Das Prinzip des Eineinhalbverdieners
Gleichberechtigung in den Niederlanden

Annabel Wildschut ist Politologin und arbeitet bei Wo=Men (Women equals Men) in Den Haag. Foto: Sarah Tekath

Sie waren das erste Land, das die gleichgeschlechtliche Ehe legalisierte, gestatten unter bestimmten Voraussetzungen Sterbehilfe und der Verkauf und Konsum weicher Drogen ist nicht gesetzeswidrig. Man könnte die Niederlande also für fortschrittlich halten. Aber gilt das auch für die Emanzipation?

Sarah Tekath, Amsterdam

Der Gender Equality Index 2017 vom European Institute for Gender Equality, der Gleichberechtigung etwa bei Gesundheit, Wissen, Geld und Arbeit erhebt, zeigt, dass die Niederlande mit 72,1 Punkten über dem EU-Durchschnitt von 67,4 liegen. Daher ließe sich vermuten, dass das Land in Sachen Gleichberechtigung weit vorne liege. Im Bereich Arbeit fällt jedoch auf, dass in Sozial- und Pflegeberufen Frauen mit einer Beschäftigungsrate von 34,9 Prozent den Anteil von Männern mit lediglich 9,5 Prozent deutlich übersteigen.

Hinsichtlich Vollzeit-Anstellungen führen Männer mit 58 Prozent gegenüber Frauen mit 37 Prozent. Noch deutlicher wird dies bei Paaren mit Kindern, wo 76 Prozent der Frauen in Teilzeit arbeiten, aber nur 29 Prozent der Männer. Außerdem besteht immer noch ein Gender Pay Gap von 21 Prozent. Der EU-Durchschnitt liegt übrigens bei 20 Prozent, allerdings mit erheblichen Unterschieden zwischen den Ländern. Handelt es sich um eine Familie mit Kindern, verdient eine Niederländerin sogar 46 Prozent weniger als ihr Mann.   

 

Sie mögen unsere Geschichten über starke, spannende Frauen weltweit und wollen uns aktiv unterstützen? Darüber freuen wir uns! Entweder werden Sie ab 4 Euro im Monat Mitglied bei Steady (jederzeit kündbar) oder lassen uns eine Direktspende zukommen. Wir sagen: DANKE und willkommen im Club!

 

Regelmäßig veröffentlichen das zentrale Büro für Statistik und das soziale und kulturelle Planbüro einen Emanzipationsmonitor zur wirtschaftlichen Lage der Frauen im Land. Der letzte Bericht ergab, dass 60 Prozent der Frauen wirtschaftlich unabhängig sind. Das bedeutet im Umkehrschluss: 40 Prozent sind es nicht. Gleichzeitig fallen die Niederlande im Report des World Economic Forums deutlich nach unten, und zwar von Platz 16 auf 32.

„Die Entwicklungen gehen in die verkehrte Richtung,“ sagt Annabel Wildschut. Sie ist Politologin und arbeitet bei Wo=Men (sprich: Women equals Men) in Den Haag. Die Nichtregierungsorganisation setzt sich mit einem Netzwerk aus anderen NGOs, Unternehmen, Bildungseinrichtungen und Aktivist*innen für Gleichberechtigung ein. Gerade beim Thema Gleichberechtigung in der Arbeitswelt wird klar, ist die Teilzeitbeschäftigung das größte Problem. In der EU sind durchschnittlich ein Drittel der Frauen in Teilzeit beschäftigt. In den Niederlanden sind es knapp drei Viertel.

Für Schwangerschaft und Mutterschutz erhalten Frauen 16 Wochen Freistellung bei vollem Gehalt. Der Vaterschaftsurlaub dauert aber nur fünf Tage – und das erst seit Januar 2019. Zuvor waren es zwei Tage. „Manche sprechen in diesem Zusammenhang von einem großen politischen Durchbruch“, erklärt Wildschut und lacht. „Als müssten wir dafür dankbar sein!“

Der Mann als Ernährer der Familie

In niederländischen Familien gilt meist das Prinzip des Eineinhalbverdieners. Der Mann bringt mit einer Vollzeitstelle die finanzielle Sicherheit und die Frau macht nebenbei ein bisschen Teilzeit – aber nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit.

