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Geburt ist in Somalia Frauensache
Schwanger im Kriegsgebiet

9. April 2024 | Von Sabrina Proske | 11 Minuten Lesezeit
Ein Jahr, nachdem die ersten Bomben in Lasanod gefallen sind. Saado Ali mit ihren Kindern Yusuf (4) und Younis (1). Da sie nicht erkannt werden möchte, haben wir das Foto von hinten gemacht. Foto: Sabrina Proske

Saado Ali* ist eine junge Mutter aus Nordsomalia. Sie flieht hochschwanger mit ihrem kleinen Sohn Yusuf vom Krieg. Zwischen provisorischen Zelten und Planen setzen plötzlich ihre Wehen ein. Mit uns spricht sie erstmals über ihre Erfahrungen als Schwangere in einem Kriegsgebiet.

Von Sabrina Proske, Lasanod 

 

Zusammenfassung:

Saado Ali, eine junge Mutter aus Nordsomalia, erlebte die Geburt ihres Kindes während der Flucht vor dem Krieg. Trotz der Gefahren und der hohen Kinder- und Müttersterblichkeit in Somalia, wo medizinische Versorgung rar ist, brachte sie ihr Kind mit der Hilfe von „Ärzte ohne Grenzen“ sicher zur Welt. Ihre Geschichte beleuchtet die dramatischen Bedingungen schwangerer Frauen in Kriegsgebieten und die Herausforderungen des somalischen Gesundheitssystems.

 

„Von oben kamen Granaten und Schüsse. Unten kriegten Frauen ihre Kinder“, erinnert sich Saado Ali an den Tag der Bombardierung. Zum ersten Mal seit dem Ausbruch der Kämpfe zwischen den somaliländischen Regierungstruppen und dem Dhulbahante Clan wird am 6. Februar 2023 die Geburtenstation des „Ärzte ohne Grenzen“-Krankenhauses in Lasanod von einer Granate getroffen. Von überall her kamen Anwohner*innen und halfen, Mütter und Kinder zu evakuieren. Auch Saado Ali kam herbeigerannt und versuchte so gut es ging zu helfen. 

Zum damaligen Zeitpunkt war die ehemalige Ernährungswissenschaftlerin bei „Ärzte ohne Grenzen“, selbst im neunten Monat schwanger. Trotz oder gerade deswegen hatte sie plötzlich unglaublich viel Kraft, erzählt sie. „Ich kann mir für eine gebärende Mutter und ihr Baby nichts Schlimmeres vorstellen.“ Die Zahl der Verletzten an diesem Tag lässt sich nicht mit Gewissheit verifizieren. Ein somalischer Arzt berichtet am Telefon, dass mindestens eine werdende Mutter an diesem Tag gestorben sei. Mehrere Ärzte seien verletzt worden.  

Es ist schon Abend, als Saado Ali zurück nach Hause zu ihrem dreijährigen Sohn geht. Der Krieg scheint für einen Moment innezuhalten. Kleine Gruppen von Menschen sitzen zusammen, kauen genüsslich Kat und trinken Schwarztee. Ihr ist bewusst, dass diese Bombardierung einen ersten Höhepunkt im Lasanod-Krieg darstellt, und sie fragt sich: Ist das der Moment, die Stadt zu verlassen? 

Am nächsten Tag erschütterten seit den Morgenstunden auch Bomben das Wohngebiet, in welchem Saado Ali, ihr Sohn Yusuf und ihre Mutter leben. Die Gedanken an den Granateneinschlag im Krankenhaus haben sie vergangene Nacht kein Auge zumachen lassen. Doch nun beschließt sie, zu fliehen. Ihr Sohn soll nicht zwischen Panzern und Raketen auf die Welt kommen. 

„Die meisten Frauen kommen erst, wenn es ein Notfall ist“ 

Eine Frau in Somalia bringt durchschnittlich sieben Kinder zur Welt. Die Kinder- und Müttersterblichkeit ist laut der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) weltweit mit am höchsten. Nur ein Viertel der somalischen Frauen haben Zugang zu medizinischer Schwangerenvorsorge und nur rund eine von zehn Geburten wird durch medizinisches Personal begleitet. 

Die meisten seien Hausgeburten, erklärt Fadumo Nuur, eine nordsomalische Krankenschwester. Der Grund: Es gebe zu wenig Krankenhäuser im Land. Laut statistischem Bundesamt kommen in Somalia 0,2 Ärzt*innen auf 10.000 Einwohner*innen, in Deutschland sind es 44. Für Schwangere in ländlichen Regionen ist der Weg ins Krankenhaus zu weit und zu risikobehaftet, bestätigt auch Parnian Parvanta, Gynäkologin bei „Ärzte ohne Grenzen“. 

