Wo Russland auf den Orient trifft
Porträt einer Filmfestivalleiterin in Kasan

Albina Nafigowa (links Tochter Tana) hat sich im muslimischen Kasan bis zur Festivalleitung hochgearbeitet. Fotos: Mandy Ganske-Zapf

Kasan gilt als Zentrum des Islam in Russland. Nicht umsonst widmet sich das größte Filmfest der Stadt der muslimischen Welt. Albina Nafigowa ist die künstlerische Leiterin, ihr Leben ist exemplarisch für diese Region.

Von Mandy Ganske-Zapf, Kasan

Wer nach Kasan kommt, sieht Russland mit anderen Augen. Hier, 800 Kilometer östlich von Moskau in der Hauptstadt der Teilrepublik Tatarstan, steht eine prächtige Moschee genau im Zentrum der Stadt. Mitten im Kasaner Kreml, wo doch der Kreml eigentlich eine russische Festung ist, thront das marmorverkleidete Gotteshaus mit seinen vier hohen Minaretten und den türkisfarbenen Kuppeln.

Die Kul-Scharif-Moschee, die zweitgrößte Moschee Russlands, befindet sich im Kasaner Kreml.

Die Moschee wirkt bizarr – so als ob sich ein gigantischer Hubschrauber an dieser Stelle hinabgelassen hätte – und symbolisiert doch sehr eindrucksvoll, dass Kasan sowohl für Russen als auch für das Turkvolk der Tataren ein Zuhause ist. Schon Jahrhunderte leben beide Kulturen hier nebeneinander – genau genommen seit Iwan, der Schreckliche, Kasan 1552 erobert und dem Russischen Reich einverleibt hat.

Das alles prägt die Heimat von Albina Nafigowa. Als Kind dieser Stadt vereint sie das, was sich beim Kreml offenbart, ganz natürlich in ihrem Leben: „Meine Eltern haben unterschiedliche Hintergründe. Meine Mutter ist Christin und eine Russin, mein Vater Tatare und Muslim.“ Diese beiden Ethnien vermischen sich in ihrer Familie und sie spricht darüber mit einer Selbstverständlichkeit, wie sie nur jemand haben kann, für den sie tatsächlich nichts Besonderes ist. Gesellschaftlich ist so eine Konstellation anerkannt, vor allem auch weil sie stark verbreitet ist. Denn dass Russland ein Vielvölkerstaat ist, wird in Kasan besonders offenkundig.

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Bei Nafigowa laufen alle Fäden zusammen

Albina Nafigowa ist eine schmale, zierliche Frau, die eine Menge stemmt. Als Leiterin des wichtigsten Filmfestes der Stadt, dem „Festival für muslimisches Kino“, stehen die Gedanken in ihrem Kopf nie still. Dafür laufen zu viele Kinoprojekte parallel und die Auswahl zum Filmfest läuft sowieso ununterbrochen. Der Trailer eines neuen Films aus der Türkei rutscht durch ihre Facebook-Timeline – und schon ist er notiert, genauso wie ein Tipp per Email und interessante Filmemacher bei einer Podiumsdiskussion.

Ihre Stirn legt sich in Falten, als gehe sie im Innern konzentriert eine aktuelle Filmliste durch: „Ich weiß, wenn in irgendeinem Land ein neuer, passender Film entsteht.“ Seit sechs Jahren ist sie der kreative Kopf hinter dem Festival in Kasan, gilt als zielstrebig, beharrlich, als jemand, der andere von einer Sache begeistern kann. Die Leute im Kinosaal zusammenzubringen, Filme genießen ohne Hollywood-Dekadenz, das treibt sie an. Und die jährliche Bilanz gibt ihr Recht: 150 Filme zeigt sie in den hiesigen Kinos, dafür strömen 20.000 Zuschauer in die Säle.

Die Themen sind vielfältig, mit dabei ist unter anderem ein deutsches Ehrenmorddrama („Die Fremde“, 2011), ein serbischen Anti-Kriegsfilm („Kreise“, 2013) oder ein russisches Sozialdrama über zentralasiatische Migranten in Moskau („Flucht aus Moskaubad“, 2015). Diese Filme aufzuspüren und dem Kasaner Publikum zu präsentieren, in dieser Aufgabe geht die 41-Jährige voll und ganz auf – auch wenn ihre Arbeitstage um 5 Uhr beginnen und nicht selten bis nach Mitternacht andauern.

Dabei verlief ihr Weg nicht so geradlinig, wie es ihre Leidenschaft fürs Kino nahelegt. Bis zur Jahrtausendwende studierte sie zuerst Russisch und sollte als Lehrerin an einer Schule unterrichten. Dann aber hat sie in der Fernsehwerbung angeheuert und mit kleineren Filmchen Kamera- und Drehbucherfahrung gesammelt. Sie bekam einen Sohn und eine Tochter und entschied sich, für beide jeweils länger zu Hause zu bleiben – zumal die 9-jährige Tana Autistin ist. Was als dramatischer Einschnitt begann, entwickelte sich zu ihrem Motor: So engagiert sich Albina Nafigowa, wann immer sie kann, für Inklusion und organisiert Kinovorstellungen für autistische, blinde und gehörlose Kinder. Als sie vor einigen Jahren wieder ins Berufsleben zurückkehrte, landete sie beim staatlichen Filmverleih „Tatarkino“ im Veranstaltungsmanagement. Von dort war der Weg bis zur Festivalleiterin nicht mehr weit.

