Die Kraft der weiblichen Wut
Soraya Chemaly rüttelt wach

Soraya Chemaly hat beim emotion "Women's Day" über die Kraft der weiblichen Wut gesprochen. Foto: Kerstin Musl

„Zusammen weiter kommen“ lautete das Motto des ersten „Women’s Day“ der Frauenzeitschrift emotion. Anfang Mai kamen mehr als 800 Frauen in Hamburg zusammen, um sich fortzubilden und inspirieren zu lassen. Einer der Vorträge stammte von Soraya Chemaly, die über die Kraft der weiblichen Wut gesprochen hat.

„Manchmal ist es schwierig zu erfahren, wie Dinge zwischen Kulturen übersetzt werden. Ich setze mich schon sehr lange für die Rechte von Frauen ein und ich fühle mich sicher damit, zu sagen, dass Wut nicht das Problem ist, weil wir sie alle haben. Ich habe mein jüngstes Buch („Rage Becomes Her: The Power of Women’s Anger“) direkt nach der Wahl von Donald Trump geschrieben. Und ich habe es geschrieben, weil die Wut so offensichtlich war. In den USA hatten vor seiner Wahl konservative weiße Frauen das höchste Maß von Wut im ganzen Land gezeigt. Und nach seiner Wahl waren es liberale weiße Frauen. Das war interessant für mich – aber auch für andere Menschen – weil wir dachten, Wut ist ein universales männliches Gefühl. Dabei verfügen Frauen über eine Wut, die weniger intensiv ist und die länger andauert.

Als wir an dem Buch gearbeitet haben, diskutierten wir über den Titel „Die Power von Wut“. Dabei glaubt ich, es sei besser, „Die Power von weiblicher Wut“ zu wählen. Das Wort „Wut“ haben wir nicht weiter definiert, weil es oft eine negative Kraft in unserem Leben ist. Es wird als Waffe gegen uns benutzt, auch wenn wir bestrebt sind, sie produktiv zu nutzen. Also habe ich in dem Buch versucht, die unterschiedlichen Stationen im Leben zu beleuchten. Ich beginne mit der frühen Kindheit, wo die Sozialisierung eine Schlüsselrolle spielt und wir anfangen, über Wut nachzudenken. Und dann schaue ich mir das Teenageralter an, später das Erwachsenenalter, das ich die fruchtbare Phase nenne, wo man sich entscheidet Kinder zu haben oder nicht, und dann die Bereiche Leben, Arbeit, Politik und am Ende eine Schlussfolgerung was mir mit der ganzen Wut machen sollen, die wir in uns tragen.

 

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Es gibt sehr viele Stereotype rund um das Thema weibliche Wut. In den USA geht das oft mit Rassismus einher. Wenn man beispielsweise eine schwarze Frau ist, ist man wütend von Natur aus. Man muss dafür gar nichts machen: Man ist einfach eine wütende schwarze Frau. Wenn man arabische oder hispanische Vorfahren hat, ist man feurig und heißblütig. Wenn man Asiatin ist, wird man als trauriges asiatisches Mädchen klassifiziert. Wenn man weiß ist, ist man einfach verrückt. Das heißt, wenn man wütend ist, ist man schlichtweg verrückt. Wir haben also einen tiefsitzende kulturelle Verknüpfung zwischen Frauen und Irrationalität und Männern und Rationalität. Und sogar wenn Jungs oder Männer wütend werden, glaubt man, dass sie logischer und weniger emotional reagieren.

Das Buch geht außerdem auf tägliche Diskriminierungen ein, denn darüber sprechen wir in der Regel nicht. Durch unsere Sozialisierung lassen wir viele Dinge einfach geschehen oder sehen sie nicht, statt sie zu thematisieren. Denn Diskriminierung findet oft im intimen Bereich statt. (…) Und wenn man sich Untersuchungen über Ländergrenzen hinweg anschaut, wird deutlich, dass Frauen in der Regel doppelt so viel Stress als Männer ausgesetzt sind. Das hat oft mit strukturellen Ungerechtigkeiten zu tun wie ungleiche Bezahlung oder unbezahlte Arbeit. Wenn Frauen also sagen „Ich bin gestresst“, meinen sie, sie sind müde, aber sie würden nie sagen, dass die Ungerechtigkeit zwischen den Geschlechtern ihr Leben viel anstrengender oder ihren Körper ungesünder macht. Und ich möchte mit meinem Buch einen Beitrag dazu leisten, dass wir genau dem ein Stück näher kommen. (…)

