Die Schönheit des Uterus
Australische Künstlerin entwirft ungewöhnlichen Schmuck

Fotos: Ouvra

Bizarr und eigenartig oder auch pornografisch und unanständig finden manche Leute ihre Kunst, sagt Maria Rozalia Finna alias „Ouvra“. Doch auf ihrem Instagram-Account bekommt die facettenreiche Australierin viel Lob und Unterstützung für ihre Zeichnungen von Vulva-Auren. Katja Fischborn hat sie via Skype interviewt.

Hey Maria, was machst du gerade?

Ich sitze in meinem Zimmer in meinem einteiligen Pyjama vor der Heizung, draußen regnet es. Es ist Winter in Melbourne. Aber gerade jetzt, wo ich dir schreibe, ist ein Regenbogen erschienen. Guck mal, ich schicke dir ein Bild!

 

Das muss ein Zeichen sein.

Momentan bin ich etwas faul, ruhe mich aus nach dem ganzen Unistress. Ich habe nämlich gerade meinen Master in Kommunikationsdesign am RMIT, dem Royal Melbourne Institute of Technology, gemacht.

 

Glückwunsch! Und wie alt bist du jetzt?

Das will ich dir nicht verraten.

 

Warum nicht?

Die Frage ist seltsam formell. Als ob ich gleich auch noch meine Größe und mein Gewicht nennen müsste. Außerdem glaube ich, dass die Info über das Alter der Botschaft im Weg steht. Es geht schließlich nicht um mich, sondern um meine Kunst. Außerdem: Die Macht einer Frau ist das Geheimnis.

 

Okay, akzeptiert. Aber erzähl bitte trotzdem mehr über dich: Wer ist Maria, wer ist „Ouvra“? Gibt es einen Unterschied zwischen der realen Person und der Künstlerin?

Zwischen 2007 und 2013 habe ich unter dem Namen Maria Rozalia Finna Kunst gemacht und ausgestellt. Ich habe als Designerin gearbeitet, als Kuratorin und für ein internationales Kunstmagazin namens „Curvy“ geschrieben. Aber ich habe gespürt, dass es für meine Kunst kein Publikum gab. Also habe ich angefangen, meinen Stil zu verändern, damit ich in ein beliebteres, populäreres Genre passe. Aber das hat schon fast zwangsläufig nicht zu mir gepasst! Ich wollte wieder mir selbst treu sein. Meinen Namen dann in „Ouvra“ zu ändern, hat mir dann dabei geholfen, den Kreis zum Anfang zu schließen.

 

Was hast du damals für Kunst gemacht?

Vor etwa zehn Jahren habe ich eine Porträtserie gezeichnet und in einem Malbuch mit dem Titel „Microcosmas“ umgesetzt. Das Thema war Fruchtbarkeit und zeigte Göttinnen, die sich selbst befruchten, umgeben von mikrobiologischen Bestandteilen wie Samen oder Sporen. Die weibliche Fruchtbarkeit hat mich schon immer fasziniert. Es gibt so viele Wege, dieses Thema nicht nur wörtlich, sondern biologisch zu interpretieren.

 

Warum hast du damals geglaubt, dass sich niemand für deine Kunst interessiert? Weil niemand zu den Ausstellungen kam oder niemand etwas gekauft hat?

Ich habe das wohl an der Art von Kunst gemessen, die damals in beliebten zeitgenössischen oder „Lowbrow“*-Kunstpublikationen gelobt, veröffentlicht und gefeiert wurde. Zu den etablierten Galerien passte meine Arbeit auch nicht. Vermutlich hätte ich mich ganz gut in der „Visionären Kunst“** wiederfinden können. Hier hat sich die Festivalszene der elektronischen Musik hauptsächlich kreativ ausgedrückt. Aber ich brauchte eine klare Trennung von dieser Szene, also war das keine Option für mich. In den 90er Jahren bis in die frühen 2000er war die Festivalszene hier in Melbourne nämlich super intensiv. Es gab dabei wahnsinnig tolle Momente – aber spirituell betrachtet konnte es auch brutal sein. Zumal ich damals noch echt jung war! Also habe ich mich künstlerisch dem Pop-Surrealismus angenähert.

 

Was meinst du mit „spirituell brutal“?

Es ist kein Geheimnis, dass in dieser Szene mit bewusstseinsverändernden Substanzen experimentiert wird. Wenn du um dich herum hunderte oder sogar tausende von Leuten hast, die das machen, kann das eine ziemliche Herausforderung sein. Es gibt viele verlorene Seelen. Und wenn du zu solchen Leuten engen Kontakt hast, während du selbst gerade sehr verletzlich bist, kann das echt brutal sein und alles andere als eine schöne religiöse Erfahrung mit Musik und Natur. Zudem passen die sozialen Gepflogenheiten der Szene oft nicht zu dem, was sie von sich selbst behauptet.

