Die Pionierinnen von Teheran
Frauen treiben Wandel voran

Die Frauen in Iran, einem streng islamischen Staat, werden immer selbstbewusster. Das Bild zeigt die Hauptstadt Teheran. Fotos: Hanna Hempel

40 Jahre nach der Islamischen Revolution in Iran treiben vor allem Frauen den gesellschaftlichen Fortschritt im Land voran. Immer mehr von ihnen machen sich selbständig. Wir stellen fünf Pionierinnen vor.

Trotz akuter Kriegsgefahr, tiefer politischer Krisen, einer am Boden liegenden Wirtschaft und der übergroßen Macht des muslimischen Klerus: Im gesamten Mittleren Osten gibt es wohl keine Gesellschaft, die sich dynamischer entwickelt als die des Iran. Und zu den Kräften, die die Veränderungen am stärksten befeuern, gehören die Frauen – während das Regime seit vier Dekaden mehr oder weniger erfolglos versucht, sie zu bremsen, wo immer es geht. 

Aber der Kampfgeist der Frauen der uralten Kulturnation ist legendär. Ihr Ehrgeiz, ihre Disziplin und ihr Streben nach Unabhängigkeit. Vor allem beruflich machen sich nun immer mehr von ihnen selbstständig: als Unternehmerinnen, als Anwältinnen, und inzwischen sogar als Comedians. Sie bereiten den Weg nicht nur für die Modernisierung der eigenen Gesellschaft, sondern vielleicht sogar für die der gesamten Region. Gastautorin Hanna Hempel stellt fünf dieser Iranerinnen vor.

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Saeideh Aziz Mohammadi, 37, Psychotherapeutin mit eigener Praxis

„Es war ein Versehen, dass ich Psychologin wurde. Ich wollte ursprünglich Medizin studieren, hatte aber bei der Uni-Bewerbung das falsche Kästchen angekreuzt. Tatsächlich faszinierte mich dann das falsche Fach so sehr, dass ich schlussendlich noch einen richtigen Doktor machte. Noch immer finde ich meine Arbeit großartig. Besonders seitdem ich in meine eigene Praxis für klinische Psychologie eröffnet habe.

Was die theoretischen Grundlagen, das Wissen und das Verständnis der menschlichen Psyche und die Behandlungsmethoden betrifft, sehe ich keinen großen Unterschied zwischen der klinischen Psychologie in Iran und in anderen Ländern. Aber es gibt kulturelle Unterschiede. Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen, Werte und Wünsche und finden in unterschiedlichen Dingen Halt.

In Iran etwa vertrauen viele auf Gott. Religiöse Patienten stellen sich selbst nicht so viele grundsätzliche Fragen. Ihr Weltbild ist nicht so leicht zu erschüttern. „Wer bin ich?“, „Was mache ich?“, „Muss ich dieses oder jenes wollen, nur weil es von mir erwartet wird?“ oder auch die Frage „Was ist meine Aufgabe in der Gesellschaft?“ Das sind Zweifel, die Menschen, die sich in der Religion verankert fühlen, meist nicht haben. Ich würde auch fast sagen, dass der therapeutische Prozess schneller voran geht wenn Patienten gläubig sind – egal, woran sie glauben.

In den letzten Jahrzehnten hat sich der Iran rasant von einer traditionellen zu einer modernen Gesellschaft gewandelt. Für viele ist es schwer, mit diesen Veränderungen mitzuhalten. Vor allem für die 30- bis 40-Jährigen ist es nicht einfach, sich für den richtigen Lebensstil zu entscheiden. Wollen sie ein altertümliches Leben führen mit zu vielen Regeln, an die sie nicht mehr glauben? Viele wollen das nicht und wünschen sich viel mehr Freiheiten – fühlen sich aber den hergebrachten Werten ihrer Familie oft noch stark verpflichtet. Überdies sind ihnen die Jüngeren oft zu progressiv, verrückt und freizügig. Denn die unter 30-Jährigen wissen wiederum genau, was sie wollen. Sie sind laut und kämpfen für ihre Rechte. Aber dafür leiden sie oft unter Stress und Angstzuständen.

