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Frauen aufs Rad!
Rad fahren in London

28. Januar 2026 | Von Marlene Jacobsen | 12 Minuten Lesezeit
Mariam Draaijer fährt in London überall mit dem Rad hin, egal wie weit die Strecke ist. Alle Fotos: Marlene Jacobsen

Auf dem Fahrrad durch London fahren? Zu gefährlich, zu schwierig, befürchten viele Frauen in der britischen Hauptstadt. Mariam Draaijer will das ändern. Sie kennt die Hürden für Radfahrerinnen und hilft Frauen, sich aufs Rad zu trauen.  

 

Zusammenfassung:

In London trauen sich viele Frauen nicht aufs Rad – aus Angst vor Verkehr, Aggression und unsicheren Wegen. Mariam Draaijer will das ändern. Mit ihrer Organisation „JoyRiders“ bietet sie kostenlose Fahrradkurse nur für Frauen an und stärkt ihr Selbstvertrauen. Trotz besserer Infrastruktur fahren Frauen deutlich seltener Rad als Männer.   

 

Von Marlene Jacobsen, London 

Mariam Draaijer tritt in die Pedale. Rote Doppeldeckerbusse rauschen an ihr vorbei, vollbesetzt mit Pendler*innen. Es ist ein klarer Novembermorgen. Die Luft ist kalt und die Sonne glitzert in den Glasfassaden der Hochhäuser, die sich vor Mariam Draaijer auftun.  

Als sie die Themse überquert, trennt ein dicker Kantstein sie noch vom restlichen Verkehr. Doch hinter der Brücke endet der Radweg abrupt. Ein Auto fährt so nah an sie ran, dass sie es locker berühren könnte. Mariam Draaijer muss bremsen, sonst würde sie eingeklemmt zwischen Auto und Fußweg.  

Es sind Situationen wie diese, mit denen Radfahrer*innen in London zurechtkommen müssen. Gerade Frauen schreckt das ab: Sie steigen deutlich seltener aufs Rad als Männer. Draaijer hat es sich zur Mission gemacht, das zu ändern. Die 46-Jährige leitet die gemeinnützige Organisation „JoyRiders“, die gratis Fahrradkurse nur für Frauen und anfängerfreundliche Gruppenfahrten anbietet. An diesem Morgen ist Draaijer auf dem Weg zu einem der Kurse im Süden Londons.  

„Ich habe schon so viele Britinnen kennengelernt, die nicht Fahrradfahren können“, erzählt die Niederländerin, die in der Nähe von München aufgewachsen ist. Für sie war es selbstverständlich, nahezu jede Strecke mit dem Rad zurückzulegen – bis sie 2008 zu ihrem Mann nach London zog. Niemand sei damals Fahrrad gefahren, erinnert sie sich.  

Viele Frauen scannen abends auf dem Nachhauseweg ihre Umgebung nach einer Fluchtmöglichkeit ab. Auf diesem Weg zwischen zwei Zäunen würde es im Falle eines Übergriffes schwer sein, zu entkommen.

Fahrradhauptstadt London?  

In Großbritannien ist das Fahrrad als Transportmittel bis heute wenig verbreitet. Etwa 13 Prozent der Menschen in England fahren mehrmals pro Woche mit dem Rad – in Wales, Schottland und Nordirland sind es weniger. In bestimmten Städten hingegen – etwa Cambridge und Oxford – sind Radfahrer*innen im Stadtbild allgegenwärtig. Auch London ist mittlerweile Vorreiter, was Rad-Infrastruktur angeht.  

In den 2010er Jahren initiierte Boris Johnson, damals noch Bürgermeister von London, den Bau eines weitreichenden Netzwerks an Radwegen. Außerdem wurden unter Johnson Leihräder nach dem Vorbild von Paris eingeführt, wo ein ähnliches Programm bereits erfolgreich war. Bis heute nennen Londoner*innen die Leihräder auf liebevolle Art ‚Boris bikes‘.  

Mariam Draaijer sagt, die Bedingungen für Radfahrer*innen unterscheiden sich stark innerhalb Londons – manche Bezirke seien engagierter als andere. Ihr Bezirk im Nordosten der Stadt eifert den Niederlanden nach: Millionenschwere Investitionen des sogenannten ‚Mini-Holland‘-Programms ermöglichten den Bau von Radwegen und verkehrsberuhigten Zonen.   

Wie auch in anderen europäischen Städten hat Fahrradfahren in London seit der Corona-Pandemie einen Boom erlebt, den die Stadt aufrechterhalten will. Laut der Verkehrsbehörde „Transport for London“ ist die Anzahl einzelner Fahrten mit dem Rad zwischen 2019 und 2025 um 43 Prozent gestiegen. Das könnte allerdings daran liegen, dass Menschen, die sowieso schon gerne Fahrrad fahren, dies nun noch öfter tun.  

