Dmitrij Konstantinowitsch Lwow
Wissenschaftler vom alten Schlag

Foto: Russia Today (Screenshot)

Der russische Virologe Dmitrij Lwow ist seit der Sowjetunion eine Ikone der Wissenschaft. Nun ist Russland das meistinfizierte Land Europas, den Behörden scheint die Lage zu entgleiten. Lwows Position ist symptomatisch für das paradoxe russische Verhältnis zwischen Wissenschaft und Macht. Dieses Porträt ist der erste Teil einer Serie von internationalen Virolog*innen, die wir in den nächsten Wochen vorstellen werden.

Von Eva Steinlein, Hamburg

Sein frühestes Interview zu SARS-CoV-2 gab Dmitrij Lwow Ende Januar. „Gegen Ende des Jahres wird es, da bin ich mir sicher, mehr Todesopfer durch die gewöhnliche Grippe geben als durch das Coronavirus“, sagte er der russischen Boulevardzeitung „Moskowskij Komsomolez“. Eine Aussage, wie sie kurz nach dem Ausbruch einer mysteriösen, neuartigen Lungenkrankheit in Wuhan auch von deutschen Virolog*innen zu hören war – und die hier wie dort viele als Entwarnung verstanden.

Die wichtigsten Fragen tauchten in dem Interview gar nicht auf: Warum eine Corona-Infektion überhaupt tödlich verlaufen kann, ob das Virus nach China womöglich auch in weiteren Erdteilen ausbricht, welchen Nutzen Masken und andere Vorsichtsmaßnahmen haben. All das erklärte der Virologe Mitte Februar in seelenruhigem Ton dem Propagandafernsehsender „Russia Today“ (RT). In den Vorspann des Videos „Coronavirus – alles, was Sie wissen müssen“, das vier Millionen Mal angeklickt wurde, schafften es aber nur aus dem Zusammenhang geschnittene Zitate wie „Das ist kein tödliches Virus und das ist keine Tragödie“ und „Masken werden Sie nicht retten!“

Dabei hatte der 88-jährige Wissenschaftler dem aufgeregt Grimassen schneidenden RT-Reporter mit überlegener Nüchternheit die Grundlagen der Epidemiologie erläutert. „Alle Virusinfektionen, davon bin ich zutiefst überzeugt, kamen vom Tier zum Menschen“, führte Lwow in dem etwa 18 Minuten langen Interview aus, schilderte mögliche Übertragungswege von Fledermäusen auf die Bewohner*innen Wuhans, Symptome, Pathogenese, Übersterblichkeit – und warnte vor Verschwörungstheorien. Zitat: „Man muss der Bevölkerung Informationen geben, damit sie versteht und es keine Panik gibt.“

Russ*innen sind immun gegen Alarmismus

An Panikmache sind die 145 Millionen Einwohner*innen Russlands allerdings gewöhnt und fassten Informationen zum Coronavirus wie Lwows Erklärungen deshalb als abstrakte, wissenschaftliche Betrachtungen auf. Zu tief sitzt bei den meisten das Misstrauen gegen Staatsorgane und jegliche Medien – und die Überzeugung, von Woche zu Woche beschworene neue „Krisen“ seien nur dazu da, die Bevölkerung für politische Zwecke vor sich herzutreiben. Real spürbare Krisen wie der Zusammenbruch der Sowjetunion, Sanktionen und Rubelverfall nach der Krim-Annexion oder der jüngste Ölpreis-Absturz trafen die Russ*innen schließlich stets über Nacht – und haben sie gelehrt: Wer auf das hört, was in solchen Zeiten in den Nachrichten läuft, hat am Ende nur das Nachsehen.

