Internationaler Frauentag
Frauen kämpfen für ihre Rechte

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Was beschäftigt die Frauen auf der ganzen Welt am Internationalen Frauentag? Unsere Korrespondentinnen haben sich spontan dazu entschlossen, ihre Erfahrungen aufzuschreiben und geben interessante Einblicke in den Libanon, Kolumbien und Spanien.

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Von Julia Neumann, Beirut

Intersektionalität ist der Schwerpunkt der Aktivist*innen im Libanon zum diesjährigen Weltfrauentag. Der intersektionale Feminismus erkennt an, dass nicht alle Frauen die gleiche Diskriminierung erfahren sowie nicht alle Männer die gleichen Privilegien haben. Beispielsweise haben weiße Frauen mehr Privilegien als Women oder Men of Color und die Diskriminierungserfahrungen sind anders. Aus Angst vor dem Corona-Virus und auf Anweisung des Gesundheitsministeriums wurden kurzfristig alle Aktivitäten zum Weltfrauentag abgesagt wurden – trotzdem verschaffen sich Feminist*innen auf den Straßen Gehör. Denn seit dem 17. Oktober 2019 protestieren die Libanes*innen gegen ihre korrupten Politiker, deren Missmanagement das Land in eine schwere Finanzkrise gebracht hat. Dabei waren es Frauen, die die Massenproteste gestützt haben und dazu beigetragen haben, dass Ministerpräsident Saad Hariri Ende Oktober zurückgetreten ist.

Die Proteste haben vor allem feministische Aktivist*innen von Beginn an zu einem intersektionalen Kampf gemacht und die Forderungen nach der Bekämpfung des korrupten Systems mit feministischen Forderungen nach gleichen Rechten für Frauen, LGBTQI+ und Migrant*innen verknüpft. Sie machen sich dafür stark, dass Frauen ihre Nationalität an ihre Kinder weitergeben können – dies ist im libanesischen Gesetzt nicht vorgesehen und es trifft besonders Kinder mit syrischen oder palästinensischen Vätern hart, die aufgrund diskriminierender Arbeitsregelungen nicht im Libanon arbeiten dürfen.

Außerdem herrscht im Libanon noch immer das sogenannte Kafala-System, das es libanesischen Frauen erlaubt, Haushälterinnen aus dem Ausland den Pass abzunehmen und sie auszubeuten. „Nichts wird unsere Entschlossenheit und unser Engagement stoppen können“, schrieben die Feminist*innen zu ihrer Absage der Aktivitäten. „Wir werden weiter für unsere Rechte kämpfen und Gerechtigkeit für alle einfordern.“

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Von Katharina Wojczenko, Medellin

Am Weltfrauentag brennt ein Thema den Frauen in Kolumbien besonders unter den Nägeln: der Kampf um die Liberalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Angeheizt wurde die Debatte jüngst auch wegen einer Entscheidung des Verfassungsgerichts. Die Anwältin Natalia Bernal hatte beantragt, Abtreibung grundsätzlich zu verbieten.

Doch der Schuss ging nach hinten los: Der liberale Verfassungsrichter Alejandro Linares schlug stattdessen vor, Abtreibung in den ersten vier Monaten komplett zu erlauben.

Anfang der Woche verkündete das Verfassungsgericht, dass keine neue Entscheidung gefällt werde. Nach wie vor gilt das Gesetz von 2006 wonach drei Ausnahmen eine Abtreibung erlauben: 1. wenn die seelische oder körperliche Gesundheit der Mutter in Gefahr ist, 2. der Fötus schwer missgebildet ist oder 3. die Schwangerschaft Folge von Vergewaltigung oder Inzest ist.

Eine weitere Liberalisierung hätte ein Meilenstein für Lateinamerika sein können, urteilte die New York Times zuvor. In den Tagen vor der Entscheidung kochte der Konflikt hoch, der seit Langem in Kolumbien schwelt: zwischen der Bewegung „Pro Vida“ (Pro Leben), für die das ungeborene Leben unter allen Umständen Priorität hat – und der des „Aborto libre“ (Freie Abtreibung), für die der Wille der Frau zählt. Beide Seiten demonstrierten vor dem Verfassungsgericht.

