtschafts- und Sozialrates hat gezeigt, dass sich Frauen in Irland häufiger mit COVID-19 infiziert haben als Männer. Gleichzeitig empfanden es viele als vorteilhaft, mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Auch Erika Sexton fühlt sich zu Hause am wohlsten. „Ich bin in den ersten sechs Wochen während des ersten Lockdowns gar nicht vor die Tür gegangen“, erinnert sich die 62-Jährige. Die Frührentnerin lebt in Cloonkirgeen, im Südenwesten von Irland. Ihr Haus steht auf einem Hügel, der Blick ins Tal ist idyllisch – wie auf einer Postkarte liegt die Landschaft da, ein See, sanfte Wiesen, eine Burgruine.

Die Welt da draußen macht Erika Sexton trotzdem Sorge. „Ich bin weder hypochondrisch veranlagt noch überpingelig“, erklärt die Deutsche, die seit den 1980er Jahren in Irland lebt. „Doch im Zuge der Pandemie hatte ich Panikattacken, konnte nicht mehr zum Einkaufen fahren. Ich treffe kaum noch Menschen.“ Mittlerweile – Irland erlebt einen erneuten, strengen Lockdown, unveränderte Fallzahlen, täglich Tote – hat Erika Sexton die Maskennutzung und stetiges Desinfizieren von Händen und Einkaufswagen „perfektioniert“ und traut sich mehr.

Erika Sexton beim Einkaufen.

Fast ein Drittel der Frauen seien extrem besorgt um die Gesundheit eines Mitmenschen, so das Zentrale Büro für Statistik in Dublin. Einer der Gründe, warum Erika Sexton umsichtiger ist als je gedacht, liefert eine plausible Erklärung für besondere Vorsicht: Ihre Tochter Tina, die mit Mann und Kind in den USA lebt, hat Brustkrebs im fortgeschrittenen Stadium. „Ich bin hingereist, um ihr zu helfen, als sie viele Behandlungstermine hatte, natürlich mit Schutzmaßnahmen und einem Brief vom Onkologen in der Tasche.“ Wann sie ihre Tochter wiedersehen kann, ist ungewiss.

Online-Haarentfernung funktioniert eben nicht

In den Salons von Marjorie Cusack hat seit Monaten niemand einer Kundin oder einem Kunden auch nur eine Hand gegeben – die drei „Wax in the City“-Filialen in Dublin sind zu, ein Online-Service oder Hausbesuche nicht praktikabel oder erlaubt. Die 41-jährige Geschäftsfrau war auf einem guten Weg – doch dann kam der erste Lockdown. Einige Monate später hieß es dann Aufatmen und es machte sich Hoffnung auf Normalität breit. „Wir haben in den Salons alle Regeln eingehalten.“ Zum Konzept der Haarentfernungsstudios gehört normalerweise, dass jede*r ohne Termin hereinspazieren kann – „Das war natürlich unmöglich.“

Marjorie Cusack hat 20 Angestellte und weiß nicht, ob sie alle nach der Pandemie wiederkommen können.

Luftreinigungsgeräte, Handschuhe, Masken – alles, um der Kundschaft Sicherheit zu geben. Die neue Filiale hat Marjorie Cusack im August eröffnet – und nach acht Wochen wieder schließen müssen. „Ich habe 20 Angestellte und weiß nicht, ob die wiederkommen können.“ Manche schulten um, andere hätten Dublin verlassen. Online-Waxing funktioniert eben nicht. „Irische Frauen geben gern Geld für Schönheitsbehandlungen aus – aber sie gewöhnen sich auch an dessen Verzicht.“

Marjorie Cusack hat Glück im Unglück: Die Verpächter*innen der Ladenlokale sind verständnisvoll, wollen sie nicht als Mieterin verlieren. Und sie hat Rücklagen geschaffen – das Eröffnen von Salons in einer Wirtschaftskrise hat sie das gelehrt. „Die Hilfen des Landes in der Corona-Krise sind minimal, das Geld reicht nicht.“  Die Dublinerin hat keine Kinder, sagt: „Das Business ist mein Baby.“

Aber den Kund*innen Zuversicht zu vermitteln, obwohl sie ahnt, dass bis zu einem Viertel ihres Umsatzes nicht wiederkommen wird, falle ihr schwer. „Ich will nicht schließen, öffnen, wieder schließen. Ich bin müde, meine mentale Verfassung leidet immer mehr.“ Sie will positiv in die Zukunft schauen. Aber es ist nicht leicht.

 

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