Peter Piot
Forscher und Covid-19-Überlebender

Fotos: Heidi Larson

Der belgische Mikrobiologe Peter Piot hat schon mit vielen gefährlichen Viren zu tun gehabt. Im Jahr 1976 ist er maßgeblich an der Entdeckung des Ebola-Virus beteiligt, ist Gründer des UN-Programms zur Bekämpfung von AIDS – und infiziert sich im März mit Covid-19. Der 71-Jährige ist zudem Corona-Sonderberater von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen.

Von Sarah Tekath, Amsterdam

„Der diesjährige Empfänger der Robert-Koch-Medaille in Gold braucht eigentlich keine Einführung“, sagt der deutsche Biologe Stefan Kaufmann, Mitglied des Vorstands und des Wissenschaftlichen Beirats der Robert-Koch-Stiftung, 2015 über Peter Piot. „Dass er einer der Entdecker des Erregers einer schrecklichen Seuche ist, daran hat uns die Ebola-Krise 2014 / 2015 erinnert; dass die Krankheit AIDS zwar nicht besiegt, aber behandelbar ist, das ist auch sein Verdienst; dass die AIDS-Behandlung heute zu einem angemessenen Preis in Ländern mit geringen finanziellen Ressourcen möglich ist, auch das ist nicht zuletzt ihm zu verdanken.“

Peter Piot hat schon viele Ehrungen für seine Leistungen erhalten. 1995 verleiht ihm der belgische König Albert II. den Titel des Baron. Seit 2010 leitet er die London School of Hygiene & Tropical Medicine. 2017 wird er von der Queen für seine Verdienste zum Ritter geschlagen. „Selten war ein Ehrentitel so verdient“, schreibt dazu das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Auch die „Financial Times“ beschreibt ihn Anfang des Jahres als „Rock-Star-Virologen“ und als „einen der bekanntesten Virenjäger der Welt“. Die Journalistin Christiane Amanpour nennt ihn in einem CNN-Videointerview im Mai 2020 einen „legendären Viren-Experten“ und einen „weltweit führenden Epidemiologen“.

Allerdings scheint das Interesse im Ausland an dem Mikrobiologen Piot deutlich größer zu sein als in seiner Heimat Belgien. Dirk Draulans ist Redakteur beim belgischen Wochenmagazin „Knack“ und hat Piot im Mai per Video-Chat interviewt, nachdem der Wissenschaftler sich von seiner Infektion mit Covid-19 erholt hatte. Das sei auch das erste Interview nach einer sehr langen Zeit gewesen, in dem er sich wieder in den belgischen Medien zeigte.

Er sagt: „Peter Piot ist in Belgien nicht sehr bekannt, da er vor allem im Ausland Karriere gemacht hat. Sein Name taucht natürlich schon in den Medien auf als unser ‚bester‘ Virologe, aber persönlich ist er fast nie im belgischen Fernsehen oder anderen belgischen Medien zu sehen.“ Trotzdem setzt das niederländischsprachige Wochenmagazin „Humo“ ihn in einer Liste der einflussreichsten Belgier*innen im Jahr 2017 auf Platz 1.

Treibende Kraft in der AIDS-Forschung

Seine Karriere beginnt mit Ebola in den 1970er Jahren. In seinem Buch „No time to lose“, das er 2012 veröffentlicht, beschreibt er seine Forschungen rund um das Virus, das er zusammen mit Kollegen 1976 im damaligen Zaire – heute Kongo – entdeckt. Piot schreibt in seinem Buch: „Ich war zuvor noch nie in Afrika gewesen und hatte keinerlei Erfahrung mit der Investigation von Epidemien.“ Vor Ort habe er nur einen Mundschutz, Latex-Handschuhe und eine Motorradbrille getragen. Dass sich der Virologe damals nicht infiziert, ist pures Glück.

Peter Piot 2014 in Yambuku, wo Ebola 1976 ausbrach.

