Geheimdienst-Veteraninnen auf besonderer Mission
Frauen in Israels IT-Sektor

Mit der Initiative "Women2Women" sollen israelische Frauen im IT-Bereich besser vernetzt werden. Foto: Dror Yitzhak

In der Erfolgsgeschichte der israelischen High-Tech-Branche kommen Frauen kaum vor. Drei Veteraninnen jener Geheimdiensteinheit, die als Israels Start-up-Schmiede gilt, wollen das ändern – indem sie ein Netzwerk starker Frauen aufbauen.

Von Mareike Enghusen, Tel Aviv

Das US-Magazin „Forbes“ nennt sie „Israels geheime Start-up-Maschine“, der britische „Guardian“ schreibt vom „ultimativem Start-up-Bootcamp“, das Onlinemagazine „Business Insider“ beschreibt sie als „beste High-Tech-Schule der Welt“: Die Rede ist von „Einheit 8200″, einer geheimdienstlichen Abteilung der israelischen Armee, zuständig für Fernmelde- und elektronische Aufklärung. Die schnöde Zahlenfolge steht in Israel für Exzellenz: Die Auswahltests für die Einheit ziehen sich über ein Jahr hin, und da der Wehrdienst für die meisten jungen Israelis verpflichtend ist, kann sich die Einheit die Talentiertesten des ganzen Landes aussuchen. Eine von ihnen ist die 30-jährige Noya Lempert. Was genau sie während ihres zweijährigen Wehrdienstes gemacht hat, darf sie nicht erzählen, nur so viel: „Man gibt sehr viel, bekommt aber auch sehr viel zurück.“

Nicht zuletzt technisches Knowhow: Die Rekruten erlernen während ihres Wehrdienstes den Umgang mit Technologien, die weltweit ihresgleichen suchen, und erhalten so gewissermaßen nebenbei eine Ausbildung, die den Grundstein für eine spätere Karriere im IT-Sektor legen kann: Viele der erfolgreichsten israelischen Start-ups wurden von 8200-Veteranen gegründet. Dass Israel als High-Tech-Wunderland gilt, mehr Firmen am NASDAQ hat als Deutschland und Frankreich zusammen und die meisten Start-ups pro Einwohner weltweit, schreiben viele Experten zumindest teilweise der legendären Einheit zu.

Die Erfolgsgeschichte hat bloß einen Haken: Ihre Hauptrollen sind fast ausschließlich von Männern besetzt. Die High-Tech-Industrie in Israel wird wie in anderen Ländern auch von den Herren dominiert, nur ein Drittel aller Angestellten in der Branche ist weiblich. Und je höher man schaut, desto weniger Frauen findet man. Im Fall der 8200-Veteranen verwundert das insofern, als dass das Geschlechterverhältnis in der Einheit nahezu 50 zu 50 beträgt, wie Noya Lempert berichtet: „Ich hatte männliche und weibliche Kommandeure, es herrschte eine Atmosphäre absoluter Gleichberechtigung.“ Warum schlagen männliche und weibliche 8200-Almuni später dennoch so unterschiedliche Wege ein? Diese Frage stellte sich Noya Lempert, die in klinischer Psychologie promoviert. Auf einem der Ehemaligentreffen der Einheit vor einem Jahr kam sie mit zwei Frauen ins Gespräch, die das Thema ebenfalls beschäftigte: Efrat Dayagi, 32-jährige Anwältin, und Keren Hershcovitz, 24-jährige Mathematikstudentin. Die drei beschlossen zu ergründen, was die Frauen bremst – und was sich dagegen tun lässt.

„Frauen geben sich mit weniger zufrieden“

An einem Freitagmittag treffen sich die drei Frauen auf der Terrasse eines Cafés im Norden Tel Avivs. Überwiegend junge Menschen sitzen an den groben Holztischen, das Wasser wird in bunten Plastikbechern serviert, und natürlich gibt es die Sandwiches auf der Speisekarte auch als vegane Variante – typisch Tel Aviv. Das Café ist der Stammplatz des Trios, ihr Büro gewissermaßen, hier treffen sie sich, wenn es etwas zu besprechen gibt. Und zu besprechen gab es viel im vergangenen Jahr. Um das Problem zu ergründen, befragten die drei zunächst etliche junge 8200-Veteranninen  zu ihrer Karriereplanung, ihren Wünschen und ihren Ängsten. „Wir haben festgestellt, dass das Problem an der Schnittstelle zwischen Studium und dem ersten Job auftritt“, erzählt Keren Hershcovitz. „Viele Frauen sagen: Okay, ich habe schon einen Studentenjob, damit mache ich in den nächsten Jahren weiter, bis ich ein Kind bekomme. So geben sie sich mit weniger zufrieden, als sie erreichen könnten.“

