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Chefredakteurin Pauline Tillmann spricht erstmals schonungslos über unser Finanzen. Foto: Evgeny Makarov

Es sieht nicht gut aus für „Deine Korrespondentin“. Die Einnahmen über Zeitungen sind uns aufgrund von Covid-19 massiv weggebrochen. Deshalb schreibt Chefredakteurin Pauline Tillmann – erstmals – einen offenen Brief. Es ist, wenn man so will, ein letztes Aufbäumen.

Von Pauline Tillmann, Konstanz

Es ist nicht leicht, diesen Artikel zu schreiben. Ich arbeite seit 20 Jahren als Journalistin und habe schon sehr, sehr viel geschrieben – für Print und Online, für den Hörfunk und auch fürs Fernsehen. Aber über die eigene Notlage zu schreiben, ist immer eine Zäsur. Eigentlich ist es nicht meine Notlage, sondern die des digitalen Magazins „Deine Korrespondentin“. Aber da ich das Magazin 2015 gegründet habe, ist es gewissermaßen „mein Baby“ – und damit auch unweigerlich eng mit mir und meinem persönlichen Gemütszustand verbunden.

Ich hatte im März 2017 einen Blogpost auf Steady geschrieben, der für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat. Damals habe ich ausgeführt, dass ich mir nach Jahren des ehrenamtlichen Engagements endlich eine Aufwandsentschädigung ausbezahlen möchte – und dafür mehr Unterstützer*innen auf Steady brauche. Ich habe viele Freund*innen und Kolleg*innen in der Medienbranche angeschrieben – und innerhalb von vier Wochen haben wir unsere Unterstützer*innen-Zahl verdoppelt. Seitdem ist leider nicht viel passiert.

Es ist unfassbar schwer, als kleines Medien-Startup zu wachsen und dauerhaft mehr Menschen davon zu überzeugen, 5 oder 10 Euro im Monat zu geben für ein Projekt, das vermeintlich „nice to have“ ist. Es ist nicht so, dass man*frau „Deine Korrespondentin“ braucht wie man „Spotify“ oder „Netflix“ braucht. Unsere Unterstützer*innen teilen die Mission mit uns, die Sichtbarkeit von Frauen zu erhöhen.

Sie finden den Umstand, dass viermal mehr über Männer in deutschen Medien berichtet wird als über Frauen unhaltbar und wollen mit ihrem Beitrag aktiv etwas daran ändern. Sie wollen, dass es mehr Geschichten über inspirierende, bemerkenswerte Frauen gibt. Manche von ihnen lesen sie auch regelmäßig. Und vielleicht wollen sie auch einfach, dass es mehr Auslandskorrespondentinnen gibt. Klar ist aber auch, es gibt bislang zu wenige dieser Frauen und Männer, die wir Unterstützer*innen nennen.

Absolute Transparenz über unsere Finanzen

Es ist nie leicht, komplett ehrlich über die eigenen Finanzen zu reden. Honorare sind immer noch ein Tabu-Thema in der Branche. Der Verband „Freischreiber“ hat zuletzt mit seiner Datenbank „Was Journalisten verdienen“ einen wichtigen Meilenstein gesetzt was die Transparenz von Honoraren für freie Journalist*innen angeht. Doch gerade Frauen trauen sich immer noch viel zu selten, besser zu verhandeln und bekommen deshalb in der gleichen Position auch oft weniger Geld als Männer.

Da ich aber überzeugt bin, dass Vertrauen nur durch radikale Transparenz entstehen kann, möchte ich an dieser Stelle erstmals die Finanzen von „Deine Korrespondentin“ komplett offenlegen. Die Kurzfassung lautet: Wir geben im Monat etwa 2.000 Euro für die laufenden Kosten aus und nehmen derzeit nur 1.200 Euro ein. Das heißt, wir haben aktuell eine Finanzierungslücke von 800 Euro, die wir nur durch zusätzliche Unterstützer*innen schließen können.

Die 2.000 Euro Ausgaben im Monat setzen sich wie folgt zusammen:

  • 4 Artikel der Korrespondentinnen à 200 Euro
  • 150 Euro für einen freien Programmierer
  • 50 Euro für eine Korrespondentin, die sich um Twitter kümmert
  • 50 Euro für eine Korrespondentin, die sich um Instagram kümmern
  • 175 Euro für Textchefin Katja, die liebevoll unsere Texte redigiert
  • 500 Euro Aufwandsentschädigung für mich, die sich quasi als „Frau für alles“ um Texte, Mitglieder, Marketing, Gesamtstrategie und Innovationen kümmert
  • 100 Euro für unseren Steuerberater, der einmal im Jahr eine umfassende Jahresbilanz erstellen muss, weil wir als UG formal gesehen eine Kapitalgesellschaft sind.

