Auf Umwegen zum Wunschbaby
Mexiko ist neues Mekka für Leihmutterschaft

Leihmutterschaft ist bislang vor allem in den USA und in der Ukraine verbreitet. Foto: http://bit.ly/21Zjbdc

Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Trotzdem ist es auch für deutsche Paare möglich, das eigene Kind von einer anderen Frau austragen zu lassen – allerdings im Ausland. Immer mehr Wunscheltern gehen dafür nach Mexiko. Zwei Frauen berichten.

Ein Interview von Katja Döhne, Berlin

 

Die Wunschmutter:

Monika W. (Name geändert) hat ihr Kind von einer Frau in Mexiko austragen lassen. Zum Zeitpunkt des Interviews befindet sie sich mit ihrem Mann in Mexiko City, um letzte Pass-Formalitäten zu klären. Das Baby ist bereits seit fünf Wochen bei ihnen.

 

Carolin Schurr

Die Expertin:

Dr. Carolin Schurr, Wissenschaftlerin an der Universität Zürich. Sie untersucht den „transnationalen Babymarkt”, mit Fokus auf Mexiko. Sie hat Kontakt zu allen Beteiligten, auch zu vielen mexikanischen Leihmüttern.

 

 

Frage: Warum haben Sie Ihr Kind mit Hilfe einer Leihmutter zur Welt gebracht?

Monika W.: „Mein Mann und ich haben gar nicht erst versucht, ein Kind auf dem normalem Weg zu bekommen. Wir wussten von vornherein, dass unser Kind behindert zur Welt gekommen wäre, wenn ich es selbst ausgetragen hätte. Das hat mit einer genetischen Vorbelastung meinerseits zu tun. Über die Details möchte ich aber nicht sprechen. Durch eine Leihmutter waren wir in der Lage, einen Embryo aus meiner Eizelle und dem Samen meines Mannes heranwachsen zu lassen.“

 

Frage: Was waren Ihre ersten Schritte?

Monika W.: „Erst einmal haben wir monatelang recherchiert. Es gibt einige Länder, in denen eine Leihmutterschaft möglich ist. Dabei hat jedes Land hat seine eigenen Bestimmungen und Preise. Zuerst hatten wir uns für die Ukraine entschieden. Das ist relativ nah – nur zweieihalb Flugstunden entfernt.“

Carolin Schurr: „Die Ukraine ist für heterosexuelle deutsche Paare vermutlich das beliebteste Land. Genaue Erhebungen gibt es nicht, die Fälle werden ja nirgends registriert, da oft bei den Botschaften oder Behörden verschwiegen wird, dass es sich um Leihmutterschaften handelt. Kliniken in der Ukraine sprechen aber von mehreren hundert deutschen Fällen pro Jahr. Für homosexuelle Paare liegen die USA an erster Stelle, vor allem Kalifornien.“

 

Frage: Haben Sie auch über die USA als mögliches Land nachgedacht?

Monika W.: „Ja. Allerdings bezahlt man dort nach unseren Recherchen 170.000 Euro aufwärts. Wenn Zwillinge entstehen, können das bis zu 200.000 Euro werden. Das ist ja schön und gut, wenn ich unglaublich reich bin. Aber irgendwo muss es auch eine Option geben, die bezahlbar ist.“

Carolin Schurr: Dass man eine große Geldsumme aufbringen muss, um sich eine Leihmutterschaft leisten zu können, ist Teil unserer kapitalistischen Welt. Ich bin aber nicht der Meinung, dass der Staat Leihmutterschaften finanzieren müsse. Das wäre selbst mir zu progressiv. Aber aus Sicht von Homosexuellen ist das eine logische Forderung: Wenn Fruchtbarkeitsbehandlungen finanziell unterstützt werden, warum dann nicht auch eine Leihmutterschaft? Argumentativ ist es schwer zu rechtfertigen, warum der Staat In-vitro-Fertilisation bezahlt, aber nicht Leihmutterschaft. Ich würde vermutlich über die Risiken argumentieren, denen die reproduktiven Arbeiterinnen ausgesetzt sind. Prinzipiell finde ich die Idee von dem „Recht auf ein Kind“ für alle, wie es oft propagiert wird, problematisch, denn Kinder sollten kein Besitz sein, auf das man Anspruch erhebt.“

 

Frage: Wie verlief der Weg zu einer erfolgreichen Leihmutterschaft bei Ihnen konkret?

Monika W.: „Wir hatten zunächst viel Pech. Als wir Ende 2013 in Kiew waren, um die künstliche Befruchtung zu vollziehen, ging es mit den Aufständen auf dem Maidan los. Deshalb, und weil wir sowieso von Anfang an kein gutes Gefühl mit der Agentur in der Ukraine hatten, entschieden wir uns dafür, uns nach etwas anderem umzuschauen. Wir haben weiter recherchiert, und uns für Thailand entschieden. Unsere Verträge für Thailand hatten wir im April 2014 unterschrieben – im Mai kam es dort zum Putsch und die Militärregierung an die Macht. Ein paar Wochen später wurde Leihmutterschaft in Thailand verboten. Wieder mussten wir alles umorganisieren. Da wir den weltweiten Markt aber schon eineinhalb Jahre beobachtet hatten, ging die Recherche diesmal schneller. Wir kamen auf Mexiko und fanden eine Agentur, die tatsächlich direkt eine passende Leihmutter für uns parat hatte. Nur sechs Wochen später konnten wir in Mexiko die Befruchtung vollziehen. Keine Ahnung, wie diese Agentur das geschafft hat, so schnell eine Leihmutter zu organisieren, aber es hat geklappt.