Immer mehr von ihnen sehnen sich da in vermeintlich ruhigere Zeiten zurück: Nach Angaben des renommierten Lewada-Zentrums denken 75 Prozent der Russ*innen mit positiven Gefühlen an die Sowjetunion, die sie mit Lebensqualität, Stabilität und Weltrang verbinden. Im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat nahmen Forscher*innen de facto den Rang von Aristokrat*innen ein. „Meine Religion heißt Wissenschaft!“, lautete ein populärer Spruch. Insbesondere Naturwissenschaftler*innen sollten den Staat vom Schwarzen bis zum Weißen Meer zum fortschrittlichsten der Welt machen. Es war auch jene Zeit, in der Dmitrij Lwow in Russland zu einer Wissenschaftsikone und international zu einem anerkannten Experten für Virologie wurde.

Als Lwow 1931 in Moskau zur Welt kam, griffen in Europa faschistische Tendenzen um sich, in Indien kämpfte Mahatma Gandhi für die Unabhängigkeit von den britischen Kolonialist*innen. In der Sowjetunion wurden unterdessen Landwirtschaftsbetriebe kollektiviert und Industriewerke errichtet, der Schriftsteller Maxim Gorki veröffentlichte Artikel in der Parteizeitung „Prawda“ und Moskau wurde nach den Vorstellungen Stalins umgebaut. Um am „Großen Vaterländischen Krieg“ gegen das nationalsozialistische Deutschland teilzunehmen ist Lwow als Sohn eines Pädagogikprofessors zu jung – seinen zweijährigen Militärdienst leistet er erst 1955 nach dem Medizinstudium ab.

Im Anschluss wird Lwow als wissenschaftlicher Mitarbeiter an das Institut für medizinische Parasitologie und Tropenmedizin des sowjetischen Gesundheitsministeriums berufen. 1960 verteidigt er seine Doktorarbeit, für die er an der Bevölkerungsimmunität gegen Zecken-Enzephalitis (FSME) geforscht hat. Fünf Jahre später folgt seine Habilitationsschrift über FSME-Prophylaxe. 1967 kommt Lwow als Laborleiter an das Staatliche Iwanowskij-Institut für Virologie, steigt schnell zum Stellvertreter des wissenschaftlichen Leiters und über die Jahrzehnte zum Direktor des Instituts auf.

Seine Karriere fällt in das Goldene Zeitalter der Virenforschung: Die meisten der etwa 2.000 heute bekannten Virusarten wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entdeckt. Lwows Vermächtnis ist die Einrichtung der Virusökologie als neuem Forschungszweig: Als erster sowjetischer Wissenschaftler untersucht und beschreibt er das Zusammenspiel von Menschen, Tieren und Viren in gemeinsamen Ökosystemen. Lwow entwickelt auch eine Sondierungsmethode, mit der sich das Auftreten von Epidemien prognostizieren lässt.

Unter seiner Leitung isolieren Wissenschaftler*innen des Iwanowskij-Instituts Erreger von Karelischem Fieber, Issyk-Kul-Fieber, Tamdy-Fieber und Syr-Darya-Tal-Fieber – allesamt Virusinfektionen – die auf dem Territorium der Sowjetunion zuerst auftraten. In seiner Laufbahn betreut er fast 50 Doktorarbeiten und schreibt an Hunderten wissenschaftlichen Publikationen mit. Bis heute ist er Chefredakteur des russischen Wissenschaftsjournals „Fragen der Virologie“.

Orden, Preise und Glückwünsche vom Präsidenten

Seit den Achtzigerjahren werden Lwows Leistungen zunehmend anerkannt und honoriert: Er wird an die Akademie der Medizinischen Wissenschaften berufen und Mitglied in zahlreichen internationalen Organisationen, unter anderem im Internationalen Komitee für die Taxonomie von Viren – dem Gremium, das neu entdeckten Viren wie SARS-CoV-2 ihren weltweit gültigen Namen gibt. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO weist ihn als Experten für Grippe und Atemwegserkrankungen aus.

