In Rage
Die Heavy Metal-Frontfrau in Ägypten

Rasha Magdy kennt die Grenzen für Mädchen und Frauen in Ägypten aus eigener Erfahrung. Fotos: Sabine Rossi

Sängerin Rasha Magdy kann ihre Wut herausschreien – zumindest auf der Bühne und im Proberaum. Als Mädchen in Ägypten groß zu werden sei beschissen, sagt die 32-Jährige. Doch langsam ändere sich etwas.

Von Sabine Rossi, Kairo

Die Sonne brennt auf die Einkaufsstraße eines ruhigen, gutbürgerlichen Kairoer Viertels nicht weit vom Westufer des Nils. Doch davon kommt im schummrigen, fensterlosen Studio nichts an. Die Wände sind schallgedämmt und mit graubraunem Stoff verkleidet. Einige wenige Halogenstrahler beleuchten den Raum. Als die ersten Gitarrenriffe und das Schlagzeug erklingen, schließt Rasha Magdy die Augen. Dann tritt die junge Frau mit den langen, glatten, schwarzen Haaren ans Mikrofon und singt. Den Refrain schreit sie, die Nase gerümpft, die Mundwinkel nach unten gezogen. Auf dem Arm hält sie dabei ihren jüngsten Sohn – Nour ist knapp zwei Jahre alt. Der ältere, Karim, spielt vor ihr auf dem Boden mit Schlagzeugsticks. Er sei ihr größter Fan, sagt Rasha.

Zum ersten Mal seit Wochen proben Rasha und die vier anderen Musiker wieder gemeinsam. Viel Zeit für die Musik bleibt ihnen neben Job und Familie nicht. Rasha ist Lehrerin an einer Kairoer Schule, und sie ist die Frontfrau der ägyptischen Heavy Metal-Band „Enraged“. Der Name passe, meint sie, denn wenn sie in Kairo unterwegs ist, fühle sie sich immer enraged, aufgebracht.

Rasha Magdy: „Manchmal fahre ich mit meinen Söhnen im Auto. Ich trage dann normale Kleidung, bin nicht geschminkt und habe meine Kinder bei mir. Dennoch rufen mir Männer unangenehme oder sexistische Dinge nach. Was soll das!? Es ist verletzend, und es passiert ständig. Deshalb kann ich gar nicht anders, als aufgebracht zu sein.“

Sexistische Sprüche oder Pfiffe gehören für viele Frauen in Ägypten zum Alltag. In einer Umfrage der Vereinten Nationen von 2013 gaben 99,3 Prozent der befragten Ägypterinnen an, schon einmal belästigt worden zu sein – angefangen bei unangenehmen Blicken und anzüglichen Bemerkungen bis hin zu handfesten Übergriffen. Aus Sorge, aber auch um die Ehre der Familie zu wahren, setzen viele Eltern ihren Töchtern strenge Grenzen, sagt Rasha.

Rasha Magdy: „Als Mädchen oder Frau in Ägypten aufzuwachsen ist beschissen. Es ist furchtbar. Ein Schicksal, das ich niemandem wünsche. Als ich schwanger war, habe ich mir gewünscht, dass es Jungen werden. Ich wollte einfach kein Mädchen in Ägypten großziehen, denn es wäre die Hölle geworden – für sie und für mich. Wir hätten enge Grenzen für sie ziehen müssen, von denen wir selbst nicht überzeugt sind. Also bin ich froh, dass ich zwei Jungs bekommen habe.“

Rasha kennt diese Grenzen aus eigener Erfahrung. Eine junge Frau ihrer Generation konnte entscheiden, welches Fach sie studieren wollte und vielleicht noch an welcher Uni, sagt die 32-Jährige, danach war aber auch Schluss. Spät nach Hause kommen, allein reisen oder sich mit Jungs treffen, war undenkbar. Rasha hat für diese Freiheit gekämpft. Damals hörte sie Bands wie Evanescence und Linkin Park und wollte schließlich selbst singen. Mit Anfang 20, vor inzwischen gut zehn Jahren, gründete sie mit ihrem heutigen Mann, Wael, die Band „Enraged“ – gegen den Willen ihrer Eltern.

