Kollektive Abwehrkräfte stärken
Was wir von Italien lernen können

Ohne Gesichtsmaske geht in Italien niemand mehr vor die Tür. Fotos: Helen Hecker

Seit gut einer Woche hält Italien den Atem an. Die Menschen im ganzen Land verzichten in häuslicher Quarantäne auf ihre persönlichen Freiheiten zum Wohl aller – ein Beitrag kollektiver Verantwortung, der ein Weckruf an den Rest Europas ist. Ein persönlicher Stimmungsbericht aus Süditalien.

Von Helen Hecker, Palermo

Dass wir erst in schwierigen Situationen begreifen was wirklich zählt, ist den meisten von uns nichts Neues. Doch wie bedeutsam plötzlich Dinge werden, die wir stets als selbstverständlich betrachten, das lehrt uns das Coronavirus. Abends ein Bier mit Freunden in der Bar trinken, ins Kino gehen, im Bus oder der Bahn zur Arbeit fahren, im Büro sitzen, Geburtstag feiern, auf eine Demo gehen, Fußball spielen, einen Unbekannten nach einer Zigarette fragen, Geld berühren, sich räuspern, Hände schütteln, umarmen. Alles ganz natürlich. Oder?

Montag, 9. März: Die italienische Regierung verhängt eine eingeschränkte Ausgangssperre für das ganze Land. Wer nicht arbeiten gehen, Lebensmittel einkaufen oder aus gesundheitlichen Gründen das Haus verlassen muss, bleibt zu Hause. Das ist keine Bitte mehr. Je nach Größe der Supermärkte und Läden dürfen nur ein paar Leute auf einmal rein. Im Sicherheitsabstand von einem Meter (der eigentlich auf vier Meter erweitert werden müsste) standen die Menschen heute das erste Mal auf den Bürgersteigen in der Schlange an, um einkaufen zu gehen. Ansonsten waren die Straßen gespenstisch leer – außer ein paar wenige vorbeiratternde Vespas und Autos. Die Polizei machte Stichprobenkontrollen.

 

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Keine Parties, keine Konzerte, keine Sportveranstaltungen. Alle Pubs, Theater, Museen, Kinosäle, Bibliotheken und Fitnessstudios geschlossen. Geschweige denn die Schulen, Universitäten und Kindergärten! Hochzeiten und Beerdigungen wurden verboten. Das Leben scheint still zu stehen und gemeinsame Momente werden wieder kostbarer. Ein kleiner Schock, nicht nur für mich. Da saß man nun zu Hause und spürte plötzlich den Kloß im Hals. Kein Anzeichen einer bevorstehenden Grippe (bloß nicht!), sondern eher ein symptomatisches Gefühl von Beklemmung. Irgendwie seltsam.

Nun war man nicht mehr Herr und Frau des eigenen Alltags und seiner sonst so banalen Freizeitpläne. Die hochgepriesene persönliche Freiheit und das Konsumglück schienen Stück für Stück zu bröckeln. Doch etwas war anders, als sonst. Es schien okay zu sein! Alle waren bereit dazu, auch wenn dies oftmals einen enormen finanziellen Schaden bedeuten konnte. Plötzlich war etwas anderes entscheidender, als je zuvor: Das Zusammenhalten! Die Italiener gaben ein Stück ihrer persönlichen Freiheit auf, um gemeinsam etwas zu ändern.

„Wenn alle zur gleichen Zeit die Pantoffeln anziehen, können wir die Verbreitung des Virus vielleicht eindämmen!“ Entscheidend war auf einmal das Kollektiv, selbst wenn dies bedeutete, isoliert in Quarantäne zu sein. Ein Widerspruch? Nein! Ein Aufschrei nach „gemeinsamer Verantwortung“ ging durch Italien, den immer mehr Menschen verstanden und teilten. Auch ich. Zugegeben, das war nicht von Beginn an so. Anfangs war ich von all den Maßnahmen und Restriktionen nur wenig überzeugt.

Die Innenstadt von Palermo… menschenleer.

Rückblick: Dienstag, 3. März 2020: Ein kurzer Fieber-Scan am Flughafen von Catania und ich war erneut auf meiner Insel. Nach grauen und verregneten Tagen in Berlin, roch die Luft hier bereits nach Frühling. Als ich auf Sizilien landete war die Lage in Norditalien bereits dramatisch. Doch ich hatte immer noch die Euphorie der Berlinale in den Knochen und die gute deutsche „Nüchternheit“ im Blut. Nur keine Panik bitte, oder gar italienische Hysterie! Am Ende ist Covid-19 ja fast wie eine Grippe, nur ein bisschen schlimmer. Wer weiß, vielleicht ist es hier in Süditalien eh sicherer. Und erst Recht auf der Insel. Sechs Fälle in Palermo. Einer in Catania. Das hält sich ja in Grenzen… Das dies oberflächliche und zudem voreingenommene Fehleinschätzungen waren, sollten mir die kommenden Tage beweisen.

