Cillian de Gascun
Irischer Virologe über Verantwortung und Verständnis

Fotos: Mareike Graepel

Cillian de Gascun gehört zu den führenden Wissenschaftler*innen der Virologie in Irland. Vor SARS-CoV-2 äußerte er sich einmal im Jahr öffentlich zur Grippesaison, forschte ansonsten vorwiegend zu HIV. Jetzt leitet der 46-Jährige die Beratergruppe des Nationalen Notfallteams für öffentliche Gesundheit.

Von Mareike Graepel, Dublin  

Für die meisten Ir*innen ist der Name Cilian de Gascun vermutlich mit der Grippesaison verbunden. Denn bislang äußerte sich der Forscher einmal im Jahr zu Schutzimpfung, Vorbeugung und zur Vermeidung. Seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie ist das anders. „Jetzt habe ich noch viel mehr Verantwortung, wenn ich wissenschaftliche Fakten veröffentliche“, sagt er.

Medientraining oder eine Pandemie-Beratung der Regierung gehörten bis zu diesem Frühjahr nicht zu seinem täglich Brot. Dass ein Premierminister einem Virologen auf Twitter folgt, war bis März selbst in dem kleinen Irland kurios: „Das ist ungewohnt, aber natürlich auch spannend.“ Da er in der Öffentlichkeit eine Maske trage, erkenne man ihn in seinem Stadtteil meistens nicht. Er nimmt das mit Humor.

Seine Forschungsschwerpunkte gehen weit über die Influenza-Viren und SARS-CoV-2 hinaus: Mumps, Ebola, Influenza, durch Viren ausgelöste Atemwegserkrankungen und HIV – die internationalen Publikationen von Cillian de Gascun beschäftigen sich unter anderem mit Rhinovirus-Infektionen bei Kleinkindern mit Mukoviszidose (2020), der molekularen Epidemiologie des Hepatitis-E-Virus in Irland (2019) oder der Meta-Analyse auf individueller Patienten- und Sequenzebene, um geographische und zeitliche Trends in der molekularen Epidemiologie und den genetischen Mechanismen der übertragenen HIV-1-Arzneimittelresistenz zu betrachten (2015).

Die Notwendigkeit von geschlossenen Pubs

Als Leiter des „National Virus Reference Laboratory“ am University College Dublin berät der 46-Jährige zusätzlich eine speziell eingerichtete Taskforce: das Nationale Notfallteam für öffentliche Gesundheit (NPHET) in Dublin. Seitdem taucht sein Name regelmäßig in den irischen Medien auf: Allein seit Beginn des Jahres finden sich in der „Irish Times“ mehr als 60 Artikel über die Empfehlungen, die das sein Team ausspricht.

Seine Woche ist nun – neben der Arbeit im Labor – gefüllt mit zusätzlichen Aufgaben wie Auftritten im Fernsehstudio, wo er unter anderem über Distanz und Hygieneregeln spricht. „Bislang bin ich wie die meisten meiner Kolleg*innen nur dann für die Bevölkerung ‚sichtbar‘ gewesen, wenn es um das Thema Grippewelle und damit zusammenhängende Vermeidungswege und Impfmöglichkeiten ging.“ Jetzt zählt sein Twitter-Account mehr als 7.500 Posts und sowohl Premierminister als auch Vertreter*innen des Gesundheitsministeriums folgen ihm.

 

Diese Recherche wurde mit Mitteln des WPK-Recherchefonds gefördert. Das Porträt ist der fünfte Teil einer Serie von sechs internationalen Virolog*innen, die wir in den nächsten Wochen vorstellen werden. Wir möchten damit den Blick weiten und aufzeigen, welche Wissenschaftler*innen in anderen Ländern tonangebend sind und den öffentlichen Diskurs maßgeblich mitbeeinflussen.

 

Dabei suchen nicht nur hochrangige Entscheider*innen nach verlässlichen Quellen. Das Medienverhalten aller Ir*innen hat sich seit der öffentlichen Bekanntgabe des ersten Covid-19-Falls Ende Februar  laut Meinungsforschungsinstitut „REDC Research & Marketing Ltd.“ stark verändert: 64 Prozent schauen mehr Live-Fernsehnachrichten, 66 Prozent lesen mehr Nachrichten im Internet, 38 Prozent hören mehr Radio als zuvor und 22 Prozent lesen mehr Zeitungen als in Vor-Pandemie-Zeiten.  

