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Klimawandel und Frauen
Gewalt mal ganz anders

29. Dezember 2021 | Von Deine Korrespondentin
Indigene Frau mit ihrem Baby. Foto: Leslie Searles

Der peruanische Regenwald am Amazonas gilt vielen als Inbegriff unberührter Natur. Aber das Leben der Menschen in dieser scheinbar paradiesischen Region ist von Klimawandel, Abholzung und Krankheiten bedroht. In den indigenen Gemeinschaften im Regenwald haben sich die Lebensbedingungen vor allem für Frauen drastisch verschlechtert. Außerdem werfen wir einen Blick nach Deutschland und Italien.

Von Eva Tempelmann, Lima / Ibbenbüren

Als die peruanische Fotografin Leslie Searles das erste Mal in den Amazonas-Regenwald fuhr, war ihr nicht klar, wie eng die Menschen dort mit der Natur verbunden sind. Eine junge Frau erzählte ihr bei Recherchen: Wenn sie eine Yuccawurzel aus der Erde ihres Feldes ziehe, fühle sich das an, als ob sie der Erde das Herz aus ihren Eingeweiden reiße.

In den Dörfern bitten die Menschen den Wald und den Fluss um Erlaubnis, bevor sie darin jagen. „In den Städten hingegen haben wir uns den Wald, das Wasser und die Lebewesen darin längst untertan gemacht“, sagt Searles. Die Fotografin arbeitet regelmäßig mit der Nachrichtenagentur „Ojo Público“ zusammen, die sich auf investigative Recherchen zu Menschenrechts- und Umweltthemen spezialisiert hat. 

Die junge Frau, die Searles damals interviewte, gehört zur ethnischen Gruppe der Awajún. Es gibt fast 1.700 indigene Gemeinschaften im peruanischen Amazonasgebiet – darunter die Awajún, Shipibo und Ashaninka. Sie alle verbindet die dramatische Veränderung der Rolle der Frauen im Regenwald, verursacht durch Klimawandel und Zerstörung ihres Lebensraumes. Konkret heißt das, dass die veränderten klimatischen Bedingungen der vergangenen Jahre die Ernten immer geringer ausfallen lassen.

Abholzung, Brandrodung und die Ausbreitung des illegalen Bergbaus verwüsten das empfindliche Ökosystem im Amazonasgebiet. Zwischen 2001 und 2018 wurden in Peru fast 25.000 Quadratkilometer Regenwald zerstört – das entspricht ungefähr der Fläche von Mecklenburg-Vorpommern. Die Erdgas- und Erdölförderprojekte im peruanischen Amazonasgebiet befinden sich zu 80 Prozent in indigenen Territorien. Immer wieder treten Lecks in den Pipelines auf – laut der Nationalen Menschenrechtskoordination in Peru knapp 500 in den vergangenen 20 Jahren – und zerstören wichtige Lebensgrundlagen. Der Staat kümmert sich bisher kaum um die entlegenen Regionen.

Awajun-Frau im peruanischen Regenwald (Foto: Leslie Searles).

Weil die Männer im Wald nicht mehr jagen können, suchen sie sich Jobs bei den Goldminen der Region oder ziehen in die großen Städte, um dort zu arbeiten. Die Frauen bleiben in den Dörfern zurück und kümmern sich um die Familie. Aber die Arbeit auf dem Feld bringt ihnen heute kein Auskommen mehr. Statt weiterhin Feldfrüchte wie Maniok anzubauen, gehen die Frauen nun im Laden einkaufen. „Der Wechsel von einer fast geldlosen Ökonomie zu einer vollständigen Abhängigkeit vom Lohn des Mannes verändert das gesamte Leben in den indigenen Dorfgemeinschaften“, sagt die Soziologin Cynthia del Castillo.

„In fast allen Gebieten, wo sich die Rohstoffindustrie niederlässt, verlieren die Frauen ihre traditionelle Rolle als Entscheidungsträgerin der Familie und der Gemeinschaft“, bestätigt der Anthropologe José Guillermo Guevara. Durch die Migration der Männer haben sich Krankheiten wie HIV, die durch Geschlechtsverkehr übertragen werden, in den vergangenen Jahren im Amazonasgebiet versechsfacht.