1991 wird Lwow der Lenin-Orden verliehen – die höchste Auszeichnung der Sowjetunion, kurz bevor sie aufhört zu existieren. Seine Karriere als Naturwissenschaftler überlebt die „größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie Wladimir Putin den Zusammenbruch einmal bezeichnet hat – und auch in der nachfolgenden Russischen Föderation genießt er höchste Ehren: 1999 erhält er den nationalen Wissenschaftspreis, 2011 gratuliert ihm der damalige Präsident Dmitrij Medwedjew zum 80. Geburtstag und wünscht ihm „kräftige Gesundheit, Wohlergehen und das Allerbeste“.

Im Jahr darauf verleiht Medwedjew ihm den „Orden der Ehre“ für „erzielte Leistungen und jahrelange gewissenhafte Arbeit“ – eine Auszeichnung, die im gleichen Jahr auch der frühere Stasi-Funktionär Matthias Warnig als Geschäftsführer der Gas-Pipeline Nord Stream AG erhält. Lwows politische Einstellung scheint nur gelegentlich durch: „Wenn alle so arbeiten würden wie die Chinesen, dann wäre das ziemlich schnell beendet“, sagte er etwa im Gespräch mit „Russia Today“ über die Coronakrise. Für ihre „außerordentlichen Maßnahmen“ müsse man dem Gesundheitssystem und der Regierung Chinas gratulieren – aber Systeme wie dieses gebe es ja nicht viele in der Welt.

Foto: Russische Wissenschaftliche Akademie (Screenshot Profilseite des Virologen Dmitrij Konstantinowitsch Lwow)

Ein bedingungsloser Loyalist der autoritären russischen Präsidialregierung ist Lwow allerdings nicht: Als 2009 das H1N1-Virus grassierte, das unter dem Namen „Schweinegrippe“ bekannt wurde, widersprach er der vom Staat verbreiteten Angabe, Russland sei davon kaum betroffen. Es habe wohl zehntausende Infektionsfälle gegeben, sagte er im Staatsfernsehen. Wenig später löschte die WHO den ersten in Russland gemeldeten H1N1-Todesfall aus ihrem Register, nachdem russische Behörden eindringlich betont hatten, die infizierte Frau habe ein Nierenleiden gehabt und sei an „Lungenentzündung“ statt an der Virus-Influenza gestorben.

Vom medialen Verwirrspiel zur Ausgangssperre

Ähnliche Verwirrspiele führten auch zu Beginn der jetzigen Coronavirus-Pandemie dazu, dass Russland offiziell kaum Ansteckungsfälle verzeichnete und viele das Krankheitsrisiko verkannten: Zwar wurde schon bald nach dem Ausbruch in Wuhan die Grenze zum Nachbarstaat China geschlossen und Chines*innen die Einreise verweigert. Auch Reisende aus Deutschland mussten im Hotel eine zweiwöchige Quarantäne absitzen.

Von staatlichen Medien wurde die Coronakrise aber als etwas dargestellt, das nur das Ausland betreffe und möglicherweise geopolitische Ziele habe. Lwow kritisierte mit Misfallen: „Wer jetzt alles im Fernsehen über das Coronavirus spricht: Das sind doch keine Experten!“ Zugleich bejahte er, dass das Virus „höchstwahrscheinlich“ auch in Russland auftreten könne. Nur zehn Prozent der Russ*innen hielten nach Daten des staatlichen Meinungsforschungsinstituts WZIOM zu dieser Zeit die Ansteckungsgefahr für hoch – 54 Prozent glaubten, eine Epidemie in Russland sei unwahrscheinlich.

Auch Lwow urteilte im Frühstadium der Pandemie noch: „Im Augenblick leistet das System des Föderalen Gesundheitsdiensts hochwertige Arbeit“. Dabei wurde die Bevölkerung zunächst kaum auf Corona-Infektionen getestet. Sämtliche Tests mussten anfangs zur Auswertung in ein einziges Labor nach Nowosibirsk geflogen werden. Erste Todesfälle, die schon Mitte März auftraten, wurden Lungenentzündungen bei Senior*innen und Menschen mit Vorerkrankungen zugeschrieben.

