Merry Stressmas
Fünf Korrespondentinnen über Weihnachten

In Santiago de Chile werden bei tropischen 35 Grad Plastik-Schneemänner und jede Menge Weihnachtsnippes verkauft. Foto: Sophia Boddenberg

Weihnachten ist für viele die schönste Zeit des Jahres – und gleichzeitig die stressigste. Das gilt für Frauen wie Männer gleichermaßen. Deshalb blicken wir am Ende des Jahres nach Japan, Chile, die USA, Israel und Indien – und erfahren wie unterschiedlich das „Fest der Liebe“ in den jeweiligen Ländern begangen wird.

SonjaVon Sonja Blaschke, Tokio

Viele junge Japaner nehmen das mit dem „Fest der Liebe“ wörtlich. Am Heiligen Abend nicht alleine sein – das ist das erklärte Ziel. Wer noch keinen Partner hat, sucht sich schnellstmöglich einen. Kurzfristig einen Tisch fürs romantische Dinner-Date in einem edlen Restaurant zu reservieren, wird dann zur Herausforderung. Love Hotels, in denen man nach Lust und Laune für wenige Stunden oder die ganze Nacht absteigen kann, haben Hochsaison.

Wem das mit der Liebe zu viel Stress ist, der gönnt sich einfach selbst etwas und geht eine oder gleich mehrere Runden shoppen. Die japanische Industrie und der Einzelhandel, die den Weihnachtstrend – ähnlich wie Halloween – dankbar aufgegriffen haben, tragen ihren Teil dazu bei, die Konsumlust anzuregen. Sonderangebote machen Weihnachten zum Fest, bei dem die Kassen fröhlich klingeln.

Passend dazu werden Einkaufsstraßen festlich herausgeputzt, schon im Herbst die ersten Baumalleen mit Lichterketten verziert. Bis Dezember nimmt ihre Zahl exponentiell zu. Hinzu kommen riesige Installationen, etwa eine mehrere Stockwerke hohe, sich über die Fassade eines Schmuckladens räkelnde Schlange im Edelsteinlook aus tausenden Lichtern. Jedes Jahr bleiben Passanten davor stehen und fotografieren sich eifrig in Weihnachts- und Einkaufstimmung.

Dass Café-Angestellte Haarreifen mit Rentier-Hörnern tragen, ist allerdings vergleichbar mit Fasching. Mit dem Christentum hat das Frohe Fest in Japan trotz allgegenwärtiger „Merry Christmas“-Schriftzüge und dudelnder Weihnachtsklassiker wenig zu tun. Der Anteil der Christen in Japan liegt im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Weihnachten ist – anders als in christlichen Ländern – auch kein Familienfest, zu dem sich alle einfinden. Diese Rolle haben in Japan eher die Feierlichkeiten zum neuen Jahr.

 

SophiaVon Sophia Boddenberg, Santiago de Chile

Strand, Grillen und eisgekühlte Cocktails anstatt Weihnachtsmarkt, Kerzen und Glühwein. In Chile ist Weihnachten – wie auf dem Rest der Südhalbkugel – im Sommer und nicht im Winter, so wie in Deutschland. Die durchschnittlichen 35 Grad halten die Chilenen jedoch nicht davon ab, ihre Häuser mit Schneemännern und Kunstschnee zu dekorieren und einen Plastikweihnachtsbaum aufzustellen. Wenn man selbst nicht zu Hause dekoriert, erinnern einen die Shopping-Malls und Supermärkte mit lauter Weihnachtsmusik und ausgiebiger Dekoration daran, dass das große Fest vor der Tür steht. Weihnachten ist in Chile stark kommerzialisiert und auf Konsum ausgerichtet – Vorbild sind im Übrigen die USA, die einen starken Einfluss auf die chilenische Kultur ausüben.

Weihnachten kam, wie das Christentum, mit den spanischen Eroberern nach Chile. Der Ursprung des Weihnachtsfests geht auf die Wintersonnenwende auf der Nordhalbkugel am 21. Dezember zurück. Der kürzeste Tag des Jahres auf der Südhalbkugel ist jedoch am 21. Juni. In der Woche danach wird in Chile das „We Tripantu“ gefeiert, das Neujahr der Mapuches. Die Weihnachtsbräuche in Chile ähneln deshalb sehr den europäischen Bräuchen, weil es in der traditionellen Kultur der indigenen Völker kein Weihnachtsfest gibt.