Efrat Dayagi ergänzt: „Manche der Frauen, mit denen wir gesprochen haben, waren sogar Offizierinnen in der Einheit, es besteht kein Zweifel an ihrem Talent – und doch glauben sie nicht an sich. Natürlich gibt es viele Faktoren, die Frauen zurückhalten: Erziehung, Gesellschaft, Diskriminierung. Aber wir haben nicht die Macht, im Parlament ein Gesetz zu beschließen. Auf der persönlichen Ebene dagegen können wir Einfluss nehmen.“

Zu diesem Zweck gründeten die drei Frauen Anfang des Jahres eine Initiative namens „Women2Women“. Sie wollen damit 20 ausgewählte junge Frauen, die selbst in der Einheit gedient haben und nun die an einem kritischen Punkt ihrer Karriereentwicklung stehen, in ihrem Selbstbewusstsein stärken und bei wichtigen Entscheidungen unterstützen. Das wichtigste Instrument dafür ist persönliches Mentoring: Die drei Frauen haben 20 ältere 8200-Veteranninen, die heute Führungspositionen besetzen,  dafür gewinnen können, jeweils einer jungen Frau vier Monate lang als Mentorin zu dienen. Die Jungen und die Erfahrenen treffen sich einmal im Monat für ein intensives Gespräch, in dem die Jüngeren all ihre Sorgen ansprechen, Ratschläge empfangen und sich den Rücken stärken lassen können.

„Am schwersten war es, die Mentorinnen zu finden“, erzählt Noya Lempert. „Genau das reflektiert unser Problem. 20 erfolgreiche männliche Alumni hätten wir in einer Sekunde aufgetrieben.“ Schließlich gelang es den drei Frauen dennoch. Manche der Mentorinnen arbeiten im High-Tech-Sektor, andere in der Wissenschaft oder im diplomatischen Dienst. Zwar liegt der Schwerpunkt des Programms auf der High-Tech-Industrie, doch es soll auch Frauen in anderen Branchen beim Aufstieg helfen. „Jede der 20 Mentorinnen hat ohne zu zögern zugestimmt“, erzählt Noya Lempert. „Sie alle glauben an das Projekt.“ Im April ist die erste Runde gestartet, sie läuft bis Ende August; in der zweiten Runde soll das Programm auch Frauen offenstehen, die keine 8200-Alumni sind. Auf lange Sicht wollen die drei Gründerinnen auf diese Weise ein berufliches Netzwerk jener Art aufbauen, wie viele Männer es seit langem pflegen.

Fehlende Netzwerke

Zika Ab-Zuk ist eine der wenigen Frauen, die sich in der High-Tech-Branche weit nach oben gearbeitet haben: Im israelischen Ableger von Cisco leitet sie die Abteilung für soziale Investitionen, sie hat millionenschwere Projekte in Israel, den palästinensischen Gebieten und Afrika umgesetzt. „Frauen haben oft weniger gute Netzwerke“, bestätigt sie am Telefon. „Die High-Tech-Branche ist eine ziemlich geschlossene Gesellschaft. Sie muss offener werden, ebenso wie die Gesellschaft im Allgemeinen. Das wird passieren, das zeichnet sich schon ab, aber es ist ein Prozess, der Zeit braucht.“

Die drei jungen Aktivistinnen wollen dafür sorgen, dass er ein wenig schneller voranschreitet. Dafür müssen sie allerdings noch allerlei Schwierigkeiten überwinden, Schwierigkeiten, die für deutsche Ohren bedrückend vertraut klingen: „Frauen bekommen im Schnitt niedrigere Gehälter, weil es ihnen schwer fällt, zu sagen: Ich kann das, ich will das, ich verdiene das“, hat Noya Lempert beobachtet. „Und dabei helfen wir ihnen.“

Und zugleich, ganz nebenbei, auch ein wenig sich selbst. Die unzähligen unbezahlten Stunden Grübeln, Planen, Organisieren, die Gespräche mit jungen und erfahrenen Frauen, all das habe sie viel gelehrt, sagen die drei. Insbesondere aus den Begegnungen mit den beruflich etablierten Frauen hätten sie wichtige Lehren für ihr eigenes Leben ziehen können. „Wenn man nicht sofort seinen Traumjob bei Google bekommt, dann geht davon die Welt nicht unter“, sagt Keren Hershcovitz. „Das zu begreifen hat die Dinge für mich in Perspektive gesetzt.“ Und ihre Mitstreiterin Noya Lempert ergänzt: „All diese erfolgreichen Frauen haben eins gemeinsam: die Grundüberzeugung, dass man nicht alles von vornherein planen kann. Der Weg ist dynamisch, er kann sich ändern. Und das zu akzeptieren gibt ihnen eine große Freiheit.“

 

 

Mareike Enghusen
Von Mareike Enghusen , Tel Aviv

Mareike Enghusen (33) berichtet als freie Auslandsreporterin über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Nahen Osten, vor allem aus Israel, Jordanien und den palästinensischen Gebieten. Mehr unter: http://www.mareike-enghusen.de.