Das Wundermaterial aus dem Meer
Bauen und arbeiten mit Seegras

Wegen der Corona-Pandemie sind Teile der Universität geschlossen. Deshalb arbeitet Larsen am Küchentisch. Foto: Sarah Tekath

Schon im 18. Jahrhundert verwenden die Einwohner*innen der dänischen Insel Læsø am Strand angespültes Seegras, um ihre Häuser zu isolieren oder Dächer zu decken. Eine kostengünstige und umweltfreundliche Methode, die in Vergessenheit geriet. Die Architektur-Studentin Kathryn Larsen arbeitet daran, diese alte Bautechnik in die Moderne zu übertragen.

Von Sarah Tekath, Amsterdam

Wer an Baumaterial denkt, hat wahrscheinlich Steine, Holz oder Beton vor Augen; Seegras stellt sich wohl niemand vor. Kathryn Larsen schon. Die junge Amerikanerin, die aktuell im niederländischen Delft lebt, hat eine Vision: Sie will mit dem Gras aus dem Meer umweltfreundlicher bauen – genauso, wie es die Einwohner*innen der dänischen Insel Læsø früher getan haben, wie Larsen erfährt, als sie 2015 für einen Bachelor der Architekturtechnologie nach Dänemark zieht.

In den USA könne sie es sich nicht leisten, dieses Fach zu studieren, erzählt sie, in Dänemark hingegen sei es für Ausländer*innen am Erschwinglichsten gewesen. Bei der Suche nach einem Konzept für einen Wettbewerb in ihrem Studiengang stößt sie auf die sogenannten Seegras-Häuser aus dem 18. Jahrhundert, bei denen dicke Schichten von Seegras auf den Dächern verteilt wurden. Inspiriert durch die besondere Bauweise beginnt Larsen, Prototypen für Seegras-Platten zu entwerfen, die für Dächer und Fassaden verwendet werden können.

 

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Aber die Nutzung von Seegras habe sich nicht nur auf den europäischen Raum beschränkt, sagt Larsen. Auch in den USA sei es im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verwendet worden – zum Beispiel zur Dämmung der Radio City Music Hall und des Rockefeller Centers in New York. Auch als Füllmittel für Matratzen habe es gedient. In den 1930er Jahren hätten jedoch der Klimawandel und eine Seegras-Krankheit die Bestände in Dänemark stark dezimiert und die Bauweise sei in Vergessenheit geraten.

Larsen will nun das alte Wissen mit moderner Architektur kombinieren. „Seegras ist ein absolutes Wundermaterial“, erklärt die Studentin. „Es schimmelt nicht, wird von Ungeziefer gemieden, verrottet nur sehr langsam und ist durch den hohen Salzgehalt kaum brennbar.“ Nach ihrem Bachelor-Abschluss im Januar 2019 arbeitet sie Vollzeit in einem dänischen Architekturbüro und erhält zusätzlich ein Stipendium, das es ihr möglich macht, ihre Prototypen als Bio-Designerin weiterzuentwickeln. „Ich habe Pressemitteilungen an verschiedene Design-Magazine geschickt. Ein Artikel hat meinen Prototypen internationale Aufmerksamkeit eingebracht“, so Larsen.

Laura Govers im niederländischen Wattenmeer (Foto: Katrin Rehl).

Konkretes Interesse hätten zum Beispiel Firmen aus Großbritannien, Norwegen, Kanada und Spanien gehabt. Aber vor Ort habe es kein Seegras-Farming gegeben und ihre Modelle seien auch noch nicht so weit gewesen, um in die Produktion zu gehen. Inmitten der Corona-Pandemie verliert Larsen ihren Job und die einzige Möglichkeit für die heute 25-jährige Amerikanerin mit deutschen, polnischen und puerto-ricanischen Wurzeln scheint zu sein, weiter zu studieren. Schließlich entscheidet sie sich für ein Master-Architekturstudium in den Niederlanden und zieht zusammen mit ihrem dänischen Ehemann nach Delft.

