In Montpellier kämpfen viele alleinerziehenden Familien täglich mit finanziellen Sorgen, unzureichender Kinderbetreuung und Einsamkeit. Die Stadt reagiert mit kreativen Angeboten, die zeigen, dass direkte Unterstützung möglich ist, aber auch an ihre Grenzen stoßen.
Zusammenfassung:
In Montpellier sind Alleinerziehende – meist Frauen – besonders von Armut, Wohnungsnot und Überlastung betroffen. Die Stadt reagiert mit gezielten Hilfen: günstige Kinderbetreuung zu Randzeiten, Wohnprojekte, finanzielle Unterstützung und Entlastungswochenenden. Doch trotz innovativer Ansätze bleiben strukturelle Hürden und der Bedarf größer als die zur Verfügung stehenden Angebote.
Von Anna Schütz, Montpellier
In Montpellier sind alleinerziehende Familien eine wachsende Bevölkerungsgruppe. Ihre Herausforderungen im Alltag sind vielseitig: Studien zeigen, dass diese Haushalte einem höheren Risiko für finanzielle Schwierigkeiten, einem eingeschränkten Zugang zur Kinderbetreuung und begrenzten Wohnmöglichkeiten ausgesetzt sind.
Hinzu kommen oft eine starke mentale Belastung und nicht selten ein Gefühl von Einsamkeit. Seit einigen Jahren verstärkt die Stadt Montpellier daher ihre Unterstützungsangebote für alleinerziehende Familien, doch strukturelle Lücken und bürokratische Hürden existieren weiterhin.

Zahlen und soziale Unterschiede
In Frankreich sind etwa ein Viertel aller Familien alleinerziehend. In Montpellier ist die Zahl laut Angaben der Stadt jedoch deutlich höher und liegt bei rund 40 Prozent. Bei 85 Prozent dieser Familien ist das alleinerziehende Elternteil eine Frau. Auch innerhalb der Stadt zeigt sich zudem eine ungleiche Verteilung: Stadtteile mit einem höheren sozialen Gefälle weisen mit 17 Prozent einen erhöhten Anteil an alleinerziehenden Haushalten auf, während wohlhabendere Viertel mit nur fünf bis zehn Prozent seltener betroffen sind.
Diese Verteilung macht deutlich, dass strukturelle Faktoren wie Wohnkosten, Zugang zu Kinderbetreuung und die soziale Infrastruktur eng mit der tatsächlichen Lebenssituation von alleinerziehenden Elternteilen verbunden sind. Eine der größten Herausforderungen für alleinerziehende Familien in Montpellier bleibt die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben.
Unstabile Arbeitsverträge, Teilzeitfallen und längere Arbeitswege können den beruflichen Alltag erschweren. Außerdem arbeiten viele Alleinerziehende in Branchen mit niedrigen Löhnen oder atypischen Arbeitszeiten, was nicht nur zu finanzieller Instabilität, sondern auch zu Problemen in der Kinderbetreuung führen kann.
Beruf und Familie vereinbaren
Um die Belastung für alleinerziehende Familien zu verringern, wurde der soziale Schutzschirm für Kleinkindbetreuung eingerichtet, eine finanzielle Unterstützung für einkommensschwache Eltern mit Kindern unter drei Jahren. Wenn ihre Arbeitszeiten vor 7.30 Uhr oder nach 18.30 Uhr liegen, übernimmt die Stadt die Finanzierung einer passenden Betreuung – entweder in einer der insgesamt fünf dafür vorgesehen Kindertagesstätten oder durch zugelassene häusliche Betreuungsdienste.
„Die Betreuung zu Hause gehört zu den teuersten Betreuungsformen“, erklärt Jean-François Rioufol, Leiter der städtischen Abteilung für frühkindliche Betreuung. „Mit diesem Angebot wollen wir sie zugänglicher machen, indem wir ein System der direkten Kostenübernahme eingeführt haben. Eine alleinerziehende Mutter zahlt also lediglich den Betrag, den sie auch für eine zusätzliche Stunde in der Krippe zahlen würde – manchmal nur 50 Cent oder einen Euro pro Stunde, statt den sonst üblichen 20 bis 25 Euro.“
Wohnraum als zentrale Herausforderung
Auch die Wohnraumsituation in Montpellier zählt für viele alleinerziehende Familien zu den größten Herausforderungen. Die Stadt gehört seit Jahren zu den am stärksten wachsenden urbanen Räumen Frankreichs, was zu einem erheblichen Druck auf den Wohnungsmarkt führt. Besonders betroffen davon sind Haushalte mit nur einem Einkommen, denn sie konkurrieren nicht nur mit Paaren, sondern zunehmend auch mit Studierenden und Zugezogenen.
Auch Claire, die mit ihrem fünfjährigen Sohn in Montpellier lebt, kennt das Problem. „Ein Vermieter hatte mich nach einem Besichtigungstermin mal zur Seite genommen und gesagt: ‚Alleine mit Kind? Das wird schwer.‘ Damit meinte er eigentlich, dass ich keine Chance hätte“, berichtet die Alleinerziehende. Bis sie eine Wohnung gefunden hat, habe es mehrere Monate gedauert. „Ich habe meinen Sohn und mich schon auf der Straße gesehen. Letztendlich habe ich dann eine Wohnung bekommen, die aber viel zu teuer, zu klein und auch zu weit entfernt von meiner Arbeit ist.“
Weder für Privat- noch für Sozialwohnungen werden alleinerziehende Familien bevorzugt behandelt. Die Stadt versucht zwar, die Herausforderungen mit mehreren Projekten zu anzugehen, kann den reellen Bedarf aber nur teilweise decken. So bietet der städtische Fonds für Wohnhilfen eine finanzielle Unterstützung für besonders belastete Haushalte – etwa durch Zuschüsse für Kautionen, Mietschulden, Versicherungen oder Energiekosten. Parallel dazu sieht der lokale Wohnungsbauplan insbesondere den Ausbau von sozialem Wohnraum und die Sanierung älterer Bestände vor.
Eine zusätzliche Rolle soll ab 2027 das Projekt „Maison des Violettes“ übernehmen. Fatma Nakib, Stadträtin mit Zuständigkeit für Gleichstellung und Frauenrechte, erklärt: „Das Projekt richtet sich an Frauen, die sich gerade trennen oder scheiden lassen und Unterstützung beim Neuanfang brauchen. Es entstehen zwölf komplett ausgestattete Wohnungen sowie mehrere Gemeinschaftsräume. So wollen wir verhindern, dass die Frauen in finanzielle Not geraten oder vereinsamen.“

