Wie Frauen Burundi umkrempeln wollen
Ein kleines Land am Rand eines neuen Bürgerkriegs

Marina Barampama war einst die mächtigste Frau Burundis, heute gehört sie zur Opposition. Fotos: Simone Schlindwein

Burundi, im Herzen Afrikas, versinkt wieder in Gewalt und Terror. Dabei hatte es eine große Chance auf Frieden – auch dank der Frauenquote, die 2005 im Friedensvertrag festgeschrieben wurde. Was hat sich dadurch verändert? Drei Frauen aus drei Generationen erzählen ihre Geschichten.  

Von Simone Schlindwein, Bujumbura / Ruhororo

 

Diana Nshirimana – die letzte Überlebende

Der alten Frau steigen Tränen in die Augen. Diana Nshirimana sitzt in ihrem kleinen Häuschen auf einem zerfledderten Sofa, im Hof grasen Kühe, dahinter erstreckt sich eine Bananenplantage. Die 84-jährige Großmutter von 18 Enkelkindern ist eine der letzten noch verbliebenen Zeitzeuginnen der brutalen Geschichte Burundis.

Das Dorf Ruhohoro, in dem Nshirimana lebt, schmiegt sich im Norden des kleinen Landes im Herzen Afrikas zwischen die grünen beackerten Hügel. Es ist eine kleine Siedlung entlang der einzigen asphaltierten Straße mit einer Grundschule, einem Gesundheitszentrum und einer Kirche. Zu Zeiten des Bürgerkrieges 1993 wurde Ruhohoro weltweit bekannt: Hier fanden die schlimmsten Massaker zwischen den Volksgruppen Hutu und Tutsi statt.

„Früher lebten wir hier in Tür an Tür zusammen – Hutu und Tutsi“, beginnt Nshirimana zu erzählen. Sie knetet ihre Hände. Sie hat noch nie über die Ereignisse gesprochen, die das Leben im Dorf bis heute prägen. Zu sehr haben ihr die Erinnerungen Schmerzen bereitet. Sie ist eine Tutsi. Als die Massentötungen 1993 nach dem Mord am ersten gewählten Hutu-Präsidenten begannen, bestellte der Bürgermeister – ein Hutu – die Tutsi-Bevölkerung zu einem Treffen in der Dorfmitte ein, wo der Fluss durchrauscht. Auch ihr Mann sei zu dieser Gemeindeversammlung gegangen, erzählt sie.

Diana Nshirimana

Doch er ist nie zurückgekommen, stattdessen fand sie seine Leiche später im Fluss. „Sie haben alle abgeschlachtet“, sagt sie und fügt leise hinzu: „Sie haben den schwangeren Frauen die Babys aus dem Leib geschnitten und mit den Füßen zerstampft.“ In ethnisch motivierten Bürgerkriegen sind schwangere Frauen in der Regel die ersten Opfer, denn sie gebären die nächste Generation, die es auszulöschen gilt. Nshirimana und ihre drei Kinder und Enkelkinder haben die systematischen Säuberungen überlebt – dank ihrer Nachbarn, einer Hutu-Familie.

„Sie versteckten uns in ihren Schlafzimmern“, sagt sie. Als kurz darauf dann die Tutsi-Soldaten durch Ruhororo zogen, um Rache zu üben und die Hutu zu jagen, „war es an mir, unsere Hutu-Nachbarn zu beschützen“, sagt sie und weint leise.

Bis heute ist das Dorf zweigeteilt. Auf der einen Seite der geteerten Straße leben Hutu, auf der anderen Seite Tutsi. Auch Nshirimana musste damals umziehen, auf die Tutsi-Seite. „Unser Grundstück und der Acker, der schon meinen Vorfahren gehörte, wird heute von einer Hutu-Familie bewohnt“, sagt sie. Das kleine Häuschen, in welchem sie bis heute lebt, habe sie einer Hutu-Familie abgekauft. „Wir leben heute relativ friedlich hier, doch wir haben kein Vertrauen mehr ineinander.“

Gleichzeitig keimt Hoffnung in ihr auf: Junge Leute würden wieder jenseits der ethnischen Grenzen heiraten. „Erst dadurch wird es möglich, wirkliche Vergebung und Versöhnung zu erreichen.“ Doch mit der derzeitigen politischen Krise und dem Beinahe-Bürgerkrieg, der heute wieder herrscht, habe sie Angst, dass der Hass zwischen den Volksgruppen zurückkehre.

