Geliebt und gehasst
Die argentinische Vizepräsidentin Cristina Kirchner

Peronistischer Wahlkampf: Alberto Fernandez und seine Vize Cristina Kirchner (2. v. links). Foto: Presse Alberto Fernández

Die einen feiern sie als Wiedergeburt Evitas, für andere symbolisiert sie den Untergang des Landes. Unbestritten ist: Keine Politikerin prägte Argentinien wie Ex-Präsidentin Cristina Kirchner. Nun, inmitten einer schweren Wirtschaftskrise, ist sie wieder da – als Vizepräsidentin.

Von Anne Herrberg, Buenos Aires

„Vamos a Volver!“, zu Deutsch „wir kommen zurück“! Der Sprechchor hallt in Stadionlautstärke durch die breite Avenida Corrientes im Chacarita-Viertel von Buenos Aires. Dazu Trommeln und Hupkonzerte, übermütige Menschen fallen sich in die Arme, sie tanzen und lachen, schwenken Fahnen und spreizen die Finger zum V. V für Victoria.

Es ist der Abend des 27. Oktober. Gerade haben die Argentinier*innen den amtierenden Präsidenten Mauricio Macri abgewählt. Vor der Wahlkampfzentrale der Opposition fließen Freudentränen. „Macri hat das Land kaputt gemacht, es gibt keine Arbeit mehr!“, sagt Sandra Baldoni, die sich eine Argentinienflagge umgehängt hat. „Wir brauchen wieder eine Politik für uns, für die einfachen Leute!“. „Vamos a Volver“, das hat viel mit einer Frau zu tun, deren politische Karriere Macri beim Amtsantritt eigentlich ein und allemal für beendet erklärte.

Nun ist sie wieder da – wenn auch nur als Vizepräsidentin. In einem seidig flatternden Hosenanzug, dunkles Bordeaux-Rot, steht Cristina Fernández de Kirchner auf der Bühne. Sie lächelt und hält das Mikrofon Richtung Menge: „Cristina Corazón“, schallt es zurück. Das heißt so viel wie „Cristina, mein Herz“. Große Emotionen, elektrisierte Massen, es ist ein erprobtes Spiel, das zur Folklore des Peronismus gehört, Argentiniens bestimmender politischen Bewegung, die auf den Volkstribun Juan Perón und seine Ehefrau Evita zurückgeht.

Cristina Kirchner beherrscht die Dramaturgie perfekt. Hand auf Herz, dann ruft sie mit stockender Stimme: „Nie hätte ich gedacht, dass ich an diesem Datum so glücklich sein würde!“ Der 27. Oktober ist der neunte Todestag ihres Ehemannes Néstor Kirchner, der vor ihr Präsident war. „Néstor ist nicht tot, er lebt weiter im Volk“, singt die Menge sofort und auf der Großleinwand erscheint sein Foto.

Vom Widersacher zum Verbündeten

Dabei heißt der gewählte Präsident an diesem Abend eigentlich Alberto Fernández. Zuerst war er Kabinettschef Néstor Kirchners, später auch von Cristina. Doch die beiden überwarfen sich. Fernández, eher ein Kandidat der Mitte, wurde zu einem der schärfsten Kritiker der Linksperonistin. Zehn Jahre sollen sie nicht miteinander geredet haben. Nun bilden sie ein Duo. Ein meisterhafter Schachzug, urteilt Noelia Barral Grigera, die als Journalistin die Innenpolitik Argentiniens beobachtet. Cristina selbst habe verstanden, dass sie als Kandidatin zu stark polarisiert: „So nahm sie Macri den Wind aus den Segeln.“

Cristina Kirchner bringt zwar nach wie vor viele Wählerstimmen mit – sie schreckt aber genauso viele ab. Für ihre Anhänger ist „La Jefa“, die Chefin, eine unerschütterliche Kämpferin für das Volk. Ihre Gegner sprechen abschätzig von „La Yegua“, der Stute, und trauen ihr jedes Laster zu: von Verschwendungssucht bis Vaterlandsverrat. Mit Alberto Fernández an der Spitze gelang es aber, auch die Gemäßigten abzuholen und die zerstrittenen Peronisten zu einen. Oder wie Fernández selbst es ausdrückt: „Mit Cristina reicht es nicht, ohne sie geht es nicht.“

Keine Politikerin hat Argentiniens Schicksal so geprägt wie die heute 66-jährige Juristin. Als First Lady wurde sie für ihr perfektes Styling bewundert,  taillierte Kostüme, Luis Vuitton-Taschen und hohe Absätze. Beim Amtsantritt verglich man sie dann mit Hillary Clinton und störte sich am Glamour. Doch schnell wurde klar: Kirchner schreibt ihre eigene Geschichte.

Cristina-Fanartikel in La Matanza (Foto: Anne Herrberg).

Ihr aktuelles Buch „Ehrlich gesagt“ handelt genau davon. Es ist ein subjektiver Rückblick auf ihre Regierungsjahre, als in ganz Südamerika linke Regierungen das Kommando übernahmen und den ökonomischen Rezepten aus Washington trotzig den Rücken kehrten.

