Die Straße als Laufsteg
Mode für russische Superreiche

Die Modedesignerin Tatjana Parfionova ist in St. Petersburg stadtbekannt - geboren wurde sie in der Ukraine. Fotos: Pauline Tillmann

Sie macht seit 20 Jahren Mode und gehört zu den einflussreichsten Petersburgern. Ihr Name: Tatjana Parfionova. Was treibt sie an?

Von Pauline Tillmann, St. Petersburg

Schon vor 200 Jahren soll der russische Schriftsteller Leo Tolstoi, Schöpfer von „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“, gesagt haben: „Es ist die wichtigste Aufgabe der Frau zu lernen, wie man die Männer bezaubert. Das Mädchen braucht dieses Mittel, um den richtigen Mann wählen zu können – die verheiratete Frau, um über den Mann zu herrschen.“ Daran hat sich, so der Eindruck, bis heute nicht viel geändert, denn russische Frauen zeigen in der Regel was sie haben.

Aber: Das gilt keinesfalls für alle Russinnen. Tatjana Parfionova trägt keinen Rock. Sie ist immer in Schwarz gekleidet, trägt meist Hose und eine weite Bluse. Parfionova, selber etwas rundlich, macht Mode für Superreiche. In St. Petersburg, der zweitgrößten Stadt Russlands, ist sie die bekannteste Modeschöpferin. Ihr Showroom befindet sich auf der glänzenden Hauptflaniermeile „Newskij Prospekt“.

Dort kommt nur herein, wer klingelt. „Wenn sich jemand wirklich die Kleider anschauen will, klingelt er; aber wenn er sich nur so umschauen will, haben wir dafür keine Zeit – umschauen kann er sich im Internet“, sagt die 59-Jährige selbstbewusst. In Ihrem Showroom steht ein langer bunter Tisch, an dem sie oft sitzt und zeichnet – oder mit Kunden spricht. Ihre Kunden kommen aus der ganzen Welt, viele aus Moskau. Dort sitzt das Geld lockerer als anderswo.

Tatjana Parfionova sagt: „Alle russischen Frauen träumen davon, eine gute Partie zu machen. Deshalb schminken sie sich sobald sie die Augen aufmachen und wollen, dass der Mann glücklich ist. Ja, sie hübschen sich auf und ich finde, das ist ganz normal. Der Wunsch glücklich sein zu wollen, sollte nicht verurteilt werden.“ Sie findet, das sei Ausdruck dafür, dass man sich selber liebt. Und wenn man sich selber liebe, dann sei man auch in der Lage seinen Mann und seine Kinder zu lieben. Ihre aufwändig bestickten Kleider kann sich allerdings nur eine kleine Elite leisten. Eine Bluse kostet 500 Euro, ein rotes Cocktailkleid schon mal an die 2.000 Euro.

Natürlich geht die Wirtschaftskrise in Russland auch an den Wohlhabenden nicht spurlos vorbei. Sie reisen weniger. Viele Ski-Orte in der Schweiz beklagen sich darüber, dass die Russen ausbleiben. Die Superreichen werfen das Geld nicht mehr zum Fenster hinaus wie noch vor wenigen Jahren. Zwar treffen die Sanktionen und der tiefe Ölpreis vor allem die „normale Bevölkerung“, aber gänzlich verschont bleibt wohl keiner.

Modedesignerin Tatjana Parfionova sagt: „Ich liebe St. Petersburg, weil ich hier glücklich bin. Hier sind die Menschen, die ich liebe. Hier habe ich meinen Mann geheiratet, mein Sohn wurde hier geboren, der Sitz meiner Firma befindet sich hier.“ Dabei ist sie eigentlich im ukrainischen Poltawa geboren und erst im Alter von acht Jahren nach St. Petersburg gekommen. Zum aktuellen Ukraine-Konflikt will sie sich lieber nicht äußern. Seitdem die Stimmung aufgeheizt ist, sind russische Prominente zurückhaltend was politische Stellungnahmen angeht. Preschen sie vor, wie einst Maestro Valery Gergiev, wird ihnen schnell ein Strick daraus gedreht. Seit 2015 ist Gergiev Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, was im Vorfeld – aufgrund von Homophobie-Vorwürfen – zu massiver Kritik geführt hat.

Tatjana Parfionova erklärt, dass sie gemalt habe „solange sie denken könne“, auch wenn sie die Akademie der Künste nach nur zwei Jahren abgebrochen hat – „zu langweilig“. Ihr Ziel: Klasse statt Masse. „Am liebsten mache ich Mäntel, und bestickte Schals“, erklärt Parfionova. Seit einigen Jahren hat sie ihre Kreativität auf Möbel und Porzellan ausgeweitet. In den 90er Jahren zeigte sie ihre Mode auch auf Schauen in Deutschland und Mailand. Doch diese Zeiten sind vorbei. Zu frostig sind die Beziehungen derzeit mit dem Westen. Der Informationskrieg, der seit zwei Jahren tobt, tut sein Übriges.

Wenn man sie nach Zukunftsplänen fragt, antwortet sie schlicht: „Ich will schöne und kluge Kleider machen. Und ich interessiere mich für die Menschen, die sie tragen.“

 

Weiterführende Links:

Homepage (auf Englisch und Russisch): http://parfionova-home.ru/en

Aktuelle Kollektion auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=hsTzMOl-wsc

Interview (auf Russisch): http://www.interviewrussia.ru/fashion/tatyana-parfenova-ya-nashla-rabotu-tak-legko-kak-budto-vyshla-zamuzh-za-pervogo-vstrechnogo

Werbe-Gesicht ist Primaballerina Diana Vishneva: http://www.vishneva.ru/en/

Pauline Tillmann
Von Pauline Tillmann , Berlin

Pauline Tillmann (35) war 2011 bis 2015 freie Auslandskorrespondentin in St. Petersburg und hat vor allem für den ARD Hörfunk über Russland und die Ukraine berichtet. Im Mai 2015 hat sie „Deine Korrespondentin“ gegründet. Schwerpunkt ihrer Arbeit sind Reportagen und Radio-Features über soziale, kulturelle und politische Themen. Im Sommer 2013 hat sie das iPad-Buch „Frei arbeiten im Ausland“ geschrieben, 2015 das eBook „10 Trends für Journalisten von heute“. Mehr unter: http://www.pauline-tillmann.de.

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