Und da hat dir die Kunst geholfen?

Pop-Surrealismus war für mich wie ein stabiler Halt. Hier konnte ich mich nach meiner aufregenden Jugend ausdrücken. Aber nach einiger Zeit fühlte ich mich hier fehl am Platz. Es hatte mir geholfen, wieder auf die Füße zu kommen, aber ich musste ehrlich zu mir sein. Ich wollte einen Neustart. Und „Ouvra“ war ein Weg für mich, wieder zu mir selbst als Frau und zu meiner ursprünglichen Kunst zu finden. Außerdem schuf „Ouvra“ eine Barriere zwischen mir und der Öffentlichkeit. Maria ist reserviert für meine Lieben und mich. Maria ist sozusagen die Tinte und „Ouvra“ ist der Stift.

 

Was bedeutet der Name für dich?

Das Wort „Ouvra“ erinnert mich gesprochen und geschrieben an Eier und Eierstöcke. Für mich repräsentiert es die Schwingungen kreativer Fruchtbarkeit. Die Kunst, die ich unter diesem Namen mache, sind die sprichwörtlichen Eier, die ich lege.

 

Wie bezeichnest du deine Kunst? Weibliche Kunst oder feministische Kunst? Verbindest du damit auch eine politische Botschaft?

Ich denke mal, man könnte „Femme-Positive“ dazu sagen, aber ich habe selbst keinen Namen dafür. Sie ist auch nicht besonders politisch – außer der Tatsache, dass eine Frau zu sein und weibliche Gleichberechtigung zu fordern heute ein politischer Akt ist, ob du willst oder nicht.  

 

Willst du einfach die Schönheit des Weiblichen zeigen?

Ja, und zwar auf eine ehrliche Art, die so gar nicht zu dem passt, was die heutige patriarchische Gesellschaft an einer Frau schön findet, nämlich entweder in einer sexualisierten oder mütterlichen Form. Sogar die Mutterschaft wird sexualisiert, indem das Stillen in der Öffentlichkeit als unanständig bezeichnet wird.

 

Welche Reaktionen hast du auf deine Kunst bekommen? Das ist doch sicher für viele provokant?

Im Allgemeinen haben Leute meine Arbeit immer als „weird“, also fremd, seltsam oder auch einzigartig beschrieben. Das ist okay für mich. Kunst ist für mich eine Form der Transzendenz, von grenzüberschreitender Erhabenheit. Ein reiner Ort, der nur mir gehört. Wir alle brauchen so einen Ort!

 

Du wurdest nie angefeindet? Auch nicht von religiösen Eiferern?

Bis jetzt nicht. Manchmal wird mein voller Name sogar unabsichtlich als „Pretty Mother Mary“ (also etwa „Hübsche Jungfrau Maria“) übersetzt. Das hat mich selbst auch schon inspiriert. Auf Instagram gibt es schon Trolle, die mich lesbisch oder so etwas schimpfen, aber ehrlich gesagt ist mir das egal. Das sind immer junge Männer, die das schreiben. Ich glaube, dass sie das, was ich tue, bedrohlich finden. Ich nehme das einfach nicht ernst.

 

Ich höre da ein Aber?

2012 hatte ich meine erste eigene Ausstellung mit dem Titel „Strawberry Mothers Milk“ (zu Deutsch: „Muttermilch Geschmacksrichtung Erdbeer“). Das Thema war das Erwachsenwerden, das sexuelle Erwachen der Frau und wie sich das in der Botanik und allgemein in der Natur wiederfindet. Eine Woche vor der Eröffnung haben mir die Kuratorinnen (!) mitgeteilt, dass meine Kunst zu freizügig sei und sie meine Bilder nicht zeigen würden.

 

Und dann?

Habe ich mir eine andere Galerie gesucht.

 

Was hat sie denn so verstört?

Es ging um ein Bild namens „Rite of Passage“. Zu sehen ist eine Vulva in der Mitte eines pinken Hanfblattes. Für mich war das Ausdruck meiner persönlichen Beziehung zu dieser Pflanze als heranwachsender Teenager. Die Kuratorinnen haben das als pornografisch angesehen, sie haben mich gemaßregelt und über mich geurteilt. Das war eine sehr unangenehme Erfahrung für mich. Monate später habe ich dann meinen Künstlernamen „Ouvra“ angenommen. Ich will betonen, dass Weiblichkeit viel mehr ist als Pornografie! Es gibt zu viel sexuelle Missinterpretation, die Frauen als liederlich oder umstritten hinstellt, wenn sie eigentlich nur ihre natürliche Sinnlichkeit ausdrücken.

 

Die Kunststücke von „Ouvra“ erfreuen sich immer größerer Beliebtheit.