In der Praxis bekommen noch lange nicht alle Frauen in Kolumbien ihr Recht: Kliniken weigern sich, den Eingriff durchzuführen; juristische und medizinischen Bestätigungen ziehen sich so lange, dass es zu spät ist. Frauen auf dem Land haben kaum Zugang zu medizinischer Versorgung. Viele sehen in der Abtreibungsfrage deshalb ein weiteres Beispiel für die soziale Ungleichheit im Land: Denn wer Geld hat, findet einen Weg – und sei es im Ausland.

Laut einer Umfrage des kolumbianischen Gesundheitsministeriums sind die Hälfte der Schwangerschaften im Land unerwünscht. Prominente Feministinnen wie Catalina Ruiz Navarro feierten die Nicht-Entscheidung des Verfassungsgerichts als Sieg. Ruiz Navarro sagt: „Das ist super gut, weil das Verfassungsgericht bestätigt, dass Abtreibung ein Grundrecht für Frauen ist und es kein Zurück gibt.“ Wer Spanisch kann, dem sei die Folge des Presunto-Podcasts zur Abtreibungs-Diskussion in Kolumbien wärmstens ans Herz gelegt: https://soundcloud.com/presunto-podcast/53-interrupcion-voluntaria-del-embarazo.  

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Von Christine Memminger, Barcelona

Vor allem „violencia machista“, die Gewalt von Männern an Frauen treibt die Menschen in Spanien dieses Jahr am Weltfrauentag auf die Demos. Das Motto vieler Kundgebungen: „Ni una menos“, zu Deutsch „Nicht eine weniger“. Allein dieses Jahr wurden bereits zwölf spanische Frauen von ihren Partnern oder Ex-Partnern getötet, 2019 wurde ein trauriger Rekord mit 55 tödlichen Fällen erreicht. Über beinahe jeden dieser Morde wird inzwischen auf den Titelseiten der Zeitungen berichtet, die Aufmerksamkeit ist enorm.

Die Regierung plant ein umfassendes Gesetz, das nicht nur „violencia machista“ als eigenes Delikt mit einem erhöhten Strafmaß definiert, sondern Opfern von männlicher Gewalt auch bei Bedrohungen und sexuellen Übergriffen besondere Rechte gewährleisten soll. Ein Projekt „mit Leuchtturmcharakter“, sagt die Ministerin für Gleichberechtigung Irene Montero. Auch Ministerpräsident Pedro Sánchez nennt sich öffentlich „Feminist“ und in seiner neuen Regierung der Sozialisten mit der Linkspartei „Podemos“ wurde Gleichberechtigung als eines der wichtigsten Themen definiert.

Dabei ist es nicht so, dass die Ungleichheiten in Spanien größer wären als beispielsweise in Deutschland, insgesamt liegt Spanien laut EU-Gleichberechtigungsindex 2017 im europäischen Mittelfeld. Aber: Spanien will jetzt zur europäischen Spitze aufschließen. Lohnunterschiede, Vereinbarkeit von Kind und Karriere, sowie gendergerechte Sprache sind Mainstream-Themen. Feminismus liegt im Trend. Seit einigen Jahren ist der 8. März hier Ausdruck einer feministischen Bewegung, die europaweit in ihrer Größe einzigartig ist. Lila T-Shirts und Plakate füllen am Welttag der Frauen die Straßen sämtlicher spanischer Städte – und zwar millionenfach.

 

Gleichberechtigung in…

Im Jahr 2019 starteten wir eine exklusive achtteilige Serie mit der Frankfurter Rundschau zum Thema wie „Wie emanzipiert ist Europa?“. Mit der Serie wollten wir beleuchten, wo es in Europa in puncto Gleichberechtigung besonders gut läuft und wo es noch Nachholbedarf gibt. Wir haben dabei aus Ländern wie Belgien, Russland, Ungarn und Spanien berichtet. Weil die Serie so gut ankam, führen wir das Thema einfach weiter und publizieren immer wieder Geschichten zum Thema Gleichberechtigung aus ganz unterschiedlichen Ländern der Welt. Alle bisher erschienenen Artikel finden Sie hier: https://www.deine-korrespondentin.de/gleichberechtigung/ .