„Ich bin überzeugt, dass wir zu diesem Land gehören“
Interview mit jüdischen Siedlerin

Die 24-jährige Chaya Tal betreibt einen eigenen Blog, in dem sie die Situation im Westjordanland beschreibt. Fotos: privat

Sie ist „die Siedlerin“ – so lautet der Titel des Blogs, den sie über ihr Leben in einer israelischen Siedlung im Westjordanland schreibt. Chaya Tal wurde in St. Petersburg geboren und kam als Siebenjährige mit ihrer Mutter nach Deutschland. Seit anderthalb Jahren lebt sie in Gush Etzion, einem Siedlungsblock nahe Jerusalem.

 

Sie haben Ihre Kindheit in Köln verbracht, sind aufs Gymnasium gegangen und hätten danach ein ganz normales deutsches Studentenleben führen können. Was hat Sie als Teenager dazu verleitet, stattdessen in eine Krisenregion zu ziehen?

Ich bin ohne starke jüdische Identität aufgewachsen, niemand in meiner Familie war religiös. Mit 13 habe ich angefangen, Hebräisch zu lernen, weil einige meiner Verwandten in Israel leben. Mit der Sprache habe ich dann die Kultur und die Religion für mich entdeckt. Das hat mich fasziniert und ich habe gemerkt, dass ich ganz viel verpasse. Ich habe angefangen, Bücher über das Judentum zu lesen und in die Synagoge zu gehen. 2005 bin ich nach Israel gereist und dort habe ich mich gleich zugehörig gefühlt – wie ein Teil des größeren Ganzen. Und so habe ich beschlossen, nach Israel auszuwandern – am liebsten sofort, mit 14 Jahren. Aber meine Mutter bestand darauf, dass ich in Köln das Abitur mache. Zwei Monate nach meiner Abiprüfung bin ich nach Israel gezogen.

 

Viele junge Menschen, die aus Europa nach Israel kommen, fühlen sich angezogen vom leichtlebigen Tel Aviv. Warum sind Sie stattdessen in eine Siedlung gezogen?

In den ersten Jahren habe ich in Jerusalem gelebt. Dort habe ich meinen zweijährigen Militärdienst in der Presseabteilung der Armee absolviert. Im Sommer 2014 wurden drei israelische Jungen entführt, in Gush Etzion (im Westjordanland, Anmerkung der Redaktion). Das hat mich sehr berührt. Ein paar Tage danach haben Freunde von mir eine Art Vorposten im Wald gegründet, direkt neben der Stelle, wo die Jungs entführt worden waren, als Gedenken an die drei Ermordeten. Sie haben das auf Facebook gepostet und geschrieben: „Kommt und unterstützt uns!“ Das habe ich dann gemacht.

 

Was wollten Sie damit bezwecken?

Die Idee war, in diesem verlassenen Wald, der unter israelischer Kontrolle stand, eine Art Tourismuspark zu entwickeln. Wir haben in Zelten geschlafen und die Gegend dort geputzt, eine alte Ruine aufgebaut und gestrichen, drumherum Wege freigelegt und Leute eingeladen. Man durfte da nicht bauen und wir wollten auch nicht unbedingt eine neue Siedlung anlegen, sondern nur den drei ermordeten Jungen gedenken. Die Menschen aus den umliegenden Siedlungen haben uns unterstützt: Die Leute kam zum Zelten, zum Grillen, für Konzerte und Familienfeiern. Ich habe vier Monate dort im Zelt gewohnt. Bis der Winter kam. Danach habe ich mir gesagt: Okay, ich bin in der Sache drin, es ist neu, es ist aufregend, ich möchte hierbleiben und lernen. Deshalb habe ich der nahegelegenen Siedlung Alon Shevut einen Wohncontainer angemietet.

 

Welche Menschen leben dort – und warum?