Der Trend erreicht aber nicht alle gleichermaßen: Im gleichen Zeitraum ist der Anteil der Londoner*innen, die mindestens einmal pro Jahr Rad fahren, ungefähr gleichgeblieben. Das sind 30 Prozent der Männer und nur 18 Prozent der Frauen. Nicht nur Männer, sondern auch Weiße und Menschen mit hohem Einkommen sind unter den Radfahrer*innen überrepräsentiert.  

Als sie ein Kind war, sagte Sandras Vater, es sei unmöglich, ihr das Radfahren beizubringen. Bei den „Joyriders“ bekommt sie genau die Unterstützung, die sie braucht.

Freude auf zwei Rädern  

Während ihrer ersten Jahre in London kam Fahrradfahren für Mariam Draaijer nicht infrage – unter anderem wegen der Geburt ihrer beiden Kinder und gesundheitlicher Probleme. Aber auch, weil Radfahrer*innen in London damals so gut wie gar nicht präsent waren. Sie fing erst wieder damit an, als sie es ihren Kindern beibrachte – und zu Fuß nicht mehr mithalten konnte. Die Zeit ohne ihr Rad sei hart gewesen; immerzu den Bus oder die U-Bahn zu nehmen, findet die Pionierin unpraktisch.  

„Wenn du aufs Fahrrad steigst, ist alles einfach. Du fährst los, weißt genau, wie lange du für eine Strecke brauchst, und kannst deine Sachen darauf mitnehmen“, sagt sie. „Ich wollte, dass andere Menschen diese Freude auch haben können.“ Sie entdeckte die „JoyRiders“ und fing an, bei den Gruppenfahrten die weniger erfahrenen Radfahrerinnen zu unterstützen.  

Später absolvierte Draaijer ein Training zur Fahrradlehrerin und begleitete hunderte Frauen auf ihren ersten Tritten in die Pedale. Mittlerweile gibt sie die Kurse nicht mehr selbst, denn als Vorsitzende der Organisation verbringt sie viel Zeit in Meetings mit der Verkehrsbehörde „Transport for London“ und mit Anträgen für Fördergelder.  

An dem sonnigen Novembermorgen holt Serena Dang Fahrräder und Helme aus einem Container im Burgess Park. Sie hat das Radfahren erst vor zehn Jahren selbst gelernt, heute bringt sie es Frauen bei. Ein paar Frauen sind schon da. Sie drehen unter ihrer Aufsicht ein paar Runden durch einen Parcours. Zwischen zwei grünen Hütchen sollen sie durchfahren, an den roten stehenbleiben – wie an Ampeln im Straßenverkehr.  

Serena Dang hat selbst erst vor zehn Jahren das Radfahren gelernt. Heute hilft sie Rain Judain, sich das erste Mal aufs Rad zu trauen.

Das Fahrrad-ABC 

Langsam nähert sich eine weitere Frau der Gruppe. Rain Judain erzählt, sie habe eine Weile lang die anderen Frauen beobachtet, bevor sie den Mut aufbringen konnte, herüberzukommen. Als Kind habe sie das Fahrradfahren nie gelernt, weil ihr Vater es ihr nicht erlaubte. „Mal sehen, wie es heute wird. Falls ich scheitere, mache ich vielleicht nicht damit weiter“, befürchtet Judain schon. „Scheitern gibt es nicht,“ erwidert Serena Dang, „jede lernt in ihrem eigenen Tempo.“  

Bevor sie aufs Rad steigt, soll Rain Judain den ‚ABC-Check‘ machen: A für air, B für breaks, C für chain. In den Reifen ist genug Luft, die Bremsen funktionieren und die Kette ist straff – es kann es losgehen. Ihr Sattel ist niedrig eingestellt, damit sie mit den Füßen fest auf den Boden kommt und erstmal ein Gefühl für das Rad bekommt. Rain Judain stößt sich ab und rollt los – erst zögerlich, dann immer entschlossener.  

Währenddessen fährt eine andere Kursteilnehmerin voller Konzentration im Slalom um gelbe Hütchen. Sandra, die ihren Nachnamen lieber nicht nennen will, ist zum dritten Mal dabei. Sie sei froh, unter Frauen zu sein. „Ich fühle mich mit Frauen sicherer, denn die sind weniger wertend, einfach schonender miteinander“, sagt sie.  

