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Alleine im Wald
Die Natur als Coach

7. November 2021 | Von Eva Tempelmann
Die Liechtensteinerin Ursula Seghezzi bietet Naturcoaching im Wendland an. Fotos: Eva Tempelmann

Die gewohnte Welt zu verlassen und neue Wege zu gehen fällt vielen Menschen schwer. Die Liechtensteinerin Ursula Seghezzi öffnet ihnen dafür Räume: In ihrem Naturcoaching-Institut im Wendland bietet sie sogenannte Visionssuchen und Waldzeiten an, in denen die Teilnehmenden ins Gespräch mit sich und der Natur kommen. 

Von Eva Tempelmann, Clenze

Das Wendland ist ein guter Ort für Naturcoaching. In der entlegenen Region im östlichen Niedersachsen nisten Störche auf Dächern, in den Elbauen leben Biber und in den Fachwerkhäusern aus rotem Backstein wohnen Menschen, die seit Jahrzehnten gegen Atomkraft protestieren. In der Nähe der Ortschaft Clenze stehen einige restaurierte Höfe einander zugewandt im Kreis. Ein Rundlingsdorf, typisch für diese Region. Genau hier führt Ursula Seghezzi das sogenannte „Uma Institut“.

„Ich schaffe gerne Räume, in denen Menschen offen werden für Veränderungen“, sagt Seghezzi gleich zu Beginn des Gesprächs. Die Menschen, mit denen sie arbeitet,kommen mit großen Fragen – beruflich, privat, global. Wie geht es im Job weiter? In der Partnerschaft? Mit unserem Planeten? Seghezzi hat auf diese Fragen keine Antworten. Aber sie weiß, wo sich Menschen besonders gut öffnen und mit sich ins Gespräch kommen können: in der Natur.

Alleine im Wald.

„Hier erfahren wir uns als ganz klein und groß zugleich, verbunden mit der Welt“, beschreibt Seghezzi die Erfahrungen. Sie bietet Coachings und Prozessbegleitungen für Einzelpersonen und Paare, Teams und Unternehmen an. Kernstück des Instituts sind sogenannte „Waldzeiten“, also ritualisierte Solozeiten in der Natur. Die Waldseminare folgen einem klaren Ablauf: In den ersten Tagen lassen die Teilnehmenden den Alltag hinter sich und finden heraus, mit welchen Fragen sie hergekommen sind.

„Vom Tun ins Sein kommen“

Dann folgen vier Tage und vier Nächte, die sie nur mit Wasser und dem Nötigsten ausgerüstet alleine im Wald verbringen. Das könne aufregend sein, so Seghezzi, mitunter beängstigend, aber auch langweilig, weil für unser auf Input getrimmtes Gehirn nichts passiere. „Die Idee ist, vom Tun ins Sein zu kommen.“ Nach der Solozeit kommt die Gruppe wieder zusammen, teilt Erfahrungen und bereitet sich auf die Rückkehr in den Alltag vor.

Funktioniert das? Viele beschreiben die Erfahrungen in der Tat als „überwältigend“. Wir haben einige von ihnen dazu befragt. So sagt zum Beispiel Walle Gairing aus Schleswig-Holstein: „Die Dunkelheit in der Nacht, die Stille und Einsamkeit – das war ein großer Schritt heraus aus meiner Komfortzone.“ Die 63-jährige Organisationsentwicklerin berät seit über 20 Jahren Unternehmen und Menschen, fragte sich aber zunehmend: „Was mache ich hier eigentlich?“

In den Seminaren wurde ihr klar: Uns ist die Verbindung abhanden gekommen. Es geht in unserem Leben nicht um Konkurrenz, sondern um Ko-Existenz – ein wertschätzendes Miteinander, auch mit der Natur. Die Menschen stellten sich zu sehr in den Mittelpunkt, der Klimawandel sei dafür ein deutliches Beispiel. Heute berate sie anders, sagt Gairing, und zwar ganzheitlicher.