Foto: http://bit.ly/1IN92d7

Carolin Schurr: „Für eine erfolgreiche Leihmutterschaft braucht man viel Zeit und Geduld. Manche sprechen von einem Teilzeitjob. Es hilft wohl, wenn man mit dem Land vertraut ist und im Idealfall die Sprache spricht, so dass man mit den Ärzten und vor allem mit der Leihmutter selbst kommunizieren kann. Und man muss immer damit rechnen, dass das Ganze sehr viel teurer wird als es die Agenturen sagen. Man braucht also auf jeden Fall einen finanziellen Puffer. Ich würde allen Wunscheltern, die die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung haben raten, das Ganze in den USA durchzuführen statt auf Länder wie Mexiko zurückzugreifen.“

 

Frage: Wie schwierig war die Bürokratie für Sie in Mexiko?

Monika W.: „Wir haben neben der Agentur in Mexiko, die 37.000 Euro von uns bekommen hat, eine eigene Anwältin für Familienrecht in Deutschland beschäftigt, sowie einen zusätzlichen Anwalt in Mexiko. Mein Mann hat zwar einen juristischen Hintergrund, aber die ganzen Formalitäten zu regeln, ist sehr kompliziert. Außerdem stehen wir mit der Botschaft in Kontakt.“

 

Frage: Haben Sie Kontakt mit der Leihmutter?

Monika W.: „Während der Schwangerschaft zunächst nicht. Die Agentur hatte uns – aufgrund der hohen Kriminalität in Mexiko – davon abgeraten. Es bestünde die Gefahr, dass wir uns erpressbar machen würden. Dass wir keinen Kontakt hatten, fand ich sehr schade. Als wir nach zum zweiten Mal nach Mexiko kamen, um unser Baby abzuholen, konnten wir sie treffen. Sie ist 25 Jahre alt und hat schon mit 16 und 18 Jahren zwei eigene Kinder bekommen. Sie macht einen anständigen Eindruck. Sehr nett. Sie erzählte uns, dass das Geld für ihre Familie das Startkapital für ein eigenes Haus werden soll.“

Carolin Schurr: „Die Leihmütter in Mexiko melden sich freiwillig bei den Agenturen. Sie sehen die Leihmutterschaft als lukrative Arbeit an. Die Leihmutter bekommt für die Schwangerschaft etwa 9.000 bis 11.000 Euro. In Mexiko entspricht das einem mittleren Jahreseinkommen. Als Win-Win-Situation würde ich es trotzdem nicht bezeichnen. Die Machtverhältnisse sind sehr ungleich verteilt. Die Wunscheltern entscheiden über den Körper der Leihmutter: Ob ein Kaiserschnitt stattfindet, ob Föten abgetrieben werden, wenn es zu viele sind. Wer zahlt, hat am Ende das Sagen. Aber ich würde die Leihmütter trotzdem nicht einseitig als Opfer bezeichnen. Sie haben sich bewusst dafür entschieden.“

 

Frage: Sie haben ihr Baby jetzt seit einigen Wochen bei sich. Haben sie immer noch Kontakt zur Leihmutter?

Monika W.: „Wir tauschen Fotos aus, allerdings nur noch ein- oder zweimal in der Woche. Direkt nach der Geburt, nachdem das Baby an uns abgegeben wurde, wurde mir der Kontakt etwas zu intensiv. Die Leihmutter wollte ständig neue Bilder. Mal mit Augen zu, mal mit offenen Augen. Das wurde mir zu viel, weshalb ich mit der Agentur-Psychologin darüber gesprochen habe. Ich glaube, sie hat der Leihmutter erklärt, dass ich etwas weniger Kontakt will. Seitdem ist es etwas sporadischer geworden.“

Carolin Schurr: „Alle Leihmütter, die ich kenne, haben das Kind abgegeben. Aber alle freuen sich, wenn sie von den Wunscheltern hören oder ein Foto des Babys zugesendet bekommen. Oft haben sie den Wunsch, dass ihnen ausreichend Dankbarkeit entgegengebracht wird. Am Ende kommen hier wieder die Machtverhältnisse zum Tragen: Die Wunscheltern bestimmen wie intensiv der Kontakt ist.“

 

Frage: Sie führen dieses Interview anonym. Werden Sie Ihrem Kind erzählen, dass es von einer Leihmutter ausgetragen wurde?

Monika W.: „Ja. Jeder hat ein Anrecht darauf, zu wissen, wo er herkommt. In unserem Heimatort haben wir es jedoch nicht groß erzählt – nur unseren engsten Freunden.“

 

Weiterführende Links:

ZDF-Dokumenation: http://www.zdf.de/zdfinfo/leihmutterschaft-gekauftes-elternglueck-40944316.html

Ratgeber Lesben und Schwulenverband: https://www.lsvd.de/recht/ratgeber/leihmutterschaft.html

Artikel von Carolin Schurr, inklusive der Sicht einer Leihmutter selbst: https://www.woz.ch/-5367

Katja Döhne
Von Katja Döhne , Berlin

Katja Döhne (30) arbeitet als freie Reporterin, Filmemacherin und Autorin für TV, Online und Radio. Ihre berufliche Basisstation ist Berlin, sie berichtet seit Jahren regelmäßig aus Mittel- und Südamerika. Meistens entstehen dabei längere Dokus und Reportagen.