Rasha Magdy: „Mein Vater sagte: ‚Unmöglich, dass Du alleine mit einem Haufen Jungs in einem Raum bist. Das ist nicht okay.‘ Damals hatte ich die Schule abgeschlossen und habe gearbeitet. Ich war finanziell unabhängig, deshalb hatten meine Eltern wenig Möglichkeiten, Kontrolle auszuüben. Am Ende habe ich meinen Vater überzeugt. Solange ich pünktlich abends zu Hause war, ging es ihn nichts an, was ich machte.“

Rashas erste Auftritte wurden mit Häme quittiert. Unter Videos im Internet standen spöttische Kommentare, denn ein paar Mal hatte sie den Ton nicht getroffen. Gesangsunterricht nahm sie erst Jahre später. In der Anfangszeit lernte Rasha auf der Bühne.

Rasha Magdy: „Manche haben mich beschimpft und gesagt, dass sei das Schlimmste, das sie je gehört haben. Wenn ich nicht so stur gewesen wäre, wäre ich zu Hause geblieben und hätte gesagt: ‚Ich will das nicht. Ich will nicht, dass Leute so etwas über mich sagen und ich mich schlecht fühle.‘“

Die Beziehung zu Wael, dem Gitarristen von „Enraged“, habe sie geschützt. Sonst hätten sich manche wohl ausfälliger geäußert, ist sich Rasha sicher. Zwischen 2005 und 2008 spielte die Band in Untergrundclubs, an entlegenen Orten außerhalb der Stadt. Mehr als einmal stürmte die Polizei die Metal-Konzerte. Offiziell hieß es, Satanisten hätten sich dort versammelt. Ein Vorwurf, der sich seit Jahrzehnten hartnäckig hält. 1997 stand die Szene in Ägypten bereits im Fokus; mehr als 80 Fans wurden damals bei Razzien verhaftet. Auch heute noch lassen sich mit dem Schlagwort „Satanist“ leicht Emotionen schüren. Erst im Februar sorgte ein Heavy Metal-Konzert in Kairo für Schlagzeilen und kontroverse Debatten.

Gefragt nach den Reaktionen ihrer Lehrerkollegen, wenn sie erfahren, dass Rasha in einer Metal-Band singt, wirft die junge Frau die langen Haare über die Schulter, setzt sich geübt in Pose und äfft nach, was sie immer wieder hört.

Rasha Magdy: „Die meisten sagen: ‚Oh, mein Gott! Aber du bist doch so nett, du ziehst ganz normale Klamotten an, nicht ständig schwarz. Und du trägst nicht diesen dicken Lidstrich auf!‘ Das ist nämlich das Bild, das sie von Metal-Musikern haben. Wenn ich diesem Bild nicht entspreche, sind sie überrascht. Einige finden es cool, dass ich Mutter bin und – wie sie meinen – ein Rockstar. Die konservativeren unter ihnen schauen mich an und ihr Blick verrät, dass sie mich merkwürdig finden und dass ich etwas mache, das ich besser nicht tun sollte.“

Rasha unterrichtet Wirtschaft in der 11. Klasse. Die Schüler finden es cool, dass ihre Lehrerin in der Freizeit in einer Band singt. Einmal hat sie eine Klasse zu einem Metal-Konzert eingeladen. Danach habe ihr die Schulleitung ein Verbot erteilt, sagt Rasha, aus Furcht vor wütenden Anrufen der Eltern. Und dennoch: Es sei etwas in Bewegung in Ägypten. Ihre Schülerinnen hätten größere Freiheiten, dürften inzwischen öfter auch im Ausland studieren oder forderten das von ihren Eltern ein. Durch die Sozialen Medien könne man die Welt nicht mehr vor ihnen verstecken, meint Rasha. Sie hofft, dass die jungen Frauen später einmal Einfluss ausüben werden – in der Wirtschaft oder wie sie auf der Bühne. Ihr Rezept, um das zu erreichen, seien ihre Beharrlichkeit und ihre Sturheit, sagt Rasha und fügt hinzu: „Was du brauchst, ist ein dickes Fell.“

Rasha Magdy: “You just have to have a very thick skin.”

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Viel Zeit für die Musik bleibt Rasha Magdy neben Job und Familie nicht.

Sabine Rossi
Von Sabine Rossi , Köln

Sabine Rossi (36) ist Redakteurin bei dem Radiosender COSMO (WDR). Spezialisiert ist sie auf den Nahen Osten, vor allem auf Syrien, wo sie nach ihrem Studium ein Jahr gelebt hat. Regelmäßig verstärkt sie das Hörfunkteam im ARD-Studio Kairo. Für „Deine Korrespondentin“ sucht sie nach starken Frauen im Nahen Osten – und die sind gar nicht so selten.