Belgien und die Gleichberechtigung
Zwischen Islamophobie und Frauenquote

Die 27-jährige Muslimin Sara Lou findet es schade, dass sie dauernd Diskriminierung erlebt, weil sie ein Kopftuch trägt. Fotos: Franziska Broich

Belgien liegt im EU-Gleichberechtigungsindex 2017 im oberen Drittel. Doch fühlen sich belgische Frauen im Alltag gleich und gerecht behandelt? Eine 60-jährige Aufsichtsrätin und eine 27-jährige muslimische YouTuberin haben dazu ganz unterschiedliche Meinungen.

Von Franziska Broich, Brüssel (EU-Korrespondentin der KNA)

Wer Sara Lou sieht, könnte denken, ihr islamisches Kopftuch sei ein Mode-Accessoire. Stylisch fügt sich der weiße Stretchstoff an ihren Kopf, darüber ein rosa Tuch. Nur wenige schwarze Haare sind noch am Ansatz zu sehen. Die Lippen sind leicht rot geschminkt, die Wimpern getuscht. Ein weißes T-Shirt ragt unter dem dunkelblauen Nadelstreifenanzug hervor. Doch das Tuch ist eben keine Mode. Es hat eine spirituelle Bedeutung für 27-jährige Muslimin aus Brüssel. Das Problem: „Ich erlebe dauernd Diskriminierung, weil ich ein Kopftuch trage“, sagt Lou.

Sieben Prozent der belgischen Bevölkerung gehören dem Islam an. Es ist die zweitgrößte Religion nach der katholischen Kirche. Trotzdem gehört Islamophobie immer noch zum Alltag: 2017 registrierte die Organisation „Unia“ über 200 islamophobe Taten in Belgien, insgesamt wurden 319 Diskriminierungen aufgrund religiöser Überzeugung gemeldet. Zwischen 2011 und 2017 stieg die Zahl der islamfeindlichen Taten auf 202 pro Jahr an. 2017 richteten sich drei Viertel der islamfeindlichen Taten zudem gegen Frauen: Sie wurden zum Beispiel auf der Straße wegen ihres Kopftuchs beschimpft oder erhielten Hassnachrichten über soziale Medien. Auch Sara Lou ist das schon oft passiert.

Doch das Kopftuch ist Teil von ihr. Erst studierte sie Betriebswirtschaft an einer staatlichen Universität in Brüssel. Ihr Kopftuch durfte sie im Hörsaal nicht aufsetzen – das ist in Schulen und Universitäten in Belgien verboten. Weil Kirche und Staat in Belgien getrennt sind, dürfen auch Lehrer*innen, Polizist*innen und Richter*innen keine sichtbaren religiösen Zeichen tragen. Auch deshalb fühlte sich Lou unwohl an der Uni: „Ich hatte das Gefühl, dass ich anders als die anderen war und allein.“ Schließlich brach sie ihr Studium ab und begann eine neue Ausbildung an der Business-Universität EPHEC. Das ist eine von zwei privaten Universitäten in Brüssel, an der Student*innen ein Kopftuch tragen dürfen. Doch auch dort war das Thema negativ konnotiert, ein Professor sagte mal zu ihr: „Du kannst großartige Dinge tun, aber durch das Kopftuch werden einige Türen für dich verschlossen bleiben.“ Lou erzählt, dass sie viele Freundinnen habe, die trotz des Studiums keine Arbeit fänden.

Molem-Sisters: YouTube-Kanal rund ums islamische Kopftuch

Irgendwann wollte sie nicht länger dazu schweigen und gründete vor zwei Jahren den YouTube-Kanal „MolemSisters“. Molem steht für das Brüsseler Viertel Molenbeek, wo sie aufwuchs und viele Muslim*innen wohnen. Sisters steht für ihre zwei jüngeren Schwestern, die sie unterstützen. „Mit meinem YouTube-Kanal will ich Hoffnung geben und zeigen, was als Muslimin in Belgien alles möglich ist“, sagt sie entschlossen.

Ihr Durchbruch kam vor ein paar Wochen. Nachdem ein Video der belgischen Sängerin Angèle gegen Sexismus im Alltag in den sozialen Medien viral ging, coverte Lou das Lied und veröffentlichte ihre Version auf YouTube. In „Balance ton quoi“ singt Lou von Alltagssituationen, in denen Musliminnen wie sie diskriminiert werden. Zum Beispiel, wenn sie mit Kopftuch durch den Park joggt und dafür blöde Sprüche von Passant*innen bekommt. Oder ihre Bewerbung in einem Modegeschäft einreicht und gefragt wird, was ihr einfalle, sich das mit islamischem Kopftuch zu erlauben.

