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Diversität im Puppenregal
Spielzeug für alle Kinder

24. August 2022 | Von Sarah Tekath
Mit den Puppen in ihrem Spielzeugladen, will Ellen Brudet dafür sorgen, dass sich jedes Kind repräsentiert fühlt. Fotos: Sarah Tekath

Weiß und nichtbehindert – so sehen die meisten auf dem Spielzeugmarkt erhältlichen Puppen aus. Für Schwarze Kinder oder Kinder mit Behinderungen gibt es so gut wie nichts, worin sie sich wiederfinden können. Die Amsterdamerin Ellen Brudet kennt das aus ihrer eigenen Kindheit. Ihr Spielzeugladen „Colourful Goodies“ soll das ändern. 

Von Sarah Tekath, Amsterdam

Es ist wahrscheinlich das coolste Baby der Welt. Lässig sitzt es da in einem weißen Jogginganzug, eine Mini-Sonnenbrille über den Augen. Die pummeligen Beinchen hat es weit von sich gestreckt, die Füßchen sind nackt. Dieses Baby sitzt allerdings nicht in einem Kinderwagen oder im Sandkasten, sondern in einem Regal. Es ist nämlich nicht echt. Und noch etwas fällt auf: Diese Babypuppe ist schwarz und damit auf dem Spielzeugmarkt eine echte Besonderheit.

Neben dem kleinen Kerlchen – er heißt Marlon – gibt es noch weitere besondere Puppen in den Regalen. Puppen mit Afro-Haaren, mit Down-Syndrom, Albinismus oder mit Beatmungsschläuchen im Gesicht. Die handelsüblichen Modelle mit blauen Augen und blonden Zöpfen sieht man nicht. Denn hier, im Puppenladen „Colourful Goodies“ im Norden von Amsterdam, will Gründerin Ellen Brudet dafür sorgen, dass jedes Kind sich repräsentiert fühlt.

 
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Geburtskarten nur mit weißen Babys

Ellen Brudet weiß genau, wie es ist, wenn Schwarze Kinder übersehen werden. „Ich habe eine Weiße Mutter und einen Schwarzen Vater. Und als ich klein war, habe ich meine Mutter immer sagen hören: ‚Ich verstehe nicht, warum ich keine Puppen finden kann, die so aussehen wie du.‘“ Das war in den Siebzigerjahren.

1988 wird Brudet selbst Mutter. Sie ist hochschwanger und will Karten kaufen, um die Geburt ihres Sohnes bekanntzugeben. Aber alle Grußkarten zeigen weiße Babys. Grußkarten mit Bildern von Schwarzen Babys scheint es nicht zu geben. Also setzt sich Brudet hin und fängt an, ihre eigenen zu basteln. 14 Jahre danach ist sie wieder schwanger und steht vor dem gleichen Problem. Da erkennt sie, dass, wenn sich etwas ändern soll, sie diese Änderung wohl selbst in die Wege leiten muss.

Daraus ist ihr Laden Colourful Goodies entstanden, der im Februar 2016 eröffnet wurde und neben Puppen of Color auch Bilderbücher, Geschenkartikel und Grußkarten führt. Mittlerweile ist ihr Geschäft über die Grenzen der Niederlande – und sogar die Grenzen Europas – bekannt. Seit der US-amerikanische Rapper The Game ein Foto mit ihren Puppen bei Instagram postete, ist auch ihre Fangemeinde in den USA riesig. Selbst die Sängerin Beyoncé besitzt mehrere von Brudets Puppen. „Leider hat sie das nie auf Instagram gepostet. Sonst wäre mein Laden jetzt wohl im Bijenkorf (Luxuskaufhaus in Amsterdam: Anm. d. Red.)“, so Brudet.

Identifikation durch individualisierte Puppen

Die Modelle von „Colourful Goodies“, die zwischen 50 und 200 Euro kosten, entstehen in verschiedenen Kollektionen, die ein Team entwirft; zum Beispiel Puppen mit verschiedenen regionalen Kleidungsstilen, Down-Syndrom oder eine Black Lives Matter-Serie. Es kommen ständig neue Modelle hinzu. Gleichzeitig können alle gemäß den Wünschen der Kund*innen individualisiert werden.