 

Marina Barampama – die Kämpferin

Marina Barampama riskiert ihr Leben dafür, dass der Krieg nicht wiederkommt. Die Kräftige wirkt nervös, ihr Körper ist angespannt. Sie habe seit Monaten nicht mehr ruhig geschlafen, erzählt sie. Die Vizepräsidentin der Oppositionspartei „Union für Friede und Entwicklung“ (UPD) sitzt im Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses in Burundis Hauptstadt Bujumbura. Sie zählt zu einer der mächtigsten Frauen des Landes. Doch jetzt ist sie in Gefahr: Ihr Parteivorsitzender wurde im Mai 2015 ermordet – erschossen auf offener Straße. Auch Barampama bekommt ständig Drohanrufe, nachts schläft sie bei Bekannten. Doch fliehen will sie nicht: „Wir Frauen haben in Burundis Politik so viel erreicht, ich kann das nicht einfach alles aufgeben!“

Die 47-Jährige zählt zu jener Generation Burundierinnen, die es dank des 2005 geschlossenen Friedensvertrages geschafft haben, die Männerdomäne Politik gewaltig aufzumischen. In jenem Abkommen, unterzeichnet in der tansanischen Stadt Arusha, wurden nicht nur Quoten für die Machtteilung der ethnischen Volksgruppen Hutu und Tutsi festgelegt, sondern auch ein Mindestanteil von 30 Prozent Frauen in allen politischen Institutionen: Parteien, Parlament, Senat, Verwaltung.

Aufgrund dieser in der Verfassung festgeschriebenen Regelung waren sämtliche Parteien gezwungen, Frauen als Kandidatinnen zu nominieren und weibliche Mitglieder zu werben. „Gleichberechtigung ist das zwar noch nicht“, sagt Barampama, „denn wir Frauen stellen die Hälfte der Bevölkerung, warum nicht auch die Hälfte in der Politik?“ Doch es sei ein Anfang, immerhin.

Während des langjährigen Bürgerkriegs nach 1993 waren die meisten Frauen Burundis mit ihren Kindern in die Nachbarländer geflohen, hausten dort in den Flüchtlingslagern. Unter der Führung des heutigen Präsidenten Pierre Nkurunziza hatte die Hutu-Miliz CNDD-FDD das Land erobert und stellte von da an die Regierung – eine reine Männerorganisation, wären nicht die Frauenquoten eingeführt worden. Doch diese einzuhalten war damals schwierig.

Marina Barampama

Marina Barampama, eine Hutu und gelernte Verwaltungswissenschaftlerin, war eine der ersten gut ausgebildeten Frauen, die 2005 aus dem Exil zurückkehrte. Sie trat in die jetzt als Partei registrierte CNDD-FDD ein und wurde 2006 zur Vizepräsidentin des Landes gewählt – eine Revolution in dieser Region Afrikas. Als mächtigste Frau des Landes stellte sie die politische Agenda auf den Kopf: Sie forderte die Demobilisierung von Teilen der Armee, mehr Gelder für Bildung und Gesundheit, weniger für den Verteidigungshaushalt.

Das ging den Ex-Rebellen unter Präsident Nkurunziza gehörig gegen den Strich, 2007 kam es auf dem Parteikongress zum Eklat: „Sie haben mich abgesetzt und ich bin daraufhin zur Opposition gewechselt“, erzählt Barampama. Seitdem setzt sie sich gezielt für Bildung und Jobchancen von Frauen ein, vor allem für kostenlose Schul- und Universitätsbildung. Und als im April 2015 gegen die illegitime dritte Amtszeit von Präsident Nkurunziza protestiert wurde, mobilisierte die Oppositionspolitikerin die Frauen in Burundis Hauptstadt Bujumbura.

„Wir können nicht einfach zusehen, wie der Friedensvertrag und die Verfassung aus den Angeln gehoben werden, denn das sind die Grundlagen für unsere Rechte als Frauen.“ Frauen und Mädchen seien nicht nur auf die Straße gegangen, um zu demonstrieren, im Hintergrund galten sie als die eigentlichen Drahtzieherinnen. „Sie haben ihre Männer mobilisiert, ihren Kindern erlaubt zu protestieren und für die Demonstranten Essen gekocht“, erinnert sie sich. Selbst die Festgenommenen hätten sie in den Gefängnissen noch mit einer Mahlzeit pro Tag versorgt.