Argentiniens Wirtschaft wuchs mit Rekordraten. Dank der weltweiten Gier nach Rohstoffen waren die Staatskassen voll. Milliarden flossen in soziale Verbesserungen und Subventionen. In Kirchners Augen eine gewonnene Dekade. Viele sehnen sich zurück. Ihr Buch wurde zum Bestseller, inzwischen hat sie es mehrere 100.000 Mal verkauft.

Eine Frau, die aus dem Rahmen fällt

Cristina Elisabet Fernández, so ihr Mädchenname, ist Tochter einer alleinerziehenden Gewerkschafterin und eines antiperonistischen Busunternehmers, der sie erst Jahre später anerkannte, schreibt Sandra Russo, offizielle Biografin der Präsidentin und feurige Anhängerin. In den politisch aufgeladenen 70er Jahren studiert Cristina Fernández Recht an der Universität von La Plata und lernt ihren späteren Mann Nestor kennen.

1976 putscht das Militär, es folgt eine grausame Diktatur, viele frühere Kommilitonen verschwinden. Das Paar zieht sich nach Patagonien zurück, in die Heimatprovinz Néstors Santa Cruz. Dort gründen sie eine Anwaltskanzlei und fassen bald Fuß in der Lokalpolitik. Anfang der 90er Jahre wird er Gouverneur der Provinz, sie zieht als Senatorin in das Oberhaus des argentinischen Kongresses.

Das südamerikanische Land gilt damals als neoliberaler Musterstaat – im Präsidentenamt sitzt Carlos Menem. Der Peso wird eins zu eins an den Dollar gebunden, Staatsunternehmen privatisiert – der IWF unterstützt mit Krediten. Doch 2001 fliegt alles in die Luft. Argentinien bricht unter einer gigantischen Auslandsschuld zusammen, die Banken sperren die Sparkonten, Supermärkte werden geplündert, 39 Menschen kommen bei den Unruhen ums Leben. Und Santa Cruz wird vom Rückzugsort zum Sprungbrett. 2003, inmitten des Chaos, wird der Outsider aus Patagonien zum Präsidenten gewählt.

Schlange stehen für Cristina – vor der Buchpräsentation in La Matanza (Foto: Anne Herrberg).

„Santa Cruz und Kirchner, das war ein Geben und Nehmen“, sagt Mariela Arias, die in der Stadt El Calafate für die konservative Zeitung „La Nación“ arbeitet. „Ihre Macht hier basierte auf einer patriarchalen Struktur und das haben sie auf Bundesebene übertragen.“ El Calafate ist Ausgangspunkt für Exkursionen zum Gletscher Perito Moreno. Er ist in den Kirchner-Jahren zum zweitwichtigsten Tourismusziel des Landes geworden.

Hauptprofiteur öffentlicher Großaufträge ist ein Kirchner nahestehender Unternehmer, im Austausch dafür sollen Millionen geflossen sein. Ähnlich soll das später auf Bundesebene gelaufen sein – das geht aus Notizbüchern hervor, die angeblich vom Chauffeur des Bauministers geschrieben wurden. Die Justiz ermittelt, mittlerweile auch gegen Kirchners zwei Kinder. Das Problem: Auch die Justiz hat in Argentinien ein Glaubwürdigkeitsproblem, da sie je nach politischem Wind Fälle aufnimmt oder ad acta legt.

Kirchner selbst sieht sich als Opfer einer politischen Schmutzkampagne. Allzu groß scheint die Aufregung in Argentinien über diese Skandale ohnehin nicht zu sein. Was zählt ist, so scheint es, wer das Land aus der Krise führen kann – und das haben die Kirchners schließlich schon einmal geschafft.

Die Outsider aus dem Süden

Ab 2003 gelingt es Néstor Kirchner, das Land wirtschaftlich zu stabilisieren, der „Pinguin“ aus Patagonien erweist sich als schlauer Netzwerker mit einem ausgeprägten Gefühl für die Stimmung auf der Straße – und so hat seine Witwe zum Wahlsieg am 27. Oktober auch jene Gruppe eingeladen, die zu ihren größten Unterstützer*innen zählt. Die renommierten Menschenrechtlerinnen Mütter der Plaza de Mayo, die seit der Diktatur für Aufklärung über ihre verschwundenen Kindern kämpfen.

Es waren Néstor und Cristina Kirchner, die nach Jahren der Amnestie die Aufarbeitung der grausamen Vergangenheit angestoßen haben. „Cristina war an allen Entscheidungen beteiligt, schließlich hat sie mehr Erfahrung als Politikerin auf Bundesebene gesammelt“, sagt Sandra Russo. Gleichzeitig hat sie es als Frau im vorwiegend männlichen dominierten Politestablishment schwerer – vor allem, als sie 2007 als erste gewählte Präsidentin in den rosafarbenen Regierungspalast einzieht.

„Sie hat sich mit alteingesessenen Eliten angelegt und deren Privilegien in Frage gestellt – das wurde ihr nie verziehen“, sagt Russo. Als Cristina Kirchner 2008 die Exportsteuern auf Soja massiv erhöhen will, gehen Argentiniens mächtige Bauernverbände auf die Barrikaden. Die Präsidentin fordert den größten Medienkonzern des Landes sowie die Justiz heraus. Außerdem überwirft sie sich mit der katholischen Kirche als sie die Homo-Ehe legalisiert.