Inklusive Umsatzsteuer macht das alles zusammen 2.001 Euro. Nicht eingeschlossen sind darin sämtliche Werbemaßnahmen. Seit einiger Zeit geben wir keinerlei Geld mehr für Facebook-Werbung aus, sondern versuchen das alles aus eigener Kraft zu bewerben (mit Videos, Fotos etc.).

Das Bild zeigt unser Korrespondentinnen-Treffen Anfang 2020 in Berlin (Foto: Jan Zappner).

Einmal im Jahr organisieren wir darüber hinaus ein Korrespondentinnen-Treffen (in Deutschland, siehe Foto), bei dem ich Reisekostenzuschüsse gewähre und die Übernachtung in einer Airbnb-Wohnung bezahle. Dieses Jahr findet das Treffen Anfang Januar – wie könnte es anders sein – virtuell statt. Und aktuell hatten wir zusätzliche Ausgaben, weil wir Postkarten mit Illustrationen einer ägyptischen Künstlerin drucken ließen, die Frauen zeigen, über die wir berichtet haben. Diese wollen wir bald zum Verkauf anbieten (als Alternative zu „klassischen Weihnachtskarten“).

Unsere monatlichen Einnahmen sehen demnach aktuell wie folgt aus:

  • 866 Euro Steady (940 Euro abzüglich 10 % Provision und Transaktionsgebühren)
  • 330 Euro Direktspenden von Menschen, die wollen, dass alles bei uns landet und Steady keine Provision bekommt

Normalerweise kommen zu diesen 1.196 Euro noch Einnahmen über Zeitungen dazu. Das heißt, wenn wir einen unserer vier Artikel im Monat zum Beispiel an die Frankfurter Rundschau verkaufen, bekommen wir 250 Euro Honorar dafür. Vor Corona konnten wir zwei bis drei Artikel im Monat verkaufen. Im Zuge von Covid-19 stecken aber selbst etablierte Medienunternehmen wie DER SPIEGEL in einer Krise, da die Anzeigenerlöse massiv eingebrochen sind.

Zwar konnten die meisten Onlineseiten ihre Reichweite verdoppeln – und damit auch deutliche Zuwächse bei den Online-Abos verzeichnen – aber das macht die Verluste durch die rückläufigen Werbeeinahmen nicht gänzlich wett. Das heißt, die Zeitungen müssen sparen: an Redakteur*innen, an Reporter*innen, an Korrespondent*innen und vor allem an Artikeln. Und das merken wir ganz deutlich daran, dass nur noch wenige unserer Geschichten von anderen Medien übernommen werden.

Grundsätzlich war es schon immer extrem mühsam, unsere Artikel zu verkaufen, weil die Artikel in der Redaktion eine*n Fürsprecher*in brauchen. Nun ist es aber so, dass laut „Pro Quote“ 95 % aller Regionalzeitungen von Männern geleitet werden. Ähnlich sieht es, noch immer, bei Politikchef*innen und Auslandschef*innen aus. Diese Bereiche sind weitgehend in der Hand von weißen Männern zwischen 40 und 60 Jahren. Das heißt, die Bereitschaft, sich für Geschichten einzusetzen, die ausschließlich über starke, spannende Frauen berichten, hält sich in Grenzen.

Wir haben den Botschafter*innen u. a. Samen geschickt, weil sie aktiv dazu beitragen können, dass wir weiter wachsen.

Ich möchte an dieser Stelle anmerken, dass ich die Hoffnung habe, dass sich das perspektivisch gesehen, ändert. Es kommen – auch im Journalismus – immer mehr Frauen in Führungspositionen (der BR bekommt bald seine erste Intendantin!), aber es dauert nun mal ewig und drei Tage. Deshalb: Wir können nicht auf neue Chefredakteurinnen im großen Maßstab warten, sondern müssen darauf setzen, mehr Menschen jetzt davon zu überzeugen, uns finanziell unter die Arme zu greifen.

