Digitale Säbelzahntiger im Sekundentakt
Maren Urner will digitale Vermüllung stoppen

Maren Urner (rechts) im Gespräch mit Miriam Meckel, Herausgeberin der Wirtschaftswoche (WiWo). Foto: Peter Grewer

Sekündlich erreichen uns Meldungen auf diversen Endgeräten. „Überfordert und hilflos“ blicken die Menschen auf die digitale News-Flut, sagt Buchautorin und „Perspective Daily“-Gründerin Maren Urner. Die Neurowissenschaftlerin weiß, was dabei im Kopf passiert und rät zu einer Abkehr von der medialen Endzeitstimmung.

Von Mareike Graepel, Münster 

Maren Urner sitzt im Schatten eines Baums hinter dem Schloss Münster, trägt ein schwarzes Trägershirt und eine rote Hose. Sie wirkt eher wie eine Yoga-Lehrerin als wie eine Neurowissenschaftlerin. Jede ihrer Bewegungen ist konzentriert und entspannt zugleich. Ihr Handy hat sie weggelegt, aber ohne säße sie jetzt nicht da. „Ja, das ist ein bisschen die Ironie des Ganzen, dass mich im Moment ständig Anrufe, Mails und Nachrichten erreichen, seit mein Buch erschienen ist, manches davon extrem kurzfristig. Dann bin ich natürlich froh, ein Smartphone zu haben. Müsste ich das übers Festnetz oder – noch schlimmer – per Post machen, wäre das alles unmöglich zu organisieren.“

 

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# hirnmüll

Alle kennen das: Nur ein kurzer Blick auf Facebook dauert nicht selten eine halbe Stunde. Dazu WhatsApp-Nachrichten, Emails, Push-Nachrichten und ständig neue Schlagzeilen im Netz. Alles zusammen ergibt eine unüberschaubare Fülle an „Informationen“. Woher soll das menschliche Gehirn wissen, welche davon relevant und lesenswert ist? Maren Urner widmet sich in ihrem aktuellen Buch „Schluss mit dem täglichen Weltuntergang“ genau diesem Thema.

#nahdran

Alles, was der Mensch in seiner direkten Umgebung erfährt, kann noch realistisch eingeschätzt werden. „Je weiter man weg ist von einem Geschehen, desto negativer wird es gesehen,“ so Urner. Als Beispiel nennt sie ein Ereignis, das sie selbst miterlebt hat: „Die Meldung ‚Münster steht nach Attentat am Kiepenkerl unter Schock‘ hat mich überrascht – das war gar nicht so, aber ich habe den ganzen Tag Nachrichten bekommen, ob ich okay sei, von Leuten, die nicht in Münster leben.“ Unsere Aufmerksamkeit sei zwar „die wertvollste Ressource“ und in der Medienwelt stark umkämpft, aber leider sei „unsere Fähigkeit, Informationen zu filtern, zu evaluieren und kritisch zu hinterfragen“ nicht so entwickelt wie die Algorithmen, die uns diese Menge an Meldungen im Sekundentakt servieren.

#medienhygiene

Was also tun? Allein das Handy auszuschalten sei nicht die Lösung. „Ich habe ja nichts gegen das Smartphone“, sagt die 34-jährige Autorin. „Wir müssen es aber clever nutzen, smart eben, wie der Name schon sagt.“ Denn der Blick ins Netz begründe sich auch in der menschlichen Angst, etwas zu verpassen. Die Macht der Gewohnheit komme noch dazu, meint Urner. Gewohnheiten seien manchmal gut  – „Energiesparmaßnahmen fürs Gehirn“ – aber oft auch schlecht. „Sie stumpfen uns ab, Gefühle und Kreativität erhalten einen Dämpfer.“

#wasistwirklichwichtig

Ein Medientagebuch helfe, die eigene Routine zu identifizieren und Gewohnheiten auf den Prüfstand zu stellen. Sie empfiehlt, alternative Belohnungen zu suchen. Zum Beispiel ein kurzer Spaziergang oder ein Gespräch mit Mitmenschen als Ersatz für eine vertrödelte halbe Stunde im Internet. Weiter gelte es zu lernen, die Reize zu erkennen, die uns ablenken wollen: Das kann laut Urner der Zeitpunkt sein, an dem wir immer Emails und Accounts checken, oder der Ort. Eine Möglichkeit dem entgegenzuwirken ist, Emails nur zu bestimmten Zeiten zu checken und das Programm dann bewusst wieder zu schließen. Und sich bei der nächsten Versuchung bewusst abwenden, ein Glas Wasser holen und mit einem Lächeln zurückkehren. „Auch ich musste das selbst lernen“, sagt die Autorin.