Nach seiner Promotion im Jahr 1980 kehrt Piot nach Afrika zurück und wird Teil des ersten internationalen Großprojekts gegen AIDS. Seine Forschung entkräftet die Falschannahme, dass sich eine HIV-Infektion lediglich auf schwule Männer beschränkt, denn Piot erkennt, dass das Virus auch von einer Schwangeren auf das ungeborene Baby übertragen werden kann. 1991 wird er Präsident der „International AIDS Society“ und 1992 Assistant Director des Globalen Programms zu HIV und AIDS bei der Weltgesundheitsbehörde, woraus das gemeinsame Programm der Vereinten Nationen zu AIDS, kurz UNAIDS, hervorgeht.

Der Seuchen-Experte hat allerdings 2020 nicht so viel Glück wie 1976 in Zaire, denn Mitte März zeigen sich erste Symptome des Corona-Virus, wie er dem belgischen Wochenmagazin „Knack“ berichtet. Es habe mit hohem Fieber und stechenden Kopfschmerzen begonnen. Ein Test bestätigt seine Befürchtungen. Wo er sich mit Covid-19 angesteckt habe, könne er nicht mehr genau bestimmen.

Er habe mehrere Veranstaltungen mit Hunderten Teilnehmer*innen und Sitzungen besucht, ebenso habe er Vorträge gehalten und sei als Liebhaber von gutem Essen fast jeden Abend im Restaurant gewesen. Zwar habe er keine Hände mehr geschüttelt und auch etwas auf Abstand geachtet, aber nicht sehr strikt, gibt er gegenüber dem „Spiegel“ zu.

„Ich war völlig erschöpft – dieses Gefühl vergesse ich nie“

„Ich habe mein Leben dem Kampf gegen Viren gewidmet und jetzt kommt die Vergeltung, dachte ich“, sagt er in dem Interview mit „Knack“-Redakteur Draulans. Also habe er sich daheim isoliert und habe weitergearbeitet, weil er eben ein echter Workaholic sei. Das Fieber sei aber nicht gesunken.

„Ich war nie ernsthaft krank gewesen und hatte in den vergangenen zehn Jahren nicht einen Krankentag. Ich lebe gesund und gehe regelmäßig spazieren. Der einzige Risikofaktor war mein Alter –  ich bin 71. Ich war optimistisch, dass es schon vorbeigehen würde. Anfang April riet mir ein befreundeter Arzt zu einer weiteren Untersuchung, denn das Fieber und die Erschöpfung wurden immer schlimmer.“

Normalerweise sprühe er vor Energie, aber damals sei er völlig ausgelaugt gewesen. „So habe ich mich noch nie gefühlt. Dieses Gefühl werde ich nie vergessen“, erklärt er. Als er ins Krankenhaus eingeliefert wird, wird eine schwere Lungenentzündung festgestellt. Sieben Wochen nach seiner Entlassung erklärt er gegenüber Dirk Draulans: „Ich hatte immer großen Respekt vor Viren und das hat sich nicht geändert. Aber jetzt, da ich die Präsenz eines Virus in meinem eigenen Körper gespürt habe, sehe ich Viren mit anderen Augen. Ich fühle mich jetzt verletzlicher.“

Nach seiner Heimkehr in das Haus in London, wo er mit seiner Frau, der Anthropologin Heidi Larson, lebt, habe er lange Zeit geweint – und dann seine Funktion als Sonderberater von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen wieder aufgenommen, die er seit Februar 2020 innehatte. Auch dabei hält er sich eher im Hintergrund und tritt nicht in öffentlich in Erscheinung.

Welch großen Respekt Piot vor Viren und dem Ausmaß von Pandemien hat, zeigt sich schon im Juni 2018, als er als Experte beim „Royal Institute of Great Britain“ anlässlich des 100. Jahrestages des Beginns der Spanischen Grippe einen Vortrag zu der Frage hält: Sind wir bereit für die nächste Pandemie?

Dabei spricht er bereits in Zusammenhang mit SARS von einem Corona-Virus: „Eine neue Art von Virus, die wahrscheinlich von Fledermäusen übertragen wird.“ Es seien besonders Faktoren wie die Urbanisierung, die enorme Mobilität internationaler Reisen und der Bevölkerungszuwachs, die die Gefahr ansteckender Viren verstärkten.