Der wichtigste Tag in Chile ist der 24. Dezember, der „Nochebuena“ genannt wird. Um 18 Uhr gehen viele Chilenen in die Kirche zur „Misa del Gallo“, die mit der deutschen Christmette vergleichbar ist. Danach kommen die Familien zusammen, essen, singen und tanzen. Oft wird Pute oder Hähnchen gegrillt und es gibt „Pan de Pascua“, das dem deutschen Stollen ähnelt. Um Mitternacht kommt der „Viejito Pascuero“, der Weihnachtsmann, durch den Kamin und bringt die Geschenke zu den Kindern. Nach der Bescherung trinken die Erwachsenen einen „Cola de mono“ (übersetzt: Affenschwanz), ein süßer Sahnelikör, der nach Zimt und Kaffee schmeckt. Den 25. Dezember verbringen die meisten Familien zu Hause, wo die Kinder mit ihren Geschenken spielen.

 

VeronikaVon Veronika Eschbacher, Los Angeles

Heather Winstons Abende sind in den Wochen vor Weihnachten traditionell lang. Heute sitzt sie, im Schein einer Lampe auf ihrem grauen-gelben Lesefauteuil mit dem Laptop am Schoß und sortiert Familienfotos. Diese sollen auf die Weihnachtskarten gedruckt werden – eigentlich wollte sie das schon gestern machen – und in Wirklichkeit ist jetzt schon morgen, denn es ist bereits nach Mitternacht. Ihr Gähnen versteckt sie hinter einem Schneeflockenpolster.

Neben ihrer täglichen Arbeit als Pressesprecherin und dem Versorgen von zwei Söhnen im Volksschulalter hat Winston, wie jedes Jahr um die Weihnachtszeit, eine dritte Schicht zu erledigen. Denn auch wenn sich amerikanische Männer heutzutage mehr in Kindererziehung und Hausarbeit einbringen, für die von allen Seiten erwartete „Magie“ rund um die Festtage ist immer noch hauptsächlich die Frau zuständig. Auch im Weißen Haus empfängt traditionell die First Lady den noch leeren Weihnachtsbaum.

In den Wochen vor Weihnachten müssen Amerikanerinnen ihr Haus – innen wie außen – dekorieren, müssen mit den Kindern Lebkuchenhäuser gebacken werden, Weihnachtskarten verschickt, Geschenke besorgt und eingepackt werden. Gleichzeitig sollen unzählige Weihnachtseinladungen, beruflich wie privat, wahrgenommen werden – auf denen man bitte immer neu eingekleidet ist, entzückend aussieht und sich reizend benimmt.

Für die allermeisten Amerikanerinnen – auch acht von zehn Nicht-Christen feiern in den USA Weihnachten – bedeutet das puren Stress. Aus „Merry Christmas“ wird dann oft „Merry Stressmas“. US-Frauenzeitschriften sind um diese Jahreszeit durchgehend gespickt mit seitenlangen Tipps, wie Frau den Weihnachtsstress (und den Weihnachtsspeck) minimieren kann. „Woman’s Day“ etwa wartete heuer mit 31 Tipps auf – von „plane Pausen ein“ bis „koche jeden Tag die doppelte Menge und friere die andere Hälfte ein, um für Gäste selbst gekochtes Essen parat zu haben“. Man dürfe aber sehr wohl auch um Hilfe bitten – bei Gästen, älteren Verwandten, Teenagern oder Kleinkindern. Der Ehemann wird lediglich als Hilfe beim Kartenschreiben in Betracht gezogen.

Die schönste Zeit des Jahres wird für Frauen so oft zur einer Periode, die sie überwältigt. Eine Studie der American Psychosocial Association fand heraus, dass Frauen zur Weihnachtszeit gestresster sind als Männer und sich schwerer tun, sich zu entspannen und die Festtage zu genießen.

Ein Teil der Belastung ist freilich auch selbst auferlegter Stress. Das könnte daran liegen, dass sich in den USA mehr Frauen als Männer als religiös bezeichnen. Auch Winston sagt, dass ihr Mann und ihre Kinder viel von dem, was sie macht, nicht explizit verlangen. Die eigenen Traditionen zu überdenken und einmal gemeinsam auszuloten, was für die Familie passend ist – für eine derartige Diskussion hat sie leider gerade keine Zeit. Es wäre ja peinlich, wenn die Weihnachtskarten erst im Januar ankommen.

 

MareikeVon Mareike Enghusen, Tel Aviv 

Man kann in Israel leicht vergessen, dass sich Heiligabend nähert – denn von den Lebkuchen und Christbaumkugeln, die in traditionell christlichen Ländern die Läden verstopfen, ist in Israel keine Spur. Radiohörer bleiben von kitschigen Weihnachtsliedern verschont (mit Ausnahme von „Last Christmas“, das in Israel aus rätselhaften Gründen das ganze Jahr über läuft). Denn für nur zwei Prozent der Bevölkerung sind arabische Christen. Hinzu kommen ein paar Tausend Expats, die die Geburt Jesu Christi feiern.