#konstruktiverjournalismus

Maren Urner hat in London promoviert, ist seit April 2019 Dozentin für Medienpsychologie an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln und lebt in Münster. Dort hat sie zusammen mit Han Langeslag und Bernhard Eickenberg „Perspective Daily“ gegründet  – ein Online-Magazin, das „konstruktiven und lösungsorientierten“ Journalismus macht. Pro Wochentag gibt es „nur“ einen Artikel. Die Themen werden von Journalist*innen, die auch eine wissenschaftliche Ausbildung haben, in einem größeren Kontext aufbereitet. Maren Urner fiel bereits in der Planungsphase zu dem Online-Magazin auf: „,Warum wird eigentlich in den Leit- und Massenmedien so wenig lösungsorientiert berichtet? Ich habe mir die naive Frage gestellt: Wo bekomme ich meine Informationen her? Wer bestimmt mein Weltbild? Natürlich die Medien, weil der Mensch nicht gleichzeitig überall sein kann und darauf angewiesen ist, dass andere ihm berichten, was wo passiert.“+

Maren Urner ist gefragter Podiumsgast (Foto: Frank Sonnenberg).

#dieweltistschlecht

Aber schlechte Nachrichten und dramatische Schlagzeilen verkaufen sich statistisch einfach besser. Es sei völlig normal, sagt sie, dass Menschen immer noch wie ihre Vorfahren auf Negatives und Emotionales schneller reagieren, weil das „hirntechnisch alte Regionen sind“. Alles könne eine potentielle Gefahr sein, quasi der „Säbelzahntiger, der vor der Höhle steht und den Tod bedeuten könnte“. Maren Urner sagt: „Heute sind Säbelzahntiger aber digital und tauchen nicht nur im Wochen- oder Monatsrhythmus sondern im Sekundentakt auf.“ Dafür sei das Gehirn – und der gesamte Körper – einfach nicht ausgelegt. Die Folge: Physiologischer Dauerstress mit allem was dazugehört und was das System überfordert. Der Mensch bewältige diesen Stress, in dem er sich noch immer wie ein Steinzeitmensch durch einen Adrenalinstoß rasend schnell entscheiden muss: Kämpfen oder flüchten? Oft wende er sich ab, flüchte, schiebe die ausführlicheren und fundierten Nachrichten weg, lese keine langen Texte zum Thema. „Ich sage das manchmal so lustig, aber es ist doch eine besorgniserregende Entwicklung: Man fängt dann an, nur noch die ‚Landlust‘ zu lesen und Marmelade einzukochen. Ich nenne das ‚Das neue Biedermeier‘. Ich habe ja nichts dagegen, wenn jemand seinen Garten pflegt, aber wenn man das nur noch macht, worauf basiere ich dann meine Wahlentscheidung?“

#wenigeristmehr

Anhand ihrer wissenschaftlichen Erkenntnissen hat Maren Urner überlegt: „Wie kann ich mit meinem Wissen dazu beitragen, dass die Welt besser wird? Geld hatte ich keins.“ Mit einem EXIST-Stipendium bereitete sie ein Jahr lang die Crowdfunding-Kampagne vor und wollte konstruktiven Journalismus, der ursprünglich aus Skandinavien stammt, auch in Deutschland bekannt machen. Bei der Crowdfunding-Kampagne im Frühjahr 2016 gab es außerdem Unterstützung von prominenter Seite: Schauspielerin Nora Tschirner war so begeistert, als sie von „Perspective Daily“ erfuhr, dass sie die Kampagne als Multiplikatorin unterstützte, das Magazin in der Sendung bei „Schulz & Böhmermann“ bewarb und durch verschiedene Talkshows zog, um über das Projekt zu sprechen. Das Resultat: Innerhalb von acht Wochen kamen mehr als 12.000 Unterstützer*innen zusammen, die ein Jahresabo von 42 Euro abschlossen. Die Anschubfinanzierung betrug damit mehr als eine halbe Million Euro. Seitdem ist das digitale Magazin auf Erfolgskurs und spricht täglich Menschen an, die nicht nur Katastrophenmeldungen lesen wollen, sondern vor allem an Lösungen interessiert sind.

Mareike Graepel
Von Mareike Graepel , Haltern

Mareike Graepel (41) lebt in Haltern und Irland. Sie schreibt seit ihrer Jugend für lokale, regionale und überregionale Tageszeitungen und Magazine – zunächst als freie Mitarbeiterin, dann als Redakteurin und seit 2017 selbstständig als Journalistin und Übersetzerin, unter anderem für die „Recklinghäuser Zeitung“, den „Bonner General-Anzeiger“ und den „Irish Examiner“. Ihre Themen drehen sich meist um Gesellschaft, Umwelt, Familie, Gesundheit und Kultur.

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