Die Geburtsstunde der Nachtclubs
Interview mit Elettra Fiumi

Regisseurin Elettra Fiumi hat ihren Vater Fabrizio durch ihr Dokumentarfilmprojekt ganz neu kennengelernt. Fotos: Helen Hecker

Mit dem Film „A Florentine Man“ begibt sich Elettra Fiumi auf die persönliche Suche nach der Vergangenheit ihres Vaters. Mit bisher unveröffentlichtem Material ermöglicht sie einen Einblick in die Entstehung der europäischen Clubkultur. Unsere Gastautorin Helen Hecker hat die Regisseurin in Florenz interviewt und mit ihr jene Orte besucht, an denen alles begann.

Im Dunkeln leuchtende Farben, in sich verschlungene nackte Körper, eine Video-Installation der Mondlandung und Urban Gardening auf der Tanzfläche – als Elettra Fiumi nach dem Tod ihres Vaters dessen Foto- und Filmarchiv entdeckt, dauert es eine Weile, bis sie die Puzzlesteine zusammensetzen kann. Fabrizio Fiumi war Architekt und ein Pionier der Nachtszene im Florenz der wilden Sechziger. Als Mitglied der „Gruppe 9999“ eröffnete er eine der ersten Diskotheken in Europa, das „Space Electronic“. Mit provokativen Performances und radikalen Konzepten orientierten sich die jungen Architekten und Künstler an Ikonen wie Andy Warhol oder Frank Zappa, die zeitgleich im New Yorker Club „Electric Circus“ neue Lebensstile zelebrierten. Unter dem Titel „Night Fever. Design und Clubkultur 1960 bis heute“ widmet das deutsche Vitra Design Museum in Weil am Rhein den Wegbereitern jetzt eine Ausstellung.

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Elettra, was wird in der Ausstellung über die Arbeit deines Vaters gezeigt und welche Rolle spielt dabei dein Film?

Die Ausstellung erzählt die Entstehung der Clubkultur. Man durchwandert chronologisch die Geschichte der Diskotheken, angefangen mit den ersten Nachtclubs in den sechziger Jahren. Die erste Disko, die gezeigt wird, ist das „Space Electronic“, das mein Vater zusammen mit seinen Freunden 1969 in Florenz gegründet hat. Zu sehen sind zum Beispiel Originalplakate und die Super 8-Kamera, mit der er damals die Performances im Club filmte. Die Aufnahmen habe ich in einem Kurzfilm verarbeitet, der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist und der die Basis für meinen Dokumentarfilm bildet.

 

Warum hast du damit begonnen, die Vergangenheit deines Vaters aufzuarbeiten?

Als mein Vater vor vier Jahren gestorben ist, habe ich in seinen Archiven jede Menge Material seiner Schaffenszeit in Florenz gefunden. Anfänglich wollte ich eigentlich nur ein kleines Video mit ein paar Fotos für seine Trauerfeier zusammenstellen. Stattdessen entdeckte ich auf einmal unzählige Filmrollen in Super 8, alte Collagen, Poster und Manuskripte.

 

Wie kam es dann zu der Idee, einen Film daraus zu machen?

Ich hatte damals bereits meine Produktionsfirma in New York und arbeitete als Journalistin und Regisseurin. Das beeinflusste natürlich meine Entscheidung, einen Film über meinen Vater zu machen. Auf diese Weise fing ich an, das gesamte Archivmaterial zu digitalisieren und meine Nachforschungen filmisch zu dokumentieren. Ich wusste dabei nicht, was ich am Ende finden werde und wie viel Material es tatsächlich gab. Aber ich hatte mich dazu entschlossen, meinem Impuls und meiner Neugier zu folgen.

 

Erinnerst du dich an einen Schlüsselmoment, in dem dir bewusst wurde, was du in den Händen hältst?

Absolut! Ein wichtiger Moment für mich war die Entdeckung des Living Theaters „Paradise Now“. Mein Vater nahm die Show 1969 im „Space Electronic“ auf. Auf den ersten Blick dachte ich, dass er Sexorgien im Club gefilmt hatte und verstand die Bedeutung nicht. Stück für Stück habe ich dann das Puzzle zusammengesetzt und begriffen, dass es sich bei den Aufnahmen um eine Theatergruppe aus New York handelte, die auf Tournee war. Zur damaligen Zeit war es sehr selten, dass jemand solche Art von Kunst in einer Diskothek filmte. Ich hatte also einen Schatz in den Händen – und zwar nicht nur für mich selbst, sondern auch für andere.

 

Wie und wo fand die Idee zum „Space Electronic“ ihren Anfang? 

