Freiheit statt Diskriminierung
Aktivisten betreiben Kulturzentrum für queere Menschen

Das "Casa Nem" ist ein einzigartiger Ort für Vertreter der LGBTQ-Community in Brasilien. Fotos: Caren Miesenberger

Das Casa Nem ist der einzige selbstverwaltete Zufluchtsort von und für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle in Rio de Janeiro. In dem Land mit der weltweit höchsten Mordrate transsexueller Menschen bietet das bunte Haus einen Schutzraum vor Gewalt und Diskriminierung.

Von Caren Miesenberger, Rio de Janeiro

In einer kleinen Gasse, ganz in der Nähe der Touristenattraktionen eines bekannten Boheme-Viertels, befindet sich ein blau-rosa-weiß gestrichenes Haus: das „Casa Nem“. Es ist in den Farben der Trans-Bewegung gestrichen, also derjenigen, die sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde. Hellgraues Graffiti markiert den Eingang. Die Botschaft: Revolution und Respekt vor Frauen, Sexarbeiterinnen und Transgendern. Momentan ist es das wichtigste Zentrum der Stadt für queere Menschen, also Menschen, deren Geschlecht oder Sexualverhalten von der Norm abweicht.

Gleichzeitig sorgt es für viel Gesprächsstoff in der Kreativszene. Bevor es im vergangenen Jahr gegründet wurde, war das Haus ein Kulturzentrum: das „Casa Nuvem“, zu deutsch Wolkenhaus. Während einer Karnevalsfeier 2016 griff ein Gast eine transsexuelle Frau mit einer Flasche an. Trotz des Vorfalls wurde weitergefeiert – ein kleiner Skandal in der alternativen Szene. Die Folge des Vorfalls: Aktivisten besetzten kurzerhand das Haus. Bis heute sind sie geblieben. Die Wolke verschwand aus dem Namen und wurde durch „Nem“ ersetzt, eine saloppe Anrede, die vor allem die coolen Kids aus den Vorstädten Rio de Janeiros benutzen.

Dort bezeichnet der Begriff arme Menschen. Er entspricht etwa der umgangssprachlichen Anrede „Asi“ im Deutschen. Viele derjenigen, die den Begriff benutzen, sind selbst arm – genauso wie die Bewohner des Hauses, die zumeist aus den entlegenen Teilen der Stadt kommen. Dass „Nem“ im Namen landete, ist eine selbstbewusste Aneignung eines Wortes, das häufig abwertend verwendet wird. Im Casa Nem leben Aktivisten und Sexarbeiterinnen – einige temporär, manche dauerhaft. Darüber hinaus gibt es jede Menge Workshops, bei denen man nähen, fotografieren oder Capoeira tanzen lernen kann.

Aktivistin Rhariane Maia im Casa Nem.

„Bis zu 80 Mädchen können hier jede Nacht kostenlos schlafen“, erzählt Rhariane Maia. Mit „Mädchen“ meint Maia vor allem transgender und transsexuelle Frauen. Transgender sind allgemein Menschen, die sich im falschen Körper fühlen. Transsexuell bezeichnet man diejenigen, die sich operieren lassen, um ihr Geschlecht anzugleichen. Auch schwule Männer finden in dem Haus Unterschlupf, allerdings gehören sie zur Minderheit. Für die meisten ist es bloß ein temporärer Schlafplatz. Mal seien es 20, mal 60 Menschen. Viele verdienen ihr Geld mit Prostitution im angrenzenden Ausgehviertel.

Rhariane Maia ist aus anderen Gründen hier. Sie ist in Rio de Janeiro geboren und aufgewachsen. Doch seit acht Monaten lebt sie im Casa Nem. „Ich wurde zu Hause rausgeschmissen, weil ich lesbisch bin“, sagt die Schülerin. Zusammen mit ihrer Familie lebte sie in der Favela Morro de São João, weit weg von der bekannten Copacabana. Als sie eines Tages nach Hause kam, warf ihr Stiefvater ihre Sachen aus dem ersten Stock. „Die ganze Nachbarschaft hat zugesehen“, erinnert sich Rhariane Maia. Als ihr Stiefvater sie auch noch schlug, haute sie ab.

Maias Schicksal ist kein Einzelfall

Laut einer Umfrage des Instituts für Bevölkerungsdaten aus dem Jahr 2013 würden ein Drittel der Befragten ein homosexuelles Kind in der eigenen Familie ablehnen. Weltweit verzeichnet Brasilien laut des Trans Murder Monitoring-Projektes die höchste Mordrate an Menschen, die transsexuell oder transgender sind. Zwischen 2008 bis 2016 wurden mehr als 800 Menschen umgebracht. Allerdings ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Denn regelmäßig hört man von Todesfällen und Übergriffen, auch in Rio de Janeiro.