Aktuell ist jedoch wegen COVID-19 ein Großteil der dortigen Universität geschlossen, so auch die Labore, so dass Larsen am Küchentisch an ihren Prototypen arbeitet. „Die dänischen Seegras-Farmer, mit denen ich zusammenarbeite, haben mir einen 40-Kilo-Sack mit Seegras geschickt. Der steht jetzt bei mir in der Abstellkammer“, lacht sie. Damit probiere sie verschiedene Methoden aus, das Material in Holzrahmen zu pressen, um ihre Modelle windbeständiger zu machen. „Leider hält das Seegras momentan nur maximal ein Jahr. Spätestens danach hat der Wind es in Stücke gerissen.“

Das Seegras muss sie aus Skandinavien importieren, denn in den Niederlanden, wo sie jetzt lebt, ist es kaum verfügbar. „Das ist so schade,“ meint Larsen, „früher wurde in den Niederlanden so viel Seegras an den Strand geschwemmt, dass die Menschen es zum Deichbau verwendet haben – davon ist jetzt so gut wie nichts mehr übrig.“ Dabei gibt es eine Frau, die genau das ändern will. Laura Govers, Ökologin, Meeres- und Frischwasser-Biologin und Dozentin an der Universität Groningen, beschäftigt sich seit 2007 mit der besonderen Pflanze.

Seegras wieder neu pflanzen

„Seetang ist wichtig für die Bio-Diversität. Wie Mangrovenwälder und Korallenriffe bildet es ein Ökosystem. Außerdem bietet es jungen Fischen einen sicheren Ort zum Aufwachsen, bindet Kohlenstoff und kann giftige Stoffe aus dem Wasser filtern“, erklärt sie. Zudem sei Seegras ein verlässlicher Puffer gegen Wellen, die so weniger groß und heftig auf Deiche und Strände treffen würden. Und: Das feste Wurzelgeflecht der Seegrasfelder helfe, den Boden festzuhalten und eine Küstenerosion zu verhindern. „Bedauerlicherweise ist Seegras in den Niederlanden fast gänzlich verschwunden“, erklärt Govers.

Grund dafür sei unter anderem der 1933 gebaute, 32 Kilometer lange Abschlussdeich, ein Damm zwischen den Provinzen Noord-Holland und Friesland. Dabei handelt es sich nicht um die natürliche Form von Deichen, von denen Larsen spricht, die am Strand das Hinterland vor Fluten schützen sollen. Stattdessen ist der Abschlussdeich ein künstlicher Damm mitten im Meer, für den vor allem Beton verwendet wurde. Dieser habe das gesamte Wattenmeer und sein Ökosystem verändert, führt Govers weiter aus.

Darum arbeitet sie seit 2014 an einem Projekt, das Seegras in das niederländische Wattenmeer zurückbringen will. Dafür fährt sie mit ihrem Team sowie zahlreichen Freiwilligen regelmäßig ins Wattenmeer, um Saatgut einzupflanzen. Damit die Samen nicht weggeschwemmt werden, haben die Wissenschaftler*innen eine besondere Methode entwickelt. Seit drei Jahren arbeite sie mit Samen aus Deutschland, wo es noch Seegras gibt.

Mit Spritzpistolen werden die Samen in den Boden gesetzt (Foto: Laura Govers).

„Die Samen sammeln wir im Herbst, lagern sie im Winter in künstlichem Seewasser, das wir selbst herstellen und mischen sie dann im Frühjahr in unseren Laboren mit niederländischem Meeresboden. Diesen Mix geben wir in Spritzpistolen und setzen die Samen so in den Meeresboden im Wattenmeer“, erklärt Govers. Die Methode zeige Erfolge, denn waren es 2018 nur 10.000 Pflanzen, seien es inzwischen gut zehnmal so viele. Das entspreche einem Feld von 170 Hektar. Um ein gesundes Ökosystem im Wattenmeer zu schaffen, brauche es allerdings weitere zehn Jahre.