Auf die Suche gehen

Ursula Seghezzi beschäftigt sich seit 30 Jahren mit den Fragen: Wie können wir in eine echte Verbindung treten mit der Welt? Wie die Natur als Kraftquelle wiederentdecken? Ihr persönlicher und beruflicher Weg spiegelt die Suche nach Antworten wider: An der Universität lernt Seghezzi über Buddhismus und Feminismus, sie arbeitet als Seelsorgerin und Internatsleiterin in der Schweiz, führt eine Naturheilpraxis und fokussiert sich dann auf Naturritualarbeit. 2003 gründet sie das „Uma Institut“ und arbeitet mehrere Jahre mit einem Visionssucheleiter zusammen.

Das Seminarhaus im Wendland (Foto: privat).

Die Visionssuche macht heute Seghezzis Arbeit aus. „Wenn wir uns erlauben, ein paar Tage nur zu sein, ohne Menschen und Ablenkungen, sind wir ganz auf uns zurückgeworfen“, erklärt sie. „Wir erfahren, wo wir im Leben stehen und wie es weitergehen könnte.“ Als sie das erste Mal unter Anleitung mehrere Tage und Nächte alleine im Wald verbringt, fallen vermeintlich vorgezeichnete Lebenswege und Erwartungen von ihr ab.

Seghezzi wird klar, dass ihre Ehe nach 13 Jahren am Ende ist. Jahre später ringt sie mit den Fragen, ob sie mit dem Institut nach Norddeutschland ziehen und erneut Mutter werden will. Die Antworten findet Seghezzi, als sie erneut mehrere Tage alleine im Wald verbringt. „Und Vision verpflichtet,“ ergänzt sie und lacht, „auch wenn sie große und manchmal unbequeme Veränderungen mit sich bringt.“

Ankommen und durchatmen

Seghezzi ist ihren inneren Bildern gefolgt und lebt seit 2014 in dem kleinen wendländischen Rundlingsdorf. „Hier fühle ich mich angekommen“, sagt sie und schaut aus dem Fenster hinaus in den Garten. Dort arbeiten ihr Mann David und ihr kleiner Sohn. Die 50-Jährige erwartet ein weiteres Kind, das sie als „Geschenk“ bezeichnet. Seghezzi hat bereits zwei erwachsene Töchter aus erster Ehe. Sie führt das Institut mittlerweile mit ihrem Mann. Auch er beschäftigt sich seit Jahren mit der Natur, als Wildnispädagoge, Klima-Campaigner für den BUND und Mitgründer einer „Agentur für angewandte Utopien“.

Fundstück im Wald.

Die Zusammenarbeit mit ihm sieht Seghezzi als Bereicherung für das Institut: „Ich komme mit dem Blick von innen, er bringt die Außenperspektive ein.“ Klimawandel und gesellschaftliche Veränderungen spielten in ihrer Arbeit heute eine größere Rolle als früher. Damit habe sich auch die Zielgruppe erweitert: Neben Menschen aus sozialen und beratenden Berufen melden sich heute Umweltwissenschaftler*innen, Organisationsberater*innen, aber auch Förster*innen zu den Seminaren und Naturcoachings an. Die Preise für die längeren Seminare sind gestaffelt, gezahlt wird nach Selbsteinschätzung. Die mehrmals im Jahr stattfindenden Veranstaltungen sind meist früh ausgebucht.

Wurzeln entdecken

Der gesellschaftliche Trend zum Coaching wächst. Was Ende der 1980er Jahre als Instrument zur Personalentwicklung von Topmanager*innen begann, hat mittlerweile Studierende, Freiberufler*innen und kleinere Unternehmen erreicht. Laut einer Studie der Universität Marburg liegt der Umsatz im deutschen Coaching-Markt bei rund 500 Millionen Euro. Die Visionssuche hingegen ist eher ein Nischenprodukt – vermutlich wegen seiner stark spirituellen Färbung.

Die meisten Institute für Visionssuche, die in Deutschland seit den 1990er Jahren entstanden, beziehen sich auf nordamerikanische Traditionen und Mythen. Seghezzi arbeitet jedoch mit einem Lebensrad, das auf die europäische Natur, Jahreszeiten und Bräuche der Vorfahr*innen eingeht. „Wir müssen an die eigenen Ursprünge, um zu wissen, wer wir sind.“ Und das Konzept schein aufzugehen.

Neue Wege gehen / Gelände Uma Institut (Foto: privat).