Oft wird so getan als ob Frauen damit aktive Entscheidungen in ihrem Leben treffen könnten. Tatsächlich wissen aber die meisten Frauen, dass finanzielle Gleichheit beim Gehalt ohnehin nicht gegeben ist, so Wildschut. Es sei für sie schlicht nicht attraktiv, nach der Geburt wieder arbeiten zu gehen, weil sie sowieso weniger verdienen würden und auch Karrierechance kaum vergleichbar wären.

Devika Partiman hat sich mit „Stem op een vrouw“, zu Deutsch „Wähle eine Frau“, auf Politik spezialisiert (Foto: Sarah Tekath).

Bregje Hofstede ist Journalistin und Autorin und schreibt unter anderem für die niederländische Online-Plattform „De Correspondent“ in der Rubrik „Neuer Feminismus“. Bisher hat sie zwei Bücher sowie eine Essay-Sammlung verfasst und lebt aktuell im englischen Norwich. Mit anderen Frauen hat Hofstede die Nichtregierungsorganisation „De Bovengrondse“ gegründet, die Aktionen zum Thema Feminismus organisiert. Damit soll ein Bewusstsein für feministische Themen erreicht werden, da viele – auch Frauen – der Meinung seien, es müsse nichts mehr getan werden. Bereits im Jahr 2003 erklärte etwa der damalige Minister für Soziales, Aart Jan De Geus, die Emanzipation niederländischer Frauen für beendet.

Vor dem Gesetz sind Frauen Männern gleichgestellt und im europäischen Vergleich ist der Gender Pay Gap eher klein. „Allerdings kommt es auf die Maßstäbe an“, findet Hofstede. „Nur weil die Zustände weniger schlecht sind als woanders bedeutet das nicht, dass sie gut sind.“ Sicher hätten sich Frauen vergangener Generationen sehr dafür eingesetzt, die Lage von Frauen zu verbessern, aber das heiße nicht, dass nun alles erledigt sei. „Es geht um Gleichheit und solange wir das nicht erreicht haben, sind wir noch nicht am Ziel. Es reicht nicht, zu sagen: Wir sind jetzt weniger ungleich als vorher.“

Traditionelle Männer- und Frauenrollen

Sie glaubt, dass vielen nicht bewusst sei, wie stark ihre Entscheidungen vom eigenen Kulturkreis bestimmt seien. „Kinder wachsen in einem Umfeld auf, in dem es normal ist, dass Papa arbeitet und Mama daheim ist. Das wird dann natürlich auch nicht in Frage gestellt“, sagt sie. „Ich bin mit zwei Elternteilen aufgewachsen, die beide Vollzeit arbeiteten und Freundinnen sagten mir, dass ich eine schlechte Mutter habe, weil sie nicht zu Hause bleibt.“

In Wildschuts Kindheit arbeitete der Vater in Vollzeit und die Mutter zu 70 bis 80 Prozent. Auch sie glaubt an einen Teufelskreis, der heranwachsenden Mädchen eine Karriere gar nicht erst als Option präsentiert. Beide sprechen auch von einer gesellschaftlichen Verzerrung in Hinblick auf beide Elternteile. Gehe ein Mann freitags nicht ins Büro, weil er zu Hause Papa-Tag habe – also sich bewusst frei nehme, um sich um die Kinder zu kümmern – bekäme er Zuspruch. Dass Mütter dies täglich täten werde gemeinhin als gegeben hingenommen.

Dieses traditionelle Denken spiegelt sich auch in der Anzahl der Frauen in Führungspositionen und in der Politik wider. Der eingangs erwähnte Gender Equality Index belegt, dass der Einfluss von Frauen in den Niederlanden in diesem Bereich kontinuierlich abgenommen hat. Nur ein Drittel der Parlamentssitze werden von Frauen eingenommen. Das Gleiche gilt für Ministerposten. Noch auffälliger wird es beim Blick auf Vorstände von Unternehmen, wo Frauen knapp 25 Prozent ausmachen. In der Bankenwelt sind es sogar nur 8 Prozent.