Dass sie als Frau eine leitende Position hat – das ist für Russland, auch für das muslimisch geprägte Kasan, nichts Ungewöhnliches. In Kasan herrscht ein überwiegend weltoffener Islam, der sich erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder frei entfaltet kann. Und Frauen die Wahl lässt. „Du möchtest ein Kopftuch tragen? Trag eins. Wenn nicht, dann eben nicht“, fasst es Albina Nafigowa zusammen und fährt sich mit der Hand durch die halblangen, braunen Haare.

Obwohl in Zeiten der Sowjetunion ein Atheismus geherrscht hat, konnte zum Beispiel Nafigowas Vater seine tatarische Kultur und den Islam bewahren – zumindest im Verborgenen. Und so nahm der Großvater seinen Enkel regelmäßig mit in die Moschee, wo er sich heute ganz natürlich bewegt. Dieses Phänomen lässt sich auch bei anderen Jugenden beobachten, die das Sowjetische nie kennengelernt haben und ihre Stadt so multikulturell erleben, wie sie erst seit gut 25 Jahren wieder sein darf.

Das Motto: „Durch den Dialog der Kulturen – zum Kulturdialog“

Gegründet wurde das Filmfest zwar 2004 in Moskau, wechselte aber schon 2005 nach Kasan und wird seitdem von der Stadt, der Teilrepublik Tatarstan und dem Muftirat, einem Gremium hoher Geistlicher des Islams in Russland, finanziert. Im Grunde genommen geht es um alles was die muslimische Welt betrifft: Rituale, Kulinarisches, Musik, Liebe über Grenzen hinweg, Feindschaft und Freundschaft. „Leider wird der Islam oftmals auf Terroranschläge reduziert“, beklagt Nafigowa. Terror, wie ihn auch Kasan schon einmal durch radikale Islamisten erlebt hat als vor fünf Jahren der Mufti als höchster Geistlicher bei einem Attentat schwer verletzt und sein Stellvertreter erschossen wurde. Ansonsten steht die friedliche Republik im krassen Gegensatz zum Nordkaukasus mit Tschetschenien, Inguschetien und Dagestan, wo regelmäßig Anschläge verübt werden.

Blick vom Kreml Richtung Stadion, wo 2018 die Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen wird.

Dabei sind es vor allem das Leben und der Alltag muslimischer Gemeinschaften, die Albina Nafigowa interessieren. Deshalb sieht das Festival vornehmlich als Treffpunkt und Forum – und zwar nicht nur für Einheimische: „Wir bringen Ausländer zusammen, die sich auf keinem anderen Festival begegnen.“ Gemeint sind die Besucher und Filmschaffenden aus dem Arabischen Raum, der Türkei und Zentralasien, der EU, Osteuropa oder Südamerika. Darunter sind natürlich auch Russen, die zum großen Teil dem orthodoxen Glauben anhängen. Aber: Sie stellen mit mehreren Millionen Muslimen immerhin die zweitgrößte Glaubensgemeinschaft weltweit.

Und woran glaubt Albina Nafigowa?

„Ich kann mich nicht genau definieren. Wenn es um die Frage der Religion geht, weiß ich, dass es einen Gott gibt und dass ich an ihn glaube. Aber welchen Namen er trägt, kann ich nicht sagen“, so die 41-Jährige. Sie feiert Feste aus der russischen und aus der tatarischen Kultur und sagt, sie lebe „im Dazwischen“. Ihre Hauptaufgabe sehe sie deshalb darin, zwischen den Kulturen zu vermitteln. Sich am Ende dabei nicht einordnen zu müssen, diese Freiheit lasse ihr Kasan.

Mandy Ganske-Zapf
Von Mandy Ganske-Zapf , Magdeburg

Mandy Ganske-Zapf (37) ist freie Journalistin, unterwegs zwischen Magdeburg, Berlin und Moskau. Sie schreibt für deutschsprachige Medien aus und über Russland, darunter für die Berliner Zeitung und die Magdeburger Volksstimme. Studiert hat sie Politikwissenschaft, VWL und Medienwissenschaft in Potsdam und St. Petersburg und beschäftigt sich in ihren Texten vor allem mit Politik, Gesellschaft sowie dem Digitalen. Mehr unter: www.mgzapf.de.

    1 Kommentar

  1. Gan-Chan 24. Januar 2018 at 13:48 Antworten

    Monotheistische Religionen sind ein Fluch für die Menschheit. Frauen sind im Islam Menschen dritter Klasse, obwohl sie schon im Patriarchat Menschen zweiter Klasse sind. Die Zeiten in der Sowjetunion haben gezeigt, dass religiös motivierte Irrationalität nicht mit einem Gewaltsystem wie dem Kommunismus auszurotten sind. Dass es Frauen im islamisch geprägten Kasan besser ergeht als in diversen islamischen Diktaturen, ist kein Grund den Kampf für Gleichberechtigung aufzugeben und Kasan als positives Muster für den Islam zu loben.

    Die (monotheistischen) Religionen sind das Fundament des Patriarchats und beides muss nachhaltig, kompromisslos und schnell verschwinden, wenn die Menschheit nicht selbst mit viel Leid und Selbstzerstörung verschwinden will.

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