Ich liebe es, tief in die Wirklichkeiten meiner Patienten eintauchen zu können. Allerdings können männliche Patienten damit, dass ich eine erfolgreiche Frau bin, mitunter schwer umgehen. Bei Paartherapien zum Beispiel wollen sich die Männer bisweilen nicht von mir beraten lassen. Sie fühlen sich von mir provoziert, schon weil ich meine eigene Praxis habe. Gleichzeitig fühlen sich auch nicht alle Frauen bei mir wohl. Manche fühlen sich eingeschüchtert oder sie vergleichen sich mit mir. Von männlichen Kollegen habe ich dergleichen noch nie gehört.

Da nur einige Versicherungen einen Teil der Kosten für Psychotherapie übernehmen, müssen die meisten meiner Patienten selbst bezahlen. Das ist, gemessen am Einkommen, oft viel Geld, sodass es sich leider nicht jeder leisten kann, zu mir zu kommen.“

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Maryam Mohajeri, 40, Molekulargenetikerin und Chefin eines Bio-Tech-Unternehmens

„Ursprünglich ging es um meine Tante, die unter Multipler Sklerose litt, und der ich gerne in irgendeiner Weise helfen wollte – schließlich studierte ich an einer der besten Universitäten des Iran molekulare Genetik. An unserer Uni war gerade ein Medikament mit einer Nanoverbindung auf pflanzlicher Basis entwickelt worden, das nun für verschiedene Anwendungsbereiche getestet wurde.

Ich beschloss also, es im Rahmen meiner Doktorarbeit für die Behandlung von Multipler Sklerose zu untersuchen. Es stellte sich heraus, dass das Medikament – ein sicheres pflanzliches Antioxidans, das das Zentralnervensystem regenerieren kann – einen wirklichen Durchbruch in der Behandlung von Multipler Sklerose darstellt. 

Mein Supervisor an der Universität und ich suchten uns dann einen Partner mit internationaler Geschäftserfahrung, um eine Firma zu gründen. Inzwischen haben wir fast alle Zertifikate zusammen und demnächst können wir unser Medikament auf den Markt bringen. Zudem arbeiten wir an weiteren innovativen Medikamenten und Produkten aus dem Bereich der Nanotechnologie – etwas ganz Neues in Iran.

Natürlich ist es schwer, meine Familie und mein Unternehmen unter einen Hut zu bringen. Ich muss den Zeitplan und die Aktivitäten meiner Kinder und meines Betriebes gleichzeitig managen. Nach dem Gesetz kann hier der Mann seiner Frau verbieten zu arbeiten. Das wird heute aber kein Mann mit Verstand tun, denn unserer Wirtschaft geht es nicht gut und die Familien brauchen zwei Gehälter. Aber es ist Teil unserer Kultur, dass Frauen verantwortlich sind für die Kinder.

Früher war es normal, dass der Mann nach der Arbeit nach Hause kam und fragte: „Wo ist mein Abendessen, wo ist mein Tee, wie geht es den Kindern?“ Aber die Gesellschaft ändert sich. Die neue Generation von Männern hilft bei der Kindererziehung und im Haushalt und betrachtet die Frauen als gleichberechtigt. Das macht mich hoffnungsvoll, denn ich wünsche meinen Töchtern, dass sie Arbeit und Familie vereinen können und auf nichts verzichten müssen.“

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Mona Borhani, 29, selbständige Englischlehrerin und Kulturvermittlerin

„Als ich in Italien war, haben sie mich tatsächlich gefragt, ob mein Vater mich oft schlagen würde und ob ich überhaupt Auto fahren dürfte. Im Rahmen eines Austauschprogramms habe ich Englisch an einer Schule in Pompeij unterrichtet. Meine Supervisorin sagte damals: „Ich kann gar nicht glauben, dass du aus dem Iran kommst, und so eine gute Lehrerin bist.“

Dabei war diese italienische Schule, angeblich eine der besten des Landes, mit ihren unmotivierten Lehrern und dem langweilig aufbereiteten Stoff schlechter als unsere öffentlichen Schulen in Teheran. Ich habe meinen italienischen Kollegen gezeigt, dass wir in Iran gebildete Leute sind. Allerdings denken wir hier oft selbst, dass wir hier nicht so gut sind wie andere Länder. In unseren Medien wird die westliche Welt ständig als Paradies und wir als rückständig dargestellt. Ich wünschte, ich könnte den Iraner*innen ihr Selbstbewusstsein zurückbringen.

