Gulya geht nicht weg
Einblick in die russische LGBT-Community

Gulya Sultanova leite das Bok-o-Bok-Festival in St. Petersburg. Foto: Pauline Tillmann

Während viele Russen ihrem Heimatland den Rücken kehren, hält Gulya Sultanova tapfer die Stellung. Sie organisiert das LGBT-Festival „Bok o Bok“ und lässt sich nicht einschüchtern. Das Portrait einer mutigen, unerschrockenen Lesbe in St. Petersburg.

Von Pauline Tillmann, St. Petersburg

Von außen sieht die weiße Tür aus wie jede andere. Ein Hinweisschild sucht man vergeblich. Organisationen, die sich für Homosexuelle einsetzen, leben in Russland gefährlich. Deshalb verzichtet „Bok o Bok“ ganz bewusst auf ein solches Schild. Die Menschen hinter „Bok o Bok“, was zu Deutsch „Seite an Seite“ bedeutet, veranstalten seit 2008 in St. Petersburg ein schwul-lesbisches Filmfestival. Eine der Hauptorganisatorinnen ist Gulya Sultanova. Die 39-Jährige lebt offen lesbisch. Ich treffe sie innerhalb von zwei Jahren insgesamt fünf Mal.

Was mich immer wieder aufs Neue beeindruckt ist ihre positive Ausstrahlung. Ihre Widerstandskraft. Ihr Durchhaltewillen. Viele ihrer schwulen und lesbischen Freunde haben Russland in dieser Zeit den Rücken gekehrt. „Diese Menschen sind verzweifelt, manche auch depressiv“, sagt sie, „man weiß nicht wie es weitergeht – wird man morgen verhaftet, zusammengeschlagen oder vielleicht sogar umgebracht?“

Wer einmal länger in Russland gelebt hat, weiß: Das ist kein Rechtsstaat. Es herrscht absolute Willkür der Behörden. Und auf Homosexuelle sind die russischen Behörden alles andere als zu sprechen. Toleranz gegenüber der LGBT-Community sei ein „Geschwür aus dem Westen“, das es zu bekämpfen gilt, tönt es aus den Mündern vieler Duma-Abgeordneter.

Präsident Wladimir Putin selbst verwendet lieber den Begriff „russischer Sonderweg“, der meint, dass Minderheiten wie Schwule oder Lesben eben nicht – wie im Westen – akzeptiert werden. Die Stigmatisierung nimmt also immer weiter zu, zuletzt aufgrund des landesweiten „Gesetzes gegen die Propaganda von Homosexualität und Pädophilie“. Das stellt zum Beispiel unter Strafe, wenn man eine Regenbogen-Fahne hisst oder wenn man öffentlich über Schwule und Lesben in Anwesenheit von Minderjährigen spricht.

Staat und Kirche hetzen gegen Homosexuelle

Die orthodoxe Kirche bezeichnet Homosexualität als Sünde und schürt damit die Homophobie vieler Menschen weiter an. Für Gulya Sultanova ist es gar die Kirche, die bestimmt, was in der Gesellschaft erlaubt ist und was nicht. Sie sagt: „Es gibt in Russland eine gefährliche Annäherung von Kirche und Staat.“ Das macht die Arbeit für die 39-Jährige nicht leichter. Beim Filmfestival „Bok o Bok“ hatte sie schon immer Schwierigkeiten mit Veranstaltern, die kurz vorher kalte Füße bekommen haben. Oft wurden die Kinovorstellungen aufgrund einer fingierten Bombendrohung einfach abgebrochen.

Interessant dabei ist, dass sich Gulya Sultanova und ihre Mitstreiterinnen trotzdem nicht von ihrer Mission abbringen lassen. Selbst als das so genannte „NGO-Gesetz“ in Russland verabschiedet wurde und sich ihre Organisation als „ausländischer Agent“ registrieren lassen musste, ist sie standhaft geblieben und zog sogar vor Gericht. Im schlimmsten Fall hätte ihr eine Strafe von drei Jahren Gefängnis gedroht. Durchsuchungen, Einschüchterungen, Schikanen waren bei ihr – wie bei vielen anderen NGOs – an der Tagesordnung. Am Ende wurde die Anklage fallengelassen.