Heute will sie vor allem an ihrer Balance arbeiten. Ihr Ziel: So sicher werden, dass sie mit ihrem Sohn zur Schule radeln kann. Die Route hat sie sich schon genau angeschaut, aber eines bereitet Sandra Bauchschmerzen: „Ich habe Angst davor, auf der Straße zu fahren, mit den Autos direkt neben mir. Die Straße auf dem Schulweg ist vielbefahren und es gibt keinen Radweg.“   

Angst, Autos, Aggression  

Mit dieser Sorge ist Sandra nicht allein. Das Frauennetzwerk der Kampagnengruppe, „London Cycling Campaign“, hat Londonerinnen dazu befragt, was sie vom Radfahren abhält. Neun von zehn Befragten geben an, mit dem Radfahren anfangen zu wollen oder es häufiger zu tun, wäre die Infrastruktur besser, etwa mit mehr abgetrennten Radwegen. Wer auf der Straße fahren muss, ist wiederum eher aggressiven Autofahrer*innen ausgesetzt.  

Denn, so heißt es in dem Bericht, gerade an Stellen, wo Radfahrerinnen Platz auf der Straße einnehmen müssen, kommt es zu verbaler Gewalt und gefährlichen Überholmanövern. 63 Prozent der Befragten geben an, mindestens einmal im Monat beim Radfahren beschimpft zu werden. Häufig seien es frauenfeindliche Beleidigungen.  

Einige berichten auch von sexueller Belästigung, etwa indem Männer sie beim Radfahren filmten. Diese Erfahrungen können für manche so traumatisch sein, dass sie mit dem Radfahren vorübergehend oder komplett aufhören. Auch Mariam Draaijer wurde schon von Autofahrern bedrängt, angehupt, beleidigt und sogar mit einem Apfel beworfen.  

Diese Stelle am Kanal ist unbeleuchtet – den Tieren in diesem grünen Teil Londons soll das helfen, für Menschen ist es aber hinderlich. Mariam Draaijer würde abends hier nicht entlangradeln.

Abends einen Umweg fahren 

Das Interessante: Abseits vom Autoverkehr, etwa auf ruhigen Schotterwegen im Grünen, fühlt sie sich auch nicht immer sicher. Warum, das zeigt sie zum Anbruch der Dunkelheit im Millfields Park im Osten Londons. Als es anfängt zu dämmern, leert sich die Wiese, auf der eben noch Kinder gespielt haben. Neben dem Park führt ein Weg am Kanal entlang, vorbei an bunten Hausbooten. Tagsüber ist diese Strecke bei Radfahrer*innen beliebt.  

Auch für Mariam Draaijer liegt sie eigentlich auf dem Nachhauseweg, aber im Dunkeln macht sie um die Gegend einen Bogen. „Abends ist es hier ganz schön einsam. Wenn etwas passieren würde, würde es wahrscheinlich keiner mitbekommen“, erklärt sie. Einem Freund von ihr sei hier das Handy gestohlen worden, einer Freundin das Fahrrad.  

Am Kanal neben dem Park gibt es zwar Straßenlaternen, aber nur bis zu einer bestimmten Stelle. Dahinter wird es bald stockduster sein. Doch selbst beleuchtete Wege können sich unsicher anfühlen, wenn es keine Fluchtmöglichkeit gibt. Für Mariam Draaijer heißt das: „Du kannst nirgendwohin, falls hier jemand ist, der dir komisch vorkommt.“  

Sie radelt im Schein der Laternen einen Weg entlang, der auf beiden Seiten von einem Zaun begrenzt wird. Orte wie diese nennt das Frauennetzwerk ‚sozial unsicher‘. Die Gruppe hat alle vom „Transport of London“ ausgewiesenen Radwege analysiert. Das sind nicht alle Radwege Londons, denn die Verkehrsbehörde ist nur für längere Routen durch die verschiedenen Bezirke verantwortlich. Das Ergebnis: 24 Prozent der ausgewerteten Strecke sind sozial unsicher – also im Dunkeln für Frauen praktisch unbenutzbar.  

Für Mariam Draaijer ist es an diesem Abend kein Problem, eine alternative Route nach Hause zu finden. Denn neben dem Park verläuft mittlerweile ein breiter, beleuchteter Radweg, der ein paar Meter Abstand zur Straße hat. Ein Vorzeigeprojekt direkt in ihrer Nachbarschaft. „Das ist fantastisch!“, so Draaijer.  

Denn vor ein paar Jahren habe es das noch nicht gegeben. Sie hat über die Jahre verfolgt, wie London sich Schritt für Schritt in eine fahrradfreundlichere Stadt entwickelt. Und: Sie wird sich weiterhin dafür starkmachen, dass wirklich alle Londoner*innen daran teilhaben können.


 

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Von Marlene Jacobsen, London

Marlene Jacobsen ist freie Journalistin in London. Seit sie 2018 zum Studium nach Großbritannien zog, ist sie in das Land verliebt. Sie studierte Politik und Nachhaltige Entwicklung und interessiert sich in ihrer journalistischen Arbeit für Inklusion, Umwelt und gesellschaftspolitische Themen. Nach einem Zwischenstopp in München an der Deutschen Journalistenschule wohnt sie nun wieder in London und arbeitet dort vor allem für das ZDF.

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