Dieser Gesundheitsnotstand wird durch die wachsende Zahl von Selbstmorden, vor allem junger Frauen, und den Mangel an Medikamenten noch verschärft. Alkoholismus und familiäre Gewalt haben zugenommen. Peru ist ohnehin eines der Länder mit der höchsten Gewaltrate an Frauen weltweit. Laut der staatlichen Ombudsstelle wird jeden zweiten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet. „Indigene Frauen im Regenwald sind im Grunde doppelt marginalisiert“, sagt Fotografin Leslie Searles, „sie sind unsichtbar als Indigene und unsichtbar als Frau.“

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Von Anne Klesse, Hamburg

Für Juliane Chakrabarti ist die Klimakrise auch eine Krise des sozialen Miteinanders. Denn immer, wenn auf reichweitenstarken Nachrichtenseiten in Deutschland Artikel rund um das Thema menschengemachter Klimawandel erscheinen, wissen die 70-Jährige und ihre Mitstreiter*innen: Es wird eine Welle des Hasses folgen. Leser*innen posten Kommentare, beschimpfen die Autor*innen und sich gegenseitig – vor allem auf Social Media. Denn dort gibt es je nach Kanal manchmal überhaupt keine Moderation. 

Diplom-Pädagogin Chakrabarti will der sogenannten Hate Speech im Netz etwas entgegensetzen und engagiert sich deshalb beim Hamburger Verein „ichbinhier“. Die Initiative startete Ende 2016 als geschlossene Facebook-Gruppe, seit 2017 führt Chakrabarti den Verein gemeinsam mit Gründer Hannes Ley und Mira Loeblein. Der Impuls kam damals aus Schweden, wo Ley eine ähnliche Gruppe gesehen und die Idee nach Deutschland mitgebracht hatte. Für seine Arbeit wurde der Verein 2017 mit dem renommierten „Grimme Online Award“ ausgezeichnet, Ley erhielt 2018 stellvertretend das Bundesverdienstkreuz.

Themen, die Hater*innen zu reizen scheinen, sind neben Klima insbesondere Flucht, Feminismus und Extremismus. Manchmal folgen auf einen Artikel tagelange Shitstorms gegen die Autor*innen oder einzelne Protagonist*innen der Geschichten. Um dagegenzuhalten und für einen respektvollen Umgang im Netz zu werben, mischen sich Chakrabarti und die mittlerweile 44.000 aktiven deutschsprachigen Mitglieder des Netzwerks mit dem Hashtag #ichbinhier in die Diskussionen ein. 

Bemerkenswert ist, dass insbesondere Frauen attackiert werden. Der Forschungsbericht des „Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft“ von 2019 sagt aus, dass Frauen in 88 Prozent der Fälle Ziel des Hasses sind. In der Studie berichten Betroffene von den Auswirkungen: Ein Drittel der Befragten bekam durch die persönlichen Angriffe im Netz emotionalen Stress, 27 Prozent Angst und Unruhe, 19 Prozent sogar Depressionen. Etwa die Hälfte aller Studienteilnehmer*innen gab außerdem an, sich als Reaktion auf Hasskommentare seltener zu ihrer politischen Meinung zu bekennen und sich seltener an Diskussionen im Netz zu beteiligen. 

Der Verein „Hate Aid“ hat deshalb eine Petition an die EU gegen digitale Gewalt gegen Frauen gestartet. Darin heißt es: „Millionen von Frauen und Mädchen ziehen sich aus den sozialen Medien zurück, weil sie keine Möglichkeit mehr haben, sich zu schützen. Das muss jetzt aufhören.“ Mehr als 11.000 Personen haben bislang unterzeichnet. Laut „HateAid“ unterscheiden sich die Gewalterfahrungen, die Frauen im Netz machen, stark von denen heterosexueller weißer Männer.

Im Text zur Petition steht auf der Website des Vereins: „Häufig ist die Gewalt, die sich online gegen Frauen richtet, sexualisiert und frauenfeindlich. Das bedeutet, Täter*innen greifen Frauen einzig und allein aufgrund ihres Geschlechts an. Der Inhalt, den Frauen in diesen Fällen zuvor verbreiteten, posteten oder liketen, ist häufig nebensächlich.“ Auch Chakrabarti und ihre Kolleg*innen werden regelmäßig im Netz beschimpft, beleidigt und sogar in privaten Nachrichten bedroht. Angst habe sie dennoch nicht.

