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Die Macht der Tradition
Situation der Frauen in der Türkei

5. Oktober 2022 | Von Ellen Rudnitzki
Irem Kayıkçı von der Frauenorganisation „Mor Dayanışma“ kämpft gegen häusliche Gewalt, die in der Türkei seit der Pandemie zugenommen hat. Foto: Ellen Rudnitzki

Gewalt gegen Frauen ist in der türkischen Gesellschaft allgegenwärtig. Seit Jahren stehen Frauen dagegen auf: Auf Demonstrationen und Kundgebungen schreien sie ihre Wut heraus. In der Pandemie ist es draußen still geworden, die Gewalt wurde zurückgedrängt in die häuslichen vier Wände: ein Gefängnis, aus dem es oft kein Entrinnen gab.

Von Ellen Rudnitzki, Istanbul

„Während der Pandemie hieß es: Bleibt zu Hause. Aber viele waren zu Hause nicht in Sicherheit. Viele haben Selbstmord verübt. Tausende Frauen wurden zu Opfern männlicher Gewalt. Und es gab keinen sicheren Ort für sie. Es gab keine Bunker und der Staat, der ihnen helfen sollte, war unfähig.“

Irem Kayıkçı von der Frauenorganisation „Mor Dayanışma“ ist immer noch entsetzt, wenn sie von den der häuslichen Gewalt erzählt, die sich während der Corona-Pandemie in den Familien abgespielt hat. In Nicht-Pandemie-Zeiten ist das Istanbuler Büro Anlaufstelle für Frauen, die rechtliche, finanzielle oder psychologische Hilfe brauchen, vor allen Dingen in Trennungssituationen.

Als persönliche Treffen nicht mehr möglich waren, hat Irem Kayıkçı versucht, die Frauen trotzdem zu erreichen: auf Facebook, WhatsApp, Twitter. „Wir haben unser Augenmerk immer auf brutale Verbrechen, auf Morde, Vergewaltigungen, Verstümmelungen gerichtet“, meint die 30-jährige Aktivistin. „Während der Pandemie wurden wir mit einer Gewalt konfrontiert, die sich sonst unter dem Mantel eines ganz normalen Alltags abspielt, vor den Augen der Gesellschaft, der Nachbarn, Freunde – fast als wäre es eine Normalität.“


 

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Gefängnisleben in der eigenen Wohnung

Der Istanbuler Stadtteil Kücükcekmece ist ein typisches Wohnviertel, weit ab vom Zentrum. Ein Haus gleicht dem anderen. Die meisten Bewohner*innen hier sind gut situiert. Vor Gewalt schützt das nicht, wie die 58-jährige Ayfer Kurtbaş erzählt. Sie hat nach der Schule kurze Zeit in einem Büro gearbeitet. Nach der Heirat mit einem Bauingenieur und nach der Geburt des ersten Kindes blieb sie zu Hause, wie viele hier.

Als eine Art Gefängnisleben in der eigenen Wohnung beschreibt sie die Situation in der Pandemie: „Irgendwo passiert etwas und du hörst Schreie. Aber du kannst nicht helfen, noch nicht einmal nachschauen. Aber man weiß ja, wie es ist: „Kümmerst du dich nicht, kochst du nicht? Dieses ist nicht an seinem Platz, jenes ist nicht an seinem Platz usw. Dann kommt die Gewalt.“

87 Prozent der Frauen in der Türkei würden gerne arbeiten, trotzdem ist nach einer Untersuchung der internationalen Arbeitsagentur ILO von 2018 nur ein Drittel der erwerbsfähigen Frauen berufstätig. Vor allem auf dem Land, in religiös-konservativ geprägten Gegenden, werden Männer auch heute noch schief angesehen, wenn ihre Partnerinnen einem Beruf nachgehen. Eine Familie zu ernähren ist auch eine Sache der Ehre und die ist schnell angekratzt.

Die Frauenorganisation „Mor Dayanışma“ auf der Mai-Demo 2022. | Foto:Ellen Rudnitzki

Die Frauen begeben sich damit in eine extreme Abhängigkeit vom Ehemann und von der Familie, die mit Argusaugen darüber wacht, dass die Tochter oder Schwiegertochter keine Schande über sie bringt. Geheiratet wird meist früh, denn eine Tochter ohne Mann wirft einen Schatten auf die ganze Familie. Und auch wenn es kaum noch Zwangsheiraten gibt, ist eine arrangierte Ehe immer noch an der Tagesordnung.

