Diese fünf Frauen prägen die ukrainische Mode
Von Tradition bis Moderne

Nata Smirina in Kleidung von Hochu Sebe Takoe. Fotos: privat

Von traditioneller Stickerei bis zu handgemalten Kritzeleien, von „Upcycling“ bis zu Couture – die ukrainische Mode ist bunt, modern und kreativ. Und vor allem: weiblich. Diese fünf Designerinnen setzen neue Zeichen, wie Alexandra Belopolsky berichtet.

Yasya Khomenko: Moderne Kunst aus alten Kleidern

Yasya Khomenko hat eine Kunst daraus gemacht, alte Klamotten neu zu beleben. „Upcycling“ nennt sich diese Technik, für die sich die ukrainische Designerin schon einsetzte, bevor sie in Europa zum Trend wurde. Auf gebrauchte Kleider, Hemden und Pullis bügelt sie großflächige Aufdrucke in knalligen Farben. Damit erregte sie so großes Aufsehen, dass sie 2012 von der ukrainischen Harper’s Bazaar zur Modedesignerin des Jahres ausgezeichnet wurde. Die Inspiration für die markanten Muster holt sie sich von Künstlern wie Joan Miró, Henri Matisse und Keith Haring. Sie ist damit Teil einer Avantgarde, die das Modebewusstsein in der Ukraine in den vergangenen Jahren stark beeinflusst hat.

„In letzter Zeit erleben wir einen Boom der Öko-Bewegung“, sagt Khomenko. „Second-Hand-Kleidung verkauft sich wie warme Brötchen.“ Früher dagegen habe sie ihre Kunden manchmal sogar anlügen müssen, erzählt sie: „Ich sagte, dass ich den Stoff in Italien gekauft habe, wenn es in Wahrheit umgenähte alte Gardinen waren.“ Khomenko träumt, wie sie selber sagt, von einem „Massenmarkt für Upcycling“. Bis dahin dürfte es zwar noch einige Zeit dauern, aber ihr Label „RCR Khomenko“ wird mittlerweile nicht nur in gehobenen Kaufhäusern sondern auch in kleinen Boutiquen verkauft. 2019 hat die Designerin eine weitere Marke herausgebracht, die schlicht „Khomenko“ heißt. Auch sie setzt auf umweltfreundliche Herstellung – 80 Prozent der Materialen kommen aus umgearbeiteten Stoffen. Das Label ist allerdings nicht mehr so bunt wie „RCR“, das Gebot der neuen 2020er-Kollektion lautet: Einfarbigkeit. Weiterführender Link: rcrkhomenko.com

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Iana Kuznietsova: Kultige Kunstledermäntel

Lange Silhouetten, fröhliche Pastellfarben, zeitlose Looks: Die junge Designerin Iana Kuznietsova aus Odessa hat mit ihren Trench-Mänteln aus Kunstleder fast über Nacht eine Weltkarriere gemacht. Aus dem zeitlosen Grundartikel jedes gut sortierten Kleiderschranks macht Kuznietsova ein weiblich-kantiges Statement-Stück. Dieses soll die Frauen, die es tragen, „schützen und gleichzeitig mit der Welt verbinden“, erklärte die Designerin der „Women’s Wear Daily“. 2019 schnappte sich der Online-Luxusmarkenhändler „Net-a-Porter“ die Exklusivrechte an der Debütkollektion ihrer Marke „Ochi Outwear“. Damit wurde Kuznietsova kurzerhand mit Prada und Versace auf eine Stufe gehoben – die Kollektion ist mittlerweile ausverkauft. „Ochi“ ist das ukrainische Wort für „Augen“, und die werfen auch die internationalen Stars auf das kleine Label: Model Cate Underwood holte sich zum Beispiel einen gelben Kunstleder-Trench in ihre Garderobe. Die Mäntel werden in sämtlichen bedeutenden Mode-Magazinen besprochen und ihnen wird bereits „Kult-Status“ nachgesagt.

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Nata Smirina: Selbstbewusste Lässigkeit

Unisex-Hoodies, Oversize-Deckenmäntel, lässige Schnitte – die Kleider der Designerin Nata Smirina sind ausgefallen, aber extrem komfortabel. Sie selbst bezeichnet ihren Stil als „feminine Streetwear“. Ihren Kund*innen will Smirina ein entspanntes Selbstbewusstsein vermitteln. „Man hat immer versucht, mich in hohe Absätze und enge Röcke zu zwingen“, sagt Smirina. „Ich will, dass weiblich nicht gleichbedeutend mit grausam und unbequem ist.“ Auf dem Instagram-Kanal ihres Labels „Hochu Sebe Takoe“ spricht das Social-Media-Team mit den Kund*innen über Lebensfreude, Literatur, Film und Körperbewusstsein. „Die Marke hat damit angefangen, dass ich meine eigene innere Welt offen ausgelebt habe“, sagt Smirina.