„Ich dachte, dass es wahrscheinlich viele muslimische Frauen in Belgien und Europa gibt, denen es ähnlich geht“, erklärt sie, die hauptberuflich als Social-Media-Beraterin arbeitet. Am Ende wurde das Video nicht nur von Musliminnen sondern auch von Männern oder Frauen anderer Religionen unterstützt: „Der Erfolg des Videos zeigt: Ich bin nicht die einzige, die Ungerechtigkeit und Diskriminierung erlebt.“

Sara Lou hat einen eigenen YouTube-Kanal und erreicht damit bis zu 40.000 Menschen.

Den Mund aufzumachen, ihr Recht einzufordern – das lernte Sara Lou von ihrer Mutter. Sie ermutigte Lou auch, den YouTube-Kanal zu starten. „Am Anfang ging es um Mode. Mittlerweile zeige ich, wie man typische Speisen zum Ramadan kocht oder das Kopftuch bindet.“ Knapp 40.000 Abonnent*innen aus Belgien, Frankreich, Kanada, der Schweiz, Marokko, Algerien und Tunesien folgen derzeit ihrem Kanal.

Lou findet es schade, dass das islamische Kopftuch für viele Menschen in Europa immer noch nicht normal ist. „Wenn wir das Kopftuch zurückweisen, werden gleichzeitig auch muslimische Frauen ausgeschlossen,“ sagt Lou, „für mich ist das islamische Kopftuch eine Erinnerung daran, wo ich herkomme und wer ich bin.“ Es sei etwas Persönliches – und auch ein modisches Kleidungsstück. „Ich glaube, dass Schönheit auch ein Teil unserer Religion ist“, so Lou. Und weiter: „Gott liebt Schönheit.“ Bereits ihre Mutter habe immer farbige Kopftücher getragen.

Im September startet ihre neue Video-Serie, in der sie Musliminnen, Menschen mit anderer Hautfarbe oder einfach Leute, die Besonderes leisten, im Alltag begleitet. „Ich will zeigen, was diese Menschen Tolles auf die Beine stellen und andere inspirieren“, sagt sie. Das sei ihr persönlicher Beitrag, um Menschen vom Rand der Gesellschaft in die Mitte zu holen.

Frauenquote beschert „positive Diskriminierung“

Während Sara Lou im hippen Café im Brüsseler Stadtteil Molenbeek arbeitet, sitzt Cécile Scalais nicht weit entfernt im 27. Stock des Belfius-Turm. In dem gigantischen Glasgebäude im Geschäftsviertel von Brüssel arbeiten mehr als 6.000 Menschen. Das Banken- und Versicherungsunternehmen gehört zu den größten in Belgien. Die 60-jährige Scalais verantwortet die juristische Abteilung. Seit 2012 sitzt sie im Aufsichtsrat des Belfius-Tochterunternehmens „Cofinimmo“, das mit Immobilien handelt. Zwischen 2011 und 2016 saß sie bereits in Aufsichtsräten in Irland und Luxemburg.

Für börsennotierte Unternehmen in Belgien seit 2011 ein Gesetz, dass 40 Prozent der Aufsichtsräte weiblich sein müssen. Zwischen 2008 und 2018 vervierfachte sich dadurch die Zahl von Frauen in Aufsichtsräten. In Deutschland waren laut der Hans-Böckler-Stiftung 2017 etwa 27 Prozent der Aufsichtsräte weiblich – auch dort gibt es seit 2016 eine solche gesetzliche Quote. Scalais ist im Aufsichtsrat von „Cofinimmo“ eine von fünf Frauen; insgesamt zählt er elf Mitglieder.

Cecile Scalais sitzt im Aufsichtsrat des Belfius-Tochterunternehmens „Cofinimmo“, das mit Immobilien handelt.