Auch wenn dies ein hoch gestecktes Ziel ist, kann ich ihnen immerhin Englisch beibringen und so auch den Zugang zu anderen Kulturen erleichtern. Ich habe englische Literatur studiert und mich schon früh als Englischlehrerin selbständig gemacht. Mein Vater hat mich schon als Mädchen ermuntert, von niemandem abhängig zu werden. Inzwischen habe ich nicht nur hier und Italien, sondern auch an einer internationalen Schule in den Arabischen Emiraten gearbeitet.

Mir fällt es schwer still zu sitzen und nichts zu tun. Deshalb bin ich gerade dabei, ein Kulturzentrum mit Hostel zu gründen, wo Iraner*innen und Reisende die Schönheit ihrer eigenen Kultur und die anderer Kulturen kennenlernen können. Allerdings ist der Iran ein bürokratischer Alptraum und die nötigen Genehmigungen zu bekommen, dauert eine Ewigkeit. 

Wichtig ist vor allem, dass wir Vorbilder finden – Frauen, die selbständig und unabhängig sind, sodass wir sagen können: „Oh, sie hat das geschafft, dann schaffe ich das auch!“ Die iranischen Regierungsmedien würden nie unabhängige Frauen in den Vordergrund stellen. Aber in den sozialen Medien entscheiden wir, wer Publikum bekommt und wer nicht. Manchmal schaue ich die Instagram-Stories von starken Frauen an, die es ebenfalls geschafft haben, Hindernisse zu überwinden. Das gibt mir Kraft für den Tag.“

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Zeinab Mousavi, 28, Komikerin

„Natürlich gehört es sich in Iran für eine Dame nicht, Witze zu machen – schon gar nicht vor Publikum. Das habe ich wirklich oft genug gehört. Auch, dass ich zurück in die Küche gehen sollte, wo ich hingehöre. Da höre ich nicht mehr zu.

Ursprünglich habe ich Softwareentwicklung studiert und dann als Designerin gearbeitet, was mich aber nicht mehr erfüllte. Und da ich wusste, dass ich eine lustige Person bin, entschied ich mich dazu Komikerin zu werden. Zuerst bei Instagram. Dort habe ich einen Account eingerichtet: „Iamkuzcooo“, zu Deutsch „Ich bin die Kaiserin“.Erfunden habe ich dafür die Figur einer alten Frau, der „Kaiserin“.

Die ist etwas aggressiv und egoistisch, bedeckt sich vollständig mit einem Hijab, sodass nur ihre Nase zu sehen ist, und macht sich genüsslich über sämtliche Missstände in unserer Gesellschaft her. In kürzester Zeit war die Figur berühmt, hatte eine riesige Anzahl von Followern – aber niemand wusste, dass ich die „Kaiserin“ war, noch nicht einmal meine Familie.

Im Jahr 2014 ließ ich den Hijab vor dem Gesicht jedoch etwas lockerer, sodass mich die Leute erkennen konnten – und zwar bei der ersten Talentshow für Stand-up-Comedians im staatlichen Fernsehen, zu der ich mich angemeldet hatte. Die „Kaiserin“ auf dem Bildschirm zu sehen, war für die Leute ein Knaller. Eigentlich war bis dahin klar, dass Frauen keine guten Comedians sein und höchstens Nebenfiguren spielen konnten.

Ich durfte dann in vier Runden der ersten Staffel der Show weitermachen. Aber vor jeder Aufzeichnung wurde mir gesagt, was ich sagen darf und was nicht. Anders als die Männer durfte ich als Frau öffentlich weder über Persönliches noch über Familienprobleme und schon gar nicht über etwas auch nur entfernt Sexuelles sprechen – weshalb ich gut darin wurde, meine Botschaften immer subtiler zu machen.