Die Hochzeit ist dann ein riesiges Fest: Es wird getrunken, gegessen und getanzt. Wer viel Geld hat, mietet einen Hochzeitssalon für die ganze Nacht, wer nicht so gut bei Kasse ist, nur für ein paar Stunden. Dann kommt schon das nächste Paar.

Ein großer Spaß für die Gäste. Bräutigam und Braut wirken oft wie zwei verängstigte Kinder, die sich im dunklen Wald an den Händen halten. Im verschleierten Blick der Braut scheint sich schon eine schwache Ahnung zu verbergen, dass hinter dem sogenannten „Honeymoon“ eine dunkle Zukunft lauert, geprägt von patriarchalischen Strukturen in einer von Männern beherrschten Welt.

Die alltägliche Gewalt

Etwa eine Stunde fährt der Bus von Istanbul nach Tekirdağ, eine Kleinstadt im Süden der Metropole. Eine konservative Gegend, in der strenge Wertvorstellungen herrschen. Hier lebt die 27-jährige Hülya Kılıç (Name geändert). Wie die meisten Frauen in diesem Viertel trägt sie die traditionell-religiöse Kleidung: Kopftuch, langer Rock, langer Mantel.

Fünf Jahre lang lebte sie in einer Ehehölle, dann lief sie davon: „Es war ein Blind-Date, eine arrangierte Ehe, aber mein Mann war nett, verständnisvoll, wir waren glücklich in der ersten Zeit. Dann fing es ganz langsam an mit der Gewalt und es wurde schlimmer und schlimmer. Dabei hat nicht einmal er selbst seine Veränderung wirklich bemerkt.“

Hülya Kılıç Ex-Mann war bei der Heirat 21 Jahre alt. Bevor sie ihm als seine Braut vorgestellt wurde, hatte er ein paar kurze Schwärmereien, einige sexuelle Kontakte mit Frauen, die nicht ans Licht kommen durften. Erfahrungen mit Beziehung hatte er nicht. Mit 24 Jahren war er zweifacher Vater.

Irem Kayıkçı in ihrem Büro in Istanbul. | Foto: Ellen Rudnitzki

Die Macht der Tradition

„Du bist nun Braut geworden und hast mich verlassen. Weine nicht, sagtest du mir, aber wie ist es möglich, nicht zu weinen“ singt der türkische Sänger Cengiz Kurdoğlu, eines der Herz-und-Schmerz-Lieder wie sie in Cafés, Teestuben und Restaurants rauf- und runtergespielt werden.

Denn so sehr die Ehe ein Arrangement ohne die Beteiligten ist – ein Geschäft zwischen zwei Familien – so sehr wird auf der anderen Seite die romantische Liebe besungen. Und schürt Sehnsüchte. Sehnsüchte nach Freiheit, nach der großen Liebe, nach Leben – und die Erkenntnis, dass es vielleicht nie gelebt werden kann. Ein vorprogrammiertes Drama für alle Beteiligten.

Verstrickt in die bittersüße Lust einer nahezu hoffnungslosen Romanze hatte sich die 27-jährige Pınar Yaşar (Name geändert). Ihren Freund lernte sie mit 17 Jahren kennen. „Die ersten zwei oder drei Jahre hatten wir eine wirklich gute Zeit. Aber er war verheiratet. Er hat mir das dann so erklärt: Du weißt, ich arbeite im Tourismus. Die Heirat war nur eine Formalität, weil ich in Deutschland leben wollte. In ein paar Jahren werden wir uns scheiden lassen.“

Pınar Yaşar war verliebt und wollte ihm nur zu gerne glauben, bis sie sah, dass seine Ehefrau schwanger war: „Als ich ihn verlassen wollte, begann die Gewalt, er schlug mich, er kritisierte mein Aussehen, meine Intelligenz, mein Verhalten. Die psychische Gewalt war schlimmer als die körperliche. Die Schmerzen im Körper vergehen, aber die Schmerzen im Herzen gehen niemals.“

Neun Jahre lang lebte Yaşar im Dauerstress einer gewalttätigen On-Off-Beziehung, bis es ihr gelang ihren Peiniger endgültig zu verlassen. Wie viele Frauen in der Türkei hat die 27-Jährige das Gefühl, nicht so viel Wert zu sein, keine eigenen Rechte zu haben, praktisch mit der Muttermilch eingesogen.