Schon 2014 wurde Cillian de Gascuns Arbeit in der Öffentlichkeit Thema. Da sorgte Ebola in Dublin für Beunruhigung und Diskussionen. Und das, obwohl „die Krankheit Irland nicht bedrohte“. De Gascun sprach mit Vertreter*innen der „Irish Times“ und sagte, dass Ebola die „Berühmtheit“ verdiene, die es damals genieße. „Der Stamm des Virus tötet zwischen 70 und 90 Prozent seiner Opfer“, so der Virologe. Bei der Grippeepidemie 2009 lag die Rate bei nur einem Prozent. Verlässliche vergleichbare Zahlen für die Covid-19-Pandemie könne es noch nicht geben. Während eines Virus-Ausbruchs – und vor allem, wenn die Gesamtzahl der Fälle (noch) nicht bekannt sei – müsse bei der Interpretation der Todesfallrate größte Vorsicht gelten.

Aber schon bei Ebola sei die Problematik für die Virolog*innen so ähnlich wie jetzt gewesen, weil „es im Gegensatz zu Malaria, HIV, Masern oder Grippe keinen Impfstoff und keine antivirale Behandlung für das Virus“ gebe. Um die Bevölkerung über richtige und notwendige Maßnahmen und Regelungen zu informieren, müsse eine Regierung mit einem Team von Expert*innen zusammenarbeiten – und mit den Kolleg*innen in Großbritannien und den USA.

Letzteres sei für das Team aus Irland derzeit schwieriger als sonst. Cillian de Gascun erklärt: „Wir stehen wie immer im engen Kontakt mit der Weltgesundheitsorganisation und dem European Centre for Disease Prevention and Control – aber während wir vor der Covid-19-Pandemie zum Austausch und für Unterstützung oft nach England und in die USA geschaut haben, sind wir jetzt entschieden unseren eigenen Weg gegangen.“

Urlaub in anderen Ländern für die irische Bevölkerung nicht erlaubt

Historisch bedingt ist der britische Einfluss auf das irische Leben oft noch groß, der Umgang der dortigen Politik und der Öffentlichkeit mit dem Ausbruch von Sars-CoV2 habe aber in Irland Alarmglocken läuten lassen. „Es war für uns sehr beunruhigend, was da passiert und passiert ist – viele Kollegen dort waren sehr frustriert, dass die Entscheider nicht auf die Wissenschaftler*innen gehört haben.“ Das sei in Irland anders. „Die ersten Entscheidungen nach der Gründung des neuen Notfallteams hat den irischen Menschen gezeigt, wie ernst wir die Entwicklung der Pandemie nehmen.“

Er hat der Regierung geraten, ein wichtiges Rugby-Spiel abzusagen und Schulen, Pubs und Restaurants geschlossen zu halten. Das hat De Gascun vor allem auch emotional mitgenommen – aber es sei unumgänglich gewesen. Den Ir*innen ist bewusst, wie sehr das Gesundheitssystem schon unter entspanntesten Umständen am seidenen Faden hängt – Fallzahlen wie in Italien und Spanien im März und April hätten für Irland eine logistische und medizinische Katastrophe werden können.

Cillian de Gascun im Fernseh-Interview (Foto: Screenshot RTE ONE).

„Wir haben nach China geschaut. Und obwohl wir uns als Nation aufgrund der früheren britischen Besatzung nur ungern kontrollieren lassen, war klar: Wir wollen unbedingt verhindern, dass Armeefahrzeuge Leichen abholen und wir Massengräber ausheben müssen.“ Deswegen haben De Gascun und sein Team der irischen Regierung einen „Fahrplan an Maßnahmen“ vorgelegt. Als Land mit einer hohen Zahl an Auswanderern vorwiegend in den USA, England und Australien spielten auch Themen wie Einreise und Rückkehr vieler Ir*innen eine Rolle. Cillian de Gascun reist selbst gern – aber für Ir*innen sind bis weit in den August hinein Reisen in andere Ländern nur zu dringenden Anlässen – und nicht etwa für einen Urlaub – erlaubt.

Das gesellige Leben in Pubs ist seit Monaten stillgelegt, ganz selten machen Privatpartys Schlagzeilen. Die Allermeisten befolgen die Regeln. „Die Leute wissen genau wie wir, dass es schwierig ist, nach dem zweiten Pint Guinness annähernd genug Abstand zum Gegenüber zu wahren.“ Die hohe Bedeutung von Sportveranstaltungen und kulturellen Ereignissen wie Konzerten und Theateraufführungen für die Bevölkerung führten den Virologen zu radikalen Entscheidungen: Die Schulen wurden schon eine Woche eher als in Deutschland geschlossen.

