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Die Botschafterin der Ignorierten
Porträt einer engagierten Muslimin in Myanmar

31. März 2016 | Von Verena Hölzl
Die 28-jährige Wai Wai Nu kämpft für die Rechte der Muslime in Myanmar. Fotos: Verena Hölzl

Muslime haben es in Myanmar schwer. Vor allem die Minderheit der Rohingya leidet unter Diskriminierung. Eine von ihnen wehrt sich dagegen – und findet damit international Gehör. Unsere Korrespondentin hat Wai Wai Nu (28) getroffen.

Von Verena Hölzl, Yangon

Ihr eigenes Land erkennt sie nicht einmal als Staatsbürgerin an, in den Vereinigten Staaten diniert sie im Weißen Haus: Wai Wai Nu kämpft auf der globalen Bühne für die Menschenrechte von Muslimen in Myanmar. Im Sommer vergangenen Jahres wurde sie deshalb mit anderen muslimischen Aktivisten aus der ganzen Welt von Präsident Obama zu einem traditionellen Fastenbrechen eingeladen.

Es sind Menschen wie Wai Wai Nu, die unter der in Kürze antretenden Regierung von Aung San Suu Kyis „Nationaler Liga für Demokratie“ (NLD) endlich auch im eigenen Land Gehör finden könnten. Ob das tatsächlich so geschieht, muss sich erst noch beweisen. Denn Muslime haben es traditionell schwer in Myanmar.

„In unserem eigenen Land haben wir keine Stimme“, erzählt die 28-Jährige, die eine der prominentesten Aktivisten ihres Landes ist. Wai Wai Nu gehört der muslimischen Minderheit der Rohingya an. Für die Vereinten Nationen zählt diese zu den am meisten verfolgten Minderheiten der Welt. In Myanmar, dem früheren Burma, herrscht die Meinung vor, die Rohingya seien illegal aus dem benachbarten Bangladesch eingewandert. Der Staat verweigert ihnen deshalb die Staatsbürgerschaft. Auch Wai Wai Nu besitzt nur einen behelfsmäßigen Ausweis.

An einem Samstagnachmittag im Youth Center in Yangon: Draußen kreischen die Vögel. Die Balkontür der angemieteten Wohnung nahe Yangons Kandawgyi-See ist weit offen, die Hitze ist ausnahmsweise erträglich. Ein Freiwilliger aus den USA diskutiert mit einer Gruppe Zwanzigjähriger die Merkmale von Pluralismus und Totalitarismus.

Eine Abendschule für die Zivilgesellschaft

2012 gründete Wai Wai Nu das Youth Center in Myanmars größter Stadt als eine Art Abendschule für die Zivilgesellschaft, an der politische Bildung unterrichtet wird. Sie trägt rosa Lipgloss, einen traditionellen roten Wickelrock, dazu einen schwarzen Blazer, während sie den Demokratie-Unterricht mit fester Stimme ins Burmesische übersetzt. Dass sie sich vor einiger Zeit das lange schwarze Haar dunkelblond gefärbt hat, ist noch deutlich zu sehen.

Die meisten Rohingya leben anders als Wai Wai Nu nicht in der Großstadt, sondern in Rakhine, einem der ärmsten Teilstaaten des Landes. Seit den Ausschreitungen zwischen Buddhisten und Muslimen vor vier Jahren müssen sie ihr Dasein in trostlosen Camps fristen. Sie können sich weder frei bewegen noch Arbeit aufnehmen. Die medizinische Versorgung in den Lagern ist mangelhaft. 2014 wurde die Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ vorübergehend nicht mehr ins Lager gelassen. Die Menschenrechtsgruppe „Fortify Rights“ spricht unter anderem deshalb inzwischen offen von Hinweisen auf Genozid an den Rohingya.

Die junge Frau ist international ein gern gesehener Gast.

Für ihr Schicksal erfuhr die Minderheit zuletzt im vergangenen Mai eine Welle des internationalen Mitgefühls. Damals trieben Rohingya auf Booten führerlos durch die Andamanen-See und den Golf von Bengalen. Sie hatten sich Schleppern anvertraut, um in Malaysia, Indonesien oder Thailand Arbeit und ein besseres Leben zu finden. Die Schlepper ergriffen die Flucht, nachdem die thailändischen Behörden aufmerksam geworden waren. Von der Misere im Camp gerieten die Flüchtlinge so in das Drama auf den Kuttern. Gerettet wurden sie erst nach einem Aufschrei der internationalen Gemeinschaft. Doch geändert hat es an ihrer Lage nichts.