Patientinnen und Krankenschwestern in der pädiatrischen Station des Mudug Regional Hospital in der Stadt Galkayo, Zentralsomalia. I Foto: MSF

„Die meisten kommen erst, wenn es ein Notfall ist.“ Dazu kommt, dass Frauen die Untersuchung selbst bezahlen müssen, erklärt Fadumo Nuur, In Somalia gebe es keine Krankenversicherung. Daher bekommen Schwangere oft von traditionellen Heilerinnen Geburtshilfe. Deren Methoden bezeichnet die Krankenschwester jedoch als höchst bedenklich, da dabei regelmäßig Mütter sterben würden.   

Blick zurück zur Nacht der Flucht 

Rückblick: Es dämmerte, als Saado Ali mit ihrem Sohn und der Mutter zu ihren Nachbarn ins Auto steigen. Ihr Ziel war das 40 Kilometer südlich gelegene Kalabaydh, Saado Ali´s Mann ist nicht dabei. Er arbeitet außerhalb von Lasanod und befand sich bei Kriegsausbruch nicht in der Stadt. Der Toyota knattert über die Sandpiste, vorbei an verlassenen Gebäuden und Feldern. 

Hinter den Flüchtlingen liegen die für Lasanod typischen bunten Häuserdächer, die nun im Rückspiegel immer kleiner werden und in der Nacht verschwinden. Die kommenden sechs Stunden beschreibt die Mutter als Hölle. „Es war eine Fahrt ins Ungewisse“. Immer wieder stellt sie sich dieselben Fragen: Werden wir sicher sein? Und wo werde ich mein Baby auf die Welt bringen? Sie blickt durch die Windschutzscheibe. Vor ihnen liegt das Wüstenland Nordsomalias.

„Ich habe meinen Spiderman vergessen“, stammelt Yusuf unter Tränen in die bedrängende Stille. Seine Mutter hat alles zu Hause gelassen. Kleidung, Hygieneartikel, Fotos, die Krankenhaustausche für die Entbindung – und das Spielzeug, das ihrem Sohn schon oft Trost und Ablenkung gespendet hat. Yusuf spürt, dass etwas nicht stimmt. 

Saado Ali flüchtete von Lasanod nach Kalabaydh. Zur Geburt ihres Sohnes Younis fuhr sie weiter bis ins Krankenhaus nach Galkayo. I Screenshot: Google Maps

Saado Ali ist angespannt, ihr unterer Rücken schmerzt, in den Beinen sammelt sich Wasser. Immer wieder überkommt sie eine unerträgliche Übelkeit. Yusuf sitzt auf dem Schoss der Nachbarin. Behutsam versuchen sie den kleinen Jungen zu trösten, doch die Angst lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. „Meinen Sohn so zu sehen und gleichzeitig so hilflos zu sein war das Schlimmste“, erzählt sie. 

In Kalabaydh schläft die Familie zunächst für einige Tage in einem informellen Lager etwas außerhalb des Dorfes. Dort haben die Einheimischen den ankommenden Flüchtlingen ein Camp aus behelfsmäßigen Zelten und Planen eingerichtet. Jeder, der nicht bei Verwandten Unterschlupf gefunden hat, drängt sich hier auf engstem Raum zusammen. 

Wasser und Lebensmittel sind knapp, denn die Region nahe der äthiopischen Grenze wurde gerade erst von einer der schlimmsten Dürreperioden der vergangenen Jahre heimgesucht. Die Ernährungswissenschaftlerin spürt, wie ihre Energie schwindet. Sie erzählt: „Ich hatte Angst, dass ich zu schwach bin für die Geburt.“ Bereits am nächsten Morgen setzen erste unregelmäßige Wehen ein. 

„Eine Frau, die bereits einen Kaiserschnitt hatte, gilt als Risikopatientin“

Das nächste Krankenhaus in Galkayo ist eine Tagesfahrt von Kalabaydh entfernt. Dort unterstützt seit 2017 ein internationales „Ärzte ohne Grenzen“-Team das somalische Krankenhaus. Die Entbindungsstation sei auf komplizierte Schwangerschaften und Kaiserschnitte spezialisiert, so Saado Ali. Yusuf kam bereits per Kaiserschnitt auf die Welt. Dadurch gilt sie bei ihrer zweiten Schwangerschaft als Risikopatientin, erklärtParnian Parvanta. 