An diesem Nachmittag trägt die zierliche Juristin Scalais eine weiße Bluse, darüber eine beige Strickjacke. Herzlich bittet sie in eine der kahlen Büroboxen aus Glas. Die Fenster bis zum Boden bieten einen Blick über die gesamte Stadt. Eine beeindrucke Aussicht – beeindruckend wie die Karriere der Belgierin. Ob Scalais nur wegen der Frauenquote dort oben angekommen sei? Nein, antwortet sie entschieden, denn sie habe ja bereits davor im Aufsichtsrat gesessen. Und natürlich habe auch ihre Qualifikation eine Rolle gespielt. „Aber ich habe wahrscheinlich von dem Trend profitiert, mehr Frauen in Führungspositionen zu holen“, sagt sie und nennt das „positive Diskriminierung“.

Wenn ein Mann und eine Frau mit ähnlicher Qualifikation für einen Posten zur Wahl stünden, entschieden sich die Personaler meist für die Frau. „Besonders junge Frauen werden derzeit gefördert“, sagt sie. „Belfius war ein Vorreiter bei dem Thema. Das hat dazu geführt, dass ich viele Frauen in Führungspositionen im Unternehmen kennengelernt habe.“ Über die Organisation „Women on board“, zu Deutsch „Frauen im Vorstand“, trifft sie gezielt andere Frauen im Vorstand oder Aufsichtsrat. Die Organisation hilft nicht nur beim Vernetzen, sondern auch geeignete Frauen für Vorstände und Aufsichtsräte zu finden. Daneben werden Workshops zu bestimmten Themen organisiert, wie zum Beispiel zur Gleichberechtigung der Geschlechter oder Vielfalt in Aufsichtsräten.

Kinder und Karriere waren die größte Herausforderung

Ehrgeizig war Scalais von Anfang an: Als sie nach dem Studium in den 80er Jahren ihren ersten Job annahm, suchte sie bereits nach Herausforderungen. „Ich wollte Verantwortung übernehmen und eigenständig arbeiten.“ Zu der Position als Aufsichtsrätin sei sie dann Schritt für Schritt gekommen. Das Vertrauen des Managements sei ein Schlüssel in ihrer Position. Das habe sie ständig motiviert. Mit Mitte 30 übernahm Scalais zum ersten Mal die Leitung einer juristischen Abteilung, damals bei einer Versicherung. Mit 52 Jahren wurde sie schließlich gefragt, ob sie Mitglied des Vorstands werden wolle. „Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern,“ sagt sie, „ich war unglaublich stolz.“  Es sei das Ergebnis harter, kontinuierlicher Arbeit gewesen.

Doch es gab auch Hindernisse auf dem Weg dorthin: „Zu Beginn meiner Karriere war ich oft die einzige Frau am Tisch.“ Als größte Hürde habe sie es erlebt, Familie und Beruf zu vereinen. Besonders, als ihre Kinder klein waren. „In Belgien gibt es zwar eine Krippe, aber die hat auch Schließzeiten“, sagt sie. Glücklicherweise habe ihr Mann sie unterstützt. Mittlerweile sind ihre Kinder erwachsen. Für ihren Aufstieg habe sie ihre Kinder nicht opfern müssen – „ich habe jede freie Minute mit meiner Familie verbracht.“

Inzwischen genieße es aber auch, problemlos eine Dienstreise anzutreten oder Überstünden machen zu können. Doch müsse der Staat ihrer Meinung nach mehr tun, um Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern. Erst vor kurzem habe sie ein Buch des belgischen Vizepremierministers Alexander De Croo über die Lage der Gleichberechtigung in Belgien zwischen Männern und Frauen gelesen. „Ich war erschrocken, wie ungleich es derzeit noch in unserem Land zugeht“, gibt sie offen zu. Auch wenn Belgien im Vergleich zu anderen EU-Mitgliedstaaten beim Thema Gleichstellung bereits gut abschneidet, gibt es noch immer Verbesserungsbedarf. Das sieht YouTuberin Lou genauso wie Vorstandsvorsitzende Scalais – so unterschiedlich ihr Alltag auch aussehen mag.

 

Info: Kooperation mit der Frankfurter Rundschau

Dieser Artikel ist der zweite in unserer achtteiligen Serie „Wie emanzipiert ist Europa?“. Dabei kooperieren wir exklusiv mit der Frankfurter Rundschau. Mit der Serie wollen wir beleuchten, wo es in Europa in puncto Gleichberechtigung besonders gut läuft und wo es noch Nachholbedarf gibt. Die nächste Geschichte erscheint Ende September und handelt von der Emanzipation in Spanien.