Juliane Chakrabarti engagiert sich mit tausenden Freiwilligen Hass und Hetze im Internet die Stirn zu bieten (Foto: Anne Klesse).

„Früher habe ich gegen Atomkraftwerke demonstriert. Im Netz kann ich mich nun für Themen einsetzen, die mir wichtig sind, ohne mich vor Wasserwerfer auf die Straße setzen zu müssen.“ Die Aktivistin will sich nicht einfach so zufriedengeben, denn die systematische Verdrängung von Frauen sei eines der Hauptziele der zumeist männlichen Hater. Dabei mussten die Hater*innen selbst bislang kaum Konsequenzen befürchten. Nur in wenigen Bundesländern gibt es staatliche Meldestellen im Kampf gegen Hasskriminalität im Internet.

Bei der in Baden-Württemberg ansässigen Meldestelle „respect!“ werden bundesweit Hinweise geprüft, gegebenenfalls an die Plattformbetreiber*innen weitergegeben und zur strafrechtlichen Verfolgung angezeigt. Ostern 2021 trat in Deutschland ein Gesetzespaket in Kraft, nach dem für Beleidigungen im Netz nun bis zu zwei Jahre Haft drohen. Der Strafrahmen bei Mord- und Vergewaltigungsdrohungen im Netz wurde auf bis zu drei Jahre Freiheitsstrafe angehoben. Inwiefern es allerdings tatsächlich zu Verurteilungen kommen wird, ist fraglich. Expert*innen wie Chakrabarti sind skeptisch. 

Also kämpft sie vorerst weiter mit Worten. Denn oft gehe es den Hater*innen darum, Narrative zu etablieren und die Diskussionen zu bestimmen – etwa, den menschengemachten Klimawandel zu leugnen. „Aber was wir einmal an Raum aufgeben, das ist weg“, meint Chakrabarti. Ihre Arbeit ist ein Tropfen auf den heißen Stein, das ist ihr klar. Aber für Betroffene sei es wichtig zu sehen, dass sie nicht allein sind.

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Von Helen Hecker, Palermo

Osas Egbon gründete mit anderen nigerianischen Frauen vom „Verein Donne di Benin City“ vor sechs Jahren in Palermo eine Anlaufstelle für Opfer von Prostitution. Sie selbst kam vor etwa 20 Jahren aus Nigeria nach Italien und arbeitete jahrelang als Prostituierte auf dem Straßenstrich, bis eine italienische Sozialarbeiterin ihr einen Job verschaffte. Heute will sie anderen Frauen und Mädchen helfen, von der Straße wegzukommen. Wie keine andere kennt sie das schmutzige Geschäft, das jährlich Tausende junge Afrikanerinnen an ein kriminelles Netzwerk fesselt.

Immer öfter landen vor allem Mädchen aus den ländlichen Regionen Nigerias bei ihr, die aufgrund von Hunger und bitterer Armut von ihren Verwandten zur Prostitution animiert und gar an die Schlepper, sogenannte „Connection-Männer“, verkauft werden. „Der Süden Nigerias ist bitterarm. Es gibt dort weder Industrie noch Universitäten. Das einzige Kapital vieler Familien sind die wunderschönen Mädchen“, sagt die 37-Jährige.

Osas Egbon (rechts) arbeitete selbst jahrelang als Prostitutierte in Italien, heute kämpft sie mit ihrem Verein gegen Menschenhandel (Foto: Helen Hecker).  

Eines dieser Mädchen ist Miriam. Seit vier Jahren lebt die 21-Jährige in Siziliens Hauptstadt, vor zwei Jahren ist sie dank Egbons Hilfe in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurden, weil sie gegen ihre Peiniger*innen aussagte. Als Miriam aus Nigeria wegging war sie – wie viele andere – erst 15 Jahre alt. „Ich habe meine Heimat verlassen, weil wir kein Essen mehr hatten“, erzählt sie schüchtern.

Lange Dürreperioden und unerwartete Regenfälle hatten die Lebensbedingungen in ihrem Heimatdorf verschlechtert. Viele Flüsse seien ausgetrocknet. „Um Wasser und Nahrung zu beschaffen, legten wir oftmals Dutzende von Kilometern zurück“, erinnert sie sich. Das Risiko für Übergriffe ist dabei vor allem für Frauen hoch. Nicht selten würden sie Kaufleute, von denen die Mädchen Essen abkaufen wollen, erpressen: Sex für Nahrung, eine Spirale der Gewalt.