Überwiegend Leute aus der Mittelschicht, sehr viele englischsprachige Einwanderer. Viele kommen aus ideologischer Überzeugung: Sie wollen zeigen, dass Israelis das Recht haben, in diesen Gebieten zu leben. Aber dazu kommen andere Gründe wie die Lebensqualität. Gush Etzion liegt nah an Jerusalem, es gibt eine schnelle Verbindungsstraße, die Infrastruktur ist sehr gut, es gibt viele Kindergärten, Schulen, sehr gute medizinische Versorgung. Gleichzeitig ist es ländlich, ruhig und angenehm.

 

In Ihrem Blog nennen Sie sich „die Siedlerin“. Was bedeutet der Begriff für Sie?

Das ist als kleine Provokation gemeint. Ich selbst benutze den Begriff normalerweise nicht, denn man kann durchaus andere Begriffe finden, wenn man möchte. Aus meiner Sicht sind wir jüdische Bewohner von Judäa und Samaria (offizielle israelische Bezeichnung für das Westjordanland, Anmerkung der Redaktion), ganz normale jüdische Bürger, wie man sie auch in Tel Aviv oder Haifa findet.

 

In den Augen der internationalen Gemeinschaft gibt es allerdings einen Unterschied: Tel Aviv und Haifa gehören unstrittig zu Israel, während dort wo Sie leben, die Palästinenser einen eigenen Staat errichten wollen. Warum wollen Sie dennoch in Gush Etzion wohnen und nicht in Tel Aviv?

Zunächst einmal mag ich den Ort an sich. Aber am wichtigsten ist der ideologische Grund: Ich bin überzeugt, dass wir Juden zu diesem Land gehören. Und das Schaffen von Fakten vor Ort – dort zu bauen, dort zu leben – ist meiner Ansicht nach eine viel gesündere Art und Weise, dies zu zeigen, als nur dazusitzen und irgendwelche theoretischen Details auszuhandeln. Es gibt genügend Beweise, dass die jüdische Geschichte eng verbunden ist mit Hebron, mit den Hügeln von Samaria, mit dem ganzen Gebiet. Leider haben viele Juden das Bewusstsein dafür verloren. Auch deshalb finde ich es wichtig, dass wir in Judäa und Samaria leben: um ein gesundes, eigenes Selbstverständnis aufzubauen. In der arabischen Welt ist dieses Denken übrigens sehr verwurzelt: Ich lebe hier, denn schon mein Vater und mein Großvater haben hier gelebt. Wir Juden dagegen müssen dieses Bewusstsein nach 2.000 Jahren im Exil erst wiederbeleben.

 

Sie haben es gerade selbst gesagt: Viele palästinensische Familien wohnen seit vielen Generationen auf diesem Gebiet. Deshalb herrscht in der internationalen Gemeinschaft die Haltung vor, dass der Konflikt nur gelöst werden kann, indem man das Territorium in zwei Staaten für zwei Völker aufteilt.

Ich verstehe nicht, warum die Welt immer noch so versessen ist auf die Idee einer Zweistaatenlösung, nachdem derartige Versuche wieder und wieder gescheitert sind. Schon 1947 gab es den UN-Teilungsplan: Das Land sollte aufgeteilt werden in einen arabischen und einen jüdischen Staat. Die Juden sagten: Okay, wenigstens etwas. Die Araber lehnten ab. Auch in den Jahrzehnten danach haben die Araber alle israelischen Angebote ausgeschlagen und als sich Israel aus dem Gazastreifen zurückzog, übernahm dort die Terrororganisation Hamas die Kontrolle und begann, Raketen auf Israel zu schießen. Aus diesen bitteren Erfahrungen heraus ist es heute aus meiner Sicht eine Wahnidee, vor unserer Haustür einen palästinensischen Staat zu errichten.

 

Derzeit kontrolliert Israel de facto eine Bevölkerung von Millionen von Palästinensern – Menschen, die keine israelische Staatsbürgerschaft haben. Halten Sie diesen Status Quo für lebensfähig?

Nein, ich halte den Status Quo für falsch. Es gibt eine Militärherrschaft und damit kann niemand gut leben, weder wir noch die Palästinenser. Dieses System wurde als temporär eingerichtet und anschließend war man zu feige, die Situation in irgendeine Richtung zu lösen: entweder indem man Land abgibt oder indem man es annektiert. Israel muss sich entscheiden.