Für Rhariane Maia lag der Umzug ins Casa Nem auf der Hand. Sie wurde – wie viele andere – im Zuge der bevorstehenden Fußball-Weltmeisterschaft politisiert und lernte bei Demonstrationen einige der Aktivisten kennen, die das Haus damals besetzten: „Eine Freundin sagte, ich müsse keine Miete zahlen und könne sofort kommen.“ Seitdem bestimmt der Aktivismus und die Themen Feminismus und queere Politik ihr Leben. Sie kämpft dafür, dass die Gewalt gegen sie und andere Menschen, die „nicht der Norm entsprechen“ aufhört. Später macht sie sich noch auf den Weg zu einer Demonstration in die Hauptstadt Brasília. Ihr Engagement kostet sie viel Zeit: Mehr als 18 Stunden dauert die Fahrt mit einem öffentlichen Bus – einfach.

Auch wenn sich das Haus als anarchischer Ort versteht, gibt es so etwas wie eine Schirmherrin. Ihr Name: Indianara Siqueira. Die 46-Jährige hat blonde, lange Haare, trägt rosa Lippenstift und ein schickes Kleid. Sie ist Vollzeitaktivistin und läuft bei Demonstrationen immer ganz vorne mit. Manchmal ist sie dabei die einzige Sexarbeiterin, die heute ein anderes Geschlecht hat als bei ihrer Geburt.

Indianara Siqueira bei einer Kundgebung (Foto: privat).

„Das Casa Nem ist ein Ort, an dem man Gender- und Sexualidentitäten respektiert, uns geht es darum, eine inklusivere Gesellschaft und bessere Welt zu schaffen“, so Siqueira. Doch mit der Besetzung des Hauses machte sie sich nicht nur Freunde: Die Nutzer des ehemaligen Casa Nuvems, größtenteils Kulturschaffende aus der Mittel- und Oberschicht aus dem privilegierten Süden der Stadt, sind stinksauer. Ihre Namen stehen noch immer in den Miet-, Strom- und Wasserverträgen. Außerdem wird den Hausbesetzern vorgeworfen, Stromleitungen angezapft zu haben. Siqueira ist eine umstrittene Person in der aktivistischen Szene Rio de Janeiros – vor allem in sozialen Netzwerken werden hitzige Debatten geführt.

Taschen und Partys sichern Einkommen

Die Zukunft des Casa Nems ist nicht nur aufgrund des Konfliktes mit den vorherigen Mietern unklar. Auch die Selbstorganisation und Unabhängigkeit von Institutionen und der Regierung hat ihren Preis. „Wir sind auf Spenden angewiesen, egal ob Geld, Möbel oder Nahrungsmittel. Außerdem gibt es ein Crowdfunding“, so Rhariane Maia. Im hauseigenen Nähprojekt werden nun auch Taschen hergestellt, die die Bewohner für umgerechnet acht Euro verkaufen. Die Erlöse des Taschenverkaufs sowie von Partys werden für die anfallenden Kosten im Haus ausgegeben.

Wenn man Rhariane Maia auf den Konflikt mit den vorherigen Mietern anspricht, reagiert sie genervt: „Das sind alles transfeindliche Kinder reicher Eltern. Die dominieren bereits die gesamte Gesellschaft, wieso überlassen sie uns nicht diesen Ort?“ Für sie ist das Casa Nem ein Ort der Freiheit. Diese erlangt sie nicht nur durch Unterschlupf, Aktivismus und das Freizeitangebot des Zentrums: Maia nimmt neben ihrer Schulausbildung an einer Qualifizierung für das Abitur teil.

Wer genug Geld hat, nimmt Privatunterricht, um die Prüfungen zu bestehen. „Es gibt zahlreiche Vorbereitungskurse. Aber wenn eine homo- oder transsexuelle Person an einem teilnimmt, wird sie von den anderen gemobbt. Wie soll man sich konzentrieren, wenn man ständig als „Schwuchtel“ oder „Kampflesbe“ bezeichnet wird?“, fragt Indianara Siqueira.

Dass viele der Bewohner des Hauses in Geldnot leben, zeigt sich auch beim Besuch vor Ort. Einige platzen während des Gesprächs herein und fragen nach Zigaretten. Auch Rhariane Maia bittet um eine Spende, damit sie Mayonnaise und Toastbrot kaufen kann. Damit möchte sie Sandwiches schmieren. Schließlich bräuchten sie und ihre Mitstreiterinnen für die Fahrt nach Brasília Verpflegung.

Dass Orte wie das Casa Nem wichtig sind, zeigt die Nachfrage: „Mittlerweile ist es so stark angewachsen, dass es auch in der Nachbarstadt Niterói einen Ableger gibt. Perspektivisch wollen wir dort und im Norden von Rio de Janeiro weitere Häuser eröffnen“, so Rhariane Maia. Aber erst mal muss sie zum Supermarkt. Mit leerem Magen sei es schließlich schwer, für die Revolution zu kämpfen.

Caren Miesenberger
Von Caren Miesenberger , Hamburg

Caren Miesenberger (29) arbeitet als freie Journalistin in Hamburg und Rio de Janeiro, parallel dazu studiert sie Geographie an der Universität Hamburg. Zu ihren Auftraggebern zählen der Freitag, taz, Missy Magazine und BuzzFeed. Sie schreibt über Feminismus, Gesellschaft und Popkultur. Außerdem ist sie ehrenamtliches Redaktionsmitglied der Zeitschrift Brasilicum und betreut den Twitteraccount der Initiative WIR MACHEN DAS. Mehr unter: www.carenmiesenberger.de.