Weibliche Wut wird nicht ernst genommen

Zum Thema welche Bedürfnisse zählen, wer hat das Recht, sich zu beschweren oder zu artikulieren: Ich habe ein Bedürfnis, denn Wut ist eine Form von Bedürfnis. Als Frauen sind wir gewohnt, die Bedürfnisse von anderen zu priorisieren – und unsere Kulturen erwarten das auch von uns. Das heißt, Wut ist subjektiv und es wird nicht gerade gutgeheißen, wenn Frauen wütend sind. Also wachsen wir oft damit auf, unsere Wut zu verlieren oder zu minimieren und das meint zum Beispiel, wenn Mädchen wütend sind, das nicht ernst zu nehmen oder darüber zu lachen. Das geht weiter zu: „Sie ist hormonell gesteuert, weil sie ein Teenager ist“ etc. Das heißt, es gibt keine Phase in unserem Leben, wo die Wut ernst genommen wird. Stattdessen wird immer wieder versucht, sie zu trivialisieren. (…)

Verlegerin Katarzyna Mol-Wolf hat das Frauenmagazin „emotion“ 2009 dem Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr für eine Million Euro abgekauft. Der Vortrag von Soraya Chemaly war ihr persönliches Highlight (Foto: Pauline Tillmann).

Wir wissen aus Untersuchungen, dass Mädchen dazu erzogen werden, öfter „danke“ zu sagen. Sie werden ermutigt zu lächeln, egal wie es ihnen geht. Und dieses erlernte Verhalten „danke“ zu sagen und ständig zu lächeln, führt zu einer Distanzierung der eigenen Person – eine sogenannte Selbstobjektivierung – weil das oft nichts mit dem eigenen Befinden zu tun hat. Generell werden wir immer wieder zum Objekt. Zum Beispiel ist eine schwangere Frau das Eigentum von jedem: Man kann sie anfassen, man kann ihr Ratschläge geben, man kann ihr sagen was sie essen soll. Das ist auch eine Form von Objektivierung. (…) Das kann so weit gehen, dass man Wut nicht verorten kann oder gar nicht versteht, was ein klopfendes Herz bedeutet. Frauen können einen Hitzeschwall bekommen und verstehen erst Wochen oder Monate später: Da war ich wohl wütend. Wir tendieren also dazu, Wut also als persönliche Erfahrung von Individuen anzusehen, aber eigentlich ist es eine hochgradig soziale Emotion. (…)

Das heißt, wir müssen anfangen, Wut mehrdimensional zu sehen. Im Moment denken wir bei Wut an eine destruktive Kraft. Wir glauben zum Beispiel, dass damit Beziehungen zerstört werden können – und das ist negativ und schädlich. Wir lernen, dass wenn man wütend ist, riskiert man, Beziehungen zu zerstören. Und unser Job als Frauen in der Gesellschaft ist es, Beziehungen und Communities aufzubauen. Ich argumentiere allerdings: Das ist nicht das wahre Risiko. Das wahre Risiko ist, dass wenn wir sagen, was uns wichtig ist, wenn wir Verlässlichkeit einfordern, wird deutlich, wer sich wirklich um uns kümmert.  (…)“

Übersetzung (aus dem Englischen) von Pauline Tillmann.

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Mehr über Soraya Chemaly:

Die US-Amerikanerin Soraya Chemaly ist eine mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin und Medienkritikerin, die unter anderem im „The Atlantic“, „The National“ und „The Guardian“ publiziert. Sie spricht regelmäßig zu Themen wie Inklusion, Bildung, Frauenrechte, freie Meinungsäußerung, sexualisierte Gewalt und Technologie. Sie ist Direktorin des „Women’s Media Center Speech Project“, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Teilhabe von Frauen im gesellschaftlichen und politischen Kontext zu erhöhen.

 

Pauline Tillmann
Von Pauline Tillmann , Berlin

Pauline Tillmann (36) war 2011 bis 2015 freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg und hat vor allem für den ARD Hörfunk über Russland und die Ukraine berichtet. Im Mai 2015 hat sie „Deine Korrespondentin“ gegründet. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Reportagen und Radio-Features über soziale, kulturelle und politische Themen. Im Sommer 2013 hat sie das iPad-Buch „Frei arbeiten im Ausland“ geschrieben, 2015 das eBook „10 Trends für Journalisten von heute“. Mehr unter: http://www.pauline-tillmann.de.

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