Zum Beispiel Puppen mit der Pigmentstörung Vitiligo werden von einer Mitarbeiterin von „Colourful Goodies“ handbemalt. Die Modelle können entweder im Laden oder im Onlineshop gekauft werden. Eine von Brudets Lieblingen ist Shaheem. Dafür Modell gestanden hat sein Namensvetter, ein junger Schwarzer Mann, der das Down-Syndrom hat und ein paar Tage in der Woche in ihrem Laden arbeitet.

Unterschiedliche Kinder zu repräsentieren sei enorm wichtig, sagt Brudet. Als Kind habe ihre Mutter ihr immer gesagt, dass ihre Haut und ihre Haare wunderschön seien. „Aber die Gesellschaft hat mir etwas anderes gezeigt. Wo ist dann also die Schönheit?“, erklärt sie. Darum ist es für sie entscheidend, Kindern Spielzeug und Kleidung zu geben, mit denen sie sich identifizieren können. Deshalb freue es sie jedes Mal wieder, wenn Kinder in ihren Laden kommen, ganz große Augen machen und rufen: „Mama, guck mal, die Puppe sieht ja aus wie ich!“

Sensibilisierung für Sprache

Eines dieser Kinder ist Lara, die während des Interviews an der Hand ihrer Mutter in den Laden kommt. Ihre Mutter hält ihr zwei Puppen hin, Lara soll sich eine aussuchen. Eine Puppe hat glatte Haare, die andere hat Afro-Haare. Laras Mutter versucht, die Kleine dazu zu bewegen, die lockige Puppe zu nehmen, aber sie will nicht. Während das Mädchen mit ihrer Puppe spielt, redet ihre Mutter auf Ellen Brudet ein.

Sie erzählt von ihrem Schwarzen Partner und dass ihre Schwester auch mit einem Schwarzen Mann zusammen sei. Für die Kinder verwendet sie ein niederländisches Wort, das auf gemischtes Blut hinweist. Brudet korrigiert freundlich, aber bestimmt. Sie erklärt, dass dieses Wort schmerzhaft für sie ist und dass es besser sei, von „Doppelblut“ zu sprechen, denn schließlich habe sie durch ihre Eltern zwei Kulturen mitbekommen. Auch das ist der Gründerin in ihrem Laden wichtig: aufzuklären und Menschen dafür zu sensibilisieren, eine korrekte, gewaltfreie Sprache zu verwenden.

Ellen Brudet mit ihrem Stand beim Keti Koti Fest im Amsterdamer Oosterpark.

Und: Sie will die individuelle Schönheit zeigen. „Wir wollen allen ein Podium geben, auch jenen Menschen, die für die Welt ‚irgendwie anders‘ sind. Wir wollen verschiedene Aussehen normalisieren“, erklärt Brudet. Darum gibt es bei „Colourful Goodies“ auch eine Schwarze Version der Disney-Eisprinzessin Elsa auf einem T-Shirt. Viel zu oft habe Ellen Brudet nämlich schon den Satz gehört: „Ich kann keine Prinzessin sein, weil ich Schwarz bin.“

In ihrem Shop habe sie auch Schwarze Puppen mit Prinzessinnenkleidern und sie erkläre den Kindern: „Natürlich kannst du auch eine Prinzessin sein. Du kannst alles sein, was du sein möchtest.“ Klar gäbe es bei Disney auch die Prinzessinnen Tiana, Pocahontas und Mulan, aber die seien stark in der Unterzahl, besonders was Merchandise-Produkte angehe.

Um Kinder noch weiter zu motivieren, gibt es in ihrem Laden auch Puppen mit berufstypischer Kleidung und Ausstattung, zum Beispiel Ärztinnen oder Richterinnen. Vorbilder, die dringend nötig sind, denn lange suchte man im niederländischen Parlament vergeblich nach Diversität. Erst nach den Wahlen 2021 zogen erstmals eine Schwarze Frau als Parteichefin, eine Transperson und eine Frau mit Hijab ins Parlament ein.

The Black Archives

Kürzlich wurde Ellen Brudet mit dem Preis Amsterdamerin des Jahres 2021 geehrt. „Endlich bekommt Ellen Brudet die verdiente Anerkennung ihrer langjährigen Arbeit. Für das, was sie tut, ist sie in unserer Community hoch angesehen“, sagt Camille Parker. Die US-Amerikanerin arbeitet bei „The Black Archives“ in Amsterdam, einer Organisation, die Schwarze Geschichte in den Niederlanden dokumentiert.