Als die Regierung im Mai 2015 alle Proteste verbot, waren es die Frauen unter Barampamas Führung, die sich diesem Befehl widersetzten. Zu Hunderten marschierten sie singend und tanzend zum Unabhängigkeitsplatz im Stadtzentrum vor dem Parlament. „Zuerst fürchteten sich die Polizisten und Soldaten, auf uns zu schießen“, sagt sie. Dabei rutscht sie unruhig auf ihrem lederüberzogenem Sofa hin und her. Ihre Lippen beben: „Und vom nächsten Tag an kannten sie keine Gnade mehr, viele unserer Schwestern und Töchter wurden ermordet.“

Seitdem gehen Burundis Sicherheitskräfte auch radikal gegen Frauen vor. „Die Mehrheit der burundischen Frauen ist jetzt wieder mit den Kindern geflohen, in vielen Stadtvierteln harren nur noch die Männer aus.“ Und sie selbst – hat sie keine Angst? Die robuste Politikerin betrachtet einen Moment lang ihre unruhigen Hände mit den lackierten Fingernägeln. Sie habe ihre drei Kinder außer Landes geschafft, ihr Mann arbeite ohnehin im Ausland: „Wenn ich jetzt auch gehe, dann besteht unsere Regierung bald wieder nur aus Männern – und damit steigt das Risiko, dass es erneut Krieg geben wird.“

 

Cynthia Munwangari – die freche Schönheit

Die neue Generation Burundierinnen trägt pinken Lippenstift, goldene Armreife und zwei nagelneue iPhones. Wenn man Cynthia Munwangari von weitem zuguckt, wie sie in mit ihren Freundinnen plaudert, dann könnte man meinen, in ihrem Leben drehe sich alles um Mode, Glamour und Geld. Könnte man das Gespräch belauschen, würde man schnell merken: Sie diskutieren über Politik und das Chaos in ihrem Heimatland.

Seit der brutalen Niederschlagung der Proteste im Mai vergangenen Jahres herrscht quasi wieder Bürgerkrieg in Burundi: Täglich sterben in der Hauptstadt Bujumbura Menschen durch Granaten und Kugeln, über 200.000 Menschen haben in den Nachbarländern Schutz gesucht. Auch Cynthia Munwangari musste fliehen. Sie sitzt jetzt in einem Restaurant in Ugandas Hauptstadt Kampala – rund tausend Kilometer von ihrer Heimatstadt Bujumbura entfernt. Von Uganda aus versuchte sie dennoch Politik zu machen: per Facebook, E-Mail und Twitter.

Cynthia Munwangari

Die 24-Jährige war im vergangenen Jahr Burundis jüngste Kandidatin für die Parlamentswahlen. Sie hatte sich als unabhängige Kandidatin aufstellen lassen. Sie hatte gute Chancen, denn in der kleinen Hauptstadt Bujumbura kennt sie alle und alle kennen sie. Als Burundis Topmodel ist sie berühmt wie Claudia Schiffer in Deutschland. Sie veranstaltete 2014 eine internationale Modemesse in Bujumbura, mit hunderten Gästen aus aller Welt. An Geld mangelt es ihr nicht: Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie und verdient mit ihrem eigenen Modelabel so viel, dass es auch für einen Wahlkampf reicht. Noch dazu kennt sie einflussreiche Geschäftsleute in Bujumbura.

„Viele haben die Korruption und Rechtsunsicherheit so satt, dass sie Oppositionelle wie mich unterstützen“, sagt sie. Doch dann wurde es für sie gefährlich: „Ich bekam Anrufe und SMS, man warf mir vor, Proteste finanziert zu haben.“ Ihr Bruder sei angeschossen worden als er spät abends unterwegs war. Ab 23 Uhr gilt in Burundi Ausgangssperre. „Ich habe mich einfach nicht mehr sicher gefühlt“, erzählt sie.

Sie habe sich in Kampala eine Wohnung gemietet und eine Boutique eröffnet, berichtet sie und flippt durch die Fotos auf ihrem Smartphone. Sie zeigt Bilder von teuren Designerkleidern. Mode sei zwar ihre Leidenschaft, doch: „Ich habe schon als kleines Mädchen davon geträumt, Präsidentin zu werden, ich habe vor dem Spiegel Volksansprachen geübt.“ Mit ihren 24 Jahren vertritt die Psychologiestudentin eine junge, aufstrebende Generation Burundier, die fast die Hälfte der Bevölkerung ausmacht – und für die die Gleichberechtigung von Frauen und Männern nicht nur Realität, sondern Normalität geworden ist.