Die russische Regierung wollte den NGO-Sektor mit drakonischen Strafen mundtot machen und dafür sorgen, dass kein weiteres Geld aus dem Ausland in den Aufbau einer Zivilgesellschaft fließt. Und dieser Plan hat funktioniert. Viele NGOs haben den Kampf gegen die Behörden inzwischen aufgegeben. Auch „Bok o Bok“ ist keine Nichtregierungsorganisation mehr, sondern ein kommerzielles Unternehmen. Das heißt, auf ausländische Stiftungsgelder kann Gulya Sultanova nicht mehr zählen. Stattdessen ist sie darauf angewiesen, ihre Ausgaben ausschließlich mit russischen Sponsoren und Ticketverkäufen zu bestreiten. „Die Behörden wollen uns einschüchtern“, sagt sie, „aber wir lassen uns nicht erschrecken.“

Viele Russen sehen Schwule und Lesben als psychisch krank an

Tatsächlich kämpft die LGBT-Community aber nicht nur gegen postsowjetische Behörden, sondern auch gegen die Mehrheit der russischen Bevölkerung. So gaben bei einer Umfrage des renommierten Lewada-Instituts im Jahr 2010 insgesamt drei Viertel der Befragten an, Homosexualität für moralisch verwerflich oder für eine psychische Krankheit zu halten. Mehr als ein Drittel stimmte dem Vorschlag zu, Homosexuelle ohne deren Einwilligung einer Heilbehandlung zu unterziehen oder gleich ganz von der Gesellschaft zu isolieren. Ähnlich äußerten sich hohe Politiker, unter anderem der russische Außenminister – Sergej Lawrow sagte wörtlich, Russland müsse unabhängig von europäischen Werten das Recht haben, die Gesellschaft vor Homosexuellen-Propaganda zu schützen.

Durch die Ukraine-Krise hat sich der Fokus allerdings verschoben. Die leidenschaftliche Hetze gegenüber Schwulen und Lesben hat 2014 deutlich abgenommen. Ganz verschwunden ist sie deshalb natürlich trotzdem nicht. Noch immer werden Anhänger der LGBT-Community bedroht, beschimpft, bespuckt und misshandelt. Im Moment wird massiv gegen Lehrer, und zwar nicht nur in St. Petersburg, sondern in ganz Russland, vorgegangen. Sollte ein Kollege, Nachbar oder Bekannter einen Lehrer als homosexuell denunzieren, wird er oder sie – ohne weitere Beweise – gefeuert. Das führt dazu, dass immer weniger Menschen ihre Homosexualität öffentlich zugeben. Stattdessen ziehen sie sich ins Private zurück oder führen ein Doppelleben.

Wichtig sei, so Gulya Sultanova, dass man die Hoffnung nicht aufgebe. Repressionen habe es in Russland, wenn man sich dessen Geschichte anschaue, schließlich immer gegeben. Die Denkweise der meisten Russen – „ich kann sowieso nichts machen“ – hat sie schon lange überwunden. „Das ist einfach eine Frage der Bequemlichkeit, natürlich kann man aktiv sein und für ein anderes Russland kämpfen!“ Obwohl sie in einem autoritären Regime lebt, werde sie nicht aufgeben. Das sei eine Frage der persönlichen Entschlossenheit. Und Gulya Sultanova ist fest entschlossen, weiterzumachen. Es ist ein Kampf für individuelle Gleichheit und für gesellschaftliche Gerechtigkeit, im größten Flächenstaat der Welt.

 

 Info-Box:

Gulya Sultanova hat Germanistik studiert und ein Auslandsjahr in Schwäbisch-Gmünd verbracht. 2008 hat sie das Filmfestival „Bok o Bok“ mitinitiiert. 2014 lief es vom 20. bis 29. November. Mit dabei waren 2.000 Besucher und Filme aus Brasilien, den USA, Frankreich, Australien, Schweden, der Schweiz, der Türkei und Deutschland.

Das Besondere: Die Veranstaltungen liefen reibungslos ab, weil sie zum ersten Mal in Viereinhalb-Sterne-Hotels untergebracht waren (Kempinski, Sokos). Normalerweise ist es an der Tagesordnung, dass LGBT-Festivals vom Staatsapparat torpediert werden. Beim Queer-Festival, das im September 2014 in St. Petersburg stattfand, wurde bei einigen Veranstaltungen Rauchgas eingesetzt, um dem Publikum Angst und Schrecken einzujagen. 

 

Weiterführende Links: 

http://comingoutspb.com/ru/home

http://www.lgbtnet.ru/en

http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kolumnen-sendungen/langstrecke/schwule-und-lesben-russland-100.html

http://www.dw.de/russische-homosexuelle-fliehen-in-die-usa/a-17562119

Pauline Tillmann
Von Pauline Tillmann , Berlin

Pauline Tillmann (35) war 2011 bis 2015 freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg und hat vor allem für den ARD Hörfunk über Russland und die Ukraine berichtet. Im Mai 2015 hat sie „Deine Korrespondentin“ gegründet. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Reportagen und Radio-Features über soziale, kulturelle und politische Themen. Im Sommer 2013 hat sie das iPad-Buch „Frei arbeiten im Ausland“ geschrieben, 2015 das eBook „10 Trends für Journalisten von heute“. Mehr unter: http://www.pauline-tillmann.de.