„Wenn du dich selbst liebst, hörst du dir selbst zu und projizierst die Person, die du bist, nach außen“. Smirina ist eigentlich keine gelernte Designerin. Sie kommt aus der Bühnenwelt: Schon als Sängerin hat sie ihre Kostüme selbst entworfen. Immer häufiger wurde sie von anderen Frauen gefragt, wo sie die Teile denn herhabe. So entstand der Name für ihr Modelabel, das sie 2015 gründete: „Hochu Sebe Takoe“, zu Deutsch „Ich will es auch haben“. Ihre einstige Partnerin Alina Bronischewskaja ist vor kurzem ausgestiegen, dafür arbeiten mittlerweile zehn Menschen – acht Frauen und zwei Männer – für das Label aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine. Dabei handelt es sich um einen echten Familienbetrieb, denn auch ihr Partner und ihre Mutter sind mit von der Partie. Weiterführender Link: instagram.com/hochusebetakoe

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Anastasiya Rozova: Moderne Muster aus alter Werkstatt

Die Marke „Chereshnivska“ aus Lwiw setzt eleganten Schnitten überraschende Farb- und Musterakzente entgegen. Auf weißen Hemdsärmeln prangt dann ein schrilles Comic-Gesicht, auf einem dunklen Kleid brechen weiße, bemusterte Streifen die klassische Monotonie. Oder es finden sich blau-gelbe Wellen auf schwarzen Hosen. Seit 2015 macht sich die Designerin Anastasiya Rozova, die eigentlich aus Belarus stammt, mit dieser modernen, androgynen Mode einen Namen. Die schicken Teile, die in Concept-Stores, großen Kaufhäusern und auf nationalen Laufstegen herausstechen, entstehen in einem sehr einfachen Design-Studio in Lwiw. In einem etwas zerfallen wirkenden Sowjetbau beschäftigt die Designerin eine kleine Gruppe von Frauen. Zwischen Kleiderstangen und Stoffbahnen nähen sie dort auf engstem Raum richtig große Mode. Seit kurzem setzt auch Rozova – so wie Konkurrentin Khomenko – vermehrt auf Stoffreste und „Upcycling“. Weiterführender Link: chereshnivska.com/en

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Vita Kin: Tracht ist wieder cool

Das Trachtenhemd der Ukraine hat fließend-lässige Schnitte, übergroße Ärmel und komplexe Stickereien in Kontrastfarben. Die Designerin Vita Kin hat das Kleidungsstück laut Vogue zum weltweiten Trend gemacht. In der Ukraine heißt die Tracht „Wyschywanka“, außerhalb des Landes kennt man sie eher als „Boho“-Stil. 2014 stellte Kin erstmals ihre modernisierten Trachten-Kleider auf Instagram vor. Den traditionellen Formen gab sie figurbetonende Schnitte und leichte Stoffe. „Ich habe das uralte Erbe in einen modernen Kontext gesetzt“, sagte sie 2015 der Vogue. Vielleicht hat sie damit auch einen der Größten ihres Faches begeistert: Im selben Jahr präsentierte der italienische Star-Designer Valentino in seiner Frühlingskollektion Kleider, die im Grunde die klassische ukrainische Tracht darstellten – die präsentierenden Models trugen sogar die traditionellen Zöpfe. Das ist insofern erstaunlich, weil die Ukrainer*innen die Wyschywanka vor 2014 nur selten im Alltag anzogen. Versuche, sie zu etablieren, hatte es bereits früher gegeben: 2006 rief die ukrainische Journalistin und damalige Studentin Lesja Woronjuk einen Tag ins Leben, an dem Studierende in der Uni Tracht anziehen sollten. Erst Jahre später sollte sich dieser „Tag der Wyschywanka“ durchsetzen – landesweit und sogar weltweit in der ukrainischen Diaspora.

Wirklich populär wurde die Tracht als Alltagskleidung aber erst infolge des Maidan und der russischen Annexion der Krim 2014. Damals erwachte das Nationalgefühl vieler Ukrainer*innen und damit auch der Stolz, eine Wyschywanka zu tragen. Diese unterscheidet sich übrigens stark je nach Region. Jede Farbe und jedes Muster haben eine bestimmte Bedeutung. Die traditionellen Muster sind geometrisch, selten kommen Tiermotive vor, seit dem 20. Jahrhundert auch Pflanzenmuster. Die Designerin Kin arbeitet inzwischen auch Stickereien anderer Kulturen ein, zum Beispiel aus Nordafrika. Und sie erweitert das Sortiment: Ende 2019 hat sie zusammen mit der amerikanischen Designerin Amanda Brooks eine Tischwäschen-Kollektion entwickelt. Ein Kleid kostet inzwischen durchschnittlich 1.500 Euro – etwa das Fünffache eines modischen Wyschwyanka-Kleides anderer ukrainischer Trachtendesigner*innen. Weiterführender Link: vitakin.com

Alexandra Belopolsky
Von Alexandra Belopolsky , München

Alexandra Belopolsky (34) lebt seit ihrem sechsten Lebensjahr zwischen den Kulturen. Als gebürtige Ukrainerin und israelische Staatsbürgerin berichtet sie über alles, was diese Länder bewegt. Ihre Leidenschaft gehört dem Feuilleton und Frauenrechten, ein besonderes Augenmerk richtet sie auf den Fundamentalismus. Als freie Autorin arbeitet sie u. a. für die SZ, Stuttgarter Zeitung und Deutsche Welle.

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