Frauen, die einen Kaiserschnitt hatten, haben ein erhöhtes Risiko, dass die Narbe den Wehen nicht standhält sowie ein erhöhtes Risiko für zu starke Blutungen. Auf der Fahrt nach Galkayo lassen sie das Dröhnen der Granaten und die Gesichter der Toten und Verletzten der vergangenen Tage und Wochen nicht mehr los. „Meine Gefühle prasselten ungefiltert auf mich ein“, berichtet sie. Das Treten ihres ungeborenen Kindes in ihrem Bauch wird fordernder, die Wehen kommen immer öfter. 

Sie sehnt die Geburt herbei, doch die Sorge, ob alles gut verlaufen wird, lässt sie verzweifeln. „Was ist, wenn ich nicht rechtzeitig ankomme?“ schießt es ihr durch den Kopf. Als sie endlich in Galkayo sind, ist Saado Ali ausgelaugt. Die werdende Mutter hat tagelang nichts gegessen, ihr Kreislauf ist im Keller. Als sie sich auf die Liege im Krankenhaus gleiten lässt, verlassen sie die Kräfte. Sie ist erleichtert, angekommen zu sein, sodass sie kurz das Bewusstsein verliert. Die Ärzt*innen beobachten sie eine Weile, dann entscheiden sie gemeinsam, dass auch ihr zweiter Sohn per Kaiserschnitt das Licht der Welt erblicken soll.  

Eine Sandpiste nach Kalabaydh. Die Fahrt durch die Nacht beschreibt die damals schwangere Saado Ali als Hölle. I Foto: Markus Höhne

Ihr Mann wartete in der Zwischenzeit bei entfernten Verwandten. Somalische Frauen bekommen ihre Kinder stets ohne den Mann. Männern sei die Geburt oft zu blutig. Deswegen begleiten immer weibliche Verwandte die Gebärende. In Saado Alis Fall war es die Beleghebamme, die sie im Krankenhaus kennengelernt hatte und ihr fern ab von ihrer Familie Kraft für die Geburt gab. Liebevoll erzählt die Mutter vom erlösenden, ersten Schrei ihres Sohnes Younis. Er sei kräftig und laut gewesen. „Als ich den Schrei meines Sohnes hörte, war alles Leid vergessen.“ 

Der Krieg war 2023 zu Ende  

Im September 2023 kehrt Saado Ali nach Lasanod zurück. Seit dem 25. August 2023 haben sich die somaliländischen Regierungstruppen aus Lasanod zurückgezogen. Der Krieg galt als beendet. Nach acht Monaten Krieg mit 400 zivilen Opfern und 5.000 verletzten und getöteten Soldaten, kommen die meisten Geflüchteten wieder aus den umliegenden Gebieten zurück. 

Doch als Saado Ali in Lasanod ankommt, steht die Familie vor einem zerstörten Haus: zerbombte Fassade, statt Türen und Fenstern vereinzelte Löcher, ein Teil des Dachs fehlt ganz. Auch Plünderer hatten ihre Wohnung ausgeraubt. „Sogar die Babywiege war weg“, erzählt sie empört. Mit einem Säugling konnte sie unmöglich dort wohnen. Während die überlebenden Männer in der Familie die Ruinen provisorisch wieder aufbauten, kam die Mutter zweier Söhne im Haus einer Tante unter. 

Nun ein Jahr, nachdem in Lasanod die ersten Bomben fielen, sitzt sie mit den Kindern und der Mutter in ihrem alten Wohnzimmer und erzählt der Reporterin von ihren Eindrücken. Langsam versucht sie ihre Gedanken zu sortieren und zu verarbeiten, was sie erlebt hat. „Seit dem Krieg hatte mich noch niemand gefragt, wie es mir eigentlich geht“, sagt sie. Und: „Mir geht es nicht gut. Ich bin traumatisiert.“ 

Somalische Namen werden hier entsprechend der originalen Namensgebung mit „Vorname Vorname“ angegeben. In Somalia existieren keine Nachnamen. 


 

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Von Sabrina Proske, München

Sabrina Proske ist Dokumentarfilmerin und Autorin. Nach ihrem Studium drehte sie unter anderem einen Film über die erste kurdische Bürgermeisterin an der türkisch-syrischen Grenze. Heute ist sie immer wieder als freie Journalistin für lokale und überregionale Zeitungen tätig. In ihren Geschichten berichtet sie über Menschenrechte, soziale Ungleichheit und starke Frauen.

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