Eine Generation, die zu jung ist, um sich aktiv an den Bürgerkrieg von 1993 zu erinnern. Eine urbane Generation, die in dem sonst so ländlich geprägten Land ein ganz neues Lebensgefühl hat, die Partys feiert, über die sozialen Netzwerke mit dem Rest der Welt verbunden ist. Eine Generation, deren junge Frauen Masterabschlüsse machen und Karrieren anstreben, anstatt früh Kinder zu kriegen. Auch eine Generation, in welcher die ethnische Zugehörigkeit, ob Hutu oder Tutsi, kaum mehr eine Rolle spiele, sagt sie: „Ich bin Tutsi, aber wir jungen Leute lassen uns nicht mehr gegenseitig aufhetzen, ich habe kein Problem damit, einen Hutu zu heiraten.“

Auch Präsident Nkurunziza kennt sie gut. „Er ist eigentlich ein richtig netter Gentleman“, sagt Munwangari und zeigt Fotos mit dem Präsidenten, der neben ihr um einiges kleiner wirkt. Er hatte sie vergangenes Jahr eingeladen, um ihr zu danken, dass sie durch ihre Modenschau Burundi ein frisches Image in der Welt verpasst. Sie kannte ihn schon zuvor, weil ihr Vater aus derselben Provinz im Norden stammt und in seiner Jugend mit dem Präsidenten in die Kirche gegangen ist. Deshalb sei er wie ein Onkel für sie gewesen. Heute ist sie von Nkurunziza enttäuscht: „In seiner Rede nach dem Putsch war er so wütend auf die Demonstranten“, sagt sie und verdreht die Augen, „dabei sollte er wie ein Vater Verständnis für seine Kinder aufbringen.“

Wie das geht, demonstriert sie ihm in ihrem „Brief an den Präsidenten – von einer Mutter“, den sie verfasst hat. „Herr Präsident, es gibt ein paar Dinge, die ich verstehen möchte: Können Sie das Wohlbehalten unserer Kinder versichern, obwohl die Schulen und sämtliche Sozialeinrichtungen geschlossen sind?“, fragt sie ihn darin. Sie selbst habe zwar noch keine Kinder, „doch wer in die Politik geht, muss sich als Mutter oder Vater einer Nation verstehen.“

 

 HINTERGRUND: Burundi  

  • Burundi liegt im Herzen Afrikas und zählt mit zehn Millionen Einwohnern zu den kleinsten und ärmsten Ländern weltweit: 85 Prozent sind Hutu, 14 Prozent Tutsi, ein Prozent Twa (Pygmäen)
  • 1993 bis 2005: Bürgerkrieg zwischen Hutu und Tutsi nach Ermordung des ersten demokratisch gewählten Hutu-Präsidenten
  • 2000 bis 2005: Friedensgespräche im Nachbarland Tansania unter Mediation von Nelson Mandela
  • 2005: Friedensvertrag unterzeichnet in Arusha, Tansania: Quoten für Hutu und Tutsi in allen Staatsinstitutionen festgeschrieben, Frauenquote eingeführt
  • 2005 bis 2015: Präsident Pierre Nkurunziza (Hutu) regiert das Land, Verfassung limitiert Amtszeit auf maximal zehn Jahre
  • 2015 (April): Nkurunziza kandidiert erneut, Massenproteste gegen dritte Amtszeit
  • 2015 (Mai): Putschversuch durch Teile des Militärs und Massenproteste werden brutal niedergeschlagen
  • 2015 (Juli): Nkurunziza wird erneut gewählt, das Land versinkt im Chaos, mehr als 200.000 Menschen fliehen. 
Simone Schlindwein
Von Simone Schlindwein , Kampala

Simone Schlindwein (37) ist die Afrika-Korrespondentin für die tageszeitung in der Region der Großen Seen. Außerdem arbeitet sie regelmäßig für die ARD und die Deutsche Welle. Seit 2008 berichtet sie vor allem über den Kongo, die Zentralafrikanische Republik, den Südsudan, Uganda, Ruanda und Burundi. Mehr: http://simoneschlindwein.blogspot.de.