Ende März schickte Russland dann großspurig ein Militärkontingent mit ärztlicher Ausrüstung in den Krisenherd Italien. Zuvor hatte der Virologe Lwow die Corona-Krise in China mit einem „Manöver“ verglichen, das als Lehrstück für Russland zu begreifen sei. Erst Präsident Putins Klinikbesuch im gelben ABC-Schutzanzug am 25. März bildete eine Zäsur: Er ordnete allen 145 Millionen Bürger*innen Russlands erst für eine Woche, dann für insgesamt sechs Wochen häusliche Selbstisolation an.

In der Millionen-Hauptstadt Moskau durfte nur vor die Haustür, wer einen von den Arbeitgeber*innen ausgestellten Passierschein hatte – eine Maßnahme, die in einer von Selbstständigen und Scheinselbstständigen getragenen Wirtschaft ebenso ins Leere lief wie die Anordnung an Unternehmer*innen, ihren Angestellten während der Zwangsferien die Löhne fortzuzahlen.

„Darauf muss man vorbereitet sein“

Inzwischen ist Russland mit mehr als 650.000 bekannten Infektionsfällen das am schwersten von der Pandemie betroffene Land Europas. Offiziell an Covid-19 gestorben sind aber nur knapp 9.500 Patient*innen. Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen klagen über mangelhaft ausgerüstete Stationen und fehlende Schutzkleidung – in der Folge stellen sie selbst einen großen Anteil an den Infizierten. Schlagzeilen machte eine Reihe mysteriöser Fensterstürze aus Kliniken, bei denen es sich den Umständen nach um Suizide handelt.

Präsident Putin indes scheint die Pandemie eher zu langweilen: In Video-Schalten sieht man ihn mit dem Kugelschreiber spielen, die Verantwortung für die Lockerung der Schutzauflagen hat er den Regionalgouverneuren übergeben. So können weitere Todesfälle in maroden Provinzkliniken nicht dem Präsidenten angelastet werden – die Leidtragenden einer solchen Dezentralisierung sind die Patient*innen. „In großen und entwickelten Metropolen erhalten die Leute bei einer Infektion qualifiziertere Hilfe, insbesondere wegen der hochtechnologischen medizinischen Ausstattung“, merkte auch der Virologe Lwow im Gespräch mit einem Online-Regionalportal an.

Sein eigener Blick auf die Pandemie ist von der Distanziertheit eines Wissenschaftlers: „Das gab es immer, das gibt es und das wird es geben, auch in Zukunft. Darauf muss man vorbereitet sein“, sagte er im Interview mit RT – und fügte dann in scherzhaftem Ton an den Reporter gewandt hinzu: „Während wir miteinander reden, könnte es sein, das ich Sie schon mit etwas infiziert habe oder Sie mich. Ich hoffe, dass das nicht geklappt hat.“ Im Ürbrigen hat auch unsere Korrespondentin im Zuge ihrer Recherchen eine offizielle Interviewanfrage gestellt, auf die sein Mitarbeiter antwortete: „Ihre Anfrage wurde Dmitrij Konstantinowitsch übermittelt. Leider hat Ihre Offerte ihn nicht interessiert.“

 

Diese Recherche wurde mit Mitteln des WPK-Recherchefonds gefördert. Das Porträt ist der erste Teil einer Serie von sechs internationalen Virolog*innen, die wir in den nächsten Wochen vorstellen werden. Wir möchten damit den Blick weiten und aufzeigen, welche Wissenschaftler*innen in anderen Ländern tonangebend sind und den öffentlichen Diskurs maßgeblich mitbeeinflussen.

 

Eva Steinlein
Von Eva Steinlein , Hamburg

Eva Steinlein (25) wohnt in Hamburg und reist von dort regelmäßig in die russischsprachige Welt, unter anderem nach Russland, in die Ukraine und ins Baltikum. Davor war sie Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung. Wichtigster Grundsatz als Journalistin: „Reden mit“ statt „reden über“! Mehr unter: http://steinlein.online.

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