Mein Vater, der aus Florenz stammte, lernte Mitte der sechziger Jahre meine Mutter kennen, eine junge Amerikanerin, die den Sommer über in Italien jobbte. Kurz darauf flog er mit gerade einmal zwanzig Jahren und ohne viel Geld in der Tasche nach Amerika, um das Land zu erkunden. Im selben Jahr reisten auch seine Freunde Carlo Caldini und Mario Preti in die USA. Mit ihnen gründete mein Vater später in Florenz die „Gruppe 9999“ – ein Zusammenschluss junger Architekten, der in Italien die Bewegung des sogenannten „radikalen Designs“ etablierte. Gemeinsam tauschten sie sich über die Erlebnisse in den Staaten aus. Dazu zählte zum Beispiel der New Yorker Club „Electric Circus“, in dem Andy Warhol Art Director war. Orte wie dieser beflügelten ihre revolutionären Ideen, mit denen sie schließlich nach Italien zurückkehrten. Nur ein Jahr später eröffneten sie dann das „Space Electronic“, in dem sie die Energie der multimedialen Welt aus den USA nach Europa bringen wollten.

 

Video-Installationen waren fester Bestandteil der Bühnenshow.

Wie muss man sich den Club der damaligen Zeit vorstellen?

Meine Eltern und ihre Freunde hatten lange Zeit nach einem perfekten Raum gesucht und schließlich eine Garage gefunden, die von der großen Überschwemmung 1966 in Florenz beschädigt worden war. Eine lange Rampe führte den Besucher unterirdisch in den Club, der beinahe einem Labyrinth glich. Es gab sogenannte „Close Circuits“ mit Monitoren, über die man sehen konnte, wer draußen war, und die Leute draußen sahen, wer drinnen tanzte. Meine Mama steuerte von einer Empore über der Tanzfläche die Lightshows. Überall waren bunte Stroboskop-Leuchten, Projektoren, Flüssigkeiten und ein ziemlich psychedelisches Ambiente. Zudem befassten sie sich mit Umwelt und Recycling – auf der einen Seite aus Überzeugung, auf der anderen hatten sie kaum Geld. Aus Metalltrommeln von Waschmaschinen bauten sie Hocker oder experimentierten mit alten Kühlschränken.

 

Was konnte das Publikum im „Space Electronic“ erwarten und welche Musik wurde gespielt?

Der Club war immer voll und galt als Anziehungspunkt der damaligen Avantgarde. Es gab Theater, Video-Installationen, Kunst-Performances, aber vor allem zahlreiche Konzerte und DJ-Happenings. Dabei durfte im Prinzip jeder, der wollte, auf der Bühne spielen. Bald jedoch war der Musikgeschmack des Publikums so anspruchsvoll, dass die Auswahl und Qualität der Bands sehr wichtig war. Mein Vater und Mario Caldini reisten bis nach London, um angesagte Bands ausfindig zu machen. Darunter waren Rock-Idole der Zeit wie Rory Gallagher, Canned Heat, Van Der Graaf Generator oder Atomic Rooster.

 

Das Archivmaterial dokumentiert nicht nur die kreative Arbeit der „Gruppe 9999“, sondern auch ein Stück Zeitgeschichte. Was machte die Sechziger in Florenz aus?

Es war eine Zeit, in der viele junge Menschen das Gefühl hatten, die Welt verändern zu können. Auch wenn heute viele von ihnen zynisch denken und der Meinung sind, nichts verändert zu haben, glaube ich dennoch, dass sie es taten. Junge Architekturstudenten entwickelten neue Ideen und Konzepte, die es vorher so noch nicht gab. Für mich war es interessant, den Wandel zu betrachten, den Florenz damals vollzogen hat. Viele hatte den Antrieb, ständig etwas Neues zu erfinden, das über das Alltägliche hinausging. Ich frage mich, warum wir diese Energie heute oftmals verloren haben.

 

Was ist deiner Meinung nach der Unterschied zwischen einem Club heute und dem „Space Electronic“ damals?

Das „Space Electronic“ war nicht wirklich ein Club, zumindest nicht so, wie ich sie kenne. Es war Museum, Theater, Tanz und Spaß. Ein Ort für Vordenker, auch im Vergleich zu heute. Und eigentlich müsste er immer noch existieren. Heute tanzt du, trinkst, beobachtest vielleicht die Leute, aber du kommst nicht mit neuen kreativen Ideen aus dem Club. Sicherlich verband alle ein besonderes Gemeinschaftsgefühl. Im November 1977 veranstaltete die „Gruppe 9999 zum Beispiel mit anderen Bewegungen des radikalen Designs ein internationales Festival namens „S-Space“. Dabei wurde die komplette Tanzfläche geflutet und man konnte nur über Felsbrocken zur anderen Seite des Raums gelangen, wo sich ein Gemüsegarten befand. Der Club ermöglichte somit innovative Ideen, die den Austausch unter Studenten, Designern und Künstlern förderten.