Neben dem Sammeln von Dokumenten und Literatur veranstaltet „The Black Archives“ auch Events, Diskussionen, Filmvorführungen und Ausstellungen mit Führungen. „Oft sagen mir die Teilnehmenden, dass wir so ganz anders sind als normale Archive, weil wir so viel mehr machen. Dann sage ich, dass wir uns als Schwarze Menschen förmlich dazu gezwungen sind, öffentliche Räume einzunehmen, weil die Gesellschaft sie uns nicht freiwillig gibt“, so Parker.

Exponate bei der Ausstellung „Facing Blackness“.

Aktuell findet die Ausstellung „Facing Blackness“ statt und Mitarbeiterin Jomaira de Souza erklärt die Exponate: Kinderbücher mit rassistischen Karikaturen Schwarzer Menschen, Zwarte Piet-Figuren und Filmmaterial von Auseinandersetzungen Schwarzer Demonstrierender mit der niederländischen Polizei.

Neben einem Schaukasten mit einem Kinderbuch mit einer rassistischen Darstellung einer Schwarzen Person bleibt de Souza stehen. „Damit bin ich aufgewachsen. Das war bei mir in der Schule ganz normal. Auch, dass Menschen das N-Wort zu mir gesagt oder mich als Zwarte Piet bezeichnet haben. Mittlerweile fühle ich schon gar nichts mehr, wenn ich solche Bücher sehe.“ De Souza kennt Ellen Brudet übrigens persönlich, weil die 18-Jährige auch aus Amsterdam-Noord kommt.

Das Konzept des Spielzeugladens findet sie großartig und überlegt jetzt schon, Puppen zu kaufen, falls sie in zehn Jahre selbst einmal Kinder habe. Die positiven Effekte der Repräsentation Schwarzer Menschen durch Produkte wie die von „Colourful Goodies“ sehe sie bereits in ihrem Umfeld. „Ich habe immer noch Hemmungen, meine Haare natürlich zu tragen. Ich glätte sie lieber, weil ich denke, dass ich dann besser aussehe. Bei meinen jüngeren Schwestern ist das nicht so. Die tragen ihre Haare ganz selbstbewusst natürlich.“

Jomaira de Souza (l.) und Camille Parker bei der Ausstellung „Facing Blackness“.

Maskottchen für politisches Programm

Eine der erwachsenen Kundinnen ist Lokalpolitikerin Tanja Jadnanansing. Bei der Arbeiterpartei PvdA ist sie Stadtteilvorsitzende im Viertel Zuidoost, ein Amsterdamer Gebiet, in dem 130 verschiedene Kulturen zusammenleben. Jadnanansing ist jetzt stolze Besitzerin von sich selbst – im Kleinformat. Die Puppe trägt einen gelben Businessanzug, hat den gleichen Haarschnitt und hält ein Gesetzesbuch fest. „Andere drucken für politische Programme Flyer oder Plakate, aber ich wollte etwas anderes.“

Sie will damit zeigen, dass sie während ihrer Amtszeit dafür sorgen will, dass das Gesetz auf der Seite der Menschen in Zuidoost steht. In der Vergangenheit sei das nämlich nicht immer der Fall gewesen. Jadnanansing bezieht sich dabei auf die Kindergeldaffäre im Jahr 2020, wobei das niederländische Finanzamt wegen eines Fehlers in seinem System zu Unrecht große Summen Kindergeld vor allem von migrantischen Familien zurückforderte und damit viele an den Rand des Ruins brachte.

Demnächst wird die Puppe auf einem speziell angefertigten kleinen Stuhl im Stadtteilbüro von Jadnanansing sitzen, als Repräsentation und als Motivation. Und das ist nur einer von vielen Orten, an denen Brudets Puppen jetzt, nach vielen Jahren harter Arbeit, endlich in Amsterdam und im ganzen Land auftauchen. Um allen zu zeigen, wie divers die Welt wirklich ist.

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Von Sarah Tekath, Amsterdam

Sarah Tekath kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet, hat zwei Jahre in Prag gelebt und schrieb dort als Freie für die Prager Zeitung und das Landesecho. Im Jahr 2014 zog sie nach Amsterdam, wo sie unter anderem für das journalistische Start-up Blendle arbeitete. Seit 2016 ist sie selbständige Journalistin und kümmert sich, gemeinsam mit Helen Hecker, um unseren Instagram-Kanal.

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