Alles außer das Gesicht musste ich streng verhüllen und meinen Körper durfte ich kein bisschen bewegen. Dabei könnte man in der Comedy mit der Körpersprache doch so viel machen! Aber im staatlichen Fernsehen gelten für Frauen sehr strenge Regeln.In der letzten Runde der ersten Staffel verlor ich zwar, wurde dann aber Drehbuchautorin der nächsten Staffeln der Show. Außerdem haben wir eine Gruppe professioneller Comedians gegründet: „Die Königsfamilie“ – wobei ich natürlich noch immer die Kaiserin bin…

Die Leute lieben unsere Auftritte in Cafés. Sie sind so verzweifelt über den Zustand unseres Landes, da helfen nur noch Witze. Und ich lasse nichts aus: Gleichberechtigung, Politik, Klimawandel. Dass Frauen nicht ins Fußballstadion durften war auch häufig Thema – aber das haben wir ja nun endlich geschafft!“

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Bahar Gorgij, 34, Rechtsanwältin und Hausjuristin eines Unternehmens

„Strafverteidigung, das ist es, was mich interessiert – das habe ich schon gemerkt, als ich als Studentin ein Praktikum in einer Anwaltskanzlei in Teheran gemacht habe. Dies war für mich eine kontroverse Zeit. Mir wurde damals klar, dass es für Anwälte manchmal weniger darum geht, gut vorbereitet zu sein, als darum, stark aufzutreten, vor den Mandanten und vor Gericht. Das fand ich schrecklich. Andererseits wollte ich meine Suche nach Gerechtigkeit deswegen nicht aufgeben.

Mittlerweile habe ich meine eigene Kanzlei. Aber es gibt immer wieder Mandanten, die behaupten, dass Männer besser kämpfen können und deshalb einen männlichen Anwalt bevorzugen. Für mich als Frau ist es jedenfalls extrem schwer, gewichtige Strafrechtsfälle zu bekommen. Und wenn ich dann an einem solchen Fall arbeite, kommt es vor, dass die gegnerische Seite mich bedroht, weil sie denkt, ich würde mich einschüchtern lassen. 

Die meisten Mandate bekomme ich im Moment im Familienrecht. Da haben die Mandanten offenbar weniger Probleme, sich von einer Frau vertreten zu lassen. Aber ich kämpfe auch dafür, dass das traditionelle Recht Frauen nicht mehr diskriminiert. Ein Beispiel ist das Blutgeld, das bei Körperverletzung an die Familie des Opfers gezahlt werden muss.

Laut einer uralten, noch vom Propheten selbst aufgestellten Regel erhält die Opferfamilie eine Geldmenge im Wert von 100 Kamelen – aber nur wenn das Opfer männlich ist. Wenn es weiblich ist, dann gibt es nur den Wert von 50 Kamelen. Allerdings ist dies Verhandlungssache – und ich würde mich niemals damit zufriedengeben, dass Frauen nicht gleich viel wert sind wie Männer. In solchen Fällen kämpfe ich auch für grundsätzliche Veränderungen in unserem Rechtssystem in der Zukunft.

Zwei Tage in der Woche arbeite ich inzwischen auch als Hausjuristin eines Unternehmens mit 400 Mitarbeitern, das Dämme und Wasserkraftanlagen konstruiert und baut. Der Chef dort stellt mittlerweile lieber Frauen als Männer ein, weil Frauen härter arbeiten. Aber dann gibt es solche Vorfälle wie den mit der Finanzdirektorin in diesem Unternehmen.

Sie sollte mit dem Militär über ein technisches Projekt verhandeln, für das sie den Finanzplan erstellt hatte. Aber Frauen dürfen militärische Gebäude nicht betreten – so musste ein Untergebener als Mittelsmann hin- und herrennen, die Anweisungen der Finanzdirektor ausrichten und dieser wiederum vor der Tür die Pläne und die Positionen des Militärs aufzeigen. Gerne würde ich einen solchen Fall vor Gericht bringen. Aber hier in Iran gibt es, anders als in anderen Ländern, keine Anti-Diskriminierungsgesetze.“

Hanna Hempel
Von Hanna Hempel , Berlin

Hanna Hempel (26) studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften in Malmö und forschte zu Bürgerbeteiligung auf sozialen Medien und Frauennetzwerken. Zuvor lebte und fotografierte sie in Madrid, Berlin und Santiago de Chile. Aktuell arbeitet sie bei der DW Akademie und beschäftigt sich mit den Themen Media Viability, Digital Rights und Media and Information Literacy.

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