 

Wie ging es nach dem „Space Electronic“ für deinen Vater weiter?

Nachdem mein Vater seine Anteile am Club 1973 verkaufte, folgte er seiner Leidenschaft für Film, die bereits mit den Super 8-Experimenten begann. Er fing an, einen Film mit dem Titel „Il Minotauro“ auf Kreta und in Florenz zu drehen, der jedoch niemals veröffentlicht wurde. Dank dieses Film wurde er am renommierten American Film Institute in Los Angeles angenommen und kehrte später nach Florenz zurück, um dort das „Florence Film Festival“ ins Leben zu rufen. Anschließend drehte er einen weiteren Dokumentarfilm in Brasilien. Bis zum Ende war es sein Traum, Kino zu machen. Nachdem er aber zehn Jahre an mehreren Krankheiten litt, starb mein Vater im Alter von 70 Jahren.

 

Der Club „Space Electronic“ in Florenz heute.

Was war für dich das Innovative, das dein Vater zusammen mit anderen hinterlassen hat?

Eine wichtige Hinterlassenschaft für die Stadt Florenz war sicherlich der Club, den es bis heute gibt. Mittlerweile hat er natürlich ein komplett anderes Ambiente und nichts mehr mit dem ursprünglichen Konzept gemeinsam. Damals war es ein multimedialer Raum, frei für künstlerische Experimente. Meine Mama würde als Errungenschaft sicherlich die Technologie der digitalen Untertitelung von Filmen nennen, die mein Vater erfand und später an Deluxe Digital Studios verkaufte. Bis heute wird sie weltweit genutzt.

 

Hast du durch deine Recherchen eine Seite deines Vaters entdeckt, die dir vorher unbekannt war?

Auf jeden Fall! Ich bin das jüngste von drei Kindern und war damals nicht alt genug, um zu verstehen, was seine Karriere genau beinhaltete. Die Krankheitsphase meines Vaters begann bereits, als ich sehr jung war. Ich habe ihn nie wirklich als Künstler kennengelernt. Mein Vater sprach nicht über die Vergangenheit, sondern widmete sich ausschließlich Visionen für die Zukunft. Und er war ein Mann der wenigen Worte. Wenn ich mit ihm mittags am Tisch saß, brachte er vielleicht fünf Worte während des ganzen Essens heraus. Ich kannte ihn also nicht wirklich gut, zumindest nicht als die Person, die er in den Sechzigern war. Als ich die Archive entdeckte, war vieles für mich neu.

 

Was willst du mit seiner Geschichte an andere weitergeben?

Anfänglich habe ich für den Film ein oder zwei Jahre eingeplant. Es ist jedoch ein viel größeres Projekt geworden als ich es mir hätte vorstellen können. Viele der Bilder und Filme, die ich gefunden habe, wurden noch nie auf Leinwand gezeigt. Dank ihnen bin ich nicht nur in Dialog mit meinem Vater getreten, sondern auch mit vielen anderen. Ich habe nicht nur viel über die Freunde und Kollegen meines Vaters sowie meine eigene Familie gelernt, sondern auch über mich selbst. Fabrizio Fiumi hat viele Menschen inspiriert und mich persönlich in meiner Kreativität ermutigt. Dieses Geschenk will ich gerne an andere weitergeben.

 

 Hintergrund:

Das Filmprojekt „A Florentine Man“ ist eine Co-Produktion von Mimesi’S Culture sowie Fiumi Studios. Die 34-jährige Regisseurin Elettra Fiumi ist in Italien geboren und lebt in New York und Florenz. Mit ihrem Film erzählt sie die Geschichte ihres Vaters Fabrizio Fiumi und der radikalen Architekten-Gruppe 9999. Ein erster Auszug daraus ist der Kurzfilm „9999: Florentine Memoirs“. Die aktuelle Ausstellung im Vitra Design Museum in Weil am Rhein ist noch bis zum 9. September 2018 zu sehen. 

Helen Hecker
Von Helen Hecker , Berlin

Helen Hecker (31) berichtet als freie Redakteurin und Fotografin für Online, Print und TV. Zu ihren Reportage- und Interviewthemen zählen vor allem Gesellschaft, Politik und Kultur. Nach ihrem Studium zur Sprach- und Politikwissenschaftlerin in Bamberg zog es sie 2008 nach Sizilien. Dort war sie lange Zeit für die nationale Dokumentarfilm-Akademie tätig und spezialisiert sich in ihrer Auslandkorrespondenz auf Italien. Mehr: www.helenhecker.de.

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