Die Frage, wie weit die Welt auf eine neue Pandemie vorbereitet sei, beantwortet er mit einem klaren Negativszenario: „Die nächste Epidemie wird kommen. Wir wissen nicht, wann, aber dass sie kommt, ist sicher. Das Risiko ist enorm.“ Gleichzeitig beruhigt der Mikrobiologe damit, dass er sagt, die Welt sei viel besser vorbereitet als zu Zeiten der Spanischen Grippe oder Ebola. Trotzdem sei internationale Zusammenarbeit entscheidend, denn mit der hohen Mobilität vieler Menschen sei eines klar: „Eine Epidemie in 5.000 Meilen Entfernung kann uns schon morgen persönlich betreffen.“

„Wir werden mit dem Virus leben müssen“

Als dieses Szenario Anfang 2020 einzutreten droht, ist Peter Piot im März zu Gast bei einem TEDMED-Gespräch, einer jährlichen Reihe von Präsentationen und Vorträgen zum Thema Gesundheit und Medizin, bei der jeder zuhören kann, der sich dafür interessiert. Dort beantwortet er die wichtigsten Fragen zu Covid-19 und erklärt, dass mit einem Impfstoff wahrscheinlich erst in 18 bis zu 24 Monaten zu rechnen sei.

Obwohl er sich positiv gibt, räumt er gleichzeitig ein, dass es genauso gut sein könne, dass es niemals einen geben werde. „Schließlich kam HIV vor knapp 40 Jahren auf und es gibt immer noch keinen Impfstoff.“ Falls es doch einen Impfstoff gegen Covid-19 geben sollte, brauche es trotzdem mindestens zehn Jahre konstanter Impfungen weltweit, um das Virus wirklich auszurotten.

Zudem halte er auch das Auftreten weiterer Wellen für möglich. Dies bestätigt er nochmals im Mai im CNN-Gespräch mit Christiane Amanpour und im Juni im belgischen „Nieuwsblad“. Entscheidend sei es für die einzelnen Länder, die Entwicklungen genau im Auge zu behalten und im Ernstfall schnell und beherzt zu handeln. Sobald also etwa im Winter wieder ein lokaler Ausbruch erkennbar werde, müssten sofort Maßnahmen getroffen werden, wie etwa die Isolation Betroffener. An einen erneuten Lockdown glaube er allerdings nicht.

Auf die Frage des TEDMED-Moderators, ob sich im Sommer vielleicht zeigen werde, dass alle umsonst in Panik verfallen sind, antwortet Piot: „Auf keinen Fall. Das hier ist keine Übung. Das ist der Ernstfall.“ Trotzdem endet er mit einer guten Nachricht. „Diese Krise hat gezeigt, wie sich internationale Zusammenarbeit und Forschung verbessert haben.“ Nichtsdestotrotz werde die Menschheit lernen müssen, mit dem Virus zu leben, bis ein Impfstoff gefunden sei. Und bis zu der nächsten Epidemie sei dem Belgier zufolge eines besonders wichtig: „Wir müssen eine weltweite Feuerwehr aufbauen, bevor das Haus das nächste Mal in Flammen steht.“

 

Diese Recherche wurde mit Mitteln des WPK-Recherchefonds gefördert. Das Porträt ist der zweite Teil einer Serie von sechs internationalen Virolog*innen, die wir in den nächsten Wochen vorstellen werden. Wir möchten damit den Blick weiten und aufzeigen, welche Wissenschaftler*innen in anderen Ländern tonangebend sind und den öffentlichen Diskurs maßgeblich mitbeeinflussen.

 

Sarah Tekath
Von Sarah Tekath , Amsterdam

Sarah Tekath (33) kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, hat zwei Jahre in Prag gelebt und schrieb dort als Freie für die Prager Zeitung und das Landesecho. Im Jahr 2014 zog sie nach Amsterdam, wo sie unter anderem für das journalistische Start-up Blendle arbeitete. Seit 2016 ist sie selbständige Journalistin.

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