„Vielleicht waren es zu viele Fronten auf einmal“, resümiert Russo. 2010 stirbt Néstor an Herzversagen, ein Jahr später, wird Cristina im Amt bestätigt. „Die schwarze Witwe“ habe den Tod ihres Mannes instrumentalisiert, schreiben die Medien. „Kein anderer demokratischer Präsident ist so dämonisiert worden wie Cristina“, findet Russo. Ihre Zustimmungswerte lagen jedoch auch am Schluss noch über 50 Prozent. Und das, obwohl Argentiniens Wirtschaft damals schon nah am Abgrund taumelte.

Kirchners „schweres Erbe“

„Natürlich gab es auch Probleme,“ sagt Kirchner auf einer ihrer Buchpräsentationen in La Matanza, im dichtbesiedelten Vorstadtgürtel von Buenos Aires, „aber sie wurden multipliziert und es kamen neue dazu: Armut und Staatsverschuldung. So etwas ertrage ich nicht.“ Ihr aktuelles Buch „Ehrlich gesagt“ ist so auch eine bittersüße Abrechnung mit all denen, die ihre Ära als verlorenes Jahrzehnt bezeichnen. Denn nach den Maßstäben des Kapitalismus war der Autarkie-Kurs der Ex-Präsidentin ein auf Pump finanzierter, populistischer Wahnsinn. Er funktionierte solange bis die Preise für Soja und Weizen fielen.

Als Mauricio Macri 2015 übernahm, erbte er ein abgeschottetes Land mit einem gigantischen Loch im Haushalt und einer hohen Inflation. Doch sein anfangs gefeierter liberaler Reformkurs hinterlässt nun einen noch größeren Scherbenhaufen: eine doppelt so hohe Inflation, Millionen neue Arme und einen unbezahlbaren Schuldenberg, davon über die Hälfte beim Internationalen Währungsfonds. Argentinien gilt heute wieder als Pleitekandidat.

Für das Kirchner-Lager nur eine erneute Bestätigung, dass ihr als Populismus beschimpfter Weg doch der richtige war. „Politische und wirtschaftliche Modelle, die auf konstantem Sparzwang fußen, sind nicht haltbar“, ruft Cristina Kirchner ihren Parteigenossen am Wahlabend kämpferisch zu. Was gerade in Chile und Ecuador passiere, müsse zu denken geben. Die Märkte stimmt das neue Duo weniger euphorisch. Bereits im August, als die Peronisten die Vorwahlen mit haushohem Vorsprung gewannen, verlor der Peso ein Drittel seines Wertes.

Breites Bündnis gegen Macri mit Kirchner in der Mitte (Foto: Presse Alberto Fernández).

Die Panik galt vor allem Kirchner: Sie stellt die weltweit vorherrschende Wirtschaftsordnung nicht nur infrage. Sie glaubt, dass ihre Maßstäbe gar nicht funktionieren können in den Ländern Lateinamerikas, die geprägt sind von himmelschreiender Ungleichheit. Mit dieser David-gegen-Goliath-Starrköpfigkeit trifft Kirchner einen Nerv, umso mehr da alle bisherigen Versuche in Argentinien, mithilfe des IWF aus Krisen zu kommen, fulminant scheiterten.

Unvergessen auch ihr Auftritt auf dem G20-Krisengipfel 2011, als sie das argentinische Modell als Alternative für Europas Krisenstaaten präsentierte: „Eure Sparzwänge erwürgen die Wirtschaft“, erklärte Kirchner dort und überzog wie immer maßlos die Redezeit, „was wir gerade erleben, ist die totale Anarchie eines Finanzkapitalismus.“ Auf internationalem Parkett fragte man sich zusehends, ob diese Argentinierin mit dem außergewöhnlichen Redetalent noch alle Tassen im Schrank habe.

Auch deswegen überrascht ihr Schachzug, sich auf Platz zwei der Macht zurückzuziehen. Viele prophezeien, Alberto Fernández sei nur ihre Marionette, im Hintergrund ziehe Kirchner die Fäden. „Glaubt ihr wirklich, dass sich alles nur um mich dreht?“, fragt Cristina auf ihrer Buchpräsentation, „wie kleinlich wäre das von Cristina, wie kleinlich!“ Ihre Anhänger jubeln. Sie lächelt und schreibt ein paar Autogramme auf das Cover ihres Beststellers.

Anne Herrberg
Von Anne Herrberg , Buenos Aires

Anne Herrberg (36) ist als Reporterin in Südamerika unterwegs. 2015 und 2016 hat sie als Juniorkorrespondentin für den ARD-Hörfunk über den Friedensprozess in Kolumbien oder die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro berichtet. Nun unterstützt sie das ARD-Studio in Buenos Aires weiterhin regelmäßig. Schwerpunkt: Geschichten über die vielen faszinierenden und mutigen Frauen Südamerikas.

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