Ortswechsel: Ein Sonntag in Istanbuls Stadtteil Eyüp. Eine riesige Moschee, gebaut aus weißem Kalkstein, gab dem Stadtteil den Namen. Hier werden die kleinen Prinzen gefeiert: die Jungen nach der Beschneidung. Prächtig gekleidet und ausstaffiert mit Schwert und Säbel. Das Entfernen der Vorhaut, ist eine der wichtigsten religiösen Handlungen im Islam. Es ist längst kein grausames Ritual mehr.

Kein Beschneider kommt nach Hause und traktiert den Jungen mit der Schere. Alles findet im Krankenhaus unter sterilen Bedingungen und mit Betäubung statt. Doch eines hat sich über Jahrtausende gehalten: Der Junge wird zum Helden erklärt. Und die Mädchen schauen zu. So wird früh zementiert, was allen zum Verhängnis werden kann.

Irem Kayıkçı und ihre Mitstreiterinnen wollen die Zukunft neugestalten. | Foto: Ellen Rudnitzki

Lebensrisiko: Scheidung

Dass eine Frau ihren Mann verlässt, ist in konservativen Gegenden so etwas wie eine Todsünde und auf Hilfe hoffen kann sie kaum: Bevor sie sich trennte ging Hülya Kılıç zur Polizei: „Der Beamte sagte mir: Lass die Geschichte ruhen. Es ist normal, natürlich kannst du als Frau geschlagen werden.“ Zwar gibt es auch in der Türkei Gesetze, die Frauen vor Gewalt schützen sollen, doch nicht selten treffen Täter auf verständnisvolle Richter und die Strafen fallen so milde aus, wie das Gesetzbuch es her gibt.

Hülya Kılıç hat es trotzdem geschafft ihren Mann zu verlassen, hat ein Tourismus-Studium begonnen, ist in eine WG gezogen. Doch der Preis war hoch: Die Kinder wurden dem Vater zugesprochen. Viele Männer könnten ihre Frauen gehen lassen, würde eine Scheidung sie nicht mit in den Abgrund reißen: Von der Familie, den Freunden, den Kolleg*innen werden sie als Schwächlinge verachtet. Mit der Ehepartnerin verlieren sie auch ihre Ehre, Bollwerk für das männliche Selbstwertgefühl. Die Kinder sind dann oft das letzte Mittel, um das zerstörte Ansehen zu flicken.

Für Frauen beginnt nach der Scheidung oft ein Versteckspiel: „Ich bin geschieden, aber niemand soll das wissen. Ich stelle immer Männerschuhe vor die Türe, jeder soll denken, ich bin verheiratet. Wenn ich Besuch habe, sage ich, das ist mein Cousin, mein Neffe oder so was“, erklärt die 31-jährige Designerin Deniz Öztürk. Nicht immer schützt die Anonymität Instanbuls sie vor abschätzigen Blicken und Bemerkungen der Nachbar*innen. Die Türkei ist ein gespaltenes Land. So gelten in Deniz Öztürks konservativem Wohnviertel völlig andere Moralvorstellungen als zum Beispiel im Szene-Viertel Beyoğlu und obwohl Frauen hier wie da ähnliche Gewalterfahrungen haben, haben sie nicht viel miteinander zu tun. Seit jeher prägt ein tief sitzendes Misstrauen die unterschiedlichen Gesellschaftsschichten.

Und so wird vieles unter dem Deckel gehalten, nicht gesagt, was ist. Und fast scheint es als hätte es die Zuspitzung in der Corona-Krise gebraucht, um die Schleier zu lüften. „In der Pandemie wurde das alles an die Oberfläche gespült“, meint die Aktivistin Irem Kayıkçı. Und weiter: „In diesen zwei Jahren haben wir mehr Dinge gesehen als in den vielen Jahren davor. Und wir haben gelernt: Zum Überleben müssen wir uns gegenseitig trauen, wir müssen uns vernetzen.“ Für die Mitarbeiterinnen der Frauenorganisation „Mor Dayanışma“ heißt das auch, Vorurteile abzubauen und auch Brücken zu den Frauen zu schlagen, für die der Weg zu einer Beratungsstelle sehr viel weiter ist als nur ein paar Metrostationen.

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Von Ellen Rudnitzki, Köln

Ellen Rudnitzki ist freie Journalistin und Filmemacherin. Sie war Autorin und Produzentin für DW und WDR, häufig in Südamerika. Seit 20 Jahren arbeitet sie außerdem als Psychoanalytikerin mit eigener Praxis. Seit 2017 ist sie Geschäftsführerin und Teilhaberin der Agîr Media (UG) in Köln.

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