Auch eine im Jahr 2020 veröffentlichte Studie von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) legt dar, dass klimatische Extremereignisse, lange Dürreperioden, Ernteausfälle und der Mangel an Saatgut einen direkten Einfluss auf die Lebenssicherheit vieler Frauen haben. So gebe es beispielsweise im Norden Ugandas Regionen, in denen es seit Jahren nicht regne und wo insbesondere Mädchen nicht mehr zur Schule gehen würden, damit sie sich tagelange auf Reisen begeben, um so die Versorgung der Familie zu sichern. Ebendiese verarmten Familien würden ihre Töchter und Geschwister dann an Menschenhändler verkaufen oder sie in einer Art Tauschgeschäft zur Ehe freigeben.

Miriams Reise nach Europa dauerte neun Monate. Von ihrem Heimatdorf ging es zunächst nach Benin City, dem größten Umschlagplatz für den Menschenhandel. Dort begegnete sie zum ersten Mal ihrem „Connection Man“, der sie auf Geheiß ihrer „Madam“ mit anderen Flüchtlingen nach Europa schleusen sollte. In Libyen sperrte der Mann Miriam und zwei andere Mädchen über Wochen ein, weil die „Madam“ kein Geld geschickt hatte. Sie sollten 250.000 Naira (umgerechnet rund 500 Euro) zahlen, um sich freizukaufen.

Teresa kommt aus Benin City, Nigeria, und zündet sich mit ein paar feuchten Zweigen ein Feuer an (Foto: Helen Hecker).

„Madam“ oder „Maman“ nennen die Mädchen jene Frauen, die das Geld für ihre Reise nach Europa zahlen und sie anschließend zur Prostitution zwingen. Oftmals sind diese Frauen selbst ehemalige Prostituierte. Ein Schnellballsystem, das schwer zu durchbrechen ist. Allein 2020 wurden laut der Organisation „Save The Children“ von den italienischen Behörden 2.040 Migrantinnen registriert, die in der Prostitution endeten. Rund 72 Prozent von ihnen stammten aus Nigeria.

Eine Nigerianerin, die sich seit Jahren für mehr Umweltbewusstsein und die Frauen in den ländlichen Regionen ihrer Heimat einsetzt, ist die Aktivistin Priscilla Achakpa. Mit 16 Jahren heiratete sie, bekam drei Kinder und wurde kurze Zeit später jung Witwe. Von der Familie ihres Mannes enterbt und auf sich allein gestellt, kehrte sie auf die Schulbank zurück, studierte Betriebswirtschaftslehre und Entwicklungspolitik und gründete das „Women Environmental Program“ (WEP), eine gemeinnützige Organisation, die Frauen und Kindern nachhaltige Lösungen für alltägliche Probleme bietet.

2020 wurde sie von der Deutschen Welle und dem nigerianischen Fernsehsender Channels Televisions als „Eco Hero“ ausgezeichnet. In einem Statement zur Preisverleihung machte sie klar, dass Klimaveränderungen zur Ungleichheit zwischen den Geschlechtern beitrügen und es deswegen „wichtig ist, Frauen in die Strategien zur Bekämpfung des Klimawandels einzubeziehen.“

Um dies in Zukunft langfristig zu realisieren, arbeitet die Organisation mit Bäuerinnen vor Ort zusammen und errichtete beispielsweise vergangenes Jahr Solarzelte für die Trocknung von verderblichem Gemüse wie Tomaten und Paprika. Das Ergebnis sei erstaunlich gewesen. Es wurden weniger Lebensmittel verschwendet, Ressourcen geschont und die Frauen konnten mit den getrockneten Produkten ihr Einkommen steigern. Um auf Dauer weitermachen zu können, bedarf es jedoch neben der Unterstützung der Regierung weitere private Partner.

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Eva TempelmannMünster / Lima
Hannah Ajala ist freie Journalistin und arbeitet in Großbritannien und afrikanischen Ländern. 2018 gründete sie das Netzwerk „We are Black Journos“. Ihr Ziel: Schwarze Journalist*innen sichtbarer machen. In Großbritannien sind 95 Prozent aller Journalist*innen Weiß. Die Vielfalt des Landes und der Weltanschauungen spiegelt das nicht wider. Eva Tempelmann hat sie für uns interviewt.

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