„An den Männern liegt es nicht“
Kritik an Mädchen- und Frauenzeitschriften

Foto: Pauline Tillmann

Beim DJV-Journalistinnenkongress Mitte April erzählte die 23-jährige Poetry Slammerin Nhi Le von ihrer Bachelorarbeit. Sie hat im vergangenen Sommer zwei Zeitschriften besonders unter die Lupe genommen und eine Abhandlung darüber geschrieben „Wie Bravo Girl und Glamour Frauen ihr Selbstbild vermitteln“.

Gut gelaunt tritt Nhi Le auf die Bühne bei der Süddeutschen Zeitung in München. Eigentlich kommt sie aus Leipzig und stieg an diesem Tag frühmorgens in den Flieger Richtung Süden. Nun spricht sie vor 250 Journalistinnen über Stereotype in Mädchen- und Frauenzeitschriften. Für ihre Bachelorarbeit hat sie eine qualitative Inhaltsanalyse der beiden auflagenstärksten Zeitschriften in ihrem jeweiligen Kundensegment vorgenommen: „Bravo Girl“ und „Glamour“.

Nhi Le ist Bloggerin, Slam Poetin und moderiert für das junge Angebot der öffentlich-rechtlichen Sender, funk, das YouTube-Format „Jäger und Sammler“. Hier hat sie die Tipps, die sie untersucht hat, auch visuell verarbeitet:

Sie sagt: „Bei Bravo Girl geht es in erster Linie darum, Jungs zu beeindrucken. Die Zeitschrift ist – leider – nicht darauf ausgerichtet, das Selbstbewusstsein der Mädchen zu steigern.“ Das heißt, ein Großteil des Magazins beschäftigt sich mit der Außenwirkung. Wie komme ich bei Freundinnen an? Wie komme ich bei meinem Schwarm an? Dafür gibt es auch konkrete Flirt-Tipps, die besagen: „Mach einen auf Tollpatsch!“ Dadurch werde in den Männern der Beschützerinstinkt geweckt. Ein anderer Tipp: „Ein bisschen Stalking ist okay.“ Das heißt, man solle herausfinden, wo sich der Angebetene herumtreibt, man solle sich via Social Media über seine Lieblingsband informieren und die eigene Freizeitgestaltung daran orientieren.

„Dabei vergessen die Mädchen völlig sich selber,“ konstatiert Nhi Le, „denn es geht immer nur darum, dem anderen zu gefallen.“ Auch den Hinweis „Anfassen ist erlaubt“, weil „auch wenn ihm deine Berührungen nicht auffallen, können sie Gefühle auslösen“, findet die Studentin besonders problematisch. Dadurch werde suggeriert, dass es für Berührungen keine Einvernehmlichkeit braucht – „denn wenn ich ihn anfassen darf, darf er natürlich auch mich anfassen.“

Neben der „Bravo Girl“ hat sie auch die „Glamour“ untersucht, um herauszufinden: Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wie sieht das Selbstbild bei einer Frauenzeitschrift aus? Der Test „Warum du immer noch Single bist“ hat ihr dabei die Überschrift für ihre Bachelorarbeit geliefert. Der Grundtenor: An den Männern liegt es nicht – stattdessen wird den Frauen permanent suggeriert, dass sie allein „Schuld“ daran seien, wenn sie keine Beziehung haben. „Es wird mit völlig veralteten Stereotypen gearbeitet“, meint Nhi Le. So habe es in dem Test unterschiedliche Typen wie die „Bitch“ oder die „Selbstsüchtige“ gegeben. Ihr Fazit: „Wenn man mehr will als das Minimum an Gefühlen, gilt man gleich als selbstsüchtig“.

Immer wieder werde vermittelt, dass man alle Probleme selber lösen könne, wenn man sich nur weiter optimiere. Dabei werde beispielsweise der Alltagssexismus, der in der Gesellschaft tief verankert sei, völlig außen vor gelassen. So etwas wie alternative Beziehungsformen suchte die Bloggerin ebenfalls vergeblich. „Das Ideal lautet Frau – Mann – Kind“, so die 23-Jährige. Dabei gebe es inzwischen bekanntermaßen jede Menge gleichgeschlechtliche Paare oder Frauen, die bewusst keinen Nachwuchs möchten.

Als Maßnahmen, um dagegen anzugehen, formuliert Nhi Le folgende Punkte:

  • Kritisches Hinterfragen der vermittelten Inhalte
  • Resultierende Forschungsmöglichkeiten: Redaktionelle Strukturen untersuchen, Leserinnen befragen (Was macht das mit euch?)
  • „Bravo Girl“ und „Glamour“ als Symptome der Medienlandschaft
  • Gründe für derartige Inhalte mit gesellschaftlichen Standards zusammenbringen
  • Mittelfristig: alternative Medienangebote schaffen
  • Langfristig: gesellschaftliche Strukturen hinterfragen und umdenken

Nach ihrem Vortrag diskutierte Nhi Le (links) beim DJV-Journalistinnenkongress über „Neue Medien, alte Klischees – Rollenbilder zwischen Anspruch und Wirklichkeit“.

„Grundsätzlich geht es aber nicht darum, diese beiden Zeitschriften an den Pranger zu stellen,“ macht Nhi Le deutlich, „vielmehr zeigen sie exemplarisch, was das Problem bei Medien mit so großer Reichweite ist.“ Demnach werde den Frauen vorrangig vermittelt, dass es um Außenwirkung und Selbstoptimierung gehe und nicht so sehr um die eigene Gefühlswelt oder Selbstvertrauen. Eine Grundeinstellung, die sich später mutmaßlich auch durch das Leben der Leserinnen zieht, wenn sie sich nicht irgendwann eigenmächtig davon emanzipieren. Außerdem werden sie spätestens im Berufsleben erkennen, dass auch die gesellschaftlichen Zwänge eine wesentliche Rolle dafür spielen, wie sich Frauen entwickeln können. Davon ist in den Mädchen- und Frauenzeitschriften so gut wie nie die Rede.

Pauline Tillmann
Von Pauline Tillmann , Berlin

Pauline Tillmann (35) war 2011 bis 2015 freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg und hat vor allem für den ARD Hörfunk über Russland und die Ukraine berichtet. Im Mai 2015 hat sie „Deine Korrespondentin“ gegründet. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Reportagen und Radio-Features über soziale, kulturelle und politische Themen. Im Sommer 2013 hat sie das iPad-Buch „Frei arbeiten im Ausland“ geschrieben, 2015 das eBook „10 Trends für Journalisten von heute“. Mehr unter: http://www.pauline-tillmann.de.

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