Jetzt kann man deine Kunst auch als Schmuck kaufen: „Crystal Creatrix“ heißen die Broschen oder Kettenanhänger in Form einer Gebärmutter mit Eileitern, die von einer weiteren Künstlerin mit Galvanotechnik aus Edelsteinen hergestellt werden. Wie kam es dazu? Und wie findest du das?

Ich bin begeistert! Ich hatte schon vor einiger Zeit die Idee dazu. Ich habe aber Glück, mit Jasmine zusammenzuarbeiten. Sie ist die Besitzerin des Shops „Crystal Child“.

 

Wie habt ihr euch kennengelernt? Sie lebt doch in den USA?

Wir haben uns über Instagram geschrieben. Ich habe für sie ein Logo entworfen, dann habe ich ihr im vergangenen September ein paar meiner Entwürfe für den Schmuck geschickt. Die haben ihr sofort gefallen – und sie hat das Modell fast genauso hinbekommen wie ich es designed hatte.

 

Und offensichtlich ist es auch erfolgreich! Im Shop sind die Sachen zumindest immer schnell ausverkauft.

Ja! Die Anhänger können aber auch je nach Träger komplett unterschiedlich interpretiert werden. Für mich als weibliche Künstlerin repräsentieren sie das Hervorbringen oder „Gebären“ von Kreativität. Der Uterus steht natürlich hauptsächlich für „Geburt“. Das kann man aber ja auch in einer weiteren persönlichen Bedeutung sehen, nicht unbedingt nur wörtlich als Geburt eines Kindes.

 

War es für dich niemals seltsam, eine Vagina oder eine Gebärmutter zu zeichnen?

Tatsächlich finde ich es ziemlich entspannend, fast schon meditativ! Ich weiß auch nicht, warum. Ich habe mal versucht, zu einem Bild einen männlichen Part zu zeichnen – aber es ging nicht, es fühlte sich falsch an. So sehr ich auch eine positive, kreative Interpretation eines Penis’ schaffen wollte, es kam mir so vor, als sei es einfach nichts für mich. Jemand mit einem Penis sollte das machen. Der Penis hat eine ziemlich gewalttätige Geschichte – und die sollte von Menschen neu erzählt werden, die das Geschlecht auch physisch auf eine schöne, positive Art repräsentieren.

 

Auf deinem Instagram-Account entwirfst du ständig Neues. Nun soll deine Vulva-Kunst auf T-Shirts gedruckt werden, vielleicht gibt es bald sogar Aufkleber. Was sind denn deine Pläne für die nächsten Wochen, Monate, Jahre?

Ich versuche nicht mehr, Pläne zu machen. Ich war früher anders, aber das Universum lenkt mich ohnehin in die Richtung, die es will und passend findet. Natürlich habe ich eine Idee, was ich machen möchte, aber ich bin nicht so geradlinig. Nichts hat sich jemals so entwickelt, wie ich es erwartet hätte. Und dafür bin ich dankbar! Das Universum hat mich einige Male vor schlechten Lebensentscheidungen bewahrt und mir bessere Optionen gezeigt. Ich kenne meine Zukunft nicht, aber das ist in Ordnung. Mit Sicherheit wird meine künftige Arbeit weiterhin viele Bezüge zum Uterus und der Vagina enthalten. Schließlich drücke ich meine eigene weibliche Erfahrung durch meine Kunst aus.

 

Maria Rozalia Finna, vielen Dank für das Gespräch! 

 

* Pop-Surrealism oder Lowbrow-Art beschreibt eine ursprünglich amerikanische Kunstbewegung jenseits der etablierten Szene, deren Motive sich kreativ, detailreich und mit viel Witz mit Objekten aus der Popkultur, etwa mit Bildern aus Cartoons, Comics und Animes, psychedelischer Musik, Filmen und Science Fiction auseinandersetzen.

** Visionäre Kunst beschäftigt sich oft mit spirituellem, mystischem oder innerem Bewusstsein. Ein Ziel ist, die Seele spürbar, erfahrbar zu machen, die physische Welt zu verlassen und in andere Dimensionen des Bewusstseins vorzudringen. Als bemerkenswerte visionäre Künstler zählen etwa Hieronymus Bosch und William Blake.

 

 Weiterführende Links:

Ouvras Webseite: www.ouvra.com

Schmuck-Shop: https://www.etsy.com/shop/shopcrystalchild 

Katja Fischborn
Von Katja Fischborn

Katja Fischborn lebt und arbeitet nicht in der Ferne, sondern in Köln. Hier ist sie seit 2011 als Redakteurin bei der Heimwerker- und DIY-Zeitschrift „selbst ist der Mann“ angestellt. Für „Deine Korrespondentin“ ist sie hauptsächlich als Lektorin im Einsatz, bevor die Texte aus aller Welt online zu lesen sind. Doch wenn es die Zeit erlaubt, sucht sie auch selbst nach interessanten Geschichten von, mit und über Frauen in Deutschland und schreibt sie auf.

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