Und das, obwohl im Jahr 2013 eine Frauenquote eingeführt wurde, die einen Anteil von mindestens 30 Prozent in Vorständen und Aufsichtsräten vorschreibt. Das Problem: Es handelt sich um eine sogenannte ‚weiche‘ Frauenquote, ohne jegliche Verpflichtungen. Zuerst wurde für die Zielerreichung das Jahr 2016 angesetzt, mittlerweile gilt 2020. Hofstede meint: „Noch immer gibt es viele, die glauben an eine natürliche Entwicklung, wenn es um Frauen in Führungspositionen geht – dem ist aber eindeutig nicht so!“

Suzan Steeman (Foto: Kiddo van der Veen).

Suzan Steeman ist mittlerweile seit sechs Jahren bei „Women Inc.“. Die Organisation wurde 2003 gegründet, als Minister van Geus verkündete, die Emanzipation in den Niederlanden sei abgeschlossen. Bei „Women Inc.“ sah und sieht man das anders. Die Organisation will Frauen in den Bereichen Arbeit, Gesundheit und Präsentation in den Medien unterstützen. Hinsichtlich der Frauenquote glaubt Chefredakteurin Steeman, dass sie sicher nicht die einzige Lösung, aber zumindest eine Möglichkeit ist.

Grundsätzlich sei es wünschenswert, dass immer der*die Geeignetste die Stelle bekäme, aber wenn ein Betriebsrat ausschließlich mit Männer besetzt ist, ist es eher unwahrscheinlich, dass sie sich für eine Frau als neue Führungskraft entscheiden. Dabei geht es nicht zuletzt darum, Vorbilder zu schaffen. Diesen Ansatz verfolgt auch Devika Partiman. Sie hat sich mit „Stem op een vrouw“, zu Deutsch „Wähle eine Frau“, auf Politik spezialisiert.

Auf der Website der Organisation findet sich ein Wahl-o-mat, speziell für weibliche Kandidaten, sowie ein Debattentraining für Politikerinnen. Diese Trainings seien nötig, weil Frauen eine Karriere in der Politik oft gar nicht in Erwägung ziehen würden, erklärt Partiman. „Sie glauben, das nicht zu können und überlassen es lieber anderen.“ Auch wenn das Wahlrecht für Frauen seit mehr als 100 Jahren bestünde, so habe sich in der politischen Landschaft der Parteien nur wenig getan. Frauen wären kaum zu sehen – wodurch es auch keine weiblichen Vorbilder gäbe.

Stärkeres Bewusstsein in der Gesellschaft

„Ich denke, Emanzipation fällt aktuell so schwer, weil die letzten Hürden subtil sind. Früher kämpften Frauen für das Recht auf Arbeit oder das Wahlrecht, heute sind die Vorwürfe weniger greifbar“, meint Partiman. Aber auch wenn es scheint, dass sich die Niederlande eher rückwärts bewegen als vorwärts, so zeigt sich doch, dass sich viele Frauen dagegen wehren. „Beim Women’s March Anfang 2019 gingen knapp 15.000 Frauen auf die Straße“, sagt Suzan Steeman von „Women Inc“. Auch in den vergangenen Jahren sehe sie eine Veränderung in der Gesellschaft. „Früher konnte ich bei meiner Geburtstagsfeier kaum offen über Emanzipation oder Feminismus reden. Mittlerweile ist das durchaus möglich. Die Akzeptanz und das Bewusstsein sind auf jeden Fall größer geworden – auch das ist schon ein Fortschritt.“

Sarah Tekath
Von Sarah Tekath , Amsterdam

Sarah Tekath (33) kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, hat zwei Jahre in Prag gelebt und schrieb dort als Freie für die Prager Zeitung und das Landesecho. Im Jahr 2014 zog sie nach Amsterdam, wo sie unter anderem für das journalistische Start-up Blendle arbeitete. Seit 2016 ist sie selbständige Journalistin.

Alle Artikel von Sarah Tekath anzeigen