 

Und wie?

Ich möchte diese Gebiete als Teil des israelischen Staates sehen. Welche Staatsbürgerschaft dann die Palästinenser bekommen, die dort leben, müssen diejenigen entscheiden, die das Ganze ausarbeiten.

 

Bekämen diese Palästinenser keine politischen Rechte, wäre ein solcher Staat keine Demokratie. Bekämen sie die gleichen Rechte wie jüdische Israelis, ginge der jüdische Charakter Israels verloren.

Von dieser sogenannten demografischen Bedrohung ist oft die Rede. Aber da geraten einige Statistiken durcheinander: Immer wieder entdeckt man, dass Palästinenser doppelt und dreifach gezählt wurden und so kommt man dann auf die irrsinnige Zahl von mehreren Millionen. Aber wenn man das nachprüft, stimmt es gar nicht. Außerdem verändern sich Geburtsraten ständig, so wie sich auch Gesellschaften entwickeln und verändern. Gleichzeitig ziehen Juden aus der ganzen Welt nach Israel, die jüdische Bevölkerung wächst also weiter.

 

Seit Monaten werden fast täglich israelische Zivilisten von Palästinensern mit Messern attackiert oder mit Autos gerammt. Viele dieser Anschläge ereignen sich im Westjordanland. Haben Sie Angst?

So etwas wie die aktuelle Anschlagswelle habe ich noch nicht erlebt. Auf dem Parkplatz des einzigen Supermarks bei uns im Ort wurde eine Frau mit einem Messer angegriffen. Ich bin ein relativ furchtloser Mensch, aber natürlich mache ich mir jetzt Gedanken, wo ich hingehe und wohin besser nicht. Andererseits: Niemand hat mich gezwungen, zu leben, wo ich lebe. Ich könnte es einfacher haben. Aber ich bleibe, weil überzeugt bin, dass ich das Recht habe, dort zu wohnen. Die Araber ziehen auch nicht aus ihren Dörfern weg. Warum sollten wir wegziehen?

 

In Deutschland wie im übrigen Europa sehen viele Menschen die Siedler als größte Hürde auf dem Weg zu einer Lösung des Konflikts. Wie gehen Sie damit um?

Schwer finde ich es nur dann, wenn ich versuche, mich zu erklären, und die Leute wollen mir nicht einmal zuhören. Viele treten mit einer Selbstgerechtigkeit auf, die aus meiner Sicht unangemessen ist – vor allem, wenn sie, anders als ich, gar selbst nicht vor Ort sind, sondern ihr Wissen nur aus der Zeitung oder vom Hörensagen haben. Ich habe kein Problem damit, dass Leute unterschiedlicher Meinungen sind – aber es wichtig, zumindest zuzuhören.

 

Sie schreiben ein Blog über Ihr Leben in der Siedlung. Was ist die Idee dahinter?

Ich habe das Blog angefangen als ich nach Alon Shevut gezogen bin, weil ich dachte: Das ist eine einzigartige Erfahrung, davon möchte ich berichten. Und viele Leute sind tatsächlich sehr wissbegierig. Allein heute hab ich zwei Mails bekommen von Leuten, die einfach neugierig waren. Das ist schön! In deutschen Zeitungen stehen ja immer die gleichen Sätze über die illegalen Siedler und der Normalbürger weiß nicht, was hinter diesem Begriff steht – wie sollte er auch? Ich möchte diesen Menschen, über die ich schreibe, eine Stimme geben und zum Denken anregen. Ich finde es wichtig, dass sich jeder seine eigene Meinung bildet.

Mareike Enghusen
Von Mareike Enghusen , Tel Aviv

Mareike Enghusen (33) berichtet als freie Auslandsreporterin über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Nahen Osten, vor allem aus Israel, Jordanien und den palästinensischen Gebieten. Mehr unter: http://www.mareike-enghusen.de.