Ich denke schon länger über eine Botschafter*innen-Kampagne nach und am 1. Dezember ist so eine Kampagne tatsächlich gestartet. Ich habe 20 unserer treusten Unterstützerinnen – und die Korrespondentinnen – gefragt, ob sie für uns die Werbetrommel rühren wollen. Ich habe ihnen Postkarten und Samen geschickt (siehe Foto) sowie zu mehreren Zoom-Runden eingeladen. Ich kann nicht sagen, ob wir damit die 100 zusätzlichen Steady-Abonennt*innen gewinnen können, die wir zum Überleben brauchen. Aber es ist zumindest ein Versuch, die oben beschriebene Lücke zu schließen.

Und ich muss an dieser Stelle auch offen sagen: Vermutlich ist es mein letzter Versuch, ein letztes Aufbäumen. Denn wir  haben gerade 2020 so viele neue Sachen auf den Weg gebracht, dass wir alle – inklusive mir – auch ein bisschen müde und erschöpft sind vom ständigen Kampf gegen wegbrechende Einnahmen.

 

Unsere Bilanz 2020

Wir starteten eine sechsteilige Virolog*innen-Serie, um zu zeigen, dass es noch mehr außergewöhnliche Wissenschafter*innen gibt jenseits von Christian Drosten. Wir haben zwei Live-Talks auf Instagram veranstaltet. Wir haben einen Tag lang auf WhatsApp über Covid-19 aus vier verschiedenen Ländern berichtet. Wir haben einen Podcast gestartet und inzwischen sieben Folgen produziert, um euch unsere Korrespondentinnen, ihren Arbeitsalltag und ihre Geschichten näher zu bringen.

Wir haben mit einem unabhängigen Buchverlag über ein Best-of-Buch gesprochen – die Idee: 20 unserer Geschichten als gedrucktes Buch herauszubringen. Wir wollen unsere Artikel in Zukunft auch als Audio zur Verfügung stellen, weil das immer wieder von unseren Leser*innen gewünscht wurde (startet bald). Und mit unserem neuen Gold-Paket auf Steady haben wir die Absicht, einmal im Monat engagierte Frauen und Männer (analog und digital) zusammenzubringen, um eine Community von Gleichgesinnten zu schaffen.

 

Um es noch einmal deutlich zu sagen: Wir haben keinen reichen Mäzenen im Hintergrund, wir werden nicht von Stiftungen unterstützt, weil wir nicht gemeinnützig sind. Wir sind ein Netzwerk von freien Journalistinnen, die es wichtig finden, dass in Deutschland mehr über Frauen berichtet wird. Wenn wir genug Menschen finden, die diesen Ansatz mit uns teilen, können wir 2021 weitermachen. Sollte uns das nicht gelingen, war es für uns alle eine wahnsinnig erlebnisreiche Achterbahnfahrt, die allerdings im neuen Jahr endet, weil uns der Sprit ausgeht.

Wir wollen eine Community von engagierten Frauen und Männern schaffen, die die Welt ein Stück besser machen wollen (Foto: Jan Zappner).

Die Idee für „Deine Korrespondentin“ wurde vor sechs Jahren geboren. Für ein Medien-Startup ist das eine halbe Ewigkeit. Die meisten geben nach zwei, drei Jahren auf, weil es ihnen nicht gelingt, ein dauerhaftes Geschäftsmodell zu finden. Wir würden uns wünschen, dass uns das nicht passiert. Wir würden uns wünschen, dass wir in den nächsten sechs Jahren weitere 300 Geschichten über tolle Frauen aus der ganzen Welt publizieren können. Um das zu tun, musst DU aber auch etwas tun – und zwar über deinen Schatten springen und uns unterstützen.

 

Du magst unsere Geschichten über inspirierende Frauen weltweit und willst uns AKTIV unterstützen? Darüber freuen wir uns! Entweder wirst du ab 5 Euro im Monat Mitglied bei Steady (jederzeit kündbar) oder lässt uns eine Direktspende zukommen. Wir sagen: Danke, das du deinen Beitrag leistest, dass guter Journalismus entstehen und wachsen kann.

 

Von Pauline Tillmann , Konstanz

Pauline Tillmann ist Gründerin und Chefredakteurin von „Deine Korrespondentin“. 2011 bis 2015 war sie freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg und hat für den ARD Hörfunk über Russland / Ukraine berichtet. Zuvor hat sie beim Bayerischen Rundfunk volontiert. 2013 hat sie das iPad-Buch „Frei arbeiten im Ausland“ geschrieben, 2015 das eBook „10 Trends für Journalisten von heute“ und 2020 am Handbuch für digitale Medien-Entrepreneure (DW Akademie) mitgewirkt. Mehr unter: http://www.pauline-tillmann.de.

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