Freitag, 6. März 2020: Obwohl Sizilien bis dahin mit nur sehr wenigen bestätigten Fällen vom Coronavirus verschont geblieben zu sein schien, wurden alle öffentlichen Veranstaltungen und Konzerte abgesagt. Auch der langersehnte Gig einiger meiner Freunde. Als „real social animal“ war ich verärgert und protestierte: Damit mache man den Menschen nur noch mehr Angst! Kunst, Kultur und Musik seien wichtig, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken. In dieser Welt fehle es eh bereits an sozialem Kontakt. Auf diese Weise treibe man alle noch mehr in die Isolierung sowie Abhängigkeit von den sozialen Medien. Trotz der abgesagten Events war ich voller positiver Energie. Es war Freitagabend und ich konnte es kaum erwarten gute Freunde wiederzusehen. Viele Küsschen, Umarmungen, Drinks und Stunden später, fiel ich glücklich in mein Bett. Die Welt war in Ordnung.

Als mir die Luft wegblieb

Samstag, 7. März 2020: Bereits beim Aufstehen überschlugen sich die Nachrichten. Jeden Tag wurde die Situation im Norden angespannter und das machte auch vor der Atmosphäre hier im Süden nicht halt. Was am Abend zuvor noch kaum spürbar war, schlich sich auf einmal unter den Türen der sizilianischen Wohnzimmer in alle Stuben: Bedenken, Zweifel, Unsicherheit. Mit jeder Aktualisierung der Statistiken, mit jedem gestrichenen Flug, mit jeder weiteren Recherche, jedem gelesenem Interview, aber vor allem mit jeder weiteren Nachricht von befreundeten oder vertrauenswürdigen Ärzten wurde auch mir bald klar: Hier ging es um mehr. Es spielte kaum eine Rolle, ob ich mich nun anstecken würde oder nicht, wie gefährlich die Krankheit war oder wie hoch die Sterbequote – viel entscheidender wurde von Stunde zu Stunde: Wird das Land, und vor allem wird das Gesundheitssystem dieser Belastung Stand halten?

Wenn ich zu anfangs noch naiv annahm, dass nur ein verschwindend geringer Anteil der Covid-19-Patienten im Krankenhaus landete, wurde ich bald eines Besseren belehrt. Diese Krankheit war nicht nur wie eine komplizierte Grippe. Von beinahe 5.000 Patienten allein in der Lombardei mussten über 3.000 stationär aufgenommen werden und fast 500 waren in Intensivbehandlung. Steigende Zahlen täglich. Rechnet man sich das prozentuell aus, wird verständlich welche dramatische Situation in den Krankenhäusern herrscht. Nicht ohne Grund veranlasste die italienische Regierung in den vergangenen Tagen die sofortige Neubeschäftigung von über 20.000 medizinischen Fachkräften und die Bereitstellung von 7.500 zusätzlichen Betten auf Intensivstationen. Das ist eine Verdopplung der Kapazitäten und ohne Zweifel auch ein Appell an die Versäumnisse der Gesundheitspolitik der vergangenen Jahre.

Wenn Besonnenheit zur Tugend wird

Sonntag, 9. März 2020. Was am Abend vorher nur ein beklemmendes Gefühl war, sollte sich an diesem Tag zu einer neuen Wahrheit manifestieren. Die Gefahrenregionen im Norden wurden zur roten Zone erklärt und unter vollständige Quarantäne gestellt. Süditaliener, die bis dahin noch in Mailand, Venedig und Bologna ausharrten begannen die letzten Flüge Richtung Süden zu nehmen. Rund 7.000 Sizilianer registrierten sich unter Zwangsanweisung als Heimkehrer und erklärten sich damit zur freiwilligen häuslichen Quarantäne bereit.

Mit ihnen flog jedoch auch die Angst und das Unverständnis in den Süden. Viele der hier Ansässigen bezweifelten, dass die Heimkehrer das nötige Verantwortungsbewusstsein mitbrachten. Bis dahin gab es auf der Insel nur Patienten, die aus dem Norden kamen. Dies sollte sich in den kommenden Tagen ändern. Zudem wurden per Notstandsdekret nun in ganz Italien offiziell alle öffentlichen Plätze, Versammlungsorte und Veranstaltungen geschlossen und annulliert. Die Vorboten der Ausgangssperre.