„Es war wie Heimkommen“, so Simone Gantner über die Seminare am „Uma Institut“. Die Schweizerin beschäftigt sich seit Jahren mit Naturritualen aus anderen Ländern, aber ihr fehlte der Bezug zur eigenen Geschichte. „Mit dem kritischen Blick auf die Mythen und Bräuche unserer Vorfahren kann ich besser einordnen, wo wir heute als Gesellschaft stehen“, meint die 43-Jährige. Schließlich rührten die Geschichten zeitlose Themen an: unsere Beziehung zur Natur, die Rolle der Frau in der Gemeinschaft, das Leben in Kreisläufen. Seghezzi nutzt das Modell des Lebensrades, um die Kreisläufe sichtbar zu machen – im Leben, in der Partnerschaft, in Projekten. Die verschiedenen Phasen macht sie an Jahreszeiten und ihren Eigenschaften fest.

Wissen weitergeben

Ein Beispiel: Ausgangspunkt ist der Sommer, in dem alles in Blüte steht. Im Herbst geht etwas zu Ende. Der Winter ist die Zeit der Akzeptanz und des Loslassens, bevor im Frühling etwas Neues entstehen kann. Seghezzi schildert: „Die meisten Menschen übergehen den Winter, die Zeit des Innehaltens. Sie springen vom Problem zur Lösung und fragen sich: Was kann ich tun?“ Stattdessen empfiehlt die Coachin, sich mehr Zeit für die Übergänge zu nehmen und der Spiritualität mehr Raum zu geben – von der Schule bis in politische Debatten im Bundestag.

Und dennoch: In den vergangenen Jahren hat das private und gesellschaftliche Interesse an Themen wie Entschleunigung und Achtsamkeit deutlich zugenommen, beobachtet Seghezzi. Am Bekanntesten ist wohl das vom Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn entwickelte Achtsamkeitstraining durch Stressreduktion (auch MBSR genannt), das weltweit im Gesundheitsbereich, in pädagogischen und sozialen Einrichtungen und Unternehmen angewandt wird.

Rund 1.000 Achtsamkeitslehrende gibt es heute in Deutschland. Auch Meditation und Yoga gelten heute nicht mehr als Esoterik, sondern als hilfreiche Praktiken, mit sich und der Welt ins Gleichgewicht zu kommen. Am „Uma Institut“ geht Seghezzi noch ein Stück weiter: Beraterin ist hier die Natur. Sie ist Akteurin, nicht Kulisse. Die zuletzt größer werdende Debatte um die Rechte der Natur knüpft genau daran an.

Seit einigen Jahren widmet sich die Liechtensteinerin zunehmend dem Schreiben über ihre Arbeit. „Ich hatte das dringende Bedürfnis, das über die Jahre gesammelte Wissen und die Erfahrungen aus der Praxis weiterzugeben“, sagt Seghezzi. Acht Bücher hat sie in den vergangenen Jahren veröffentlicht, darunter die beiden Märchen „Frau Holle“ und „Rotkäppchen“, für Kinder neu erzählt. „Frau Holle“ wird darin wieder zur Urmutter aus den germanischen Mythen. Und „Rotkäppchen“ geht als Jugendliche auf Initiationsreise in den gar nicht mehr so finsteren Wald.

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Von Eva Tempelmann, Münster / Lima

Eva Tempelmann hat 2014 bis 2020 mit ihrer Familie in Peru gelebt und dort als freie Journalistin, Übersetzerin und Lektorin gearbeitet. In ihren Reportagen, Interviews und Analysen berichtet sie über Umweltkonflikte in Peru, Menschenrechte und soziale Bewegungen. Sie ist Co-Autorin des Reiseführers Peru & Westbolivien (Stefan Loose, 2018) und Peru & Bolivien (Marco Polo, 2020). Mehr unter: http://www.evatempelmann.com.

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Eva TempelmannMünster / Lima
Das medizinische Handwerk war lange Zeit Männersache. Heute machen Frauen zwei Drittel der Medizinstudierenden in Deutschland aus. In Führungspositionen sind sie mit zehn Prozent aber immer noch stark unterrepräsentiert. Auch in der Chirurgie stehen meist Männer am OP-Tisch. Der Verein „Chirurginnen e.V.“ will das ändern.

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