Bezüglich der Nutzung als Baumaterial ist sie jedoch skeptisch. Aktuell sei in den Niederlanden noch so wenig Seegras vorhanden, dass es nicht realistisch sei, dies in naher Zukunft dafür verwenden zu können. Das ist auch Kathryn Larsen bewusst, die das Pflanzprojekt sehr befürwortet. „Wenn wir Seegras als Ressource nutzen wollen, müssen wir natürlich zuerst in die Neupflanzung investieren“, sagt sie.

„Demnach arbeite ich jetzt mit dem, was ich habe – in der Hoffnung, irgendwann wieder nach Dänemark zurückkehren zu können. Würde ich in den Niederlanden bleiben und mit dänischem Seegras arbeiten, wäre auch die Frage, wie nachhaltig es insgesamt ist, alles hin- und her zu transportieren.“ Gerne möchte sie in Zukunft mit dem Wissen, das sie sich jetzt durch ihr Studium und ihre Forschung aneignet, mehr Aufmerksamkeit erreichen für die Ressource Seegras und wie schützenswert sie ist.

Ihre Hoffnung ist, dass Dänemark in Zukunft zu einem internationalen Vorbild wird. Der Anfang scheint gemacht, denn ihre Arbeit bekommt nach wie vor viel internationale Aufmerksamkeit. Im Sommer 2020 erschien ein Artikel über Larsen und ihre Arbeit auf „ArchDaily“, nach eigenen Angaben die weltweit am meisten besuchte Architektur-Webseite. Im Oktober 2020 stellte sie ihr Design bei der „Dutch Design Week“ vor und im selben Monat berichtet auch die Süddeutsche Zeitung über sie.

Die Seegras-Prototypen hängen in Larsens Wohnung als Dekoration an der Wand (Foto: Sarah Tekath).

In ihrem Masterstudium beschäftigt sich Larsen in einem Kurs zudem mit dänischen Architektinnen und Möbel-Designerinnen der Vergangenheit. Bisher sei dies nur ein kleines Nebenprojekt, aber zukünftig werde es ihr hoffentlich gelingen, mehr Aufmerksamkeit für das Thema zu generiren. „Zu weiblichen dänischen Designerinnen der Vergangenheit gibt es so gut wie keine Quellen,“ gibt sie zu bedenken, „daher interviewe ich die Töchter oder Nichten dieser historischen Designerinnen; ich möchte wissen, wie die Frauen lebten, welche Hindernisse sie in ihrer Karriere überwinden mussten und wie wir ihre Arbeit heute bewerten würden.“

Dabei falle auf, dass die Rolle der Architektin untrennbar mit der Rolle der Mutter verbunden sei. „Immer wurde gefragt: ‚Wie schafft sie Haushalt und Kindererziehung neben dem Beruf?‘ ‚Sind die Kinder gut versorgt?‘ Eine Frau wurde nie nur als Architektin gesehen. Sie war immer die Mutter, die zufällig auch noch als Architektin arbeitete.“  Leider habe sich daran bis heute aus ihrer Sicht nur wenig geändert. Sie finde es frustrierend, dass ihr auch heute noch die Frage gestellt werde, ob sie Mutter werden wolle oder Karriere als Designerin und Architektin machen wolle.

Dabei seien es auch damals im 18. Jahrhundert vor allem die dänischen Frauen der Insel Læsø gewesen, die die Technik der Seegras-Dächer weiterentwickelten, sagt Larsen. „Wir sehen die Bauindustrie heute als stark männlich dominiert, aber damals war das nicht so. Die Männer waren als Segler oft monatelang nicht daheim. Also haben die Frauen die Arbeit übernommen und haben die Häuser mit Seegras gedeckt.“ Eine Tradition von Frauen, die sie jetzt als Designerin fortführen will.

 

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Sarah Tekath
Von Sarah Tekath , Amsterdam

Sarah Tekath (33) kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, hat zwei Jahre in Prag gelebt und schrieb dort als Freie für die Prager Zeitung und das Landesecho. Im Jahr 2014 zog sie nach Amsterdam, wo sie unter anderem für das journalistische Start-up Blendle arbeitete. Seit 2016 ist sie selbständige Journalistin und kümmert sich, gemeinsam mit Helen Hecker, um unseren Instagram-Kanal.

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