Und plötzlich war alles klar. Hier ging es nicht um Panik oder übertriebene Vorsichtsmaßnahmen, sondern das Sozialsystem des Landes war in Gefahr und es wurde allen bewusst. Wenn die Regierung und die zuständigen Behörden solch drastische Entscheidungen treffen und einen wirtschaftlichen Zusammenbruch (vor allem für Süditalien) in Kauf nahmen, dann spielten wir hier tatsächlich mit dem Feuer und das Risiko war real. Ein Risiko, das nicht nur jeden einzelnen durch mit einer Ansteckung betraf, sondern eine Gefahr des kollektiven Kollaps. Und genau das ist der Punk.

„Markt und Straßen stehn‘ verlassen, still erleuchtet jedes Haus, sinnend geh‘ ich durch die Gassen…“

23 Uhr, Montag, 10. März 2020: Stell dir vor die Stadt hört nachts plötzlich auf zu atmen. Kein Lachen, kein Flüstern, kein Johlen, kein Jammern, keine Musik und keine Flaschen, die klappern oder ein verliebtes Paar. Nur Lichter und Schatten und ab und zu eine hellwache Streife auf Patrouille. Oder verirrte Scheinwerfer mit Gesichtern hinter Masken, die auf der Suche nach dem Leben sind. So wie du. Ohne Leben auf den Straßen scheint die Stadt auf einmal unberechenbar zu sein. Und dann wieder Stille.

Sie und der Mond sind deine einzigen Begleiter. Er schenkt dir sein Licht und du lächelst und erblickst in der Schwere dieser leeren Nacht jene Hoffnung, die dir sagt, das in diesem Moment endlich alle das gleiche träumen: Sich die Hand zu geben ohne Angst zu haben, sich zu umarmen ohne auszuweichen, zusammenzustehen, mit einem guten Glas Wein und sich darauf zu freuen, dass bald der Sommer kommt.

Mit diesem 10. März war ab 18 Uhr alles dicht. Selbst die letzten Geschäfte, Supermärkte, Restaurants und Bars, die Palermo bis dahin noch belebten, waren nun zu. Geisterstadt. Ich habe so etwas zuvor noch nie erlebt, nur gelesen oder in Filmen gesehen. Plötzlich stellte ich mir den Nachtwächter vor, der mit seiner Laterne durch die Gassen läuft und wieder verkündet welche Stunde die Uhr geschlagen hat. Als schließlich ein Militärfahrzeug an mir vorbei rauschte (wahrscheinlich aufgrund der Gefängnisrevolte, die Palermo derzeit zusätzlich beschäftigt) wurde mir dennoch mulmig zu Mute. Plötzlich hatte ich das Gefühl mich auf dem Weg nach Hause verstecken zu müssen. Und dabei war es nur ein Abendessen mit der besten Freundin, um in diesen seltsamen Tagen zu mindestens ein wenig Gesellschaft mit den wichtigsten Menschen zu haben.

Was wir von dem Virus lernen können

Menschlicher Kontakt, die Gemeinschaft! Sie ist es, die gerade wieder kostbar wird, neuen Wert gewinnt und lang nicht so selbstverständlich ist, wie wir oftmals denken. Wohl überlegt muss sie derzeit sein und umso mehr genießt man sie. Für viele Menschen, insbesondere hier im Süden, ist diese Situation mit extremen wirtschaftlichen Einbußen verbunden, mit der Angst vor dem persönlichen Bankrott oder der Gefahr trotz Vorerkrankungen oder eines geschwächten Immunsystems zur Arbeit gehen zu müssen, weil keine finanziellen Rücklagen vorhanden sind. Die Wahrheit ist leider, dass wir an einem Punkt angekommen sind, an dem nichts anderes bleibt, als alles was sonst so „normal“ war in Frage zu stellen. Auch für mich als soziales Tier die wohl schwerste Hürde. 

Vieles schieben wir in unserer Gesellschaft seit Langem vor uns hin. Kein Klimawandel, keine Millionen von Flüchtlingen haben bis her dieses System wirklich in Frage gestellt, Produktionsketten unterbrochen oder unsere Mobilität eingeschränkt. Immer steht der Gewinn und das Konsumieren an oberster Stelle. Doch wenn uns diese Erfahrung etwas lehren kann, dann ist es Resilienz und das Tempo herauszunehmen. Qualität statt Quantität. Die Besinnung auf das Essentielle. Denn für eine wirklich nachhaltige Zukunft, haben wir keine andere Wahl. Mit oder ohne Corona.

Helen Hecker
Von Helen Hecker , Berlin / Palermo

Helen Hecker (31) berichtet als freie Redakteurin und Fotografin für Online, Print und TV. Zu ihren Reportage- und Interviewthemen zählen vor allem Gesellschaft, Politik und Kultur. Nach ihrem Studium zur Sprach- und Politikwissenschaftlerin in Bamberg zog es sie 2008 nach Sizilien. Dort war sie lange Zeit für die nationale Dokumentarfilm-Akademie tätig und spezialisiert sich in ihrer Auslandkorrespondenz auf Italien. Mehr: www.helenhecker.de.

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