Materielle und psychische Belastungen
Nicht zu unterschätzen ist zudem die Kombination aus materieller und psychischer Belastung, der viele Alleinerziehende ausgesetzt sind und die auch Claire plagt. „Ich jongliere jeden Monat zwischen Miete, Essen und allem, was mein Sohn braucht. Für mich bleibt da nichts mehr übrig“, berichtet die 32-Jährige. Der ständige finanzielle Druck wirke dabei direkt auf ihr Wohlbefinden: Er verstärke die Sorgen, raube ihr Energie und erhöhe das Gefühl von Überforderung. Hinzu komme die Alleinverantwortung. „Ich bin ständig alles auf einmal: Mutter, Arbeitnehmerin, Organisatorin. Und wenn etwas schiefgeht, gibt es niemanden, der einspringt.“
Die dauerhafte Überlastung birgt zahlreiche Risiken, wie chronische Erschöpfung, Einsamkeit oder auch eine stärkere Abhängigkeit von Sozialleistungen. Hilfsangebote kommen vor allem von lokalen Vereinen, wie Fatma Nakib erklärt: „Die Stadt unterstützt ein Netzwerk von Vereinen, das mit Alleinerziehenden arbeitet. Sie schaffen Räume, in denen Frauen sich austauschen, über ihre täglichen Sorgen sprechen und sich gegenseitig stärken können.“ Eine dauerhafte Lösung bieten die Organisationen jedoch nicht, da sie oft projektfinanziert sind und oft nur zeitlich begrenzt wirken können. Zudem fehlt es an Kapazitäten, um den gesamten Bedarf abdecken zu können.
Auszeit für Alleinerziehende
Zu den wohl wichtigsten Projekten, dank derer die Stadt versucht, alleinerziehende Familien zu unterstützen, gehören die sogenannten Entlastungswochenenden, organisiert vom Städtischen Sozialzentrum. Sie ermöglichen es alleinerziehenden Müttern, gemeinsam mit ihren Kindern an Aktivitäten teilzunehmen und zugleich Zeit für sich zu genießen, während ihre Kinder von professionellen Betreuer*innen begleitet werden. Laut Pressestelle der Stadt verfolgen diese Wochenenden mehrere Ziele: den Eltern eine Auszeit zu ermöglichen, Einsamkeit zu vermeiden, indem Kontakte zwischen den Familien geknüpft werden, Räume für Austausch zu schaffen sowie Eltern und Kinder zu entlasten.
Die Organisator:innen kümmern sich sowohl um den Transport als auch um die Unterkunft in einem Freizeitzentrum in La Grande-Motte, einem Küstenort 30 Minuten von Montpellier entfernt. 240 Familien haben bereits an einem Entlastungswochenende teilnehmen können, von denen seit 2023 jedes Jahr etwa sechs organisiert werden und die mithilfe von Staatsgeldern finanziert werden.

Kommunale Unterstützung im Vergleich
Montpellier bietet vergleichsweise fortschrittliche und gezielte Hilfsangebote, die auf die echten Lebensbedingungen alleinerziehender Familien zugeschnitten sind. Im Vergleich zu anderen französischen Städten wie Paris oder Lyon, die ebenfalls Projekte zur Unterstützung von Alleinerziehenden anbieten, legt Montpellier einen stärkeren Fokus auf die praktische Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wodurch Betroffene leichter von den entsprechenden Angeboten profitieren können.
Fatma Nakib sieht aber auch den Staat in der Verantwortung. Das System orientiere sich stark an traditionellen Familien, weil das Konzept noch aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs stamme. „Eine Familienministerin erklärte uns mal, dass es eigentlich Aufgabe der Kommunen sei, in diesem Bereich aktiv zu werden. Tatsächlich versuchen die Kommunen, etwas zu bewegen und in großen Städten wie Montpellier kann man auch effektive Maßnahmen umsetzen. In kleinen Gemeinden wird das aber deutlich schwieriger, weil es an finanziellen Mitteln fehlt.“
Mit finanzieller Unterstützung und gezielten Hilfsprogrammen schafft Montpellier Möglichkeiten, alleinerziehende Familien zu entlasten. Für Claire gehen die Initiativen in die richtige Richtung. Sie sagt, dass sich die Stadt bemühe, regelmäßig Treffen zu organisieren und auch Mitarbeitende der Sozialämter darüber zu informieren, wo der Schuh drückt. Doch bis Alleinerziehende wirklich stabile Lebensbedingungen bekämen, sei es noch ein weiter Weg.

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