Friseursalons, Zahnarztpraxen, der komplette Einzelhandel bis auf Supermärkte: Alles war sofort zu. Zudem wurden strenge Quarantäne-Vorgaben eingeführt. „Wir wussten zwei Dinge relativ schnell: Das Virus ist beängstigend, wenn es nicht kontrolliert wird. Und: Dass die Zahlen aus bestimmten Gründen wie bei großen Menschenansammlungen zum Beispiel steigen würden, ist nicht überraschend, sondern schlicht Mathematik.“

„Mit großer Macht geht große Verantwortung einher

Ähnlich wie in anderen Ländern wurden aber Zweifel an dem Ansteckungsrisiko für Kinder laut. „Ich sage das auf meinen eigenen Kanälen und in Interviews ganz deutlich: Wir wissen so vieles noch nicht über Covid-19, da können wir keine Risiken eingehen“, erklärt der Virologe. Lange wurde in Irland gezögert, ob eine Maskenpflicht sinnvoll sei oder nicht. De Gascun twitterte schon im Juni ein Bild von sich in der Regionalbahn – mit Maske. Viele User*innen reagierten mit in alle Richtungen ausschlagenden Kommentaren: „Wenn das helfen würde, wäre es Pflicht!“ zweifelten einige. „Zu spät!“ riefen die nächsten, und wieder andere forderten: „Bitte auch in den Schulen ab September!“

Dann die Entscheidung: Seit dem 10. August ist die Maskenpflicht für alle in Kraft. „Wenn Mediziner*innen aus anderen Fachbereichen öffentlich die Meinung äußern, sie seien für oder gegen eine Maskenpflicht (oder andere Maßnahmen), wird es für uns als Virolog*innen schwierig. Ich äußere mich doch auch nicht über Krebserkrankungen.“ Hinzu komme, dass es zwar nicht besonders viele Virolog*innen in Irland gebe, sich alle aber mehr oder weniger einig seien. Unterschiedliche Herangehensweisen an Studien und Forschungsergebnisse wie in Deutschland gebe es in der irischen Virologie nicht.

Mit fast 10.000 Follower*innen auf Twitter kann Cillian de Gascun zwar gegensteuern, wenn Wissenschaftler*innen anderer Fakultäten etwas posten oder im Fernsehen sagen, aber ihm ist auch bewusst, dass ihn nicht alle Aussagen populär machen. „Meine Einstellung ist: Ich will keine Fans generieren, ich will verlässliche Informationen weitergeben“ – und das obwohl er weiß, dass viele Menschen aufgrund der harten Maßnahmen ihren Job verloren haben oder ihr Unternehmen schließen mussten.

Aktuell setzt er vor allem auf die Zwei-Meter-Abstandsregelung, die möglichst an allen öffentlichen Orten umgesetzt werden soll. Zum Abschied zitiert Virologe Cillian de Gascun einen Satz, den Spiderman berühmt gemacht hat, aber aus der Zeit der Französischen Revolution stammt: „Mit großer Macht geht eine große Verantwortung einher.“ Und fügt hinzu: „Es hat natürlich jeder Mensch eine persönliche Verantwortung.“

 

Weitere Artikel unserer 6-teiligen Virolog*innen-Serie: 

Teil 1: Dmitrij Konstantinowitsch Lwow (Russland)

Teil 2: Peter Piot (Belgien)

Teil 3: Ilaria Capua (Italien)

Teil 4: Ana Lucia de la Garza (Mexiko)

 

Mareike Graepel
Von Mareike Graepel , Haltern

Mareike Graepel (41) lebt in Haltern und Irland. Sie schreibt seit ihrer Jugend für lokale, regionale und überregionale Tageszeitungen und Magazine – zunächst als freie Mitarbeiterin, dann als Redakteurin und seit 2017 selbstständig als Journalistin und Übersetzerin, unter anderem für die „Recklinghäuser Zeitung“, den „Bonner General-Anzeiger“ und den „Irish Examiner“. Ihre Themen drehen sich meist um Gesellschaft, Umwelt, Familie, Gesundheit und Kultur.

Alle Artikel von Mareike Graepel anzeigen