In den wenigen christlichen Nischen wird Weihnachtsstimmung dafür aufwendig kultiviert, so wie im christlichen Viertel der Jerusalemer Altstadt, wo Straßenhändler Weihnachtssterne, Kreuze und Christkindfiguren in allen erdenklichen Formen und Farben verkaufen. Und an Heiligabend strömen die Menschen in die Kirchen zur Weihnachtsmesse – nicht nur Christen, sondern auch viele jüdische Israelis, die neugierig sind, was die Christen so anstellen an diesem Weihnachten. In manchen Kirchen sollen die israelischen Weihnachtstouristen gar die Mehrheit der Besucher ausmachen.

In die Weihnachtszeit fällt Chanukka, das achttägige jüdische Lichterfest. Es erinnert an den Makkabäer-Aufstand der Juden 164 vor Christus gegen die Seleukiden, die damals Jerusalem beherrschten und den jüdischen Tempel zur Anbetung ihrer eigenen Götter nutzten. Als die jüdischen Rebellen ihr Heiligtum wiedereroberten, reichte ihr Öl der Legende nach nur noch, um eine einzige Kerze des achtarmigen Leuchters im Tempel anzuzünden; doch auf wundersame Weise konnten sie dennoch alle acht Kerzen zum Leuchten zu bringen. In Gedenken daran kommen Juden während der acht Festtage jeden Abend zusammen und zünden eine Kerze in der Chanukkia, dem Chanukka-Leuchter, an.

Die Chanukka-Legende hat auch eine weibliche Heldin: Yudith, eine junge jüdische Witwe, soll einen feindlichen General, der für seine Grausamkeit bekannt war, mit ihrem Charme und ihrer Schönheit verführt und in ihr Zelt gelockt haben. Dort machte sie ihn mit Wein betrunken und erstach ihn dann mit seinem eigenen Schwert.

Viele jüdische Diasporagemeinden, vor allem in den USA, haben die Bedeutung von Chanukka unter dem Einfluss des allgegenwärtigen Weihnachtsfests aufgewertet; manche Familien stellen sogar einen „Chanukka-Busch“ auf, der einem Christbaum verdächtig ähnelt. In Israel strahlen Lichterketten in Form des achtarmigen Leuchters in Straßen und öffentlichen Gebäuden. Doch ansonsten geht das Alltagsleben weiter wie gewohnt. Denn in der jüdischen Tradition zählt Chanukka zu den weniger bedeutenden Festen, weil es nur im Talmud, nicht aber in der Bibel vorkommt. Und im Gegensatz zu wichtigeren Feiertagen wie Sukkot oder Yom Kippur ist Chanukka in Israel kein offizieller Feiertag.

 

LeaVon Lea Gölnitz, Neu-Delhi

Fast zeitgleich, wenn in christlich geprägten Ländern die Kerzen angezündet und die Weihnachtsbeleuchtungen eingeschaltet werden, gehen in Indien die Lichter aus. Das hinduistische Lichterfest Diwali wird zwischen Ende Oktober und Anfang November zu Neumond begangen. Die Menschen hängen Lichterketten an ihre Häuser und lassen Öllampen brennen. Für Hindus in Nordindien geht Diwali auf den Tag zurück, an dem der indischen Mythologie nach, der Gott Rama und seine Frau Sita aus dem 14-jährigen Exil im Urwald zurückkehren. Das mehrtägige Fest feiert den Sieg des Guten über das Böse, des Lebens über den Tod. Schon in den Tagen davor werden Feuerwerkskörper gezündet, kleine Geschenke getauscht, neue Kleidung gekauft, die Häuser geputzt und zum Teil sogar neu gestrichen. Auf Außenstehende wirkt das Fest wie eine Mischung aus Weihnachten und Silvester. Mit Diwali beginnt auch ein neues Geschäftsjahr.

Im Vergleich dazu ist Weihnachten eine eher unauffällige Angelegenheit. Die etwa 30 Millionen Christen in Indien machen nur 2,3 Prozent der Bevölkerung aus. Die meisten von ihnen leben in Südindien und im Nordosten. Der 25. Dezember ist aber ein offizieller Feiertag und wird sogar „Baba Din“ (Großer Tag) genannt. Der Ursprung für den Namen ist unklar. Es wird vermutet, dass die Briten den Namen in der Kolonialzeit eingeführt haben, um der Bevölkerung zu vermitteln, dass Weihnachten für sie selbst ein sehr wichtiger Tag war. Deshalb ist der 24. Dezember bis heute Heiligabend in Indien, bei dem es ein Festessen gibt. Geschenke hängen am Tag danach an einem Bananenstrauch. Das Familienoberhaupt bekommt zur Wertschätzung als Erstes eine Zitrone geschenkt. Das soll auch dem Rest der Familie Frieden und Glück bringen. Ein geschmückter Baum darf natürlich nicht fehlen, allerdings heißt es in Indien „O Mangobaum“ statt „O Tannenbaum“.

Von Deine Korrespondentin