Sieben Jahre Gefängnis

Wai Wai Nu kennt das Gefühl nicht enden wollender Hoffnungslosigkeit. 2012 kam die junge Frau aus dem Gefängnis frei. Nach sieben Jahren. Sie ist in Gefangenschaft großgeworden. Im repressiven Myanmar, das jahrzehntelang von einer Militärjunta unterjocht wurde, galt ihre politisch aktive Familie als Störenfried. Man sperrte sie deshalb, wie viele andere, einfach weg. Sie spricht nicht gerne über die Zeit im Gefängnis.

Bis sie und ihre Familie bei einer Gefangenen-Amnestie freikamen, hatten die Generäle beschlossen, aus Myanmar eine Demokratie zu machen. Wai Wai Nu dachte, nun läge endlich das gute Leben vor ihr. Doch ein halbes Jahr nach ihrer Freilassung eskalierten zwischen Buddhisten und Muslimen im Land die Spannungen. Gesät wurde die Feindseligkeit gegenüber anderen Glaubensrichtungen im mehrheitlich buddhistischen Myanmar bereits zu Zeiten des Militärregimes.

„In einer Diktatur wird vieles unter den Teppich gekehrt. Wenn man den Teppich dann endlich hebt, kommt der Dreck zum Vorschein“, beschreibt sie es. Mit der neugewonnenen demokratischen Meinungsfreiheit können noch nicht alle umgehen. Entgleisungen in den sozialen Netzwerken sind Normalität. So war es auch 2012. Damals kursierte auf Facebook das Gerücht, eine Buddhistin sei von einem Muslim vergewaltigt worden. Verbreitet wurde es auf Facebook. In der Folge metzelten sich die beiden Religionsgruppen im Teilstaat Rakhine gegenseitig nieder.

Mit einer Selfie-Kampagne warb Wai Wai Nu (links) für ein friedliches Miteinander unterschiedlicher Religionen.

Auch eine von Wai Wai Nus besten Freundinnen, eine Buddhistin, fing an, Hass-Botschaften gegen Muslime auf Facebook zu teilen. „Ins Gesicht hätte sie mir das so nie gesagt“, ist sich die Aktivistin sicher. Im vergangenen Sommer startete sie zum Thema eine Selfie-Kampagne. „Myfriend“ hieß die Aktion, bei der Christen, Muslime und Buddhisten gemeinsam für ein Foto posierten und dieses auf Facebook und Twitter teilten, das die junge Frau eifrig nutzt. „Ich bin viel gereist und kann sagen: Wichtige Leute twittern“, erzählt sie und dreht dabei regelmäßig ein wenig gekünstelt die Augen nach oben.

Auf die Politik hatte Wai Wai Nu mit ihrer Selfie-Kampagne leider keinen Einfluss. Unter den 1151 Kandidaten, die Aung San Suu Kyi, immerhin ausgezeichnet mit einem Friedensnobelpreis, zu den historischen ersten freien Wahlen seit Jahrzehnten im November aufstellen ließ, war kein einziger Muslim. „Machtmanipulation“ ist das für Wai Wai Nu: Eine Gruppe radikaler Mönche, deren Anführer Muslime gerne als „Hunde“ und eine UN-Gesandte als „Hure“ bezeichnete, weil sie Myanmars Umgang mit den Rohingya kritisierte, baute im Vorfeld der Kandidatennominierung unumwunden Druck auf. „Auch die Muslime haben doch mitgekämpft für Demokratie in Myanmar. Jetzt sollen wir einfach ausgeschlossen werden?“, empört sich die Aktivistin.

Irgendwann will sie ihr Jura-Studium im Ausland wiederholen, denn sie findet: „Ein Abschluss in unserem Land ist rein gar nichts wert.“ Danach würde sie am liebsten auf internationaler Ebene Menschenrechte verteidigen. Bis es soweit ist, wird Myanmar für Wai Wai Nu wohl weiterhin eine hervorragende Schule sein.

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Von Verena Hölzl, Yangon

Verena Hölzl berichtet für uns aus Südostasien. Derzeit lebt sie als freie Korrespondentin in Myanmar, wo im Herbst 2015 – nach über fünf Jahrzehnten Militärdiktatur – die ersten freien Wahlen stattfanden. Von Yangon aus geht sie unter anderem für Spiegel Online, Deutsche Welle, WELT, dpa und taz den Dingen auf den Grund. Am liebsten in langen Reportagen.

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